Selbst ist die Frau

“Kein Zebrastreifen? Kein Problem.” muss sich die Dame gedacht haben, die seit der letzten Woche offensichtlich die Verantwortung für den sicheren Schulweg eines halben Dutzends Haderner Grundschüler*innen übernommen hat.

Sie ersetzt die übliche neonfarbene Schülerlotsen-Schutzkleidung durch einen grellpinken Plüschmantel und die Kelle durch ihren feuerroten Schlapphut (mit schwarzer Blume und in der Größe Aristide Briand-XXXL), mit dem sie heftig wedelt. Das überrascht die automobilisierten Verkehrsteilnehmer so sehr, dass sie mit amüsiertem Lächeln stehen bleiben, bis das Grüppchen heil auf der anderen Straßenseite angekommen ist – auf der kürzesten Strecke zwischen zwei Zebrastreifen.

Geht doch.

Lechts und Rinks

Alle fürchten ihn und heute ist er der jungen Fröhlichermorgensendungmoderatorin passiert. Es komme, so berichtet sie, nach einer bereits behobenen Störung noch für längere Zeit zu Störungen auf der Strammstecke.

Aus dem Vokabelheft

“ICE-English” ist nicht nur Bahnreisenden ein Begriff. Ich glaube, ich bin heute draufgekommen, warum die Bahn nicht in Englischkurse für ihre Mitarbeiter*innen investiert: Sie will nicht deren Niveau heben, sondern das der Fahrgäst*innen senken. Wie sonst erklärte sich die neue Werbekampagne für das Supersparticket: Eine Reihe von Nichtsmile-Emojis bilden die Hintergrundtapete für den Text “von pricey”. Dann kommt Bild 2, Herzenaugenemojitapete und die Wörter “nach nicey”.

Ich kenne die Gegend nicht. Ich will weder von da weg noch dort hin.

Aus dem Vokabelheft

“Die Rechnung geht nicht auf” – oder, wie ich jüngst im Werk eines amerikanischen Autors las: “The Math ain’t Mathin'”.

Hübsch.

Gelesen: Hervé Le Tellier – “Die Anomalie”

Stell dir vor, ein Flugzeug landet nach schweren Turbulenzen heil und sicher am Zielflughafen. Einfach, haben wir alle schon erlebt. Stell dir weiterhin vor, dasselbe Flugzeug, besetzt mit derselben Crew und denselben Passagieren, ersucht gute drei Monate später wieder um Landeerlaubnis und auf einmal gibt es sie alle doppelt: Maschine und Menschen, nur dass den im Juni gelandeten die Zeit zwischen dem Landetag im März und dem ihren fehlt. Das ist neu.

Schöne Idee. Le Tellier macht daraus einen wilden Parforceritt. Sein Buch ist gleichermaßen der feuchte Traum eines jeden Nerds, ein Action- und Spionagethriller einmal um die ganze Welt, mit Abstechern in die hohe und niedere Politik, Philosophie und Religionen. Er weiß viel, hat noch mehr und gründlich recherchiert, nur mit dem Zeichnen von Menschen tut er sich schwer, besonders bei Frauen. Mich hat das stark an Eschbach erinnert, dessen Geschichten auch immer eine ungeheure Sogkraft haben, in denen die Protagonisten aber ebenfalls mehr wie Spielsteine funktionieren müssen.

Dennoch, das Lesen lohnt. Allein wegen der Denkanstöße. Warum ist es zu dieser Anomalie gekommen? Wie geht welche politische Macht damit um? Wie reagieren die Betroffenen auf ihr zweites Ich? Welches Leben ist danach möglich? Vor allem diese letzte Frage treibt den zweiten Teil des Buches.

Wer Freude an popkulturellen Referenzen hat, wird hinreichend bedient – das dürfte die Anomalie in 10 Jahren schwierig und in 50 nur noch mit vielen Fußnoten lesbar machen. Le Tellier erlaubt sich außerdem einen Jux. Er erfindet einen Schriftsteller, Victør Miesel, der ein Werk namens “Die Anomalie” schreibt, aus dem der Autor Le Tellier bei Kapiteleinleitungen zitiert. Das ist nett. Die Übersetzung ist gewöhnungsbedürftig. Absätze wie dieser sind die Regel, nicht die Ausnahme: Der amerikanische Präsident verharrt reglos, wie betäubt. Der Mathematiker betrachtet diesen primären Menschen, und er fühlt sich in seiner niederschmetternden Vorstellung bestärkt, dass die Addition individueller Verfinsterung selten zu kollektiver Erleuchtung führt. (Wenn es denn an der Übersetzung liegt. Angesichts der Häufigkeit beschlich mich der Verdacht, dass es sich um Le Telliers Schreibstil handeln könnte.)

Lesen! Nachdenken. Weiterlesen.

Gelesen: Pat Barker – “The Women of Troy”

Nun hat Odysseus’ Trick mit dem vermaledeiten Holzpferd doch funktioniert und Troja ist geschlagen. Die männliche Bevölkerung abgeschlachtet, alles von Wert geplündert, die Stadt und ihre hohen Türme niedergebrannt. Die restliche Beute, Frauen und Mädchen, werden an die Soldaten verteilt. Aristokratinnen gehen an die Feldherren, das niedere Volk an die Mannschaftsgrade.

Wieder erzählt Briseis, die wir schon aus dem ersten Band kennen (s. hier: https://flockblog.de/?p=47585). Die Figur war mir ans Herz gewachsen, ich habe mich gefreut, sie wieder zu treffen, wobei sie Barker dieses Mal zu sehr als kluges und edles Ideal geraten ist und weniger als auch fehlbarer Mensch. Schade. Sonst? Sonst sind vor allem die Protagonistinnen wieder sehr geglückt, die Männer eher holzschnittartig, was nicht nur ihrer Profession als Eroberer geschuldet ist. Sie und ihre Befindlichkeiten sind Barker einfach nicht so wichtig, oder nur insoweit, als sie das Leben aller Frauen in ihrem Werk von Grund auf verändern.

Wieder sind wir im Feldlager, nunmehr vor den rauchenden Trümmern Trojas, und statt endlich als Sieger die Heimfahrt nach Hellas anzutreten, stecken die Eroberer wegen widriger Winde fest. Liegt wahrscheinlich daran, dass man die Götter irgendwie erzürnt hat. War’s die Vergewaltigung der jungfräulichen Priesterin Kassandra im Tempel? Zu wenig oder die falschen Opfergaben? Dass Achilles Sohn, der Schlachtenführer, dem Leichnam des von ihm abgeschlachteten trojanischen Königs Priamus die Begräbnisriten verweigert? Was ganz anderes?

Wie Barker das auflöst und dabei die politischen Intrigen zwischen den, außer wenn es gegen andere geht, böse verfeindeten griechischen Stämmen bloßlegt, und nebenbei gegen organisierte Religion schießt, das ist hohe Schreibkunst und erfreulich unterhaltsam.

Lesen! Lesen! Lesen!

2024 ist das Erscheinen des 3. Teils geplant. Zurück in Griechenland. Wie reagiert Penelope, wenn Odysseus sich um 10 Jahre verspätet? Was machen Klytämnestra, ihr Liebhaber und ihre Kinder, wenn Agamemnon als persönliches Kriegssouvenir die Seherin Kassandra als Zweitfrau präsentiert? Und wie geht es mit Briseis weiter, die zu Ende des 2. Bandes im 5. Monat mit Achilles’ Kind schwanger ist?

Fehlzündungen

Aus dem Schreiben eines Geschäftspartners: “Die Geschäftsführung hat aufgrund des durchgewachsenen Jahres nur eine Erhöhung um 0,2 Prozentpunkte hinzugerechnet.”

Gelesen: Franziska Gänsler – „Ewig Sommer“

Bevor ich mit der inhaltlichen Rezension anfange, Kompliment und Dank an den Kein&Aber-Verlag, der ein wunderschönes handliches Büchlein besorgt hat. Mit schönem Satz, ansprechend gestaltetem Schutzumschlag, gutem Druck und Bindung, Lesebändchen und alles.

Super, schon wieder zwei Sätze lang vor der Kritik gedrückt. Es ist aber auch echt schwer. Mit Gänslers Schreibstil muss man sich anfreunden, und bei Sätzen wie “An den Rändern dieses Lächelns saß eine gewisse Zurückhaltung […]” ist das nicht ganz leicht. Nichtsdestotrotz erzeugt die Geschichte einen gewissen Sog, wohl wegen der wachsenden Bedrohung und der unausweichlich scheinenden Katastrophe.

Die Hitzewelle ist seit Monaten ungebrochen, der Wald am gegenüberliegenden Ufer des Flusses Bruch brennt schon den ganzen viel zu langen Sommer. Die Besitzerin des letzten noch geöffneten Hotels im früheren Luftkurort Bad Heim beobachtet das Feuer mit lakonischer Sorge und hält sich ansonsten an die Regeln: Masken tragen, Wasser rationieren, Aufenthalt im Freien vermeiden, Flammen kommen nicht über den Fluß. Hingegen regnet es Asche, Ruß und Qualm dringen in jede Öffnung, in und an allem haftet der Gestank von Rauch.

Eines Tages kommen unangekündigt eine Frau und ihre kleine Tochter an.

Gänsler entwickelt vor dem Hintergrund der ewigen gnadenlosen Hitze und der zunehmend schlechteren Luft ein ungewöhnliches Beziehungsgespinst, taucht tief in Vergangenheiten und Psychen und dieses letzte bißchen Hoffnung, das den Homo sapiens noch immer am Leben gehalten hat – nur um schließlich alles zu zerstören.

Nach ein paar Tagen Nachwirkzeit kann ich sagen: man liest das mit Gewinn.

Landlust

“Der Herrgott hat”, wie ein lieber Freund von mir zu sagen pflegte, “einen großen Tiergarten”, womit er ausdrücken wollte, dass jeder Jeck anders jeck ist und die Menschheit im großen Ganzen sowie auch im Kleinen und Halben einfach einen Vogel hat. Deswegen, und nur deswegen, gibt es eine Zielgruppe für die zweimonatlich erscheinende Zeitschrift “Landlust”.

Ich bin am Wochenende bei Freunden, zu denen sich die aktuelle Ausgabe verirrt hatte, zum ersten Mal auf das Blatt gestoßen. Es beschäftigt sich mit folgenden Themen:

So, wie alle davor, und alle danach, bis ans Ende der Zeit (also dem Tod der letzten Printausgabe. Und dann gehts online weiter, bis der letzte Server abraucht.).

Weil der Frühling kommt, müssen wir basteln. (So, wie wir das auch im Sommer, Herbst und Winter sowie allen Zwischenjahreszeiten tun.) Österliche Türstopper im Huhnundhahndesign, Häschen und Möhrchen in Strick, Häkel, Filz und Origami. Weidenkränze, bemalte Töppe, bestickte Kissen, bestickte Schürzen, bestickte Wärmflaschen, bestickte Waschlappen.

Mein persönlicher Favorit waren Flamingo-Eierbecher. Für die muß man zunächst “nur” drei Teile häkeln, diese “mit ein paar Stichen” zusammen- und dann Restfäden wieder vernähen. Danach noch einen Pfeifenreiniger mit der pinken Flamingowolle umwickeln, außer ganz oben, dort mit schwarzer und weißer Wolle einen Schnabel erzeugen. Dann, man ahnt es, geht die Zusammen- und Vernährerei wieder los. Anschließend auf den Pfeifenreiniger “mit ein paar Stichen” Augen sticken und den in dieses Dreiteilewolldings einnähen. Es gibt das ganze auch in Schwan und jedes Familienmitglied sollte beim Osterfrühstück die Auswahl haben dürfen. Waahaa?

Es handelt sich hier übrigens nur um eine Auswahl möglicher Bastelarbeiten, frau kann sich ja nicht alles merken. Und selbst bei dieser reduzierten Menge, wäre ich, wenn ich mir sowas antäte, noch nicht einmal bis Ostern 2025 fertig.

Aber eigentlich geht es gar nicht ums Basteln. Nein, auch nicht ums Kochen oder Garteln oder Stricken oder was auch immer. Nein, die Zeitschrift ist quasi ein gedruckter Shopping-Kanal. Alles, was das Herz begehrt, jeder Topf, jedes Gartenschäufelchen, auch die rosa Flamingowolle steht zum Verkauf und wird flugs und ab einer signifikanten Menge versandkostenfrei geliefert. Schön ist das. Und so praktisch.

Die Redaktion hat nichts zu tun, außer verbindende kurze und kurzweilige Texte zwischen Werbeblöcken zu produzieren, die Leserinnenschaft (nein, ich gendere hier nicht!) ist ihrem Blatt treu verbunden und mitteilsam. (Man braucht ja bei all der Bastelei auch mal ein Päuschen.) Angesichts der Bastelbegeisterung und den vielen “eigenen Ideen” ist die Angst um den Fortbestand der Menschheit absolut ein angemessenes Gefühl.

Am schlimmsten oder anrührendsten, da kann ich mich nicht entscheiden, sind die Bekanntschaftsanzeigen. Fünf Stück. Nur Sie sucht Ihn. Nicht ganz günstig. Welcher Mann liest das, wenn Zeitschriften wie “Beef” am selben Kiosk ausliegen? Was geht in einem Hirn vor, das sich als “Hübsches Mädchen, 41 J., 169 cm, 53 kg” präsentiert und vom gesuchten “treuen Mann” (sonst nix, treu langt) Zuschriften an “justyna1981@t-online.de” erheischt? Definitiv eine Rechenschwäche, aber Hauptsache “hübsch”. Dieses Unwort. Auf sich selbst anzuwenden. Aber nein, Frau flockblog, ruhig bleiben.

Die sich über viele Seiten ziehenden Kleinanzeigen preisen ein Sammelsurium aus Esoterik-Dreck, Kunsthandwerkscheiße, Nahrungsmittelergänzungsmittelchen gegen Krebs und andere schreckliche Krankheiten, Kräuterpädagogen, Bronzefiguren, Schnitzmüll und so weiter und so fort an. Ganz und gar grauselig.

Ahaber: Nie alles so schlecht, dass es nicht auch sein Gutes hat:
Wenn ich einmal alt bin und mir fad ist, werde ich ein paar solcher Druckwerke kaufen und dann daraus Lesungen veranstalten. Und zwar bei den Bastelnachmittagen, die eine offensichtlich sadistisch veranlagte Leserbriefschreiberin im Altenheim veranstaltet.