Corona-Schnipsel

# Viele Frauen wähnen sich seit der Beschränkung aufs häusliche Umfeld auf einer Turbozeitreise zurück in die Fünfziger. Quasi: Kinder, Küche, Corona. Häufig kommt erschwerend noch Homeoffice hinzu.

# Auf Twitter trenden die seltsamsten Hashtags. #QuarantineBeard verstehe ich noch (Mann + Auszeit = Bartwuchs), aber dass das Bundesministerium für Arbeit und Soziales nun die Bürger*innen dieser Republik samt und sonders zu #Krisenhelden verklärt, ist doch ein bißchen zu viel.

# Der Preis für den schönsten Virushelm 2020 in Tateinheit mit der schönsten Disziplinarmaßnahme geht an die indische Polizei:

# Winston says: “If you’re going through hell, keep going.”

Wiedergelesen: Ursula K. Le Guin – “The Left Hand Of Darkness”

“Die linke Hand der Dunkelheit” wurde mir vor Jahr und Tag von einem guten Freund empfohlen und die Lektüre war ein Erweckungserlebnis. Bis dahin hatte ich Science Fiction als Hefterl-Genre abgetan, um bei diesem Werk festzustellen, dass ich falscher nicht hätte liegen können.

Le Guin läßt ihren männlichen Helden als diplomatischen Emissär auf einen Planeten reisen, bei dem das Klima der Polarregionen der Erde als milder Frühlingstag gilt. Die Bewohner sind androgyn, bis auf eine kurze Phase in jedem Monat, der “Kemmer”, in der sie sexuell aktiv und je nach Gegenüber und Bedarf, zu Mann oder Frau werden. Die “Dauerkemmer”, in der der Gesandte sich befindet, wird von ihnen als “Perversion” wahrgenommen.

Von dieser Prämisse ausgehend, behandelt Le Guin Themen wie Macht und Unterdrückung, Patriotismus, Beziehungsdynamik, Verbrechen (in einer Gesellschaft, in der jede/r jedes Geschlecht haben kann, ist Vergewaltigung undenkbar), Freundschaft, Nationalismus… und nichts hat in dieser Ausgabe zum 50. (!) Jahrestag des Erscheinungsdatums (1969) an Aktualität und Brisanz verloren.

Lesen! Lesen! Lesen!

Frage an die Polizei:

“Der Osterhase ist schlau und verbindet das Verstecken von Ostereiern mit der Bewegung an der frischen Luft. Diese ist weiterhin erlaubt. Zudem achtet er natürlich auf den Mindestabstand von 1,5m und wäscht sich vorher und im Anschluss seine Pfoten.”
[Anmerkung der Chronistin: Irgendwo in Bayern gibt es eine Region, wo das Eierbunny so ausgesprochen wird. Das dürfte dieselbe Region sein, wo schon früh “Schreiben nach Gehör” unterrichtet wurde.]

Beinah…

hätte ich vor lauter Nah- und Fernkunstempfehlungen unsere hiesigen hauseigenen Künstler*innen und Brettln und Bühnen vergessen. Nun aber flugs nachgeholt. Schauts. Und gebts was, wenn ihr könnt.

Till Hofmann, Grisi Ganzer, Alex Liegl und Gabi Rothmüller haben sich ein Rahmenprogramm ausgedacht und viele Kolleg*innen, die eigentlich zur Zeit im Lustspielhaus oder der Lach- und Schieß oder im Vereinsheim aufgetreten wären, liefern ihren Beitrag per Videoschalte von bei sich dahoam. Läuft zur Primetime im Fernsehen oder in der Mediathek, hier: https://www.br.de/mediathek/video/trost-kraft-und-kolleginnen-kabarett-der-bayern-abend-01-av:5e7cfead85e427001a041da0

Viel Spaß!

Corona-Schnipsel

# Lautstarke Diskussion auf einem der umliegenden Balkons: Wenn der Papst heute bei “urbi et orbi” einen Mundschutz trüge, zeugte das nicht eigentlich von mangelndem Gottvertrauen?

# Täusche ich mich, oder hört und liest man bei allen, die BoJo jetzt gute Genesung wünschen (gehört sich so, haben wir so gelernt), eine kleine gemeine klammheimliche Freude darüber heraus, dass es den ignoranten Dreckskerl selbst erwischt hat?

# Man muß es auch einmal wagen und Corona loben. Dafür, dass die Welt nun um einen Mißklang ärmer ist. Kein Rollkoffer. Nirgends. Nicht auf Asphalt, nicht auf Kopfsteinpflaster, nicht auf Rollsplit. Nicht viel zu früh am Morgen, nicht nachts, wenn der Kofferzieher spät nach Hause kommt. Kein Rollkoffer. Nirgends. Und die Welt ist besser.

# Letzte Nacht sollte ich einen Text über die wirtschaftliche Auswirkung der “Corona-Krise” entwerfen und merke beim Korrekturlesen, dass ich immer dann RTL-2-Empfänger geschrieben hatte, wenn Hartz-IV-Empfänger gemeint war.
Ja, ich möchte auch gerne wissen, wer für meine Träume verantwortlich ist. Sandmännchen, wir müssen reden!

# Ostern ist zu einem fast mystischen Datum im Umgang mit coronabedingten Restriktionen geworden. Frage mich, welche Variante wohl gemeint ist? a) Quarantäne beenden, egal wie? (zB Stein wegrollen und abhauen)? Oder b) Die Auferstehung von den Toten (und die Welt ist besser, als sie vorher war)?

# Wann ist eigentlich derzeit antizyklisch? Oder, anders gefragt: Warum geht die “besonders schutzwürdige” Greisengruppe immer noch vorzugsweise abends gegen sechs Winzmengen einkaufen?

# Seit Corona scheint die Angst der Deutschen vor der drohenden Hungersnot nach Feiertagen ins Unermeßliche gewachsen zu sein. Einerseits reicht die Schlange vor der Bäckerei gestern früh fast um den ganzen Block. Andererseits ist das bei der Zwei-Meter-Abstand-halten-Regel nicht ganz überraschend und es geht ja auch um alles (zwei nicht verkaufsoffene Tage).

# Was hat eigentlich 5G mit all dem zu tun?

Bei uns daheim

Die dreizehnjährige Tochter der Steuerberaterin ist im siebten Himmel. Endlich läßt man sie in Ruhe stundenlang zeichnen, ihr Leben könnte besser nicht sein. Der Versicherungsmakler kämpft sich jeden Abend durch den Spagat, den nunmehr dritten Harry-Potter-Band gleichzeitig und altersangemessen einem Fünfjährigen und einer Zwölfjährigen vorzulesen. Die Katzen der Beratersassistentin haben eine ganz genaue Vorstellung davon, wann ein Telefonat zu lang ist und was sie von geteilter Aufmerksamkeit halten. Falls wer sich fragt: grundsätzlich und ganz und gar nichts. Das neunjährige Zwillingspärchen der Anwältin hat die Organisation der elterlichen Homeofficezeiten übernommen: “Vormittags spielt Papa mit uns und Mama kann arbeiten, dann essen wir, dann spielt Mama mit uns und Papa kann arbeiten, dann essen wir, dann schauen wir einen Film an und danach könnt ihr beide arbeiten, wenn wir schlafen”. Sie haben das auf einen allerliebsten Plan gemalt, den mir die stolze Mutter selbstverständlich gezeigt hat. Beim einen fällt das Torwarttraining des Buben für einen Profiverein aus, beim anderen die Klassenreise und ganz besonders dauert mich eine Mutter, die bei jedem Telefonat erst mal erzählen muss, wie schrecklich es ist, dass ihr Sohn erst letzten Herbst in eine mehrere hundert Kilometer entfernte Stadt gezogen sei und man jetzt nur noch telefonieren könne. Ich ahne einen Zusammenhang zwischen Umzug, Entfernung und Muttertier, sage aber nichts.

Das sind alles Menschen, mit denen ich bis vor einem Monat nur qua Funktion zu tun hatte. Natürlich hat man auch “damals” immer kurz Smalltalk gemacht. Mit der Betonung auf “kurz”. Jetzt, in Zeiten von Corona und Homeoffice, lebt man für kurze Zeit mit ihnen. Mit ihren Kindern, Hunden, Katzen. Mit den Partner*innen, die mal wieder “Tschuldigung, nur ganz kurz…” irgendwo im gemeinsamen Haushalt etwas nicht finden können und “ganz dringend” brauchen. Man tauscht sich über Befindlichkeiten aus, findet Gemeinsamkeiten. Mit zweien duze ich mich inzwischen sogar.

Hmmm. Es mag kalt klingen, aber mir ist das eigentlich zu viel Nähe.