Neu im Kino: Vor der Morgenröte

Das Thema könnte so dermaßen Schulfernsehen sein: ein alternder deutscher Schriftsteller in den ausgehenden 30er und frühen 40er Jahren im Exil.

Und dann macht Maria Schrader aus diesem vermeintlichen Langweileransatz einen grandiosen Film über Stefan Zweig (kongenial gespielt von Josef Hader – ja, dem Brenner-Hader) und den stetig wachsenden Konflikten des entfremdeder Werdenden mit Vaterland und Muttersprache, seiner Zerrissenheit an der als solche angenommenen Pflicht, weniger Priveligierten zu helfen und der zunehmenden Sprachlosigkeit angesichts seiner Entwurzelung.

Besetzt und gespielt zum Niederknien – danach möchte man nur noch Zweig lesen, weil’s ja doch schon eine Weile her ist, seit der Schachnovelle und Maria Stuart und…

Anschauen! Anschauen! Anschauen! Anschauen!

Erdbeermond

Ich hatte bei dem Namen eher einen Rotton erwartet, wurde dann aber von einem perfekt gerundeten riesigen Silbermond beschienen. Auch recht. Schon lange nicht mehr so gut geschlafen…

José-Pablo-Carlos-Juan-Enrique-Diego-Hector-Javier-Ésteban-Jésus de la Mañana

hat um eine Namensänderung ersucht. Er wolle sich hinfort José-Pablo-Carlos-Juan-Enrique-Diego-Hector-Javier-Ésteban-Jésus de Hoy nennen.

Meinen Segen hat er. Kaum drohe ich Anfang Juni damit, vom Kaufvertrag des im Januar bestellten, bezahlten und seitdem mit großer Vorfreude erwarteten Sekretärs zurückzutreten, schon legt er beim Schnitzen einen Zahn zu und das gute Stück wird soeben von zwei kräftigen Möbelpackern in mein Wohnzimmer getragen. Und ist genauso schön wie erhofft. (s. https://flockblog.de/?p=30148)

Bis zum nächsten Mal, wenn ich ein Möbel brauche, Señor de Hoy!

The streets are paved with gold. Oder?

Manch einer, sagt die Legende, sei auf das Gerücht hin nach Amerika ausgewandert, dass das Geld dort auf der Straße liege und man es nur aufzuheben brauche, wenn einem an einem Vermögen gelegen sei. Das ist, wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann, nur zu einem äußerst eingeschränkten Teil wahr. Bis auf einen einzigen Zwanzigdollarschein, von dem Toni noch heute behauptet, er müsse ihm ein Wimpernzucken zuvor aus der Hosentasche geglitten sein, habe ich eigentlich immer nur Pennies gefunden, an einem ganz guten Tag auch mal einen Dime und an besonderen Ausnahmetagen den einen oder anderen Quarter (in sieben Jahren geschätzte vier). Das ist zwar nett, langt aber nicht zum oben genannten Vermögen.

In Deutschland, spezifisch im Südwesten Münchens, ist das anders: hier habe ich in dieser Woche jeden Tag einen Euro von der Straße aufgeklaubt. Da kommt dann schon was zusammen, kein Vermögen, aber immerhin. Heute hat es bisher nur zu einem Fuffzgerl gelangt. Bedeutet das, dass meine Glückssträhne schon wieder zu Ende ist oder dass ich nochmal ausgehen soll oder dass sich für Geld zu bücken einfach auf Dauer doch kein lohnendes Geschäftsmodell ist?

Rock DJ

Wann ist denn das passiert? Selbst die Jüngeren unter meinen Freundinnen und Freunden feiern auf einmal schon ihren fünfzigsten Geburtstag und deswegen durfte ich neulich mithelfen, Vorschläge für die Playlist für den Party-Plattenaufleger beizusteuern.

Schon auffällig, was die paar Jährchen Altersunterschied bei der Musikauswahl ausmachen. Wo für mich Alt-Woodstocklerin* Titanen wie die Stones, die Eagles, Queen, Guns N Roses und die Who (diese Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit) eine unverzichtbare Selbstverständlichkeit sind, scheinen die bei diesen jungen Menschen gar nicht mehr so hoch im Kurs zu stehen.

Glücklicherweise wurde nach dieser Ära noch viel Musik produziert und so konnten wir uns dann doch noch auf viele schöne Lieder einigen. Hauptsache: tanzbar.

Let’s party!

* Okay, okay, ich war zu Woodstockzeiten noch in der Grundschule. Aber immerhin: schon in einer Bildungseinrichtung. Immerhin.

Neu auf Amazon Prime: “Preacher”

Die Vorlage für die Fernsehserie ist eine 10-bändige Graphic Novel von Garth Ennis und Steve Dillon, die ich sehr gerne mag. Sehr drastisch, sehr brutal, sehr lehrreich, wenn man wissen will, wie der gemeine Südstaatler und im Speziellen der Texaner an sich ist, wie er ist.

Wo die Verfilmung hin will, habe ich nach nunmehr drei Folgen noch nicht ganz verstanden. Sie ist bis dato eher lose an den Comic angelehnt (die Hauptfiguren sind der Vorlage entnommen und sehen sich ähnlich) kommt aber ansonsten daher, als hätten der Quentin und sein Spezl Roberto sich verabredet, ein Splatter-Movie zu drehen. Zwei Folgen gebe ich ihnen noch, bis dahin habe ich mir wahrscheinlich eine Meinung gebildet, ob die Umsetzung in ein anderes Medium gelungen ist.

Wer mag, bilde sich seine eigene. Neue Folgen gibts immer montags auf Prime.

Mehr Jazz

Das war vielleicht was, gestern in der Unterfahrt: eine 26-Jährige (Anna-Lena Schnabel), die aussieht, als dürfe sie im Kino noch nicht mal alleine in Filme ohne Jugendfreigabe und dann – trotz Erkältung – ihrem Saxophon Töne entzaubert, um die sie mancher Alte beneiden dürfte, ein Pianist (Florian Weber), der die Saiten seines Steinway mit allerlei Unfug belegt (Flaschen, Klimperlinge, Dies, Das) und auf diese Weise das Instrument ganz neu klingen läßt, ein Bassist (Phil Donkin), stets im innigen Dia- oder Trialog mit seinen Quartettkollegen und der sich so richtig freuen kann, wenn sie wieder zusammen- oder auseinanderfinden und ein Schlagzeuger (Dan Weiss), der keine Zimbel auf der anderen läßt.

Das Anna-Lena Schnabel Quartett stellte seine erste gemeinsame Platte “Books Bottles and Bamboo” vor und wem nach einem ungewöhnlichen Musikerlebnis ist, dem sei sie von Herzen empfohlen.

Neues aus Schilda

Gehbahn nicht befahrbar.

Hmmm. Okay. Und was, liebes Baureferat der Stadt München, ist eine “Gehbahn” genau, bitte?

System kaputt

Schnell nach Feierabend Rucksack und Regenjacke oben abwerfen und dann noch was für die Mittagsbrotzeit morgen und das Abendessen heute besorgen, außerdem Pfandflaschen wegbringen. Dauert normalerweise keine 10 Minuten. Soweit der Plan.

Die Eingangstür zum Supermarkt geht nicht auf, dafür geht die Ausgangstür nicht zu. An der steht eine ganz arme weibliche junge Hilfskraft im Supermarktschürzle und muss den potentiellen Kunden in gebrochenem Deutsch erklären, dass “heute seit halb vier nix mehr System und darum ganz ganz lange warten, mindestens Viertelstunde.” Was soll’s, das liegt so knapp über meinem Zeitplan, dass ich mich auf das Abenteuer einlasse. Meine Fresse! Was eine Studie in technischem und menschlichem Versagen.

Der Pfandflaschenautomat tut nicht, der Flaschen annehmende Schürzenmann kann nicht kopfrechnen und reiht die Zahlen für die einzelnen Flaschengruppen auf einem Post-it untereinander. Noch unterschreiben, datieren und dazu sagen, dass dieser Bon-Ersatz nur heute gildet, und schon ist dieser Teil erledigt. Andere Supermarktmitarbeiter füllen Regale und Truhen auf, weil an Kassen und Waagen, wo sie sonst um diese Tageszeit rödeln, nichts mehr geht. An allen Kassen und Waagen? Nein, nicht doch. An der Wurst- und Käsetheke werkt ein einzelner Mensch, der gern auch was schneidet, die Scheiben dann weitab vom Besteller auf der einzige funktionierenden Waage an der Fleischtheke wiegt und des Hin- und Herrennens müde, aus voller Stimme sein “Darf’s auch mehr sein?” Richtung Kundin brüllt. Gut, die Aufgabe mit dem Brotbelag hätten wir auch gelöst, auf zu den Kassen. (Brot hol ich eh bei Pfister, sofern ich es bis zu deren Ladenschluß noch schaffe.*)

Zwei von sechsen funktionieren. Was man halt so funktionieren nennt. Der Scanner liest Barcodes, verwandelt sie in Zahlen, irgendwas in der Maschine addiert und das wars dann. Der Bezahlvorgang ist nämlich davon abhängig, dass sich die Kasse öffnet und das daaauuuuert. Ca. 10 Minuten pro Transaktion. Weil ich so flott war, muß ich nur warten, bis die drei vor mir ihre Einkäufe abgeschlossen haben. Die Schlange hinter mir windet sich inzwischen durch den halben Markt und alle sind aggressiv wie Hölle. Das Kassenpersonal, das (gemessen) bis zu 8 Minuten lang Löcher in die Luft starrt, bis Sesam sich endlich öffnet, die Kunden, die ihre Ware auf dem Laufband nach vorne schieben, die Kunden, die irgendwann entnervt und unter Beschimpfungen ihre vollen Einkaufskörbe auf den Boden knallen, andere, die das bissel fürs heutige Abendessen einfach irgendwo liegen lassen. Einfach alle.

Wie’s (wahrscheinlich) ausgegangen ist, lese man in Stephen Kings “The Mist” nach – ich war da zum Glück schon weg.

* Beim Bäcker hatte sich auch eine der beiden Kassen verabschiedet – Mann, war ich froh, dass ich das letzte Brot bekommen und sonst nix mehr gebraucht hab.