On the Road again

An normalen Tagen fahre ich die Strecke Daheim-Büro (incl. Mitfahrer-Abholen-Schleife) in knapp unter einer Stunde. Diese Woche war’s aber wie verhext, keine Fahrt unter anderthalb Stunden, egal ob morgens oder abends. Heute hätte es so einfach sein können – es ist nämlich Veterans Day, also wieder so ein Feiertag, wo Postler, Banker und Beamte freihaben. Und was passiert? Irgendein Depp stellt sich mitten im morgendlichen Berufsverkehr mit seinem Truck auf die Bay Bridge und droht, entweder die Brücke in die Luft zu sprengen oder sich umzubringen. Oder beides. Irgendwie. Oder so. Die Highway Patrol hatte die Brücke für über eine Stunde gesperrt, um das in Ruhe mit ihm zu besprechen. Mit dem Ergebnis, a) “there wasn’t much of a credible threat from an explosives standpoint” und b) sämtlicher Verkehr auf die anderen Brücken umgeleitet wurde. Nichts mehr mit freier Fahrt am Veteranentag!

Warum um alles in der Welt der Heimweg heute fast zwei Stunden gedauert hat, will ich gar nicht mehr wissen. Ich wünsche umgehend einen funktionsfähigen Öffentlichen Nahverkehr. Aber sofort!

“PHREEKE”

schreit es vom Nummernschild des Autos vor uns. Wenn ich mir den Fahrstil so ansehe, kann ich dem Fahrer sehr gute Fähigkeiten zur Selbsteinschätzung attestieren. Sowie ein Rechtschreibschwäche.

“Free in 72 days”

Es ist mir immer ein Anliegen, meine Geschichten aus Amerika abzuschließen, auch wenn es, wie in diesem Fall, nicht zu einem Happy End gekommen ist. Ich hatte im Sommer (https://flockblog.de/?p=5178 ) von Oscar Grant berichtet, einem jungen Schwarzen, der am Neujahrstag 2009 vom BART-Officer Johannes Mehserle erschossen wurde – weil dieser vorgeblich Pistole und Taser verwechselt hatte. Letzte Woche wurde (wieder in Los Angeles) das Urteil aus der Berufungsverhandlung verkündet:  2 Jahre unter Anrechnung der bisherigen U-Haft und möglicher Vergünstigungen wegen guter Führung, d. h. er wird in knapp einem Vierteljahr aus der Haft entlassen werden. Dazu der Anwalt der Familie Oscar Grants: “Michael Vick was sentenced to four years for cruelty to dogs… this sentence says the life of Oscar Grant and African Americans is not worth as much.”

Urteilsverkündung war am 5. November, einem Freitag. Abends kam es – erwartungsgemäß – zu Ausschreitungen in Oakland. Wurden wegen Regens und extremer Überzahl der Polizei verfrüht abgebrochen. Anschließend war Wochenende.

Übrigens, in der Declaration of Independence ist – im Gegensatz zum Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland – kein Wort darüber zu finden, dass jemand wegen seiner Rasse nicht benachteiligt werden darf.

Die Bewerberin des Tages

… “speaks fluent Spanish (family from Spain) and is semi-fluent in French (lived in France)”

Sollte man in diesem Fall nicht korrekterweise von “Français craqué” sprechen?

Meister Röhrich

Giacomo Cacca muss vom Weltgeist für den ehrenhaften Beruf des Klempners ausersehen worden sein. Er weiß offensichtlich um seine Bestimmung und fährt einen Lieferwagen durch die Bay Area, dessen freie Flächen alle den stolzen Schriftzug tragen: “Cacca – Sanitary with Integrity“.

Zuppa Internazionale

Man nehme:

1 Tüte Linsensuppe aus der Türkei (beim gutsortierten Araber auf der Hauptstraße erhältlich)
1 Dose Linsen (aus Kanada, gibt’s beim Inder)
4 “Original German Beef Franks” (vom “Bavarian Butcher” aus Fremont, CA, der hat einen Stand auf dem sonntäglichen Farmer’s Market)
1 l Wasser aus San Brunos Quelle
1 Portion Gas von PG&E
Jede Menge Gewürze aus aller Herren Länder, 10 mins. auf kleiner Flamme kochen, fertig ist das Süppchen.

Als Beilage reichen wir
1 koscheren Sesambagel (Izzy’s Bagel Bakery, von mexikanischen Bäckern gerollt, gekocht und gebacken)
1/2 Fingerbreit Cream Cheese Spread aus Milch von glücklichen Kühen aus Vermont.

Schon schön, wenn die Welt einem was kocht.

Akronymismus (aka Die Amerikanische Krankheit)

Wenn hierzulande einer eine Reise tut, dann ist er “OOO” (out of the office), wer sich nicht treffen kann, macht’s “OTP” (over the phone) und wer kommen kann, schickt sein “RSVP” was Rückschlüsse darauf zuläßt, dass die wenigsten des Französischen mächtig sind.

Selbst die Kriminalmedizin ist davor nicht gefeit.
Pathologe:”The victim was DBS.”
Ermittler: “DBS?”
Pathologe: “Yeah, Dead Before Shred.”

“We’ve got a problem, Miss”

Ja wie? Heiß’ ich vielleicht Houston oder was? Aber weil der Mann an der Supermarktkasse so nett “Miss” gesagt hat (und nicht “Madam”) bleibe ich auch freundlich und frage nach: “Was denn für ein Problem, guter Mann?” Die Antwort hat mich fast aus den Socken gehauen. “Well, Miss, you saved too much.” Was?

Wie jetzt? Euer Laden verstopft mir jeden Dienstag den Briefkasten mit Sonderangebotsprospekten und Couponheftchen und ich habe den Papierwust auf dem Weg zur Mülltonne auch nur durchgeblättert, weil mir aktuell die Getränke ausgehen. Klar habe ich heute zugeschlagen (nach dem Motto “stock up and save”), weil es zu 2 Fridgepacks Cola noch 3 weitere für umme gab, also für 6 bezahlt und 15 gekriegt. (Müßig zu erwähnen, dass es ihn total fasziniert hat, dass ich genau die richtige Menge zum Sparen im Wagen hatte.) Weil ich damit aber 42% der Gesamtsumme “spare”, muss der Manager kommen und prüfen, ob das auch seine Richtigkeit hat. Hatte es. Unter den Glückwünschen und dem Beifall des Verkaufspersonals (“Wow – what a BIG BARGAIN you made today!”) habe ich den Laden ohne “Help out” (das sind meist sehr klapprige Rentner oder dürre Studentinnen, die einem den Einkaufswagen zum Auto schieben und dann den Kofferraum vollpacken) verlassen.

Sogar ein simpler Lebensmitteleinkauf wird zum Triumphzug umgemünzt. Das ist schon ein tolles Land.

“The Red Tide”

titelt heute eine der hiesigen Zeitungen in riesigen roten Lettern.  Dabei haben die Kalifornier weder der Legalisierung von Marihuana (“Prop 19”) zugestimmt, noch ist “Don’t Ask Don’t Tell” wirklich aufgehoben und diese perverse Regelung wieder auf unbestimmte Zeit in Kraft und Nancy Pelosi ist auch nicht mehr Speaker of the House. Als Rote Flut gilt denen offenbar schon, dass alles, was in Kalifornien zu gewinnen war, von Demokraten gewonnen wurde.

Money isn’t everything

Ein bißchen gefreut hat’s mich schon, dass Meg Whitman sich den Gouverneurssitz nicht hat kaufen können, trotz des über $160 Millionen teuren Wahlkampfes. Der Demokrat Jerry Brown wird wahrscheinlich im unregierbaren und bankrotten Kalifornien auch nicht viel ausrichten; die meisten haben eher nicht für ihn gestimmt, sondern gegen Meg.

Der Amerikaner rät in solchen Fällen zum therapeutischen Heil-Shoppen und – Meg zum Trost – das Sprichwort oben geht weiter: Money isn’t everything but it’s a long way ahead of what comes next.