Gelesen: Adam Roberts – “Stone”

Die Menschheit lebt in Utopia. Endlich. Ihre Körper werden von Nanobots im Gleichgewicht gehalten, nicht zuviel, nicht zu wenig Hormonausstoß, Abnutzungen oder Verletzungen sofort repariert, das äußere Erscheinungsbild inklusive Geschlecht beliebig und beliebig oft modifizierbar. Kiemen, Federn, zusätzliche Gliedmaßen – alles, was das Herz begehrt. Alte Konzepte wie der Austausch von Waren gegen Leistung, Gewalt gegen Personen oder Dinge etc. sind längst überholt. Innere oder äußere Bedrohungen nicht vorhanden, interplanetares Reisen ohne großen Aufwand möglich, nichts im Weltenall außer Menschen. Einziges Bestreben dieser langlebigen Geschöpfe ist es, ihren Hedonismus auszuleben.

Auftritt: Der Mörder. Eine Anomalie. Er hat bereits getötet und ist auf einem ausbruchssicheren Gefängnisstern inhaftiert, umgeben von einer Waberlohe. Eine Stimme in seinem Kopf, vorgeblich eine dort mit seinem Hirnstamm verwachsene Künstliche Intelligenz, macht ihm ein Angebot: Ausbruch, Freiheit. Als Gegenleistung braucht er “nur” einen Planeten zu entvölkern, genauer gesagt: 60 Millionen Menschen umzubringen, und dabei deren Heimatwelt nicht zu zerstören.

Die ganze Geschichte lernen wir nur aus Sicht dieses Mörders kennen. Er diktiert sie, offensichtlich als Therapiemaßnahme, dem titelgebenden Stein.

Wow! Roberts packt alles in dieses Geständnis: Quantenphysik, Anthropologie, Philosophie, Wahnstörungen, Konzepte unterschiedlichster Planeten, und und und. Linguisten schenkt er als Bonus ein Glossar seiner für dieses Buch erfundenen Sprache Glicé. (Mir will scheinen, dass er den wenigstens seiner angelsächsischen Leser Deutschkenntnisse zutraut…)

Erschienen ist “Stone” schon 2002, aber besser spät als nie. Für die, die Zeit und Lust haben, sich auf einen etwas komplizierteren Stoff einzulassen.

“Relief”-Package

Zur Erinnerung: In den USA war es dem Arbeitgeber lange freigestellt, eine begrenzte Anzahl sogenannter “Sick Days” in den Arbeitsvertrag mit aufzunehmen. Will heißen, wer krank wird, darf sich auskurieren, ohne wegen Arbeitsverweigerung sofort gefeuert zu werden. Mit Glück sogar mit Lohnfortzahlung (“Paid Sick Days”). Manche Bundesstaaten sehen inzwischen “Sick Days” gesetzlich vor. Es sei denn, Mitch McConnell, der derzeit mächtigste Mann der Zerrissenen Staaten von Amerika, kriegt seine Finger dazwischen. Mitch McConnell schnürt gerade die COVID-Relief-Bill mit thematisch vollkommen anderen Gesetzesvorlagen zu einem “Package”, dem keine Seite mehr mit gutem Gewissen zustimmen kann. Wir haben es so gut hier in unserem Sozialstaat.

Winslows Video mag demagogisch wirken. Es ist deswegen aber leider nicht falsch.

Nectacot

Wahrscheinlich kennt das jede/r außer mir… Ach, auch nicht?

Bei Nectacot handelt es sich um eine Kreuzung aus Nektarine und Aprikose und ich esse die Frucht gerade das erste Mal. Gut. Schön fest, schön säuerlich. Würde dem Züchter aber empfehlen, die Namensgebung für den deutschen Markt noch einmal zu überdenken.

Nicht mehr neu im Kino: Little Women

Disclaimer: ich habe weder das Buch gelesen, noch eine der früheren Film-Adaptionen gesehen.

Meine erste Assoziation war ein Korb voller spielender kleiner Kätzchen. Weich, flauschig, umeinanderkugelnd, man möchte gar nicht mehr wegsehen. Greta Gerwig (Drehbuch und Regie) läßt eine Gruppe edler, hilfreicher, guter und gutaussehender Frauen Familie* spielen. Sehr physisch, sehr anschmiegsam. In gedeckten, aber sichtbaren Farben, weichen wolligen fließenden Stoffen, in einem Massachusettser Cottage, überschaubar groß (vor allem im Vergleich zum gegenüberliegenden Herrenhaus), aber innig, wohlig, gemütlich, herzenswarm. Temporär vaterlos (der amerikanische Bürgerkrieg ist gerade zu Ende, der gute Unionsoffizier-Vater abwesend und noch mit den Nachwehen beschäftigt), was die gute Mutter (Laura Dern, hach!) aber mehr als wettmacht. Die Jahreszeiten sind wie in der Erinnerung von Kindern, die Sommer endlos, die Winter schneereich mit zugefrorenen Schlittschuhteichen und Herbst ist so newenglandish, wie ein Herbst nur sein kann (sehr hach!).

Alle Töchter haben Talente (Schreiben, Malen, Schauspielen, Musizieren), alle üben sie auf Laienniveau aus. Als Profession und zum Verdienen eines Lebensunterhalts natürlich nicht. Sie sind schließlich Frauen. Jo (Saoirse Ronan), die unruhigste und zornigste von allen, will das nicht länger gelten lassen – Gerwig wendet einen sehr hübschen Kunstkniff an und läßt sie schließlich die Geschichte ihrer Familie und ihrer Schwestern erzählen.

Achtung, Spoiler:

Sie erzählt eine Emanzipationsgeschichte, denn jede Schwester entscheidet über ihren eigenen Weg. Und jeder Weg ist richtig. Meg (Emma Watson) heiratet unter Stand und gründet eine Familie, Amy (Florence Pugh) erkennt früh, dass sie kein Pinsel-Genie ist und entscheidet sich, nicht zuletzt den Ratschlägen ihrer – ein gutes Leben lang alleinstehenden – Bißgurkentante (Meryl Streep, Dauer-Hach!) folgend, reich zu heiraten. Allerdings nicht den Kandidaten, der für eine Vernunftehe vorgesehen war, sondern einen, den sie liebt. Dass es zufällig der kleine Lord von gegenüber (Timothée Chalamet) ist und sie sich dafür fast mit ihrer ältesten Schwester überwirft? Nun ja. Die Pianistin Beth (Eliza Scanlen), ein ganz liebreizendes Kind, überlebt eine Scharlachinfektion nicht, bringt aber beim Begräbnis die Familie wieder zusammen. Und Jo? Jo erbt reich von Tante Meryl, wird Schriftstellerin und es könnte sein, dass sie Beruf und Ehe/Familie unter einen Hut bringen wird. Das läßt der Film netterweise offen.

Klingt irgendwie kitschig. Soll man sich das ansehen? Ja, soll man. Louisa May Alcott ist eine Schwester Jane Austens im Geiste und beide Frauen Kinder ihrer Zeit. Und der waren sie beide weit voraus.

* Das ist wieder so ein Film, der einen mit der Frage zurückläßt, ob die Academy, wenn es je wieder Oscars gibt, nicht endlich doch eine Kategorie “Casting” aufnehmen möchte.

Nachtrag: weil eine Freundin die Produktion schon viel früher gesehen hat und viel von Mode und Trends versteht, hat sie diesen Link gefunden https://www.ravelry.com/patterns/library/beths-shawl-3 und ich habe zu Weihnachten einen ganz wunderschönen Schal (vielmehr: Brusttuch) bekommen. Klar, dass ich den Film schon allein deswegen endlich anschauen mußte…

Aus dem Vokabelheft

Die Kassenkraft erklärt der Dame vor mir, dass es zwar keine Punkte mehr gebe, sie ihr Gutscheinheft aber bis zum 9. Januar “erlösen” könne. Als passenden Soundtrack für diesen Anlaß ohrwurmt mir umgehend ein Kinderchor “Chrihist der Rehetter ist daha…” durchs Hirn.

Manchmal ist man mit diesem Soundtrack-Gedächtnis schon auch geschlagen…

Dieser Schreckensmoment…

… wenn der Computer in der “Keiner-ist-da”-Zeit zwischen den Jahren meldet, er habe keine Verbindung zum Internet.

Glücklich, wer nach den miesen Erfahrungen aus dieser Phase im letzten Jahr mit allen Router-Neustart und -Reset Wassern gewaschen ist, und den Notstand selbst beheben kann.