Böse Abkürzung

Es gibt so Buchstabenkombinationen, die verheißen nix Gutes. “SEV” ist eine davon und ganz weit oben im Olymp der Bösen Akronyme.

Für die Nichtnutzer Öffentlicher Verkehrsmittel: SEV steht für Schienenersatzverkehr und bedeutet, dass die U-Bahn in der Mitternacht von Sonn- auf Montag auf einmal vier Stationen vor zu Hause “hier endet” und der geneigte Fahrgast auf den wartenden Bus umsteigen muss, der ihn dann in mehr als der doppelten Zeit zu einer Haltestelle hinter der Wohnanstalt schaukelt, wo die Könnerin mit der Ortskenntnis aussteigt und doch schon gegen 01:00 Uhr früh Richtung Bett schwankt.

Die Schienenreparaturarbeiten sollen noch bis Mitte November anhalten. Da hilft wohl nur Augen zu und durch.

Saure Wochen

Beinahe hätte ich auf die Frage, wie meine Woche so war, geantwortet, dass mein Freitagnachmittagschnelleinkaufstrip zu Aldi den Höhepunkt darstellte. Dann ist mir aber zum Glück wieder eingefallen, dass ich diese Woche in den Genuß der  “Untold Stories” gekommen bin, einer  CD-Vorstellung des Shai Maestro Trios. Da gings mir gleich besser.

Mehr hier: www.youtube.com/user/shaimaestroofficial

Hottehü

Wir haben im Moment vier Stellenangebote über eine erkleckliche Anzahl von Jobbörsen draußen. Mit einem erfreulich hohen Rücklauf, was dazu führt, dass ich am Tag an die 20 Bewerbungen auf den Schreibtisch bekomme und ganze Tage mit Erstrundeninterviews verbringen. Nach über drei Wochen macht mir das inzwischen gar keinen Spaß mehr und ich möchte einstimmen in den Chor derer, die das Aussterben der deutschen Hochsprache beweinen.

Wenn ich mir diese Anschreiben ansehe, ist sie schon tot. Der Unterschied zwischen “das” und “dass”? Wird nicht mehr gemacht, warum auch? Was schert den Millennial der Konditionalsatz? Dass es durchaus seine Bedeutung hat, bei der Anrede auf Groß- und Kleinschreibung zu achten? Ach, woher denn? “Ich überreiche ihnen heute meine werte Bewerbung**” Satzzeichen finden sowieso nicht mehr statt. Zu umständlich. Von einem, der ein Meister in Geologie ist, hätte ich angenommen, dass er um die Schreibweise seines Studienfaches weiß. Nix is. Bei uns haben sich “Gologen” und “Goelogen” beworben – und nein, sie schrieben es nicht konsistent immer gleich falsch, was immerhin auf einen copy/paste-Fehler hätte hindeuten können. Und soweit ich das beurteilen kann, endet die Schullektürepflichtliste* dieser Tage bei Hesse. Zu dem Schluß komme ich, weil der Bewerber neulich, nach seinen Freizeitgestaltungsvorlieben* befragt, weit ausholt und alle seine erklärten “Steppenpferde” aufzählt: Rafting, Canyoning, Skifahren (aber nur Schwarze Pisten), Mountainbiking, Thaiboxen, hingegen die Frage, ob Reitsport auch dazu zähle, etwas irritiert beantwortet. Nein, mit Tieren habe er es nicht so.

Man muß Grammatik und Rechtschreibung nicht als Hobby betreiben, das kann gerne so seltsamen Menschen wie Bastian Sick oder mir vorbehalten bleiben. Aber sich ihrer Beherrschung ganz und gar zu verweigern: das ist nicht schön.

* Hach! Diese Möglichkeit, unendliche Komposita zu bauen…

** Ich zitiere wörtlich.

Wer die Wahl hat

Immer, wenn man in Amerika wen fragt, warum um Himmels Willen von gleichwertigen Produkten immer zig, ach was, zig hoch drei verschiedene Varianten angeboten werden, bekommt man (und zwar wirklich jedes Mal) die von einem von einem von Unverständnis zeugenden Blick und einem Schulterzucken begleitete Antwort: “Americans love choices.” Wenn man’s recht bedenkt ist das wenig verwunderlich in einer Nation, in der Shopping als legitimes Hobby gilt und der homus americanus ohne Kaufnot, -bedürfnis oder gar -bedarf ganze Wochenenden in der Mall (Einkaufszentrum) abhängt. Irgendwas Kaufenswertes aus der zig hoch drei-Auswahl wird ihn dann schon anspringen. Soweit dazu.

Zurück nach Deutschland: Ich war ja in den Supermärkten in der Bay Area anfangs total verblüfft von der Dosenbohnenauswahl, die umfaßte nämlich immer mindestens soviel laufende Meter wie in einem deutschen Lebensmittelgeschäft die gesamte Konservengemüseabteilung zusammen. Wenn man nun davon ausgeht, dass es einen direkten Zusammenhang mit dem hohen Anteil hispanischer Anwohner gegeben haben muß, kann man im Umkehrschluß nur annehmen, dass es in München gar keine Hispanics gibt. Ich habe in drei Supermärkten nämlich nur Kidneybohnen in häßlicher roter Westernsauce gefunden und frage mich, wie ich mit denen (lang wässern, damit der eklige Westerngeschmack weggeht und wie schmeckt eigentlich Western?) einigermaßen originalen karibischen Schmorochsenschwanz mit R&B (Rice and Beans) kochen soll? Hmmm?

A bisserl a Auswahl hätt ich dann schon auch gern g’habt. Oder wenigstens noch eine Portion von Carmens Mammitas twice cooked beans im Tiefkühlfach. Die tät’s auch.

Guten Morgen Deutschland

Sendersuchlauf im Autoradio. 1. Stop: Helene reitet atemlos durch die Nacht. Weiter. Nächster Halt: Herbert knödelt von Kommandokindern. Hrrgggn! Weiter. 3. Stop: Jemand mit einem bayerischen Dialekt wie ein Discounterdirndl macht ganz furchtbar schlechte Wortspiele mit den Namen von FC Bayern Spielern. (Warum ist der FCB Torwart immer besoffen? Weil ständig irgendwer “Prost Neujahr” sagt.)

Morgen packe ich CDs ein.

Gelesen: Ramez Naam – Nexus Trilogie

Goldman Sachs habe ich, wie wahrscheinlich die meisten, bisher vorwiegend mit globalen Finanzkrisen in Verbindung gebracht. Die können aber auch anders. Sie fragen nämlich alljährlich ihre Executives weltweit nach Buchempfehlungen. Da kommt viel Mist raus, Schlimmratgeber, Angebergelese von der New York Times Bestsellerliste und Langweilerzeugs über Geld und noch mehr Geld. Kann man getrost ignorieren.

Eine Bankerin allerdings empfahl mit den Worten “Not for the faint of heart” die Nexus Trilogie (Nexus, Crux, Apex) von Ramez Naam; Science Fiction im besten Wortsinne. Es geht um eine bewußtseinserweiterende Nano-Droge (Nexus 5), die im von den jungen Silicon Valley Entwicklern geplant-gewünschten best case das Leben der Menschheit bereichert (autistische Kinder und ihre Eltern können auf der nunmehr nicht mehr von Sprache abhängigen Ebene endlich kommunizeren, der Schwarm lernt schneller und mehr als das Individuum) und im worst- und Mißbrauchsfall Menschen zu willenlosen Handlangern übelgesonnener Schurken macht (ferngesteuerte Attentäter, devote Sexsklaven). Die Szenen aus dem amerikanischen Präsidentenwahlkampf im Jahre 2042 lesen sich sehr erschreckend wie aktuelle Zeitungsberichte und zukünftige Whistleblowers sterben schneller und mieser, als sie “Asyl” sagen können.

Ich habe ich an den letzten beiden Wochenenden alle drei Bücher verschlungen (Nexus ist das beste, dann Apex, dann Crux) und falls wer trübe Herbsttage mehr fürchtet als mitteldüstere Nahzukunftszenarios seien ihm/ihr die knapp 1800 Seiten schwer empfohlen.

Als Zuckerl berichtet Naam übrigens im Anhang immer über die neuesten Entwicklungen in Gehirnforschung und Nanotechnologie. Sooo weit weg ist das alles gar nicht. Really not for the faint of heart.

Schuster, bleib bei deinen Leisten

Erinnert sich noch wer an den Slogan “Intellektuelle in die Produktion” bzw. wie es zu meiner Zeit seinerzeit hieß “Geisteswissenschaftler in die Industrie”?

Das ist dabei herausgekommen:

verweildauer1

(Diese Meldung bekommt man angezeigt, wenn man sich bei einer Flugbuchung auf der website der Lufthansa von einem Telefonat ablenken läßt und der Texter – höchstwahrscheinlich – mehr Göthe als Wöhe gelesen hat.)

Hard Rain

Montag: ich bin verabredet. Konzert. Schon auf dem Weg vom Büro zur häuschenlosen Bushaltestelle hagelt es und hört auch nicht auf, schon gar nicht, als sich der Bus um über eine Viertelstunde verspätet. Erst als ich tropfnaß und mit Restreif in den Haaren den letzten Sitzplatz erobere. Ich komme zu spät.

Dienstag: ich bin verabredet. Zahnarzt. Schon auf dem Weg vom Büro zur häuschenlosen Bushaltestelle hagelt es und hört auch nicht auf, schon gar nicht, als sich der Bus um über eine Viertelstunde verspätet. Erst als ich tropfnaß und mit Restreif in den Haaren den vorvorletzten Sitzplatz erobere. Ich habe eine halbe Stunde Puffer eingebaut und komme pünktlich.

Mittwoch: Ich nehme das Auto. Kein Hagel. Nicht mal Regen.

Gut, dann weiß ich jetzt, wie man besseres Wetter macht.

Nachdem jetzt nun wirklich fast jeder was dazu gesagt hat,

komm’ ich auch noch daher. Herzlichen Glückwunsch, your Bobness, zum Gewinn des Literaturnobelpreises. Das hat mich richtig gefreut.

Außerdem ein großes Kompliment an Kurt Kister von der SZ, der den Begriff vom “Leitfossil” wortgeschöpft hat. Hätt’ ich nicht schöner sagen können.