
Worauf habe ich denn heute Lust?


Ich bin gebenedeit unter den Weibern. Denn ich habe IHN schauen dürfen. IHN. Den – wage ich wirklich, es auszusprechen? – den Heilsbringer.
Er arbeitet bei Edeka und füllt dort Regale auf. Aber nicht irgendwelche Regale. Nein, sein sind die Zellstoffprodukte. Küchenrollen. Und, yeah, brothers and sister, yeah, praise the Lord… Klopapier. Amen!

Binnen Augenblicken war er von alten Damen mit Wollmützen (scheinen Teil des Kult-Kostüms zu sein) umringt. Eine jede fragte IHN, ob sie denn wohl auch ein Packerl… und einer jeden gewährte ER es huldvoll. Mit einer Botschaft, für die man ihn nur noch mehr lieben kann: “Aber nur eins, die Dame. Andere wollen sich auch den Arsch abwischen.”

Es sind schon seltsame Zeiten, wo die Mitteilung “Boah, ich muss heute Abend noch einkaufen gehen” auf wirkliches Mitleid stößt.
John Oliver hat seine vermutlich vorerst letzte Show für die nächste Zeit am Sonntag vor einer weißen Wand in einem bis auf eine kleine Aufzeichnungscrew menschenleeren Studio gespielt.
Hut ab vor dieser Leistung! Späße machen ohne Publikum ist schwer.
Keine Schulkinder mit bunten Rucksäcken auf dem Buckel. Keine Schülerlotsen mit neonfarbenen Capes. Kein Stau auf der Autobahnzufahrt, auch keiner beim wieder Abfahren. Eine noch nie dagewesene Auswahl an freien Parkplätzen im Industriegebiet.
Ein bißchen gespenstisch ist das schon, was Corona mit uns macht.
Vor lauter Corona-Was-tun-wir-jetzt-Plänen-und-wie-sagen-wir’s-den-Mitarbeitern-Textentwürfen, bin ich den ganzen Tag nicht dazugekommen, meine blöde 25-Minuten-Breze zu essen und hab jetzt Hunger auf was Richtiges. Einen Topf Nudeln mit einer schönen Bolognese. Ja!
Sause ich halt noch schnell zum Metzger und hole mir ein Hackfleisch. “Nein”, belehrt mich die Metzgereifachverkäuferin meines Vertrauens, “das ist schon seit zwölfe aus. Aber ich geb Ihnen eine Nummer, da können’S morgen vorbestellen.” Ich weiß nicht, wie man Soße aus vorbestelltem Hackfleisch kocht, aber mir zu helfen. In Gehweite sind schließlich noch zwei Supermärkte, sollte ja kein Problem sein, da flugs ein Hackfleisch zu besorgen. Ich brauche schließlich weder Nudeln noch Klopapier. Mann, bin ich naiv! Beim einen sieht die Fleischtheke aus wie frisch aus der Reinigung. Beim anderen lungern noch ein paar unschöne gelblich-trockene Hühnerkeulen mit Gänsehaut. Tomatendosen hat keiner mehr.
Gut. Fleisch ist eh überbewertet. Dann halt Schwammerl in Rahmsoße.
Heute Morgen wollte ich beim Pfister nur schnell eine Breze für die Arbeit holen. Hat dann doch etwas länger gedauert. Vor mir standen nur Frauen an, denen Kriegs- und Nachkriegshunger ins Gesicht gemeißelt war. Jede mit einer Mehrzahl praktischer stabiler Stoffbeutel und das Brot kauften sie gleich laibweise.
Meine 25-Minuten-Breze wird bestimmt ganz besonders gut schmecken.
… wird mir zum ersten Mal so richtig bewußt, dass meine Freizeitgestaltung im wesentlichen davon abhängt, dass andere Menschen sich etwas ausgedacht und geübt haben und es mir dann vorzeigen.
Alle sind sie jetzt in Zwangspausen, allen geht es an ihre Existenz und sie dauern mich sehr.

…ist nicht etwa der Titel des neuen Stücks der Theatergruppe in Tölz, sondern der Grund für die Absage der Premiere.
Oy, Corona.