God bless America!

Ein Freund aus Kalifornien berichtet, er habe Symptome verspürt und sich deswegen testen lassen wollen. Nach einer Telefonodyssee habe er endlich wen dran gehabt, der ihm die üblichen Fragen gestellt habe. Mit Infizierten Kontakt gehabt? Welche Symptome? Seit wann? Und habe er sich in einem Gebiet aufgehalten, in dem das Virus aufgetreten sei? Seine ehrliche Antwort: “Ja, in den USA” habe die Person am anderen Ende damit quittiert, dass sie ganz sanft den Hörer aufgelegt habe. Seitdem gehe an der Nummer keiner mehr ran.

PS: Dem Freund gehts wieder besser, er weiß aber bis heute nicht, was ihm gefehlt hat. Wir hoffen auf eine Covid-19-Infektion mit mildem Verlauf und nun jede Menge Antikörper.

Gelesen: Elizabeth Strout – “Olive Kitteridge”

Mit einer Beschreibung tue ich mir schwer, denn eigentlich passiert nicht viel. Uneigentlich schon, ein ganzes Leben nämlich. In einer Kleinstadt in Maine. Meer, Jahreszeiten, Wetter. Menschen.

Mit welcher Herzenswärme Strout die condition humaine in ganz messerscharfe Sätze faßt, wie sie keine ihrer Protagonistinnen und Protagonisten je verrät, ganz egal, was für ungewöhnliche Charaktere sie sein mögen, das ist ganz große Kunst.

Lesen! Lesen! Lesen!

Nachtrag: Ein zweiter Band wird in diesem Jahr erscheinen. Eine Verfilmung gibt es auch, mit der großartigen Frances McDormand in der Titelrolle. Steht heute Abend auf dem Programm, ich werde berichten.

Corona-Schnipsel

# Bisher hat man sie aus den oberen Rängen immer eher mitleidig belächelt, die Erdgeschoßmieter hier in der Anlage mit ihren von allen anderen Nachbarn aus der Vogelperspektive einsehbaren ein-paar-Handtuch-großen Gärtchen. Inzwischen ist diese Abschätzigkeit eher einem leichten Neid gewichen. Da unten nämlich steppt der Bär. Der eine Gartenbesitzer hat ein Mini-Trampolin aufgestellt, auf dem die Kiddies fröhlich kreischend hüpfen, der andere offensichtlich Freunde zum Distanz-Grillen eingeladen. So um die sechs Personen tanzen da unten ihr Abstandhalterausweichballett und haben ihren Spaß. Der Dritte kürzt im Schweiße seines Angesichts mit einem Handrollmäher immerhin seine paar Quadratmeter Grashalme. Hmmm. Die oben sind reduziert auf Lesen (ich, mäuschenstill), Musik hören (andere, laut), telefonieren (andere, lauter) sowie Wäsche aufhängen (Lärmbelästigung auf erträglichem Niveau).
Ist doch auch schön.

# Die Freundin, schon vor Jahren stadtgeflohen in ihr einsam gelegenes Häuschen am Waldrand, beschwert sich am Telefon bitterlich: “Die meinen wohl, jetzt wo Corona ist, hätten sie alle Wandertag.”

# Auch schön, dass Mutter Natur das Virus einfach am Arsch vorbeigeht. Jetzt ist Grünen und Blühen und die ganze Bienen-und-Blüten-Angelegenheit dran, und es grünt und blüht und fortpflanzt. Ende Gelände.

# Meine amerikanische Bank hat mir im Laufe der letzten Wochen in inzwischen drei e-mails das Konzept einer Überweisung (“direct deposit”) erklärt, verbunden mit der Frage, ob ich diese total crazy neue Methode nicht mal ausprobieren will. Statt physische Schecks hin- und herzuschicken. Wow! Es sieht aus, als bedürfe es einer Pandemie, um das Bankensystem in den USA ins 20. Jahrhundert (nein, kein Tippfehler) zu bringen. (Ich habe denen das von dem Tag an gepredigt, als ich meinen ersten Gehaltsscheck in eine Bankfiliale getragen und “gecashed” habe. Aber damals galt ich noch als “Crazy European”.)

# Nicht vergessen: Viele Amerikaner bekommen ihre “Relief-checks” ($1,200.00 für besonders einkommensschwache Haushalte) später als geplant. Nicht, weil die US-Post ein maroder Verein ist (das auch, USPS ist konstant in den Miesen), nein, weil der Präsident darauf besteht, dass sein Name auf den Schecks steht. Den Verwaltungsaufwand dafür nimmt er billigend in Kauf. (15. April 2020)

# Von kurzarbeitenden Hunsrücker Kolleginnen höre ich, dass es bei ihnen zu Hause inzwischen so sauber sei, dass man vom Fußboden essen könne. Abgesehen davon, dass ich diese Form der Einnahme von Mahlzeiten noch nie erstrebenswert fand, stelle ich bei mir eher fest, dass ich derzeit, noch viel mehr als früher schon, bereit bin, Reinigungsarbeiten zu vertagen. Ich habe nämlich Morgen auch keine anderen Pläne.

# Hauptsache, die Spargel-Ernte ist sicher.

# Seit Jahren versuche ich die Welt von meiner Idee eines unkaputtbaren mitwachsenden temperaturadaptierenden selbstreinigenden einzigen Kleidungsstückes pro Person zu überzeugen. Hätten wir es schon, dann bräuchte der Obermufti der hiesigen Textilindustrie sich nicht zu beklagen, dass die “wie Blei in den Bekleidungsgeschäften liegende Frühjahrsmode auch verderbliche Ware” sei.

# All the babies born in 9 months will be known as the QUARANTEENS around 2033.

# Söder hatte die Wahl: Entweder, die Friseure öffnen wieder oder ganz Bayern wird ein einziger Passionsspielfreizeitpark.

Nicht vergessen

Den utter bullshit, den der first son-in-law, Jared Kushner, über die Verteilung der nationalen Notstandsreserven noch am 3. April 2020 verzapft:

“You also have a situation where in some states FEMA allocated ventilators to the states, and you have instances where in cities they’re running out but the state still has a stockpile. And the notion of the federal stockpile was it’s supposed to be our stockpile — it’s not supposed to be state stockpiles that they then use.”

Nicht vergessen

Der Präsident der USA ruft die Bürger Minnesotas, Michigans und Virginas auf, ihren demokratisch regierten Bundesstaat von den Corona-Restriktionen zu “befreien”. Mit Waffengewalt.

Sowas müßte dem Autor einer Dystopie erst mal einfallen…

Corona-Schnipsel

# Im Moment trendet unter amerikanischen Frauen der Slogan “Grey Hair, Don’t Care”. Der Ansatz hat eine andere Farbe als der Rest des Haupthaares und frau gibt sogar damit an. Auf Instagram präsentiert irgendeine D-Promi wöchentliche Updates unter “root-watch”. Was nicht alles geht, wenn ein tödliches Virus umgeht… (Der übliche Turnus meiner Palo Altaner Referenzbekannten war mindestens alle zwei Wochen ein Besuch im Beauty Salon. Mit alles. Frisur, Brauen, “Facial”, Mani/Pedi – ich hoffe, ich habe jetzt nicht vor lauter Unkenntnis was vergessen.)

# Bonpflicht. Genau. Da war was.

# In der österreichischen Presse liest man derzeit immer häufiger das Wort “Vernadern”. Immer in einem negativen Kontext, genau so häßlich, wie der Begriff schon klingt. Er bedeutet “denunzieren”, “verraten”, “hinhängen” und das scheint gerade in der Alpenrepublik zum Volkssport geworden zu sein.

# Nicht vergessen: 13. März 2020. In den USA sind kaum Tests verfügbar, aber der Präsident hatte bereits großkotzig versprochen, dass jeder, der das wünsche, getestet werden könne. Und nu? “I don’t take responsibility at all.”

# Bisher sah es so aus, als hätte das Jahr 2020 irgendwas gegen die Menschheit. Bin nicht mehr so ganz davon überzeugt. Immerhin könnte es das Jahr sein, in dem das Oktoberfest abgesagt wurde.

# Die Bento-“Irgendwasmitmedien”-Klientel scheint ihre drei großen Pandemie-P gefunden zu haben: Puzzeln, Pimpern, Pizza. Mehr war von denen auch nicht zu erwarten.

Aus dem Vokabelheft

Seit Mittwoch ist im Hunsrück immer nachmittags um 14:00 Uhr Kaffeeklatsch. Will heißen, wer Lust hat, klickt den Teams-Link an und schwätzt ein Weilchen mit den Kolleg*innen. Ist nett. Gleich beim ersten Mal war ich die einzige Frau unter lauter Vätern, die die Vor- und Nachteile einer ambulaten im Vergleich zu einer stationären Geburt durchaus kontrovers diskutieren. Heute ließ eine eine Kollegin in einem seltenen Fall von Offenheit wissen, sie sei „gelollen“. Von den Kindern (zu laut und lebhaft), vom Homeoffice-Gatten (zu da), vom Wetter (zu schön), zusammengenommen von der Gesamtsituation (zu Corona).

War jetzt nicht so schwer, oder? „Gelollen“ steht für “genervt” und wird im allgemeinen mit “schwer” verstärkt.

Corona-Schnipsel

# God Bless Florida. Es wäre kein anderer Bundesstaat denkbar, der Pro Wrestling als “essential business” definiert und die “Kämpfe” selbst während einer Pandemie, wenn auch vor leeren Rängen, stattfinden läßt.

# Das Gegenteil von Homeoffice ist… hmmm… Awayoffice? Falls es wem wirklich sehr arg fehlt: https://imisstheoffice.eu/.

# Was nie vergessen werden soll: “Easter is a very special day for me. So I think Easter Sunday and you’ll have packed churches all over our country—I think it will be a beautiful time. And it’s just about the timeline that I think is right.” (45 am 24, März 2020)

# Lieblingshashtag des Tages auf Twitter: #MamaNeedsACocktail#ButAXanaxWillDo

# Auch schön: wie gerade Binsenweisheiten (schreib dir einen Einkaufszettel, renn nicht kreuz und quer durch den Laden, mach dir einfach verdammt vorher Gedanken, was du brauchst) zu “Einkaufstips” für das “gezielte Einkaufen von Vorräten” hochgejazzt werden. “Hamstern”, das sind die Anderen.

# Bei mir unten in der Fußgängerzone ist ein Wettbewerb der guten Taten im Gange. Junge Menschen bieten Alten an, für sie einzukaufen. Auffällig ist, dass die Klientel recht wählerisch zu sein scheint. Bei den Pfadfindern St. Canisius sind schon alle Zettel mit den Telefonnummern abgerissen, bei Ali+++ erst einer.

Corona-Bilder-Schnipsel

Die TAZ gibts grad für umme.
Rio de Janeiro, Doc Jesus

Eine Meldung hier ist nicht Corona-related. Wer sie findet, darf sie seinem Fisch füttern.