Gelesen: Margaret Atwood – “The MaddAddam Trilogy”; Band 1: “Oryx and Crake”, Band 2 “The Year after the Flood”

Vorrede I: Margaret Atwood ist in der Literatur, was Meryl Streep im Film ist.

Vorrede II: Vorsatz fürs nächste Mal: Nicht erst kurz vor Ende der Winterferien anfangen, eine Trilogie zu lesen.
Oder wahlweise: Nächstes Mal länger Ferien machen.

Frage: Sollte man inmitten einer Pandemie eine dystopische Serie lesen, in der ein durch die Luft übertragenes Virus fast die ganze Weltbevölkerung auslöscht?
Antwort: Ja, unbedingt. Ich darf in diesem Zusammenhang das gute Kind zitieren, das auf die Frage, warum es dystopischer Lektüre den Vorzug gibt, sehr zu recht antwortet: “Weil sie viel interessanter ist, Mama.”

Die ab 2003 im Verlauf von 10 Jahren veröffentlichte MaddAddam Trilogie spielt in einer Zeit nicht weit nach der unseren. Die Menschheit hat Umwelt und Klima schon große Schäden zugefügt und lebt mit den Folgen. Die Privilegierten in “Compounds”, also von großen Konzernen unterhaltenen und streng gesicherten Lebensräumen mit sauberem Wasser, sauberer Luft, genmanipulierten Lebensmitteln, Gesundheitsversorgung, guten Jobs für gutes Geld, guter Bildung für den Nachwuchs etc., die “Deplorables” in den “Pleeblands”, ohne die oben genannten Vergünstigungen im täglichen Kampf ums nackte Überleben. Dort, in um die verrottenden Wohnbunker, etablieren sich “God’s Gardeners”, eine Art veganer Prepper-Sekte unter der Führung erfahrener “Adams” und “Eves”. Sie lehren ein striktes, ans Christentum entlehnte Gebots-/Verbots-Regelwerk*, pflanzen Dachgärten und legen “Ararats” an, Bunker und Speicher für die zu erwartende “wasserlose Flut”.

In “Oryx and Crake” schildert Atwood diese Welt aus der Perspektive der Compounds, in “The Year after the Flood” aus der der Pleeblands und baut mit Humor, Dramatik, Chuzpe und Sarkasmus ein Netz aus Figuren und Beziehungen auf, in das man beim Lesen unwillkürlich hineingesaugt wird.

Dann kommt sie, die wasserlose Flut. Wenige haben die Pandemie überlebt, in Band 3 kommen sie zusammen. Wie’s ausgeht, werde ich zu berichten wissen. (Hätte ich bloß die Ferien verlängert. Dann wüßte ich es schon.)

Bis dahin: Lesen! Lesen! Lesen! (Die Übersetzung des letzten Bandes wurde vor ein paar Tagen erst veröffentlicht und damit ist die Trilogie vollständig auch auf deutsch verfügbar.)

* Allein der “Heiligenkalender” ist ein Geniestreich.

Neu auf Netflix: Disenchantment – 2. Staffel

Nachdem sie am Ende der letzten Staffel den königlichen Vater gemordet hatte (versehentlich) und dafür samt Sidekicks auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden war, ist sie zurück. Bean, die Überbißprinzessin.

Diese 2. Staffel geht mit vollem Karacho los. Nichts ist, wie es scheint. Tote erstehen wieder auf, Scheintote auch, Wendehälse (sieht der Magus nicht doch Mitch McConnell ein wenig ähnlich?) wendehalsen, Schurken schurken, Verschwörer verschwören und Muttern bleibt die Schlimmste. Die Mixtur aus Shakespearschem Drama und Endzeitstimmung in Dreamland mit einem verfressenen, dem Wahn verfallenen König an der Spitze, seltsamem Nerd-Stiefbruder und reptiloider Piraten-Ex-Stiefmutter hat Tempo und Witz und geht auf. Bis ihr dann ungefähr in der Mitte die Luft ausgeht, und eine ganze Folge lang langweilig in einem Boot auf dem Meer herumgefahren wird, ohne dass die Handlung damit wesentlich vorankäme.

Dann ist die Flaute vorbei und Dreamland in großer Gefahr: was bedeutet die grüne Rauchsäule, die immer näher und näher kommt? Für die Auflösung dieser und aller weiteren Fragen (Wird Beanie ihre Nixe wiederfinden? Und wenn ja, bedient das Team um Matt Groening herum damit den Trend, dass Happilyeverafterlife jetzt auch gleichgeschlechtlich möglich ist? Was machen die Oger mit Elfo? Welche Intrigen spinnt Mutter Dagmar dieses Mal? Und gibt es auch ohne Trump noch genügend Parodiepotential?) heißt es warten. Auf die nächsten 10 Folgen der 2. Staffel.

Machen wir.

Rätsel

Richtet ein alter Mann die TV-Fernbedienung auf die Wanduhr und drückt zunehmend hektischer darauf herum. Hat weder Twitter noch Facebook. Wer ist das?

Auflösung: Traurig genug, es ist nur mein dementer Vater und nicht die orangeneste Person der Zeitgeschichte.

C-Schnipsel – Die Eidgenossen-Edition

Die Schweiz stellt sich dem Virus ab Montag mit einem extraharten Lockdown entgegen. Aus der Gebots-/Verbotsliste sticht dieses dann doch heraus:

In diesem Sinne, laßt uns gemeinsam anstimmen (zur Melodie von “Oh Tannenbaum”):

Oh Switzerland, oh Switzerland,
wie bist du so ambivalent.
Ein einig Volk von Brüdern,
singst nur noch du im kleinsten Kreis.
Dem Virus sind die Lieder
wurscht. Oh Switzerland, was für ein Scheiß.

Hey Google,

Heute ist der 16. Januar 2021 und du scheinst hinsichtlich des Endes der 45er-Amtzeit noch unentschlossen?

Ich möchte ein Biber sein*

Morgenstund’ ist allen Lärmes Anfang.

Diese Könige der Handwerkerzunft zeigen den Anstaltsinsassen jetzt aber mal, was ein Werktag ist. Was viele Montag bis Freitag ihrer Erwerbstätigkeit Nachgehende längst vergesssen haben: Der Samstag nämlich auch. Und so schlagbohren und schlaghämmern sich die Helden der Instandshaltungsarbeiten seit heute früh um sechs durch die in den Stahlbetonglanzzeiten der Siebziger Jahre erbaute Anstalt und mich viel zu früh in einen Zustand verwirrter Wachheit. Ganz besonders grausig: wegen der Schallleitungseigenschaften von Stahlbeton ist es unmöglich, die Richtung zu orten, aus der der Krach kommt. Fühlt sich an, wie Dolby Stereo Surround. Wenn jetzt noch das Pixar-Lämpchen ins Bild spränge… wie gesagt, verwirrt.

* Wie ich neulich in einer Naturkundekinderstunde im Autoradio gelernt habe, haben Biber die Fähigkeit, bis zu 20 Minuten tauchen. Weil diese glückliche Tiere ihre sämtlichen Körperöffnungen mit Membranen abdichten können. Die Ohren auch? Die Ohren auch. Heda, Evolution! Jetzt bin ich aber richtig sauer. Wenn’s beim Biber geht, warum dann nicht bei Menschen? Wie oft muss ich denn noch fragen? Würde mir gerne das Update herunterladen und umgehend jetzt gleich sofort installieren. Zefix!

PS: Zu singen nach der Melodie der NDW-Band Grauzone.

PPS: Schade, dass Beton nicht brennt.
Keine Ahnung, warum mein Hirn gerade am laufenden Band Siebziger-Reminiszenzen produziert. Nebenwirkungen von Stahlbetonschlagbohrungen? Alzheimer? Schlafentzug?