Nach mir die Sintflut

Giftiggelber Himmel und gegen die Bürofenster trommelt der Regen. Vielleicht hatte die von Hagel am späten Nachmittag unkende Kollegin doch recht und es wäre besser, jetzt zügig heimzufahren – und ja, die Fotos einer Hunsrücker Kollegin, deren Auto am Samstag fünf Minuten lang dem Bombardement golfballgroßer Eisboller ausgesetzt war und jetzt aussieht, wie von einer schlimmen Abart der Beulenpest befallen, mögen auch dazu beigetragen haben… Laptop zuklappen, einpacken, losfahren.

Auch andere scheinen zum zügigen Aufbruch geblasen zu haben, ich komme kaum aus der Ausfahrt und dann gehts auf den Straßen zu, als hätte jemand zu allgemeiner grober Rücksichtslosigkeit aufgerufen. Andere schneiden? Aber hallo! Ganz knapp überholen, um als erster vor der roten Ampel anzukommen. Aber klar! Hupen wie wild? Aber sicher! Aufblenden? Aber wie! Beides gleichzeitig? Leichteste Übung. Bis ich auf der Autobahn bin, ist aus dem Regenschauer irgendwas mit dicken Wasserschwällen geworden, und hinter meiner, vorder meiner, links, rechts, ober meiner, unter meiner siach i nix.

Martinshörner gellen aus jeder Richtung, Hupen blechern und ich biege nunmehr schweißgebadet endlich in meine Garage ein. Auto unter Dach, ich auch, jetzt kann kommen, was will.

Gelesen: Margaret Atwood – “The Robber Bride”

Atwood veröffentlicht seit 1969. Ich habe seinerzeit (späte Achtziger) mit “The Handmaid’s Tale” angefangen und immer noch viel aufzuholen und möchte zum wiederholten Male darauf hinweisen, dass alleine schon der Teil ihres Werkes, den ich kenne, nobelpreiswürdig ist. Also macht hinne, ihr Herrschaften da in Stockholm.

Die “Robber Bride” ist wieder so ein Werk mit einem fast unwiderstehlichen Sog. Drei Frauen gehen einer Hochstaplerin auf den Leim, weil diese ihre jeweiligen gebrochenen Biographien mit äußerster Rafinesse ausnutzt. Das heißt, Atwood zeichnet dreieinhalb Lebensgeschichten mit Akkuratesse, eingebettet in das Weltgeschehen, mit Humor und einer gehörigen Portion Nadelstiche – es ist die helle Freude, sich diese klare Sprache auf der Zunge zergehen zu lassen.

Lesen! Lesen! Lesen!

UN (Haderner Sektion)

Unten auf dem Spielplatz tagen die Vereinten Nationen. Nach einer heftigen Debatte einigt man sich auf einen Kompromiß: als nächstes wird “Die Rache Allahs” gespielt. Was dann mit allseits roten Backen mit viel Gerenne und Abklatschen unter lautem Begleitgebrüll (“Jalla! Jalla!”, “Dawai! Dawai!” “Başla! Başla!”, “Schneller! Schneller, du Depp!”) stattfindet ist: Fangermandl.

“Du bist!”

Boaaaahhh, ist das heiß heute

Ja, wie heiß ist es denn heute?

So heiß, dass der Teig der Tiefkühlpizza auf dem kurzen Weg vom Supermarkt zu mir in den fünften Stock anfängt, aufzugehen.

Sooo heiß ist das heute.

Hunsrück Körperwelten

“Der ist alt genug. Der muß jetzt endlich mal lernen, auf den eigenen Knochen zu stehen.”

Manchmal lassen sie mich ratlos zurück, meine Hunsrücker Kolleg*innen. Auf wessen Knochen steht dieser Mensch denn jetzt und ist das da erlaubt?

Hunsrück Kulinarik

Als Beilage gibt es “Mausohrsalat”.

Wird auf meine irritierte Nachfrage übersetzt mit “Feldsalat” (auch “Ackersalat”), “weil doch die Blätter aussehen wie Mäuseohren”.

Es ist dies ein interessanter Landstrich.

Hunsrück Anatomie

“…der muss sich aber jetzt mal auf die Hinterbeine knien.”

Ich würde dem solchermaßen aufgeforderten Kollegen sooooo gerne bei dem Versuch zusehen.

Exiliert

Gestern nach längerer Abwesenheit die Terassenmöbel von Wüsten- und Blütenstaub befreit und dabei zwischen den Stuhlkissen eine seltsame braune Kugel in Eisballengröße entdeckt. Stellte sich bei näherer Inspektion als Wespennest mit bereits wuselnder Jungbewohnerschaft heraus. Sofort und in weitem Bogen über das Balkongeländer in einen der Erdgeschoßvorgärten verbracht.

Die Zeitungslektüre am Nachmittag nur unwesentlich gestört von der in Zehnminutenabständen vorbeikommenden, zunehmend wütender brummenden Wespenmutter auf der Suche nach ihrer Kinderstube. Zeigte sich Erklärungen über die neue Location nicht zugänglich. Sprachbarriere zu hoch.

Muss wohl mein Wespisch aufpolieren.

Nimmer ganz neu im Kino: Belfast

Hmmm, wie sag ich das jetzt am besten, ohne mißverstanden zu werden? Ich habe genau das gesehen, was ich erwartet hätte, wenn Kenneth Branagh einen Film über seine Kindertage in Belfast dreht.

Eine sehr großartig besetzte Geschichte über eine Zeit, die lang verloren ist. Die Academy hat den Autoren-Oscar dafür verliehen, es hätte auch der Haupt-, nebendarsteller/innen- oder der Regie-Preis sein dürfen, auch Ausstattung, Kostüm, Licht und Ton. Der Film ist rundrum rund.

Branagh bezieht zwar Partei, läßt aber nichts auf “seine Straße” kommen, wo die Konfliktparteien und alle anderen “Innocent By-standers”, die zwangsläufig mitleiden, eine – möglicherweise rückblicksverklärte – friedliche Koexistenz lebten.

Ansehen und dabei über eine Geschichte lernen, die noch lange nicht vorbei ist.