Zwischen Frühlings Erwachen und Sommer in der Stadt

Alle hat es hinausgetrieben an diesem geschenkten sonnigen Maisommertag, die ältere Dame in – sicherheitshalber – dem wärmeren Übergangsmantel, Familien, Einzelne und Gruppen bis hin zum Jungvolk in den Wir-zeigen-viel-weiße-Haut-Modellen. Die jungen Herren führen tankbetopt und ballonseidenbehost gleichermaßen Quarantänemuckis und Tattoos spazieren, die jungen Damen sehr taillenhohe Hosen und sehr kurze Hemdchen, dazwischen immer einen bauchfreien Streifen, wobei ich nicht sicher bin, ob man bei diesen Teil der Anatomie bei diesen Dürrlieseln tatsächlich Bauch nennt, viele haben sich extra schön hergerichtet, bemalt und beduftet*, aber… – wo war ich gleich?

Genau: Musiker musizieren (sogar ein Klavier wurde aufgestellt), Kinder juchzen in den gerade aufgedrehten Brunnen, oben nehmen Elstern ausgedehnte Bäder, unten werden die ersten Biere unter den sprudelnden Fontänen gekühlt, ein Coiffeur bietet unter freiem Himmel Haarschnitte gegen Vorlesen an, Schattenbänke sind unter dem weiß-blauen Himmel begehrtes Gut und die Vögel zwitschern, die Boule-Kugeln klackern, Starbucks macht mit zuckerbonbonfarbenen Getränken das Geschäft seines Lebens, die Sonne lacht und München leuchtet, leuchtet, leuchtet.

Hach! Hach! Hach!

Ich war zum ersten Mal seit langer Zeit mal wieder lange und gern mit einem anderen Menschen draußen unter Menschen.

Wobei, riechen kann ich sie nicht mehr… Mir ist aufgefallen, dass mein Geruchssinn offensichtlich sehr viel sensibler ist als noch vor der Pandemie. In den letzten eineinviertel Jahren habe ich Menschen, wenn überhaupt, durch die Maske nur duftgedämpft wahrnehmen dürfen. Heute waren die vielen pudrigen Düfte, die die Influenzerin wohl zur Taillenhochhose* empfiehlt, der totale Overkill für meine Schleimhäute. Dann doch lieber Heuschnupfen…

Hier. Bilder.

* Lerne gerade von der Modebeauftragten aus D., dass man diesen Hosentyp “Paperbag” nennt, “weils oben zugeschnürt wird, wie ein Papierbeutel”.

Aus dem Vokabelheft

Bloß weil ich nicht im Hunsrück bin, heißt das nicht, dass mich die Hunsrücker Kolleginnen und Kollegen nicht mit den Schönheiten ihres Lokalidioms versorgen.

Heute war dort das Wetter so, dass die eine Kollegin schon mit Grauen dem täglichen Spaziergang mit den Hunden entgegensah. In Bratsch und Sapsch* werde sie gummibestiefelt tief einsinken und das mit den an der Leine zerrenden boatzigen Biestern, die auch lieber daheim im Trockenen wären.

Den Vogel abgeschossen hat aber der Mitarbeiter aus dem Vertrieb, der seinem Kunden ein Produkt in so leuchtenden Farben gemalt haben muss, dass dieser nun leckerfötzig* den Kauf herbeisehne.

* Was dem Bayern sein Baatz, ist der Hunsrückerin ihr Bratsch und Sapsch. Beides wieder ein Beweis dafür, dass Dialekt onomatopoetisch immer mehr hergibt, als die Hochsprache. Matsch ist doch gerade mal höchstens halb so schön.

** Im Hochdeutschen würde man wohl sagen, dass ihm das Wasser im Munde zusammenläuft. Ein rechtes bayerisches Äquivalent will mir aktuell nicht einfallen.

Aus dem Vokabelheft

“Überwältigt”, sagt der Duden, bedeute “von etwas so stark beeindruckt, dass man sich der Wirkung nicht entziehen kann”.

Gut. Verstanden. Und jetzt weiter. Wo bitte ist “unterwältigt”? Und könnte ich einfach einmal nur “wältigt” sein? Bitte?