Chuzpe

Bis wann, erkundige ich mich nach inzwischen mehreren Nachfragen schon mehr als leicht erzürnt beim Kollegen, bis wann denn nun wohl mit seinem inzwischen längst überfälligen Beitrag zu einem gemeinsamen Projekt zu rechnen sei. Hmmm?

Er täuscht Nachdenken vor. Hätten wir denn überhaupt je an irgendwas zusammengearbeitet? Ah, dämmert ihm, auch die Dämmerung vortäuschend, ich meinte möglicherweise dieses eine Formular da, irgendwas mit Steuer, ja? Ja, nicke ich, beredt schweigend, genau dieses.

Ah, daaas! Das. “Das” (und ich zitiere hier wörtlich), “das habe ich ausgefüllt und dann weggeworfen.”

Ich bin so dermaßen versucht, genau das auf das Formular zu schreiben, und dieses dann, unter Angabe seiner vollständigen Kontaktdaten bei der IRS einzureichen. Fristgerecht, versteht sich. Sollen die sich doch miteinander herumschlagen. Hauptsache, ich bin aus der Nummer raus.

Werte Wettergötter

Dass abends ein Gewitter kommen wird, hatte man sich auch ohne die Wettervorhersage denken können. Die Luft schwer und schwül, der Himmel in einem giftigen Gelbstich, meine Haare in allen Richtungen krause abstehend – Medusa ist ein Dreck dagegen.

Ja und dann kommt er abends. DER DONNERSCHLAG. Klingt in seiner Größe schon eher nach Theater als Natur. Über den schwarzen Nachthimmel zucken Blitze, es kracht und knallt und dann brechen Dämme und Wassermassen fluten lärmend herab. Dazwischen murmeldicke Hagelbrocken – wohlgemerkt nicht die Winzmurmeln aus dem Zwanzigerpack, sondern die Megagewinnermurmeln, die man nur einzeln kaufen kann, die, die seinerzeit tiefe Löcher in den Taschengeldvorrat gerissen haben. Dazu dröhnt und pfeift ein Sturm aus dem Osten. Weil ja bei mir immerhin in Gedanken noch Sommer ist, stehen Fenster und Balkontüren sperrangelweit auf und bevor ichs mich versehe, ist der ganze Boden Im Wohnzimmer voller Eissplitter. Eine ganze Kutterschaufel voll habe ich zusammengekehrt und dem Donnergott und seiner Eisprinzessin in die Fressen geworfen.

Ich weiß ja nicht, wie oft ich es noch erklären muss: Am besten wären doch schöne heiße und sonnige Tage und morgens zwischen 2:00 und 4:00 Uhr ergiebige Landregen. So. Aufschreiben und Machen. Zefix.

Kontext

Unter dem Titel “Da braut sich was zusammen”, erscheint heute im Magazin der Süddeutschen in der Kolumne “Getränkemarkt” ein Artikel über die verzweifelten Versuche amerikanischer Frauen, fruchtabführende Tinkturen aus allerlei Wurzeln, Kräutern und Körnen selbst herzustellen. Wie es Frauen in der Menschheitsgeschichte mit allen schrecklichen Folgen für sich selbst und Leib und Leben der Schwangeren schon immer getan haben.

Es entbietet nicht einer gewissen tragischen Komik, dass in dem Beitrag alle Abschnitte lang eine bunte knallige Werbung mit vielen knallig bunten Bionadeflaschen aufpoppt, unter dem Slogan “Du willst mehr Vielfalt?”.

Selber sehen? Hier: https://sz-magazin.sueddeutsche.de/getraenkemarkt/abtreibung-sadebaumsaft-staat-freiheit-usa-embryo-abtreibungsgetraenke-91814

Fehlzündungen

Was sie sagen wollte, die geschätzte Kollegin, war, dass es ihr wurschtegal sei, “so lang wie breit”, eben.

Was herauskam war erst einmal “so kurz wie breit” und auf Nachfrage “so hoch wie kurz”.

Alles sehr schön. Wir knien uns dann mal wieder auf die Hinterbeine, gell?

Gelesen: Hilary Mantel – “Wolf Hall”

Meine Fresse! Es ist so ein Geschenk, dass es trotz der Unmengen von Büchern, die ich gelesen habe, doch immer wieder ein großes Werk gibt, das mich in Erstaunen setzt und mit Dankbarkeit füllt.

Man muss sich jetzt nicht wirklich wundern. Frau Mantel hat für die ersten beiden Bände ihrer Cromwell-Trilogie (“Wolf Hall” und “Bring up the Bodies”) den Man Booker Preis gewonnen. Zwei Mal in Folge, das war noch nie da und man kriegt diesen Preis auch nicht fürs Nichtschreibenkönnen. Bei mir lag das Buch lang auf dem Willichunbedingtlesen-Stapel, wurde aber immer wieder von anderen verdrängt. Nun aber scheint die Zeit reif gewesen zu sein und zwei durchgelesene Wochenenden und langen Nächte dazwischen später kann ich nur sagen: WOW!

Was für ein selten schönes Buch. Wunderbar geschrieben, jede einzelne Figur hat ihren eigenen Klang und man kommt einer Geschichtsperiode nahe, von der man wenig Ahnung hat. 1500 ummadum, die Welt wird zusehends größer und seit Luther seine Thesen an die Tore der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt und es gewagt hat, das Wort Gottes in die Sprache des gemeinen Volkes zu übersetzen, herrscht Aufruhr. Im Vatikan, der seine Macht bedroht sieht, in den Königs- und Fürstenhäusern, die ihren Herrschaftsanspruch von Gottes Gnaden erhalten zu haben vorgeben, in den Ständegesellschaften.

In diesem Klima kommt der englische König Henry VIII auf die Idee, die bisherige sohneslose Gattin gegen ein neues Weib umtauschen zu wollen. Mit päpstlichem Segen, aber auch ohne, als dieser partout nicht kooperiert. Unter den Höflingen auch Thomas Cromwell, der Sohn eines Schmieds (man lese nur die Eröffnungsszene des Buches und wird den Vater Walter Cromwell nie mehr vergessen), weltläufig und gewitzt, gebildet und intelligent. Er wird zum Regisseur eines Weltenwandels und der Hauptfigur der drei Bücher.

Wir stehen im Dreck der Londoner Straßen, bekommen den Gestank verbrannter Ketzer kaum aus der Nase, dinnieren an den Tafeln der Mächtigen, bestaunen Kunstwerke aus aller Herren Länder, und stehen fassungslos vor dem unglaublichen Aufwand, der für die Erbfolge betrieben wird (noch nicht geboren? Macht nichts. Wenn’s ein Mädchen wird, verschachern wir sie an die Franzosen, einen Knaben an die Spanier. Oder umgekehrt). Hauptsache, Machterhalt, Allianzen, noch mehr Einfluß auf noch mehr Land.

Es ist ganz und gar großartig, wie wir durch die acht Antechambres der “Queen to be”, Anne Boleyn geleitet werden, wie “Hans” (Holbein) abgestellt wird, mal Porträts, mal Inneneinrichtungen zu malen, wer wen mit welchen Intrigen wovon abhält oder zu etwas treibt und es hört nicht auf. Ein falsches Wort, vom falschen Ohr gehört und ins richtige kolportiert, kann grausame Folgen haben. Einst Mächtige stürzen (werden gestürzt) tief, tief, tief von ihren sehr hohen Rössern, Frauen sind auf einmal Witwe und besitz- und rechtlos, Hab und Gut werden gefleddert und anderen, neuen Günstlingen zugewiesen. Hach!

Was freue ich mich, dass die Folgebände schon erschienen sind. Ich denke, ich reise nächste Woche mit nach Wolf Hall und schaue mir an, wie die Geschichte weitergeht. Und wer jetzt sagt, dass man das doch weiß und auch weiß, wie die Geschichte ausgeht und die Protagonisten enden, der hat keine Ahnung. Das ist nämlich vollkommen egal. Mantel schreibt so spannend, dass ich wahrscheinlich vollkommen überrascht sein werde, wenn Anne Boleyn im Tower geköpft werden wird.

Lesen! Lesen! Lesen!

Denkwürdig

Vor langer Zeit, als ich mich gerade aus einer Lebenskrise herauskämpfte, hat mir sehr geholfen, dass ich mir jeden Abend vor dem Einschlafen überlegte, was ich denn an diesem Tag zum ersten Mal in meinem Leben erlebt oder getan hatte. Kein Ding war zu klein, keines zu groß, Hauptsache, erstes Mal. Hat geholfen, aber das ist eine andere Geschichte.

Gestern Abend vor dem Einschlafen schweiften (ich wäre ja stattdessen für den Imperfekt “schwoffen”, aber mich fragt ja wieder keiner…) Also nochmal von vorne: Gestern Abend vor dem Einschlafen schweiften meine Gedanken zurück zu dieser Methode, weil mir ganz gleich sofort und ohne Nachdenken wieder in den Sinn kam, was an diesem Tag das Novum war:

Mein Kollege und ich gingen raus zum Rauchen. (Nein, das nicht. Das ist einfach Sucht.) Und ohne jede Absprache vom geschützten Raum unter dem Vordach zwei Schritte weiter, ins Freie. Und da standen wir dann im Nieselregen und genossen es so richtig: Wasser von oben.

Die Folgen des Klimawandels in ihrer allerkleinsten Form.

Teuerung

Man komme, teilt mir mein Vermieter heute mit, angesichts des “aktuellen Preisindex” nicht umhin, eine “Mietanpassung” vorzunehmen. Um satte 12,67%. Für den Preis werde ich ab jetzt besonders intensiv wohnen müssen, damit sich das lohnt.

Was ein Glück, dass ich weder Kind noch Kegel und nicht einmal ein Haustier zu ernähren habe.