Aus dem Vokabelheft

Ein Hunsrücker Kollege ist nach längerer Abwesenheit wieder in die Firma zurückgekehrt und schimpft schwer: “Isch krieg Plack bei dem janze Rabamm hier!” Das einzige, was ich höre, ist “Rabimmel, Rabammel, Rabumm”, bin aber ziemlich sicher, dass er das nicht gemeint haben kann.

Habs mir später übersetzen lassen: “Plack” sei, was zwischen den Zehen wachse, wenn man für einen längeren Zeitraum auf Fußpflege verzichte, “Rabamm” entspreche dem hochdeutschen Begriff “Durschenanner” oder auch Trubel.

In gehobene Sprache transponiert: “Ich fürchte, ich bin gar nicht amüsiert angesichts der hier herrschenden Unordnung”.

Corona española

# “Die Spanier,” sagen Karins spanische Freunde und Bekannte, “spinnen. Todos. Totalmente”.

# In Spanien herrschen wesentlich strengere (und strafbewehrte) Vorschriften als bei uns. Menschenansammlungen, von mehr als einer (1) Person sind verboten. Alle haben Hausarrest. Ausgang ist nur erlaubt, um den Hund auszuführen*, Arzt und Apotheker aufzusuchen oder Lebensmittel einzukaufen. Und zwar flott und dann wieder ab nach Hause! Was dazu führe, dass viele Zeitgenossen ihren “inneren Franco” wiederentdecken und Denunziantentum zum Zeitvertreib gegen Langeweile geworden sei.

# Wie viele Südländer glauben auch Spanier an die allheilende Magie von Chlorbleiche und besprühen großflächig Häuser, Straßen, Autos. Dabei kenne man doch nur einen Menschen, der den Boden abschlecke und der wohne in Italien.

# Wer bloß in Spanien lebe, dort aber nicht von Kindesbeinen an sozialisiert wurde, nutze die Siesta (ein Nationalheiligtum, an dem auch während einer Pandemie nicht gerüttelt werden darf), um in menschenleeren Supermärkten seine Einkäufe zu machen.

* Wenn die gute Fee dem Durchschnittsspanier gerade einen einzigen Wunsch gewährte, dann würde es nicht verwundern, wenn ein inkontinenter Hund weit oben auf der Liste steht.

Gemein

Lektion üben, Lektion abschließen, nächste Lektion. So ist das im allgemeinen, wenn man was lernt. In meinem Online-Spanisch-Kurs (ja, den mache ich noch immer) wird der abgeschlossene Lernschritt durch ein Krönchen in einem dann geschlossenen goldenen Kreis gezeigt. Was habe ich mich neulich beim Scrollen erschreckt, als einige Altlektionskreise wieder Lücken zeigten.

Habe ich mich natürlich sofort daran gemacht, sie durch Wiederholen der Aufgaben rapidamente wieder zu schließen. Bravo, Duolingo! Ihr habt mich genau da erwischt, wo’s einer Perfektionistin wehtut.

Corona-Schnipsel

# Man kann gegen die Hamsterkäufer sagen, was man mag. Figurbewußt sind sie. Warum sonst wären in meinem Supermarkt seit Beginn der Splendid Isolation* die Light-Limonaden konstant ausverkauft?

# Selten in einer Wochenendausgabe so schnell durchs arg dünne Feuilleton gepflügt. Schrecklich, wenn’s gar nichts Neues mehr geben darf aus der Welt von Kunscht und Kultur. Was bleibt ist eine Ansammlung von Nachrufen.

# Ist das typisch deutsch? Diese seltsame Lust am Verbot gepaart mit der Freude, sich der Ordnungsmacht als Erfüllungsgehilfe hinzugeben?

# Wer anderen Schutzmasken wegklaut, der ist ein Pirat. Wenn er Präsident ist, heißt er Pirate-in-Chief (https://bit.ly/2JIhTRp). Schurken sind beide.

# Vorhin zwei Männer beobachtet, die einander wohl schon länger nicht gesehen hatten, und sich mit einem herzhaften Handschlag sowie einer Männerumarmung mit deftigem Dem-Anderen-auf-den-Rückenklopfen begrüßten. Kombiniere: entweder taubstumm oder dumm.

# Sehr über eine britische Arbeitskollegin lachen müssen, die erzählte, dass der Gatte neulich teuerstes ZEWA-Klopapier ergattert habe. 5-lagig. Das an sich sei ja soweit okay, aber sie wisse genau: “After Corona, there is no going back”.

# Wo wir gerade bei Zellstoffprodukten sind. In meiner Wohnung stehen in jedem Eck Tissue-Boxen. Die sind jetzt alle leer, also muß ich demnächst Nachschub einkaufen. Kann ich, wie sonst auch, einen Sixpack nehmen oder ist das dann Hamstern (oder sieht so aus)? Schweres Dilemma. Mache mir echt Gedanken.

# Übrigens: Höflich, gar fürsorglich ist, wer ganz schnell mit dem Lift abhaut, wenn er die alte Nachbarin mit ihrem Rollator heranwackeln sieht.

* Wenn man den “Stay the Fuck at Home”-Zustand ersatzweise Splendid Isolation nennt, klingt er gleich viel erträglicher. Fast wie selbst gewählt. Doch, echt. Probiert’s mal.

Gelesen: Renée Nault – The Handmaid’s Tale (The Graphic Novel)

Bei einer Schulaufgabe hätte ich drunter geschrieben “Thema verfehlt”. Renée Nault zeichnet allerliebste Wasserfarbenbilder der “Handmaids” (zur Reproduktion gezwungene Frauen im religiös-fanatischen patriarchalischen Staat Gilead), in feuerroten voluminösen Gewändern, bei denen mein Unterbewußtsein anfing, Melodien aus Mary-Poppins-Filmen zu pfeifen.

Sie hat’s, glaub ich, einfach nicht ganz verstanden. Ihre Handmaids sind weiße gutaussehende junge Frauen mit so wenig distinktiven Merkmalen, dass man sie kaum voneinander unterscheiden kann. Wäre aber immens wichtig gewesen, wenn alle Uniformen tragen. Die Frauen der herrschenden Klasse sind ältlich und vertrocknet und tragen irgendwas viktorianisch Anmutendes in Bleue mit Schleier. Sie hat sich aber nicht die Mühe gemacht, diesen Schnitt für die Unterklasse zu verändern. Grundverkehrt.

Die Bilder sind seltsam gefällig. Das mag für die Rückblenden in eine bessere Vergangenheit angemessen sein, ist aber für die Gegenwart in einem Unterdrückungsstaat doch recht unpassend. Ob frisch Gehängte von Haken an der Mauer baumeln, ob die öde Kammer, in der die Protagonistin gefangen gehalten wird oder wenn die Handmaids ihre blutige Rage an einem Vergewaltiger auslassen – der Schrecken von Gilead vermittelt sich nicht. Erst recht nicht, als sich June (“Offred”), die Heldin, auf einen Zeugungsakt mit dem Chauffeur einläßt. Die Szene hat eher was von einem romantisch-versteckten Stelldichein und falscher geht es nicht.

Schade, das Medium würde soviel mehr hergeben. Aber hier will es scheinen, dass Renée Nault einfach auf der Erfolgswelle der Verfilmungen mitgesurft ist. Wer’s lesen will, kann meins haben. Noch mehr Geld muss man dafür nicht ausgeben.

Déjà vu

Grad vorhin beim Duschen fiel es mir ein. So eine Periode, in der ich unter der Woche richtig richtig viel zu tun habe, und am Wochenende viel Zeit mit Blogschreiben und am Telefon mit friends und family verbringe, gab es in meinem Leben schon einmal. Vor elfeinhalb Jahren. Da war ich gerade frisch nach Amerika umgezogen und in einer Art Neulandquarantäne.

Dort hat man mir den Pazifischen Ozean vors Haus gelegt.

Ich sag ja bloß.