Überfordert

Schuhe habe ich ja noch verstanden. Aber ich habe wirklich keine Ahnung, was die Samwers mir da jetzt andrehen wollen…

Gelesen: Erika Stephan – “Mein Kochbuch ‘Pfeffer und Salz’, 70 traditionelle Hunsrücker Rezepte”

Eine sehr liebe Kollegin aus der Region, in der traditionell im Oktober in mehreren Orten “Kartoffeltage” (mit Knollenkönigin und allem) begangen werden, hat mich reich beschenkt, wohl wissend, dass ich jedes Buch, das man mir gibt, mindestens anlese. Werde zwar auch künftig weiten Abstand davon nehmen “mutig mit Maggi” zu würzen, aber Schales (Dippekuche) kommt demnächst im Hause flockblog auf den Tisch. Sobald ich alle Zutaten der Ich-bin-auch-Dichterin-Autorin übersetzt habe…

Schales ga’s früher am Sabbat
dofor musste 1-2 kg Krombiere schiele und rappe,
bissche Salz un Pfeffer dabei,
en Schuss Maggi es is der letzte Schrei.

De Krombieredeih nun en die Pfann,
knusprig brote, net zu lang,
immer bissche umrühre un wende
in 20-30 Minute fertig -Ende,

Zum Schales gibt’s selbstgemachtes Appelmus,
es fa de Gaume und de Mund wie en Kuss.
Fa det Süßmeilche noch Reisbrei,
awa sonst gar nix meh dabei.
Dat Esse es billig un gesund,
war früher un heut en berechtigter Grund.

Gelesen: María Hesse, Fran Ruiz – “Bowie – Ein illustriertes Leben”

Die Weihnachtsferien sind für mich seit ich denken kann die Zeit, in der ich endlich dazukomme, meine Geburtstagsgeschenke wegzulesen.

Gestern die Bowie-Biographie in Bildern. Präzisiere: in Farbstiftzeichnungen, in psychedelischen Farben- und Formentaumelräuschen. Der Text in Ich-Form erzählt.

Doch, ein schöner Ansatz, das Leben eines Geschöpfes zu beschreiben, das sich, so lange es hier zu Gast war, immer und immer wieder neu erfunden hat.

Ergebnis: ich höre heute schon den ganzen Tag Bowie.

Gelesen: Nana Kwame Adjei-Brenyah – “Friday Black”

Regelmäßige Leser*innen wissen, wie ich mich immer freue, wenn ich eine neue Stimme lesen darf.

Ich freue mich. Und wie. “Friday Black” ist eine Sammlung sehr außergewöhnlicher Kurzgeschichten über Rassismus (und man glaube nicht, dass sich in einer mittelfernen Zukunft irgendetwas geändert haben wird), den imminenten Weltuntergang, und die entsetzlichen Nebenwirkungen des herrschenden Konsumismus.

Lakonisch, dunkel, hoffnungslos. Ganz klare Sprache. Großartig.

Los jetzt! Lesen! Lesen! Lesen!

(Die deutsche Übersetzung ist Anfang des Jahres erschienen.)

Auf meiner Empfehlungsliste

… erschien vorgestern dieser Film. Für die, denen es vor gar nichts graust, habe ich die komplette Inhaltsangabe aus der IMDB ergänzt (unten in kursiv). Die anderen mögen sich der verhärmten Missionarin Ingrid Bergmanns aus dem alten Orient-Express-Film erinnern, deren Beschreibung die bis heute beste Zusammenfassung des Geistes christlicher Missionsarbeit wiedergibt (https://www.youtube.com/watch?v=q3wG8_VCCM8). Bleibt die Frage, was den Algorithmus umtreibt, mir so einen Schund zu empfehlen? Ich nehme mal zu seinen Gunsten an, dass er mir Material für den blog liefern wollte – allein das Salz im Titel durch Glaubensfüllung zu ersetzen, spricht Bände.

… in the hope of bringing some Christmas spirit (in the form of laughter and fun) into the community. Now on her own, Simon’s wife Emily convinces her friend Betty (a skeptic) to join her for the day. They proceed to the home of Emily’s son, Walter, who it turns out is African-American and was adopted when he was 12 years old. Walter and his wife Ruth (also African-American) now have two adopted 17-year-old sons in the home (one African-American and one Caucasian). There is also a Hispanic 3-year-old female foster child in the home. Walter and Ruth proceed to take the foster child to a visit with her biological mother while Emily and Betty join her adopted grandchildren to undertake some evangelism on the beach. One of the adopted boys is hoping to see his biological mother (a homeless woman) while they are on the beach, which does, in fact, take place. The film is a drama with numerous moments of humor and highlights a family actively involved in foster care, adoption, homeless ministry, and nursing home ministry, and the moments those ministries create. It is a film about the joyous adventure which constitutes the Christian life. Because we filmed in South Florida, we were able to create a rich tapestry of cultures and ethnicities throughout the film.

Nicht mehr neu auf Netflix – Sense8

Weihnachtsferien sind bei mir traditionell Binge-Watch-Zeiten. Wann sonst komme ich dazu, dieses Eine-Folge-noch-und-danach-wirklich-ins-Bett-Verlangen ohne die häßliche Oh-verdammt-ist-dieser-Arbeitstag-lang-lang-lang-Reue zu befriedigen? Die erste Serie ist geschafft. War sie gut? Hmmm, schwierig.

Worum geht es? Acht Menschen, quer über den Erdball verteilt, fühlen auf einmal eine psychische Verbindung zueinander und sehen sich sofort einem feindlichen Gigakonzern gegenüber, der sie deswegen ausmerzen will. An sich ein spannender Plot, Science Fiction, aber in der Gegenwart angesiedelt. Diese acht Menschen sind so unterschiedlich wie die Weltbevölkerung halt ist, in Hautfarbe, Klassenzugehörigkeit, sexueller Identität, haben aber alle eines gemein: sie sind jung und schön, leben in Großstädten (alphabetisch: Berlin, Chicago, London, Mexico City, Mumbai, Nairobi, Reykjavík, San Francisco, Seoul), die Männer zeichnen sich durch ungemein definierte Körper aus, die Frauen changieren an der Grenze zur Magersucht. Wie sie halt aussieht, die Weltbevölkerung. Hmmm.

Location Scout hätte man sein wollen in dieser Produktion der Wachowski-Schwestern. Man wäre herumgekommen und hätte nebenher seine Ausbildung als Makler für die schönsten Dachterassenwohnungen weltweit abschließen können. Meine Fresse!

Die Bilder sind über zwei Staffeln hinweg durchgehend grandios. Der Soundtrack hätte besser nicht sein können und man hat auch nicht am Cast gespart. Warum nur bleibt trotzdem ein schales Gefühl zurück?

Weil die Figuren Typen bleiben. Der Panzerknackerbub aus dem Tacheles-Berlin mit dem ungelösten Vaterkomplex und der Bazooka, wenn Nahkampf nicht reicht; die Tochter aus reichem indischen Hause, hin- und hergerissen zwischen Tradition (einen guten reichen indischen Mann heiraten) und Moderne (ich glaube, was sie da mit Pipette und Reagenzgläsern treibt, soll ein abgeschlossenes Studium der Pharmazie darstellen) und schon durch ihre pure Existenz Grund genug, eine unglaublich aufwendige indische Hochzeit fast in Echtzeit zu filmen; der Latino-Telenovela-Mucho-Macho-Action-Held, der seiner guten guten Mámá innig zugetan ist, und der kein Geheimnis besser hütet als sein Schwulsein; die weiße Transgenderfrau mit der Hackervergangenheit, deren Mutter eher einer Zwangslobotomie zustimmt, als von ihrem “Michael” zu lassen und die mit einer hinreißenden Frau anderer Hautfarbe zusammenlebt (Zweifliegeneineklappe, jaha) und so weiter und so fort. Ja.

Nochmal, die Bildsprache ist beeindruckend, aber selbst bei den Netflix geschuldeten softpornoartigen Sexszenen springt kein Funke über und das, obwohl “Sensates” fühlen, was die anderen fühlen und dies als Anlaß genommen wird, Rudelbumsszenchen zu zeigen. Alle mit allen, über alle bekannten gesellschaftlichen Grenzen hinweg. Huiuiui? Kein Effekt. Eher klinisch. Man holt sich halt derweil was zu trinken oder geht mal aufs Klo. Dann sind die fertig und die Geschichte geht weiter.

Wie etwas halt so “weiter” geht, wenn es keine wirkliche Basis gibt. Die einen haben eine Gabe, die anderen wollen sie töten. Geschichte aus. Das rechtfertigt einige sehr superschön choreographierte Kampfszenen (wie gut, dass die Heldin aus Korea von klein auf Kickboxen gelernt hat), ganz supergrausame Untergrundlabormenschenversuchsmomente mit Nazischergenlookalike-Ärzten, wirklich herzzereißende Rückblenden (“Wie-ich-in-einer-isländischen-Winternacht-mein-neugeborenes-Kind-verlor-und-trotzdem-erfolgreiche-Berghain-D-Jane-wurde”), supergrausige Junkie-Schmuddelschmiermatratze-Feuerzeug-unter-Löffel-Blubberzeug-koch-in-verlassener-Fabrik-Injektionen, superschlimme Tränen-aus-schönen-Augen-Trennungen und superwunderschöne Tränen-aus-schönen-Augen-Wiedervereinigungen im Gegenlicht. Hach! Und sooo fad.

Die Krönung ist das Netflix von den Fans abgerungene zweieinhalbstundenlange Kitsch-as-Kitsch-can-Serienfinale. “Amor Vincit Omnia”. Mon dieu! Alles, was ich im letzten Absatz erzählt habe, komprimiert und doch breitgetreten. Die Folge gipfelt in einer Hochzeit auf dem Eiffelturm. Mit Feuerwerk. Und dem gesamten Cast. (Wie gesagt, Location Scout hätte man sein mögen.) Zwei Frauen geben sich das Ja-Wort, und die Autoren sind sich nicht zu schade, die bis dato verkniffene ultrakonservative Mutter der einen nach dem Genuß von Special Brownies (jaha, mit Haschisch!) zur liebenden Toleranze mutieren zu lassen.

Ist ja recht. Jede/r soll jede/n lieben können, in jeder Konstellation. Fein. Macht doch alle, was ihr wollt. Das nächste Mal mit etwas weniger Ageism vielleicht?

Ob man sich das ansehen soll? Ich weiß es nicht. Mir hat es nicht gereicht. Es fühlt sich an, als hätte ich willentlich viel zu viel bunte Zuckerwatte gefressen. Kann auch mal nett sein, aber jetzt brauche ich was Richtiges.