Aus Prinzip unsozial

Ich bin kein Freund von Social Networks. Überhaupt nicht. Aus beruflichen Gründen bin ich bei einem angemeldet, verhalte mich aber im wesentlichen unsozial – d.h. ich pflege mein Profil nicht und nutze die Website nur, wenn ich wen suche (gibt ja genügend Selbstdarsteller). Dass das der richtige Ansatz ist, beweist mir, wieder einmal, der heutige “friend request” eines wildfremden Mannes:

Dear ma’am, I have gone through your profile & found it very synergistic. I am pursuing PGDM from ICBM-SBE, Hyderabad & did my project in USL. I will be highly obliged to be guided by a person of high caliber like you. Please accept my friend request.

Wir synergetisieren (was für ein Bullshit-Wort) also? Weil ich, wie er, gerade einen PGDM from ICBM-SBE erwerbe? Ich wüßte ohne Google noch nicht einmal, was das bedeutet. Es heißt, dass er gerade einen MBA an einer Business School in Hyderabad macht. Ich war noch nie in Indien und wahrscheinlich schon vor seiner Geburt Magister. Seiner Lehranstalt ist vor allem an “Anti-Ragging” (http://bit.ly/sL7Ufe) gelegen. Leo übersetzt “Ragging” mit “Erzbrechen”. Dagegen habe ich nichts. Er hingegen fliegt von der Schule, wenn er’s macht. USL steht laut Google für “United Soccer Leagues”. Aha. Und woher glaubt der junge Mann bei mir ein Interesse für Fußball ableiten zu können? Ganz ehrlich, ich kann da mit gar nichts synergetisieren. Wenn ich ein Talent für’s “guiden” hätte, trüge ich keine ODP-Armbinde. Außerdem, wie käme ich dazu, einen mir unbekannten Menschen irgendwohin zu führen? Soll er sich doch ein Navi kaufen. Oh Mann!

(Mit viel Kaliber assoziiere ich allenfalls Produkte des Hauses Colt. Bei einem solchen Ansinnen erst recht.)

Neu im Kino: J. Edgar

Der Gründer des FBI und Vorreiter der kriminalistischen Forensik, J. Edgar Hoover diktiert seine Memoiren. In Rückblenden erzählt der Film die Geschichte vom getriebenen Sohn einer bigotten Übermutter (großartig beklemmend dargestellt von Judi Dench, die schon dem Knaben und später dem im Erwachsenenalter immer noch bei ihr lebenden Sprößling rigide Regeln in’s Hirn brennt).

Der junge Edgar wähnt sein geliebtes Vaterland am Abgrund, bedroht von subversiven Elementen (Anarchisten, Kommunisten, Neger – diese Zeit in den Zwanziger Jahren heißt in Amerika “Red Scare”). Er rekrutiert Kampfgefährten, seine einzige Bedingung: nur die Besten. Das bedeutet in seinem Weltbild wohltrainierte Anzugträger mit Hochschulabschluss, weißer Hautfarbe, stets frisch gewaschen und rasiert, frei von allen Lastern und darum reinen Geistes, die mit ihm gegen Verbrecher, Schmutz, Abschaum, kurz: Das Böse kämpfen sollen. Er wird zum manischen Daten- und Informationssammler, legt die erste zentrale Fingerabdruckkartei an, beschafft sich durch zweifelhafte Methoden pikante Details aus dem Leben von Politikern und Prominenten (seine “Secret Files” sind legendär) und feiert Erfolge. Er verhaftet Al Capone und John Dillinger, küßt Shirley Temple, bringt in akribischer Kleinarbeit den Mörder des Lindbergh-Babys zur Strecke und baut an der positiven Reputation seiner G-Men. (Sehr hübsch plakativ dargestellt in zwei historischen Filmszenen. In der ersten legt James Cagney mit schiefem Grinsen einen umjubelten Auftritt als Gangster hin, der den tumben Bullen immer um eine Nasenlänge voraus ist. Ein paar Jahre später gibt Cagney den cleveren Ermittler des Bureau, der den dummen Schurken überlegen ist.)

Leonardo di Caprio (die Maskenbildner haben sich einen Oscar verdient) spielt den in seinen fast 50 Dienstjahren zunehmend paranoiden, von Selbsthaß und -zweifeln zerrissenen, fanatisch-patriotischen “mächtigsten Mann Amerikas” (in seiner Ägide sind 8 Präsidenten und 18 Justizminister gekommen und gegangen) ungeheuer überzeugend. So sehr, dass mir der arme Kerl in seiner Selbstverleugnung manchmal direkt leid getan hat. Regisseur Clint Eastwood läßt die Frage nach Hoovers Homosexualität und seiner lebenslangen Beziehung zu seinem “Assistant Director” Clyde Tolson (Armie Hammer) bewußt in der Schwebe, nicht aber die Erpressungsversuche an den Kennedy-Brüdern oder an Martin Luther King jr., den Hoover mit der Drohung, ein illegal mitgeschnittenes Sextape zu veröffentlichen, von der Annahme des Friedensnobelpreises abzubringen versucht.

Eine hübsche Volte schlägt der Film (Spoiler Alert): Richard Nixon, der 8. Präsident unter Hoover, war einstens einer seiner Günstlinge, will den alten Mann aber jetzt loswerden. Der macht ihm die Freude, endlich und im Amt zu sterben. Noch vor der Veröffentlichung der Todesnachricht schickt Tricky Dick seine Männer aus, um sich in den Besitz der Hooverschen Geheimdossiers zu bringen (sowas kann man ja immer mal brauchen). Doch die finden nur noch leere Aktenschränke vor.

Und in einem einsamen Kämmerlein betreibt Helen Gandy (Naomi Watts), seine langjährige rechte und linke Hand, inmitten von Aktenbergen geduldig einen Reißwolf. Mit einem merkwürdig wehmütigem Lächeln. Abspann.

Anschauen.

PS: Es würde mich nicht wundern, wenn Leonardo di Caprio für seinen J. Edgar einen Oscar bekäme.

Bewerber Behaimanot

ist hochqualifiziert. Er ist und kann unter anderem:

– Licensed  as Resident Insurance Producer
– Accident and Health
– Fire and Casualty Broker-Agent
– Life-Only
– Passed the “Uniform Securities Agent State Law Examination”, Exam, Series 63
– Licensed as Guard / Patrolperson
– Certificate of Completion in Printed Circuit Board Design
– Certificate of Completion in Oscilloscope Fundamentals

Software-Entwicklung kann er nicht.

First Amendment

Die Väter der hiesigen Verfassung haben das seinerzeit mit der Trennung von Kirche und Staat sehr ernst genommen und deswegen gibt es in staatlichen Schulen keinen Religionsunterricht (konfessionelle Lehr- und andere Kinderaufbewahrungsanstalten erhalten ebenfalls keine staatlichen Zuschüsse) und das Prinzip der Kirchensteuer, wo sich der Staat zum Büttel macht, ist einem Amerikaner vollkommen unverständlich. Warum Weihnachten dann doch ein Feiertag ist (am 25. Dezember haben sogar die meisten Supermärkte geschlossen), muss man nicht verstehen. Rührt bei der hiesigen merkantilen Gesinnung wahrscheinlich daher, dass wie überall auf der Welt das höchste Fest der Kaufleute zelebriert wird. Möglicherweise hat die Gilde der Händler deswegen auf jeden Dollarschein eigens das Motto “In God We Trust” drucken lassen?

Jetzt bin ich ganz von meinem Thema abgekommen. Eigentlich wollte ich doch darüber schreiben, dass wir Arbeitnehmer hier in Amerika auch mal bezahlt freihaben. Und zwar bald: nächste Woche von Donnerstag bis Sonntag, weil wir Dank geben und dann noch einmal zwischen den Jahren. Wenn nämlich in den USA ein Feiertag auf ein Wochenende fällt, muss er entweder vorgezogen oder nachgeholt werden. Und weil Weihnachten dieses Jahr so saublöde liegt, haben wir von 24. Dezember bis einschließlich 1. Januar frei. (Ja, ich weiß auch, dass da zwei Wochenenden dabei sind und zwei Urlaubstage abgezogen werden – aber man lernt, sich über soviel freie Zeit am Stück sehr zu freuen.)

Außerdem fliege ich zwischen Thanksgiving und X-mas noch mal ein Wöchele in die Sonne. Hach. Ich komm’ aus dem Freuen gar nicht mehr heraus.

Sehr sehr schade

und bedauerlicherweise nicht einmal durch großzügige Gaben von “Dr. Teals Relief and Relax Bubble Bath” in’s dampfende Wasser zu ändern: Meine Badewanne ist noch nicht einmal ansatzweise ein Ersatz für einen Hot Tub.

Ich habe angefangen zu erwägen, mir einen anzuschaffen. Dafür spricht: Ich find’s toll. Kalte Nächte gibt es mehr als hinreichend. Platz hab’ ich (große Terasse), Wasser- und Stromanschlüsse sowie eine Sump Pump für das Abwasser auch. Was dagegen sprechen könnte, weiß ich noch nicht.

Neulich bei “American Dad” ist der Titelheld beim Gebraucht-Tub-Händler fündig geworden. Daraus kann man schließen, dass das hierzulande gang und gäbe ist. Ich werde recherchieren und berichten.

Russian River

Wir haben am Donnerstag gelauncht. Und weil es in der Software-Entwicklung genauso zugeht wie überall auf der Welt, wurde die Zeit vor dem Abgabetermin auf einmal höllisch knapp. Toni und Christoph haben (inklusive des vorherigen Wochenendes) Tag und Nacht durchgearbeitet, kaum noch geschlafen und waren äußerst erholungsbedürftig. Ich auch, ich hatte nämlich aus reiner Solidarität ebenfalls Schlafstörungen. Was für eine glückliche Fügung, dass wir schon vor Wochen vorausschauend genug waren, uns ein “weekend-get-away” am Russian River zu buchen. Bei Ursel: http://bit.ly/tfMDTU*

Es fing auch genau an wie geplant: es regnete in Strömen und wir kamen viel zu spät los (letzteres war nicht geplant, aber zu erwarten gewesen). Die Fahrt zog sich ein bißchen, zum einen wegen des Wetters, zum anderen deswegen, weil immer alle am Freitagnachmittag woanders hinzuwollen scheinen und einem die Straßen verstopfen. Egal.

Wir sind da, der Schlüssel hängt wie vereinbart im mit Zahlencode gesicherten Schlüsselkasten. Jetzt nur noch schnell einkaufen, Wein, Feuerholz, Fleisch, Salat, Wein, Brot, Gemischtwurscht, Käse, Wein, Chips, Naschwerk, Wein, Nudeln, Rohkost, haben wir schon Wein? und das alles mit logistischem Geschick (“wer ist hier der beste Tetris-Spieler?”) in’s ohnehin schon vollgeladene Auto schlichten, von der Hauptstraße in den dunklen Finsterwald abbiegen, Haus finden, Licht finden (der Lichtschaltermonteur war definitiv ein Nonkonformist), ausladen, Betten verlosen (Kinderzimmer, Master Bedroom oder die Suite im Westflügel). Danach nur noch Einschüren (Christoph hat sich den Titel “God of Hellfire” redlich verdient), alles für’s Fondue vorbereiten (“Oh, verdammt. Salz vergessen. Und Spiritus. Und Butter.”), Toni noch einmal in die dunkle Regennacht schicken, das Versiebte zu besorgen. Setzen. Essen. Wein trinken. Und ab dann nur noch faulenzen. Auf der Terasse dampft der Hot Tub, in der Stube prasselt gut genährtes Feuer, ein Sessel ist bequemer als der andere – Idealbedingungen.

Ich stehe am Samstag schon lange vor den anderen auf, und betrachte aus dem Hot Tub, wie sich die Nebel über dem Fluß und aus dem Wald lichten, um einer überraschend kräftigen Sonne Platz zu machen. Das war nicht vorgesehen, wir hatten vielmehr mit einem total verregneten Wochenende vor dem Kamin gerechnet. Aber frau ist flexibel, wählt statt dickem Wollpulli den Sarong und folglich verbringe ich den ganzen Tag mit dem neuen Pratchett in der prallen Sonne draußen auf dem Deck. Manchmal besuchen mich meine eher lichtscheuen Begleiter für ein paar Minuten (bevor sie wieder im Dunkel geschlossener Räume verschwinden) und am Nachmittag, als die Sonne in den Redwoods verglüht und es schlagartig kühler wird, bekomme ich meinen Kaffee in den Hot Tub gereicht. Mann, geht’s mir gut! Für ein paar Minuten kommt es zu Aktionismus und wir steigen auf “unserer” Treppe hinab zu “unserer” Bootanlegestelle und machen ein paar Photos. Dann machen wir Pause. Und dann ist es wie immer: Christoph heizt uns ein, wir essen und trinken gut und schauen anschließend dem Feuer beim Brennen zu.

Sonntagfrüh gönne ich mir und meinem Rücken (es wird Winter und er meint, dass er darauf mit Schmerzen reagieren will) noch ein letztes Mal Aufheizen im Hot Tub. Nach dem Frühstück packen wir unsere Siebensachen wieder ins Auto, bringen mit Bedauern den Schlüssel zurück und fahren auf dem Highway One über Bodega Bay (ein Abstecher zu Mr. Hitchcocks Vögeln) und Point Reyes (“Occupy Point Reyes” im Dorfzentrum (3 Mann und ihr Plakat), ein herrlicher Sonnenuntergang am North Shore und so saukalt, dass mir gestattet wird, heute den ganzen Tag darüber zu schimpfen) wieder heim. Ehrenvolle Erwähnungen und Dank gehen an Toni, “The Driver” und Christoph, “The Stoker from Hell” sowie den Hot Tub (es geht nix über ein paar Stunden in heißem Bubbelwasser weichkochen).

So geht Erholung. Das machen wir wieder.

*Die Photos entsprechen der Wahrheit. Es ist wirklich so schön, wie es aussieht.

“Du hast ja keine Idee!”

Das bedeutet nicht etwa, dass man seinem Gesprächspartner wenig Kreativität oder gar Einfallslosigkeit unterstellt, sondern ist viel mehr ein Zeichen dafür, dass man hier in der Duden-Diaspora wesentlich mehr Englisch als Deutsch spricht und halt mal schnell aus der Lehnssprache in die Muttersprache rückübersetzt.

Noch ein paar Jahre und wir sprechen alle wie Chris Howland…

Zu schnell

ist das Yellow Cab heute an mir vorbeigefahren, als dass ich ein Photo von dem Sikh am Steuer hätte machen können. Das müßt ihr euch jetzt bitte einfach vorstellen: er trug einen Turban im passenden Taxigelb.

Electric Monks?

Ingenieure, und besonders Software-Entwickler habens ja allgemein nicht mit Sozialkontakten (außerhalb von Social Networks), und führen häufig ein von der Welt abgewandtes Leben innerer Einkehr in engen lichtlosen Räumen. Nicht wenige leben zölibatär.

Heute ist mir bewußt geworden, dass es sich bei dieser Berufssparte um die neuzeitliche Version des Mönchs handeln muss. Danke dem Bewerber, der in seinem Lebenslauf darauf hinweist, er sei “proud member” des “Order OF The Engineer” (http://www.order-of-the-engineer.org/).

Mein heutiger Lieblingsbewerber

ist als Software-Entwickler eher unbegabt. Ich bin noch unschlüssig, ob wir seine “Accomplishments” dennoch in unserem Unternehmen nutzbringend einsetzen könnten:

Gain skills by working between two different departments, finding common ground between them – vielleicht Bürobote?
Coordinated and scheduled meetings and setup time – oder im Sekretariat?
Making decision based on situation and time – doch eher Management?
Networking with people – in Teilzeit, beschränkt auf Betriebsfeste?

Schauen wir uns mal seine “Activities” an, vielleicht gewinnen wir dann Klarheit:
– Actively involved in Homecoming Parade
– Flag management coordinator

Jetzt hab ich’s: wenn das nächste Mal eine Celebrity (Papst, Queen, Obama) zu Besuch in der Gegend weilt, darf er beim Umzug am Straßenrand mit Papierfähnchen wedeln.

Aber nicht auf meiner payroll.