
Kontrastprogramm
Das letzte Mal hat man mir einen teufelsschwarzen SUV mit eingebautem “Hau ab von meiner Straße” geliehen. Dieses Mal ist es ein Kleinwagen aus einer koreanischen Manufaktur geworden, der mir ehrlich gesagt viel sympathischer ist, weil handlicher und weniger wuchtig. Bloß, dass der Zwerg so ein unglaublicher Angsthase ist, das geht mir schon ein bißchen auf die Nerven. Alle Nase lang bimmelt und bammelt er (und es ist ein recht nerviges Bimmeln und ein erst recht obernerviges Bammeln) und schreibt mir dann, ich möge doch bitte die Hände nicht vom Lenkrad nehmen.
Nichts läge mir ferner, Kleiner. Und ich verspreche, mir selbst bei ganz schiimm juckender Nase das Kratzen zu versagen, wenn du mir dafür im Gegenzug versprichst, die Lärmerei zu lassen. Okay?
Gestern in der ARD: Tatort Hessen – “Falscher Hase”
Titel, Ambiente, Wortwitz, Sauwetter, schräge Dialoge, Tragikkomik – man wähnt sich im Weimar der Tschirner/Ulmen-Tatorte. Ist dann aber doch nur das triste Frankfurter Umland, das sämtliche Innenarchitekten seit den Achtzigern fluchtartig ver- und fürderhin sich selbst überlassen haben.
Die Geschichte ist nichts besonderes: verzweifelte Menschen täuschen ein Verbrechen vor, Schmalspurschurken versuchen sich an der Erpressung der Laienverbrecher und werden ihrerseits von den ganz großen Gangstern vorgeführt und die Polizei guckt ratlos zu.
Dennoch sind Buch und Regie von Emily Atef ausgesprochen komisch, die Besetzung grandios. Sie alle scheinen einen Riesenspaß dabei gehabt zu haben, ihre seltsamen Charaktere zu spielen. Allen voran Katharina Marie Schubert, deren scharfschießende (Ooops, I did it again) Biggi zum Niederknien ist. Überhaupt, die Frauenrollen. Ob die Neuwitwe in Beige (Judith Engel), die in ihrer beigen Wohnung ihre beige Ehe Revue passieren läßt oder die männerfressende Gangstergattin im Pelz (Johanna Wokalek) oder die Kommissarin (Margarita Broich), die sich den Avancen des sehr klein geratenen Staatsanwalts ausgesetzt sieht. Eine jede ein Genuß. Aber ich will nicht diskriminieren: die Männer sind nicht weniger komisch. Pars pro toto Ronald Kukulies, der einen wunderbar in Wolliges gepackten Nerd spielt, dessen Vorstellung vom guten Leben in einem vollen Kühlschrank und seinem Flugsimulator besteht, auf dem er die Strecke New York-Frankfurt fliegt. In Echtzeit.
Frau Atef zitiert sich hemmungslos durch die Filmgeschichte (Taxi Driver, Fargo), kann sehr albern, aber manchmal auch so fein und herzberührend, dass es schier wehtut. (Es gibt eine Szene, in der sich Biggi am Krankenbett die Hand ihres Hajo vom Kommissar zurückerobert – schöner gehts nicht.)
Der Tatort dürfte noch eine Weile in der Mediathek sein und sollte angesehen werden.
Winter is coming
Es ist stockdunkel, als der Wecker klingelt, es ist immer noch stockdunkel, als das Taxi pünktlich vorfährt und es hat sich nichts an den Lichtverhältnissen geändert, als ich in den ebenfalls pünktlichen Zug einsteige. Wenn es mir bis dahin nicht klar gewesen wäre, dass der Winter vor der Tür steht, dann doch spätestens im Waggon: nun, da die Außentemperaturen gefallen sind, laufen die Klimaanlagen auf Hochtouren.
Ich bin zwar noch nicht in Ulm, aber schon schockgefrostet,
Noch in der Mediathek: “Vorwärts immer”
Ob es noch einen Film über die letzten Tage der DDR gebraucht hat? Eigentlich nicht, aber wenn doch, dann diesen. Ich unterstelle jetzt einmal frech, dass das Autorenkollektiv (Markus Thebe, Günter Knarr, Philipp Weinges) gemeinsam “To be or not to be” geguckt (zur Erinnerung: eine Theatertruppe trickst als nationalsozialistische Führungsriege verkleidet im Krieg Nazis in Warschau aus) und daraufhin beschlossen hat, dass sie sowas auch können. Thema: Mauerfall. Uhund Action:
Krenz (ganz herrlich, Alexander Schubert als machtgeiler Intrigant aus der 2. Reihe) und Mielke (André Jung) warten im Politbüro auf den Generalsekretär der Partei, und als der kleine Mann mit Hut und ekelhafter Fistelstimme kommt (Jörg Schüttauf, hach!), wird nach wenigen Worten klar, dass er a) genauso abgewirtschaftet ist wie sein Staat und b) ist alles nur Theater, hahaha! (s. Lubitsch, oben).
Beim großen Honecker-Darsteller, der hinfort alle Klischees vom großen Heldendarsteller bedient (s. Lubitsch, oben) zu Hause stellt sich mittlerweile heraus, dass das Liebtöchterlein (Josefine Preuß) ein Verhältnis mit dem Sohn (Marc Benjamin) des größten Schauspielkonkurrenten hat und wg. vergessenem Kulturbeutel (wer denkt da nicht an den Farbfilm von Nina Hagens Michael?) nun von ihm schwanger ist, was aber der Vater niemals wissen darf, da sie noch heute in den Westen “rübermachen” will.
Zwischenzeitlich taucht die Opposition (Jacob Matschenz) auf und zieht zwei grausig lächerliche Agenten der Staatssicherheit nach und alle rasen in ihren putzigen Trabis über baumbestandene Alleen nach Leizpig, wo der Westpassfälscher und die Montagsdemos sind. Was dann folgt, ist mit allen bekannten Versatzstücken zugepackt und sehr vorhersehbar. Liegt halt in der Natur der Zeitgeschichte, ist aber dennoch unterhaltsam. Am allermeisten hat mir gefallen, wie geschickt Musik eingesetzt wird, alte DDR-Größen wie Puhdys, Karat, etc., sogar Wolf Biermann, den hört Margot Honecker (die große Hedi Kriegeskotte) heimlich. Sehr lachen mußte ich, als der Generalsekretär der SED zu “Auferstanden aus Ruinen” die frischgebohnerten Treppen des Palasts der Republik herunterstürzt.
Nun wird weiter so lange verwechselt und geslapstickt (s. Lubitsch, oben), bis der Schießbefehl storniert ist, ein paar Menschen die Gelegenheit bekommen haben, Zivilcourage zu zeigen (alle im Widerstand gewesen, alle), die Schauspielertochter in der S-Bahn nach Westen sitzt und dann reitet der Sozialismus zu einem 50er-Jahre-Westernarrangement über sieben Bücken in den Sonnenuntergang.
Wie ich einleitend schon sagte: wenn noch einer, dann dieser.
Gelesen: Ferdinand von Schirach – “Tabu”
Wow! Eine Sprache wie spitzgeschliffenes Glas. Fast schmerzhaft.
Und der Diskurs über die Angemessenheit von Folter als Verhörmethode wird in mir noch sehr lange nachklingen.
Lesen! Lesen! Lesen! Lesen!
Dumm-Germanen
Irgendein Vandale hatte auf die Aufzugtür im Keller der Anstalt ein Hakenkreuz geritzt. Die Hausverwaltung befand auf meine Beschwerde hin die “Beschädigung als geringfügig” und bezifferte den Reparaturaufwand als im Verhältnis dazu zu hoch. Kann man anders sehen. Sollte man anders sehen.
Sieht aus, als wäre wer meiner Meinung und recht kreativ gewesen. Dieser Mensch hat einfach ein paar Striche hinzugeritzt und die so entstandenen vier Rähmchen mit lustigen Bildern befüllt. Sehr schön. Großes Lob!
Tour de Force
Der eine rast, den Fokus abwechselnd von der Straße vor ihm auf Ankunftszeitpunktsvorhersage des Navi richtend, als gälte es, die 24 Stunden von Le Mans in unter einem halben Tag zu schaffen und reminisziert auf der empfohlenen Stauausweichstrecke am Drackensteiner Hang, während er mal eben sechs Autos und den Mähdrescher überholt, hinter dem die herzuckeln, von den guten alten Zeiten, als er diese Strecke noch regelmäßig mit einem kräftigeren Boliden und wesentlich härter geschnittenen Kurven… Der andere sagt, mit starrem Blick auf die Verspätungsanzeige der DB vom Rücksitz aus die Minuten an, die es “hereinzuholen” gilt, damit in Ulm der Zug, der statt um 20:14 nunmehr um 20:22 Uhr abfahren soll, noch zu schaffen sei und untersagt Pinkel- und Rauchpausen, damit der Schnitt nicht etwa noch versaut werde.
Ich sitze derweil dazwischen, trinke sicherheitshalber lieber keinen Tropfen aus der eigens nachgefüllten Wasserflasche, wedle ab und zu den Fahrgastraum von Testosteronschwaden frei und denke so bei mir, dass bis 22:00 Uhr alle halbe Stunde ein Zug nach München fährt und mir eigentlich wurscht ist, welchen wir nehmen. Hauptsache wir kommen heil zu Hause an. Ich traue mich aber nicht, das laut zu sagen…
Um 20:13 Uhr stoppen wir mit quietschenden Reifen am Bauzaun vor dem Ulmer Hauptbahnhof. Der Fahrer wünscht von nun an “Pfeil” genannt zu werden. Machen wir. Ein anderes Mal. Bestimmt. Versprochen. Wir anderen beiden, die wir noch nach München müssen, sprinten mal flott mit unserem Gepäck über die Baustelle und durch unverhältnismäßig lange und häßlich Tunnels zum Bahnsteig 2, auf dem soeben der Zug nach München einfährt. Einsteigen! Durchatmen. Pipi machen. Heimfahren lassen.
Es ist, nebenbei bemerkt, ein netter Zug von der Bahn, dass bis Pasing keiner Fahrkarten verkaufen will. Ich denke, ich darf das als Bonus für die erduldeten Verspätungen während meiner Vielreiserei der letzten Wochen verstehen und habe keine Minute ein schlechtes Gewissen. Hah!
Homeward bound
Es ist schwülheiß im Hunsrück und die Arbeit will gar kein Ende nehmen. Deswegen bin ich abends so alle, dass ich, wenn es denn Anekdoten gäbe, keine Lust mehr habe, darüber zu schreiben, sondern nach Dusche, Nahrungsaufnahme und wenigen Seiten Buch einfach wegschlafe.
Dabei hat doch am Wochenende der Hunsrück-Marathon stattgefunden und so, wie’s die Kollegin erzählte, klang es, als habe ihr Sohn die Gesamtstrecke in Rekordzeit gelaufen. Hat er auch. Die ganzen 500 Meter. Dat dat Kind erst sechs ist und gar nit weiter rennen mußte, um einen Preis zu bekommen, dat hat sie natürlisch erst später berichtet. Aber immer noch berstend vor Stolz.
Mit alle Mann, tärä tärä, zum Ballermann…
Bis dato hatte ich angenommen, hier in der Region sei man nicht nur struktur-, sondern auch ein wenig kulturschwach. Das nehme ich hiermit zurück. Erst letztes Wochenende spielte Mario Basler sein Super-Programm “Basler ballert” vor ausverkauftem Emmelshausener Haus. Jaja, ich dachte auch erst, ich hätte mich verhört und man habe Mario Barth zugejubelt. Aber weit gefehlt. Es war tatsächlich der Ex-Fußballer.

Hauptsache ich spiele.“)
Mit seinen Sprüchen reiht sich Basler in die Ruhmeshalle der besten Fußballzitate ein.
Könnte man es treffender ausdrücken als sein Promoter? Ja, natürlich könnte man. Aber dann wärs halb so schön, oder?