Noch einmal schlafen,

und dann geht es aber echt los mit dem Frühling. Steht im Kalender.

Wenn nicht, dann hat die Namenspatin für das aktuelle Scheißdreckswinterwetter Hoch Margarethe den Rest ihres Nachnamens bösartig unterschlagen.

(Dieses Jahr tragen alle Hochs Frauennamen und gegen Geld kann frau Patin werden.
Interessiert? Ein Hoch kostet 360 Euro, ein Tief gibts schon für 240.
Hier: http://www.met.fu-berlin.de/wetterpate/preise/)

Der nämlich, so verfüge ich, soll hinfort lauten: Margarethe Solte-Sich-Schämen! Hah!

Nur ein Viertelstündchen

Der Billigklamottenladen in der Passage unten kündet auf großen Plakaten, dass alles raus muss und dafür die Preise um 70% oder mehr gesenkt seien. Hmmmm. Ich war schon so ewig nicht mehr shoppen… und menschenleer ist da drin auch… und ich bin Schwäbin… sollte ich vielleicht einfach mal…?

Also “einfach mal” geht schon gar mal gar nicht. Sagt die diensthabende Zerbera und will wissen, ob ich denn einen Termin…? Nein, sag ich. Hab ich nicht. Aber es ist ja außer mir niemand da und ich verspreche, von mir Abstand zu halten. Maske sowieso. Sie schreibt mich ein und ich bekomme die Hände desinfiziert sowie ein Zeitfenster von 15 Minuten zugeteilt. Daran müsse ich mich halten, für später habe sie “Vormerkungen”. “Zwei Paare. Dann ist mein Laden voll.”

Is ja gut. Ich quetsche mich durch die vollen Winterwarendrehständer mit den roten Reduzierfähnchen (die pastellige Frühjahrsware hängt schon an den Wandständern und die anderen stehen normalerweise draußen und stopfen nicht die Verkaufsfläche voll), gucke hier und da und brauche eigentlich nix. Doch. Socken. Meine haben kollektiv über diesen viel zu langen Winter Löcher gekriegt. Also. Ein Paar, zwei Paar, “wenn sie drei nehmen, kriegen sie jedes Paar für 99 Cent”. So ist das also, wenn auf eine Kundin eine Verkäuferin kommt. Keine Socke unbeobachtet. Dann also: Drei Paar. “Unterwäsche wäre auch im Angebot”. Also durchgeschoben zum Unterwäscheständer. “Nein, das ist nicht die Angebotsware. Die ist hier. In Ihrer Größe haben wir auch noch einiges da.” Ein Dreierpack. Noch einer. Das langt dann eigentlich. “Sie haben noch vier Minuten.” Huiuiui. Unter Druck entscheide ich mich bekanntermaßen immer schnell. Flugs noch einen warmen Pullover gegriffen, und nun eilends bezahlen, vor dem Laden scharren schon achthufig die beiden oben erwähnten Paare. Während die Verkaufsdame die Etiketten abschreibt, weil “die Reduktionen nicht in der Kasse” sind, finde ich davor im Quengelkruschtelkorb noch zwei Haargummis und dann habe ich endlich eine Tüte voll Zeug geshoppt. Für so wenig Geld, dass ich mich schämen sollte.

Tue ich aber nicht. Meine Innere Ländle-ExPat freut sich über den Extra-10%-Click-and-Greet-Rabatt (unverdient noch dazu, habe weder geklickt und gegrüßt) und dann ziehe ich mit meinen Einkäufen von dannen und freue mich daheim nochmal, dass mit meiner heutigen Beute mein Offline-Shoppingbedarf für die nächste Zeit wieder gut gedeckt ist.

Meinen Lesenachschub lass ich dann wieder liefern.

Gelesen: Posy Simmonds – “Gemma Bovery” und “Fred”

Posy Simmonds wunderschön illustrierte Annäherung an Flaubert ist so ein herrlich intelligenter Lesespaß für die Literati unter uns, dass ichs eigentlich einer und einem jeden aufzwängern möchte.

Fürs Lesepäusle danach verlustiere man sich an Fred. Einer Geschichte über einen jüngst verstorbenen Kater mit Doppelleben. So dermaßen schön und liebevoll gezeichnet und erzählt – ich wünschte mir einen Sack Fünfjähriger, um es allen diesen Kindern zu schenken. Vorhin ist mir wieder eingefallen, an wen mich Farben und Zeichenstil erinnern – Walter Trier. Ja, genau, der der die Kästner-Kinderbücher illustriert hat.

Ich finde ja, man kann für beides die Zielgruppe sein und sollte lesen! Lesen! Lesen!

Gelesen: Octavia E. Butler – “Parable of the Talents”

Butler läßt diesen Band im Jahr 2032 beginnen, in dem Jahr, in dem das amerikanische Volk einen Ex-Senator aus Texas zum Präsidenten wählt, der auf Massenveranstaltungen seinen Anhängern verspricht, Amerika wieder “great” zu machen und auf einem Evangelikalen-Ticket reist. Eine Nation soll dieses Land wieder (?) werden. Eine starke Nation unter einem einzigen alttestamentarischen Gott.

Alle Anders- oder gar Nichtgläubigen werden noch vor, aber dann legitimiert nach der Wahl, mit der vollen Gewalt des Staates brutal “umerzogen” oder ausgemerzt.

Erstveröffentlicht wurde das Buch 1998.

Es ist eine grausige Zukunft, die Butler, eine echte Seelenschwester Margaret Atwoods, für die Menschen zeichnet, die nicht Mitglieder der religiösen Machtzirkel sind. Und wie in jeder monotheistischen Struktur, in der Männer das Gesetz auslegen und sind, leiden Frauen besonders.

Sie erzählt auch diese Parabel wieder in Rückblenden, in Tagebucheinträgen und aus mehreren Perspektiven. Das macht es einem noch schwerer, die Heldin zu mögen. Sie ist eine altruistische Überfrau, selbst im Gefangenenlager, wo sie nicht wäre, hätte sie nicht ihre Sekte und deren Mission über alles, auch über die Sicherheit ihrer eigenen Familie gestellt. Butler gelingt die Höchstleistung, dass Lesende alle Seiten verstehen. Keiner ist ohne Schuld. Keiner hat ganz recht. Keiner hat ganz unrecht. Diese Vielschichtigkeit macht diesen Band zu einer sehr anstrengenden, aber auch sehr lohnenden Lektüre.

Butler hatte ursprünglich eine Trilogie geplant. Für den letzten Band, Parable of the Trickster, der die Kolonisierung eines Planeten beschreiben sollte, gibt es Entwürfe. Leider ist sie vor Vollendung verstorben. Ich hätte ihre Vision von einer neuen Gesellschaft in den Sternen sehr gerne gekannt.

Aber immerhin. Es gibt diese beiden Parabeln. Lesen! Lesen! Lesen! Lesen!

Q.E.D.

Der Trick mit dem Stiefel nicht verräumen, damit es nicht mehr schneit, der funktioniert nicht.

Ich kann mich gar nicht weit genug weg vom Fenster drehen, dass mich der Anblick nicht mehr graust.

Escape Room “Seelensammler”

Da strengen wir uns stundenlang an, eine junge Frau aus einer im Wortsinne mehr als brenzligen Lage zu retten, nämlich angekettet in einem Keller in einer Benzinlache, umgeben von massig vielen brennenden Kerzen, und dann das:

Verkehrte Welt

Bei mir im Gang stehen im Moment auf dem Abtropfteppich ein Paar Sandalen und ein Paar Stiefel treulich nebeneinander. Letztere eigentlich nur noch in Ableitung der im Volksglauben verankerten Regel “Haste einen Schirm an dir, regnets nicht”.

Wenn ich mir das Wetter so anschaue, könnte ich sie auch wegräumen.

C-Schnipsel

In Amerika, höre ich, begeht man heute den Coronaversary, also das einjährige Jubiläum der Pandemie.

Dazu ein Randy…

Alle großen Ideen scheitern an den Leuten*

“Ideen”, teilt heute der für Schwachsinn sowie Beuteltee zuständige Philosoph mit, “Ideen sind stärker als Körperkraft”.

Seitdem sehe ich mich im Ring mit Big George Foreman**, der diabolisch grinsend zum Hyper-K.O.-Schlag ausholt, während ich ihm, den Kopf weit in den Nacken gelegt, diesen Dummsatz aufsage.

*Wie schon so oft: Brecht hat Recht.

**Sorry, meine Referenzschwergewichtler sind nicht mehr die Jüngsten. Liegt an mir.