Doppelschicht

Mein lieber Nachbar Sam arbeitet zur Zeit Doppelschichten. Das bedeutet, dass er kurz nach Mitternacht zur Arbeit fährt, nachmittags gegen 5:00 zurückkommt und ihm nur knapp Zeit zum Duschen, Essen und Schlafen bleibt. Noch nicht einmal am Wochenende hat er frei.

Statt es einfach gut sein zu lassen, kam er vorhin vorbei, um sich dafür zu entschuldigen, dass er es einfach nicht schafft, in diesen Terminplan auch noch “Bäume schneiden in Sabines Garten” einzubauen. Was habe ich ihn geschimpft! Dafür, dass er darauf auch nur einen Gedanken vergeudet. Und anschließend gleich selbst den Reineclaudenbaum zurückgeschnitten, damit er nicht auf dumme Gedanken kommt.

Zum Glück ist das Fassungsvermögen der Gartentonne das Limit. Ein Baum langt! Wie er immer an einem einzigen Nachmittag alle sieben geschafft hat, ist mir ein Rätsel.

Here we are now, entertain us

Keine Ahnung, wo ich gerade war, als junge Menschen mit Emo-Frisuren in Schlamperklamotten der Welt Grunge brachten. Ich habe vor sechzehneinhalb Jahren zwar peripher mitbekommen, dass eine Generation um Kurt Cobain trauert, aber mehr auch nicht.

Das hat sich geändert, denn inzwischen war ich in Seattle und habe das dortige Museum für Science Fiction und Popkultur besucht. Nun weiß ich alles über Nirvana und habe angefangen, die Musik bewußt zu hören. Zeit is’ wor’n, denn sie ist gar nicht schlecht. Als Zuckerle gibt’s auf YouTube “The misheard lyrics” http://bit.ly/9dQjZE, wobei mir die Variante “here we are now, in containers” noch besser gefällt.

Und weil’s keine Generation ohne böse böse Musikergattin geben darf, ist Courteney Cox denen, was der meinen Yoko Ono war, und an allem Schuld.

Precision and Repetition

In Deutschland hätte der Berufsberater einem Menschen mit dem herrlich alliterativen Name Peter Palomo empfohlen, entweder eine Karriere als Schlagersänger anzustreben (mit dem Risiko von Dieter, dem Thomas, dem Heck mit einer weiteren Nummer-Eins-Schnulze anmoderiert zu werden) oder  seinen Lebensunterhalt als Fernsehserienschauspieler zu verdienen, für immer festgelegt auf den Typ “graumelierter Galan”, der auf Traumschiffen oder in den angeschlossenen Fernsehkliniken Herzen bricht.

In Amerika ist Peter Palomo Geschäftsmann und betreibt die einzige “indoor archery range in the Silicon Valley”, wo er Lernwillige im Umgang mit Pfeil und Bogen unterweist. Das macht er sehr knapp, sachlich und professionell, sucht uns die passenden Bögen und Pfeile aus und läßt uns schießen. Korrigiert, hilft geduldig und immer, wenn wir glauben, nun schon ganz gut sein, rückt er das Ziel ein wenig weiter nach hinten. Außerdem erfreut er uns mit vielen politisch unkorrekten Kommentaren. Bei unseren ersten Anfänger-Fehlschüssen philosophiert er über die Urspünge der Menschheit, und die Einteilung in Jäger und Sammler. Ob wir denn wüßten, wie man letztere auch nenne? Hmmm? Ganz einfach. Vegetarier.

Wir sind ein dankbares Publikum für dergleichen Scherze, und Peter fährt zu vollen Touren auf: “I wouldn’t quit your day job for this.” Als ich mit einem meiner Pfeile mal böse an der Zielscheibe vorbei eine unschuldige am Boden liegende Leiter erlege, quittiert er das mit “As long as you keep doing your hunting at Safeway and Costco, you’ll be fine.” Bogenschießen macht Spaß! Und ja, es ist auch eine spirituelle Erfahrung (nicht auf, sondern durch das Ziel schießen; den Schuß erst zu Ende denken, bevor man physisch losläßt), manchmal direkt erhebend, wenn der Pfeil mühelos in’s Bull’s Eye fliegt und man eigentlich nicht weiß, wieso es dieses Mal so gut geklappt hat. Außerdem sehr entspannend. Fürs nächste Mal habe ich mir allerdings vorgemerkt, einen Brustpanzer mitzubringen; aktuell sieht meine linke Brust nämlich aus wie ein Streifenhörnchen.

Ich habs nachgeschlagen: Amazonen haben ihren Töchtern schon als Kleinstkindern die rechte Brust ausgebrannt. Also entweder waren die alle Linkshänderinnern oder bei denen ist nie die Sehne zurückgeschnalzt.

Shake it

Heute früh bin ich davon aufgewacht, dass mein Bett sich rüttelte und schüttelte (http://bit.ly/rS6zPu). Mir will aber scheinen, dass die Herrschaften Erdplatten meine Aufstehzeiten nicht kennen – das war doch viel zu früh!

Nächstes Mal bitte erst gegen Sieben.

Wie Weihnachten

Seit dem letzten Wochenende hat auch noch der letzte Nachzügler seine Halloween-Außendekorationen angebracht. Deswegen suche ich mir jeden Abend einen anderen Heimweg aus und bewundere staunend Bäume voller (künstlicher) Spinnweben, in denen Geister im Wind treiben (so hat auch der ungeliebte weiße Flatterponcho von Tante Hermelinde endlich einen Zweck gefunden) oder auf deren Stamm eine Hexe mit Karacho draufgeklatscht ist (man sieht nur noch die Rückansicht, mit halbem Besenstiel und zerdätschtem Hexenspitzhut). In den Vorgärten wachen Höllenhunde mit diabolisch rotleuchtenden Augen über den Gartenzaun auf dessen Pfosten Leuchttotenschädel gepfählt sind, beim einen oder anderen Nachbarn sogar mit Blitzerblinkeffekten. Wer’s wirklich ernst meint, hat die Zombie-Windelkleinkind-Krabbelgruppe (mit Sound) oder ein Winke-Skelett installiert oder Spinnen (Leuchteaugen in Grün-Rot-Wechsel), die über Fensterbänke Einlass ins Haus suchen. Francisco hat endich getan wie ihm geheißen und Carmens Halloweenkiste vom Speicher geholt: vor ihrem Haus wartet eine Hexe mit dauerbewegtem angewinkeltem Zeigefinger auf Hansel und Gretchen (wird “Grät-schen” ausgesprochen). Jack-o’-lantern gibt’s in allen Varianten: als Lampe, in Lichterketten,  faust- bis medizinballgroß, vor Hausnummer 666 ganz allerliebst in Form eines Pentagramms auf dem Rasen.

Viele haben, wie ich, einfach nur Kürben vor dem Haus liegen; vereinzelt sogar schon geschnitzt, mit Lichtern drin. Im Gegensatz zu mir allerdings scheinen sich die anderen nicht zwischen Halloween und Weihnachten zu entscheiden. Die dekorieren einfach gerne, mit Blinker, Glitzer und Bunt und da ist ihnen jeder Anlass recht. (Sieht man auch daran, dass es zu beiden Anlässen vor, um und an denselben Häusern recht zugeht.)

Die amerikanischen Kollegen unterstellen uns Deutschen (wahrscheinlich zu recht), dass wir Spaßbremsen (“sticks-in-the-mud”) seien und am Montag nicht kostümiert zur Arbeit kommen werden. Ich werde mir trotzdem noch einen Hexenhut besorgen (Besen hab’ ich schon und rote Hexenschuhe auch) – ich bin eingeladen, beim Neighbor-Halloween-Blast mitzumachen und habe volunteert, bei irgendeiner Gruselbude für die Kinder aus der Gegend mitzuhelfen. (Carmen hat empfohlen, mit ganz schlimmem deutschen Akzent zu sprechen, davon bekämen Amis auf jeden Fall Gänsehaut. Tssss, wenn weiter nichts ist – das ist meine leichteste Übung…)

Na dann: HAPPY HALLOWEEN wünscht ze Tscherman Witsch.

XXL

Unser heutiger Bewerber kommt aus Rußland und hat dort das “King Size Red Diploma” erworben. Wenn man das bei Google nachschlägt, findet man alles mögliche; Universitätsabschlüsse scheinen mir das jedoch nicht zu sein.

“YOU DO NOT HAVE TO RESPOND TO THIS EMAIL”*

This is NOT a request for you to provide information to us. Currently, we only ask for your confidential information in-person, over the telephone, and via the US Postal Service/US Mail. This is an informational notice pursuant to requirements of the Information Practices Act (Civil Code §1798.17). No action is required.  In the Board of Equalization’s (BOE) continuing effort to reduce paper, this notice is being sent via e-mail.

Ich glaube, ich hab’s verstanden: irgendwo im Amt sitzt einer, und dem ist langweilig. Es ist schon so lange keiner mehr bei ihm vorbeigekommen, um sich ausfragen zu lassen, möglicherweise hat der eine oder andere sich ihm auch darin verweigert, vertrauliche Auskünfte am Telefon zu geben und Briefe schreiben soll er auch nimmer (http://1.usa.gov/21NKjV).  Schreibt er halt e-mails. Ohne Sinn und Ziel, Hauptsache, die Zeit geht irgendwie ‘rum.

Meine (und die vieler anderer Steuerzahler) vergeudet der Mann mit diesem Schwachsinn. Kein Wunder, dass die Volkswirtschaft hier nicht auf einen grünen Zweig kommt.

 

* Was auch? Es wird einem ja nicht eine vernünftige Frage gestellt.

Otolaryngologist*

Manchmal hilft im Vaterland der Klimaanlagen noch nicht einmal mehr Selbstmedikation mit einer Auswahl aus mehreren laufenden Drogerieregalmetern voller rachen- und zungenbetäubender Lutschbonbons, Nasenspülsalzen und -sprays, Sinusreliefs (jetzt auch in “non-drousy”), Hustensäfte,- tropfen usw. usf. und der arme Atemwegserkrankte muss doch einen Profi aufsuchen, auf dass er seine Sprechzimme zurück- und die Nase entstopft bekomme.

* Weil man a) allein schon davon Halzschmerzen kriegt, dass man den Namen des Facharzts ausspricht und b) in Amerika sowieso alles anders ist, vereinbart man einen Termin beim ENT. Das steht für “ear, nose and throat specialist” – immerhin, auch in den USA bleibt die Nase das Zentralorgan.

Dieser Beitrag ist einem nicht genannt sein wollenden Sachsen wohlwollend gewidmet.

“…gib ihnen noch zwei südlichere Tage”

Wer immer hier in Kalifornien fürs Wetter zuständig ist, kennt seinen Rilke und hält sich dran. Wir hatten ein Traum-Wochenende, wolken- und windlos, heiß und sonnig. (So sonnig, dass ich meinen Leseliegestuhl um die Mittagszeit in den Schatten gerückt habe. Ich. In den Schatten.)

Außer beim Lesen aufgeholt (Empfehlung: “The Photographer”, http://amzn.to/q59BCM; eine Photoreportage über die Arbeit von “Ärzte ohne Grenzen” im Afghanistankrieg, umgesetzt als Graphic Novel), habe ich den Garten “winterfest” gemacht. Zu Hause hieße das, schwere Pflanzenkübel in den Keller zu schleppen, wegen dem bösen bösen  Nachtfrost (sowas hamma hier ned). Hier hingegen habe ich eigentlich nur zurückgeschnitten. Bäume, Rosen, Büsche – so lange, bis selbst mit heftigem Nachtreten nichts mehr in die Große Grüne Gartentonne ‘reinging.

Weil aber noch gar so viel blüht (Oleander, Rosen, Hortensien) und Kolibris, Schmetterlinge und Bienchen gar so fleißig Nektar saugen, und weil ich außerdem noch gar so viel zu lesen hatte, habe ich die alle für Sam übrig gelassen. Sonst schimpft er mich wieder, weil ich in meinem Garten selbst arbeite. (Das ist ein Luxusproblem, das ich richtig gern habe. Und so leicht zu lösen.)

Noch eine Woche bis November und das Wetter soll halten – diese Aussicht versöhnt mich immer dermaßen mit meiner Diaspora. (Nix Nebel und nasses Matschwetter – das machen wir hier erst im Hochsommer wieder…)