Gelesen: Chloé Cruchaudet – “Es wird Zeit, Monsieur Proust”, 2. Teil

Ich habe Prousts Opus Magnum “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” nicht gelesen und werde das wahrscheinlich auch nie tun. Jaha, ich weiheiß, Weltliteratur und Kanon und… und ihr könnt mir sowas von gestohlen bleiben, ihr Das-MUSS-Man-Gelesen-Haben-Rechthaber. Nix muss ich. Ich weiß, dass der Duft von Madeleines eine wichtige Rolle spielt, das langt. Ey.

Moo-ment. Ganz andere Baustelle. Ich wollte doch über Madame Cruchaudets ganz wunderbare Graphic Novel sprechen, in der in zwei ganz exquisit gezeichneten Bänden die Geschichte der Céleste Albaret erzählt wird, einer ganz jungen Frau vom Lande, die ins stinkende Paris verpflanzt wird und zufällig (oder war es Fügung?) in den Proust’schen Haushalt gerät. Zunächst nur zuständig für Monsieurs Versorgung mit frischem Kaffee und Croissants, übernimmt sie mehr und mehr die Verantwortung für sein ganzes Leben und ist schließlich 24/7 im Dienst eines Mannes, der nie über das Stadium des verwöhnten kränklichen von viel Personal umsorgten Knaben hinausgekommen ist. Das zehrt ungemein. Irgendwann reicht es und in diesem Band “verläßt” Céleste Monsieur Proust. Er leidet. Sie auch. Aber: Sie kehrt nur zu ihren Bedingungen wieder zurück und bleibt, nebst Gatten und Schwester an des Dichters Seite bis zu dessen Tod. (Zum ersten Teil: s. hier: https://flockblog.de/?p=50624.)

Cruchaudet findet für diese gemeinsame Biographie die schönsten Bilder. Einer meiner Favoriten ist eine über zwei Seiten gestreckte Traumsequenz, in der Proust im gestreiften Pyjama im Garten seiner Sätze hackt, gießt und jätet oder, wieder eine Doppelseite, wie Céleste über Hängebrücken zwischen Pariser Landmarken den Umzug des zur Veränderung unfähigen Dichters in eine neue Wohnung organisiert.

Eine rundum gelungene Hommage an die Frau, ohne die das Proust’sche Werk nicht das Licht der Welt erblickt hätte.

Lesen! Lesen! Lesen!