Boy’s Toy

Morgensonne, Zigarettenpause – Robert hat mir eben eine Produktdemo seines neuesten Gadgets gegeben: ein portables Radio in schwarzem Plastikgehäuse mit folgenden Zusatzfeatures: Taschenlampe, Neonleuchte, Alarmlicht (rot, in unterschiedlichen Intervallen blinkend), Alarmsirene sowie Digitaluhr. Wie er findet, ein Must-have. Er habe es für 6 Dollars gekauft, und werde heute Abend 50 weitere erstehen und dann in den Vertrieb einsteigen, für 15 bucks das Stück. “I might even sell ’em on-line.” Good luck!

“Because, y’know, I am a salesman; I can make fivehundredthousands of Dollars out of it!” Zum Beleg, wie gut seine sales-skills seien, hat er mir folgende Geschichte erzählt (hier ins Deutsche übertragen):

Da war diese Frau aus Santa Barbara, jung und reich. 400 Dollar-Schuhe. Sie wollte wissen, ob ich wirklich so gut bin als Verkäufer wie man ihr zugetragen hatte. Also fragte ich sie: “He, Lady, wie teuer waren Ihre Schuhe” (“what did ya pay for ’em shoes?”). “400 Dollar.” “Das glaube ich nicht, die muss ich mir ansehen…” (“No way, man, gotta see ’em.”) Also zog sie die Schuhe aus und gab sie mir. Beide. Das war mein Moment: ich fragte sie also, wie sie beweisen wolle, dass das ihre Schuhe seien, wenn man jetzt vors Gericht ginge. Ihr war klar, dass sie das nicht können würde und sie sah mich fragend an. Ich bot ihr an, sie zurückzukaufen: “Wanna buy ’em niiice shoes? What’s ya price?” – und sie lachte und sagte “du bist ein guter Mann, Robert, du hast den Job.”

pick of the day

“YOUR FAVORITE BAND SUCKS”

ist zu lesen auf dem T-Shirt des Obdachlosen, der sich auf dem Gehweg gegenüber vom Büro gerade laut schnarchend ein sonnenbeschienenes Vormittagsnappy gönnt.

Reverend “The Prophet” Peter Popoff

hat heute einen Brief an “Sister Garcia” geschickt, die er unter meiner Adresse vermutet. Reverend P. sieht aus wie ein Gebrauchtwagenhändler, der auf Fernsehprediger umgeschult hat – das weiß ich, weil er ein Bild von sich mitgeschickt hat. Ich halte das nicht für spendenfördernd, er schon. Da sieht man mal wieder, wie sich doch Fremd- und Selbstbild oft unterscheiden.

Peter will Sister Garcia helfen. Dazu schreibt er ihr auf vielen eng bedruckten Seiten. Er weiß, dass die Mietzahlungen sie drücken, dass in der Familie manchmal Dinge im Argen liegen, dass sie möglicherweise nicht bei bester Gesundheit ist und sich auch noch Sorgen um den Arbeitsplatz machen muss, in Zeiten wie diesen. Kann er alles wegbeten, schreibt er. Aber Sister G. muss auch was dafür tun: zum einen ganz fest glauben, dass er den direkten Draht zu Gott hat und zum zweiten das goldene Beutelchen im Scheckformat mit einer großzügigen Spende befüllen und im vorbereiteten Rückumschlag zurücksenden (er würde das Porto auch zahlen, hat aber nix dagegegen, wenn Sister Garcia zu ihrer Gabe noch eine Briefmarke oben drauf legt, dann bleibe ihm mehr übrig. Für sein gottgefälliges Werk, sagt er).

Prophet P. hat gleich antizipiert, dass das Spendenbeutelchen an ihn zurückgeschickt wurde und einen weiteren Brief hinzugefügt, zu öffnen, drei Tage nachdem Sister Garcia das Goldtütchen geschickt habe. Darin ein weiteres Pamphlet des Inhalts, dass er schon richtig feste gebetet habe und Gott ihn wissen ließ, dass es Sister G. gar nicht gut gehe – aber auch, wie dieser Zustand zu ändern sei. Deswegen liege nun dieser Sendung ein “heilender Handschuh” bei (billigste Fernostplastikware, eklig anzufassen). Den möge sie auf schmerzende Stellen auflegen (nur auf eine und nur für eine Nacht) und mit Gebeten/Lobpreisungen und gerne nochmal ordentlich Geld befüllt zurücksenden. Er werde denn Handschuh gründlich bebeten und dann würden Schmerz und Not aus ihrem Leben verschwinden.

Des weiteren soll sie Namen nennen. Die von Familienmitgliedern. Und ihre genaue verwandtschaftliche Beziehung zu ihnen. Ich habe nicht zu Ende gelesen, ob er die dann auch heilt oder vom Erdboden verschwinden läßt oder in seinen Bettel-Kettenbrief-Verteiler aufnimmt.

Ich hoffe aber, bald wieder von ihm zu hören, er hat uns ein paar sehr heitere Minuten geschenkt.

noch 2 x Aufstehen…

und dann ist Wochendene – am Sonntag um kurz nach Mitternacht gehts los: via Taipeh nach Hanoi. Ich freue mich sehr vor, wiewohl ich weder den Reise- noch den Kauderwelsch-Sprachführer bis dato eines Blickes gewürdigt habe. Macht nix, ich werde so unendlich lange unterwegs sein, da komme ich bestimmt zum Lesen. Erste Station ist das Hotel Volga (ist das nicht außerordentlich hübsch)? in Hanoi. Die haben mir heute geschrieben, dass sie mir für 25 Dollars einen Fahrer an den Flughafen schicken – bequemer geht es gar nicht. Montag am späten Vormittag bin ich dann da. Keine Vorstellung ob und wie ich mich von unterwegs melden kann und will, ihr werdet es gewahr werden, wie meine Oma zu sagen pflegte. Heute bin ich für mehr Geschichten schon wieder viel zu müde, außerdem seid ihr auch mal wieder mit Schreiben dran. Nämlich.

stay healthy – get wealthy

soweit Robert zur fürderhinnigen Lebensplanung. Klingt gut, mach ich mit.

Weiterhin:

“Iffa had like 500.000 cash – y’know what I’d do, man? I’d sit at home all day and ledda heater run…” – auch das ein sehr vernünftiges Anliegen: es ist nämlich frisch (10-12 Grad Celsius, dabei zum Glück sonnig) und die Holzhäuschen hier kühlen bei dem kalten Wind ganz elend aus. Morgens ist es furchtbar schrecklich, aus dem molligen Bett ins leichenhallentemperierte Bad zu kriechen. Aber “you gittup, you be surpised”. Und wer könnte dieser Aussicht wiederstehen.

Überraschung!

The Holiday Train

ist ein mit bunten Blinkelichtern geschmückter Zug, mit dem Santa Claus reist, um die Geschenke zu bringen (so habens mir die Nachbarn erzählt, unter deren wachsamen Augen wir eben unsere Möbelhauseinkäufe entluden). Heute hat er unter anderem auf dem Bahnhof in San Bruno Halt gemacht – wir hatten gerade noch mitbekommen, dass gerade Menschenmassen den Bahnhof wieder verließen.

Arme amerikanische Kinder: nicht nur, dass ihr Weihnachtsmann eine Trademark von Coca Cola ist, nein, man macht sie auch noch glauben, dass es ein funktionstüchtiges öffentliches Nahverkehrssystem gibt.

Immer wieder sonntags

… vergeht die Zeit einfach zu schnell: kaum ein paar Stunden mit Freundinnen nur das allernötigste telefoniert, steht schon wieder Ikea an. Kaum das allernötigste eingekauft (eigentlich könnte derzeit ein Teil meines Gehalts direkt nach Schweden überwiesen werden) und dabei mit Coupons auch noch eine Lampe für umme rausgeschlagen, sind die Einkäufe fürs Abendessen fällig. Kaum gekocht, gegessen, gespült und ein Bad genommen, reicht die Zeit gerade noch dafür, 16 Tischbeine anzuschrauben und es ist schon wieder fast Mitternacht. Und morgen Montag.

Post Nummer 100

Wie nett, ausgerechnet an meinem Geburtstag!

Vielen Dank allen, die meiner gedacht und Glück gewünscht haben – tat und tut gut zu wissen, dass es fern von hier so gute Freunde gibt. Ich bin schon auch blessed (nicht immer nur Robert).

Ich hatte einen sehr schönen Tag: erst mal kam ich vor lauter Telefonaten erst um 2:00 Uhr früh ins Bett (und bin mit diesem dummseligen Lächeln im Gesicht eingeschlafen…) und dann haben mich meine Eltern mit ihrem ersten transatlantischen Anruf überhaupt um 7:00 Uhr wieder geweckt und waren bass erstaunt, dass man um diese Zeit immer noch schlafen kann – sie hätten schließlich schon zu Abend gegessen. Ich hätte ihnen die Zeitdifferenz doch anders erklären sollen als mit “wenn ihr vespert, dann frühstücke ich erst”. Dennoch, ich hab mich sehr über ihren Anruf gefreut.

Unterbrochen von Telefonaten habe ich mal wieder Hand ans Haus gelegt und mich wochenendlichen Routinen gewidmet, Wäsche waschen, Bad putzen und so – staubsaugen muss ich nicht mehr selbst, das macht jetzt ein kleiner roter i-Robot, der immer anfängt zu tirilieren, wenn er wieder “dirt” entdeckt hat. Wie’s genau funktioniert, weiß ich nicht, aber wenn sich ihm ein Mensch in den Weg stellt, dann identifiziert er besonders großen Dreck und steuert direkt auf die Person zu. Entweder hat er ein extrem negatives Weltbild oder Menschen werfen einfach zu große Schatten auf seine Lichtschranke, oder wie immer das heißt.

Dann war heute der große Tag: endlich die neue Brille abholen. Sie gefällt mir immer noch (das muss, wie jeder Brillenträger bestätigen kann, nicht immer so sein) und Jeremy hat mich ausführlich in der Installation des dark-grey-Sonnenclips geschult, so dass ich sie gleich aufgelassen habe, um zum großen Holiday-Bazaar der tonganisch-lutheranischen Kirchen zu gehen. Es war nämlich (hihi) seeehr sonnig und so warm, dass ich meine Jacke gleich mal in den Rucksack packen konnte.

Im Innenhof der Kirche hatten lauter verkaufswillige Gemeindemitglieder ihre Stände aufgebaut, unter anderem bestückt mit Weihnachtscookies in der hier üblichen Größe extra large – mit einem dieser Kekse könnte man bequem ein afrikanisches Dorf speisen. Eine Dame hatte herzallerliebste Elfen gebacken, jeweils gut eine Spanne groß in Originalfarben mit grünen Mützchen, roten Nasen und blauen Hosen – sehr nett anzusehen, aber mir hätte doch davor gegraut, solchermaßen buntes Gebäck zu essen. Ich war die einzige Kauf-Aspirantin weit und breit und auch noch durch meine mitgeführte feuerrote Salvation-Army-Stofftasche als Gutmensch ausgewiesen, hei, hatten die Freude dran, mir ihre Waren anzupreisen. Ich hab auch brav gekauft, unter anderem von einem kleinen Mädchen ein Schildkröten-Laptop-Brett (oben Brett fürs Notebook, unten Stoffschildkröte, damit man ein Kissen hat, wenn man das Ding zu lang auf den Knien balanciert). Sie hatte ein schlagendes Verkaufsargument: “I’m selling for God” – und als ich nachfragte, was Gott denn für dieses Ding wolle, wurde mir nach kurzer innerer Zwiesprache ein Preis von 3 Dollar genannt. Ein paar Stände weiter gab es Eiswürfelbehälter in Stern-, Streifen- und Fläschchen-Form. Nach dem Preis befragt, wollte der Verkäufer einen Dollar. Nachgefragt “each?” – erhielt ich die Antwort: “no, the complete set. It’s our flag, y’know”. Irgendwas muss ich bisher verpaßt haben: Stars, Stripes & Flaschen?

Ich habe mich dort eine Stunde herumgetrieben, für allen möglichen Kruscht in Summe 20 Dollars ausgegeben, den knatschorangen Kürbiskuchen mehrfach verschmäht und  wurde von Reverend Minipli (oder so ähnllich) erst zum Kaffee und dann zum Gottesdienst eingeladen. Ich wollte mich gerade als bekennend Ungläubige zu erkennen geben, da griff er schon vor: ich müsse das auch alles nicht glauben, aber man wäre hier eine nette Gemeinde und würde sich stets über Gäste freuen. Mal sehen. Tonganer sind ja traditionell eher gut genährt und damit hätte ich ein wichtiges Aufnahmekriterium bereits erfüllt.

Anschließend mußte ich erst mal nach Hause und meine Einkäufe abladen. Da ich unter anderem einen Gartenstuhl gekauft hatte, war die Gemeinde fassunglos, dass ich das ohne Auto löse – ich glaube, sie waren kurz davor, standing ovations zu geben.

Mein nächstes Ziel war (Geburtstag, neues Lebensjahr, neue Ziele – typisch Weib: alte Zöpfe abschneiden) ein Friseur. Der Family Hairdresser auf der Main Street war voller ebensolcher, also ging ich zum Camino Real, wo direkt neben dem japanischen Restaurant “Ann-Lee’s beauty studio” alles verspricht, was zur äußeren Schönheit eines Menschen beitragen kann. Madame zückte auch persönlich die Schere und ich finde, der Haarschnitt mutet ein wenig asiatisch an, quasi Sabine Wong, aber mir gefällts. Was ich ausgesprochen luxuriös fand, war, dass die Kundin sich zum Haarewaschen gemütlich auf eine Chaiselongue bettet (ich bin fast eingeschlafen) und zum Service eine erholsame Gesichts- und Kopfmassage gehören. Madame waren angemessen entsetzt, dass ich meine grauen Haare nicht habe färben lassen und hat auch nur drei Mal erwähnt, dass sie auch “does colour “. Was auch noch sehr angenehm war: das Ganze war in einer halben Stunde ausgestanden.

Auf dem Heimweg habe ich mir leckere Frühstückszutaten zusammengekauft und dann ein Mega-Hammer-Geburtstagsfrühstück auf der sonnendurchfluteten Terasse eingenommen (im T-Shirt, mit der neuen Sonnenbrille) und dabei Fanny Müller gelesen “Auf Dauer seh ich keine Zukunft”. Lesen. Unbedingt! Fanny Müller ist noch eine Generation weiter, blitzgescheit und hat ein gutes Auge für “gewöhnliches”. Eine wunderbar lakonische Sprache – und sie bringt mich zum Lachen. Euch auch.

So – nun geh ich feiern: Toni hat mir einen Kuchen gebacken und wir gehen jetzt aus, bevor die hier wieder die Bürgersteige hochklappen. HUNGER!

Automobil

Toni und ich bilden seit der Wohngemeinschaft auch eine Fahrgemeinschaft, mit stetig wechselnden Fahrzeugen. Das liegt daran, dass die Autoverleiher wochenweise unterschiedlich hohe Preise haben und wir gerne günstig fahren wollen. Das hat uns schon allerlei Modelle beschert, vom immer noch hochgeschätzten Prius über den Ich-bin-ein-ganzer-Kerl-Trailblazer bis zu Drecks-Dodge 1 (obwohl ein Neuwagen ohne jeden Komfort, dafür sehr laut, mit schlechter Bodenhaftung und miesen Bremsen) und Drecks-Dodge 2 (wie sein Vorgänger, allerdings mit einer dauerhaften Innenraum-Duftbaum-Zimt-Imprägnierung). Zur Zeit fahren wir einen schneeweißen Chevy Kobalt – eine echte Wohltat nach den Kalibern.

Wenn ich aus Vietnam zurückbin, werde ich mir wohl ernsthaft Gedanken über sowohl den Erwerb eines kalifornischen Führerscheins wie auch über die Anschaffung eines Autos machen müssen. Ich wohne zwar so nahe am Bahnhof, dass ich (und zwar lauter als das Hupen der Züge) das Quieken der Fahrkartenautomaten höre, doch leider ist das Büro entweder nur mit einem Fußmarsch über eine Straße zu erreichen, die von Crackies und Leuten, die ihren Hausstand im Einkaufswagen mit sich führen, bevölkert ist (Krankheit, Siechtum, Tod). Und es wird früh dunkel, und dann ist die Gegend kein Zuckerschlecken. Oder mit Umsteigen in ein konkurrierendes Öffentliches Verkehrsmittel, und dann verdoppelt sich der Preis für die Monatskarte, denn man braucht ja zwei.

Mal sehen, ich halte es wie ein ordentlicher GI. To be done when I am back from ‘Nam.