Family Business

Heute, auf der Heckklappe des Lasters vor mir, jeweils liebevoll in Rot nachgeklebt:

Nathanson & Son
               Nathanson & Son s
                             Nathanson & Son s & Grandson
                                              Nathanson & Son s & Grandson s

Eine Generation Söhne passt noch, danach ist das Auto zu schmal.

Bewerber des Tages

Wir suchen einen Vice President mit 20 Jahren Industrieerfahrung.

Schert den Bewerber nicht. Er kommt frisch von der Uni und hat ein hohes Selbstwertgefühl: “I have gained a world-class education from a top tier business program that has a proven track record of success. The amount of work and effort I put into my degree demonstrates my competitive attitude and excellent work ethic that I am confident will translate into success in any industry.”

Der Wein erfreut des Menschen Herz*

Was dem deutschen Winzer sein Goldener Oktober ist, ist dem kalifornischen der gleichfarbene November. In den Tälern um Napa und Sonoma, am Russian River, überall im Wine County wird die Lese traditionell am ersten Novemberwochenende abgeschlossen. Ebenso traditionell ist es dann voll und überlaufen von Amateur-Önologen. Klar, dass wir zu Hause geblieben sind. Außerdem war das Wetter nicht so besonders.

Letztes Wochenende hingegen war es ganz besonders. Besonders schön nämlich. Darauf hatten Kollege Christoph (zur Zeit aus Deutschland zu Besuch) und ich ja bloß gewartet. Am Samstagmorgen Strandtasche, Picknickkorb und Übernachtungsrucksäcke in den Kofferraum geschmissen und – als zugereister Neu-Local kennt man sich schließlich aus – auf der stauärmsten und hübschesten Route (dem Highway Number One) über die Golden Gate Brücke nach Norden aufgebrochen.

Einfach göttlich! Blauer Himmel mit bilderbuchmäßigen Schäfchenwölkchen, strahlende Sonne, auf einem schön gewundenen Sträßchen auf und ab an majestätische Redwoods (ja, langweilig, aber mir fällt zu diesen Bäumen kein besseres Adjektiv ein) und hellglimmenden Eukalypten vorbei, ein glitzernder Pazifik, schroffe Felsküsten, abgelöst von goldenen Sandstränden, der eine oder andere buntbelaubte Baum (“uiiii schau, schon wieder ein Indian Summer”), Knurpselblätter unter den Rädern – dieses Nordkalifornien kann schon, wenn es will.

Bodega Bay. Anhalten. Vögel schauen. Und was essen. Frische Austern? Aber ja! Unbedingt. Man reiche mir ein halbes Dutzend. Und Clam Chowder auch noch. Yummie! Was scheren uns da die Mozzarella Sticks und Bagels im Picknickkorb (erstere waren bei der Rückkehr nur leicht verbogen, letztere einfach einen Tag älter)?

Weiter, ins Landesinnere, dem Lauf des Russian River folgend (das Blöde ist, seit der Umstellung auf Winterzeit ist es um 5:00 schon wieder dunkel und dann seggt ma hoit nix mehr – da muss man sich ranhalten als Tourist). Uiii, schau: Das erste Weinfeld. Yeah! Da, das zweite! Yeah! Da, noch eins! Yeah! Und noch eins, zwei, viele – jetzt sind wir wirklich mittendrin. Den Sonnenuntergang photographieren wir noch, und dann schauen wir mal, wo wir über Nacht bleiben. Leider gibt es kaum Weingüter mit “Accommodation” und die nächsten paar kleinen Städtchen waren immer gleich wieder zu Ende. Hmmm. Müssen wir uns Sorgen machen? “Als nächstes kommt Santa Rosa.” – “Das klingt gut, da finden wir was.”

Eben. Im “Hotel La Rose”, zentral am Railroad Square** gelegen, hat man Zimmer im Kutschenhaus zu vermieten. Paßt. Nehmen wir. “Wo, gute Frau, kann man denn hier Wein probieren?” “Ohhhh, so spät noch?” (Diese amerikanische Unsitte, um 6:00 zum Abendessen auszugehen und um 7:00 mit seiner Restebox nach Hause zu fahren gilt offensichtlich auch für’s “Wine Tasting”.) Doch Erica weiß Rat, ruft rasch bei D’Argenzio an und avisiert unseren Besuch. “Ihr müßt sofort los, die lassen für euch extra länger offen. Da sind eure Coupons, dann müßt ihr nix zahlen. Husch, husch. Das ist nicht weit. Gleich die Straße runter, höchstens 10 Minuten. Mit dem Auto.” Mit dem Auto? Zur Weinprobe? Was soll’s. Paßt schon.

Was bei D’Argenzio dann am Tresen hing, hatte offensichtlich den ganzen Tag fleißig mit den probierenden Touristen mitgehalten (und nichts ausgespuckt). Ein kleiner knubbeliger Mann, mit knubbeliger roter Nase, knubbeligen rosa Bäckchen, knubbeligem Bart und sehr verwaschener Aussprache: “Zisssiss our (Blick aufs Etikett) Rushushusssianrivver Pinnnnoir (und – des Vortrags über Note und Abgang offensichtlich schon sehr müde – jeden Wein beschreibend mit) … zisssiss a verrrygooodwine. PPuhuuhh!” (ob der Anstrengung erschöpft sich und uns nachschenkend). Acht Weine in unter 15 Minuten verkostet, das soll uns mal einer nachmachen. “Ihr übernachtet hier? Dann kommt doch morgen wieder, wenn ihr was kaufen wollt.” Knubbel war alle, die Energie fürs Verkaufsgespräce brachte er einfach nicht mehr auf. Auch gut. Dann gehen wir jetzt. Gemächer beziehen, frisch machen (und endlich mal den Pazifiksand aus den Schuhen und Socken schütteln), Dinner, und dann in Ruhe in einer netten Weinbar noch ein, zwei Gläser trinken. Sehr sehr sehr schön.

Sonntag: Wetter etc. siehe oben, der Himmel vielleicht sogar noch ein bißchen blauer, die Sonne noch wärmer, und auffällig viel Indian Summer. (Kann natürlich auch daran liegen, dass es weniger Nadel- und sehr viele Laubbäume gibt.) Auf dem Highway N° 12 (Highway = zweispurige Landstraße) durchs Sonoma Valley. Ein hübsches Gut am anderen, mal hier, mal da anhalten, das tausendste Photo von letzten Reben vor buntem Laub machen und dann ein Schild: hier geht es zum “Benziger”.

Benziger. Das klingt gut. So unamerikanisch. Das wollen wir sehen. Kaum sind wir auf der Nebenstraße wird alles einen Tick normaler, man sieht Fußgänger (vorwiegend Jugendliche mit Sonntag-und-mir-ist-langweilig-Flunsch), Bauern und Traktoren, es ist auch mal was vergammelt, verfallen oder rostig. Sehr sympathisch. Wir parken oben beim Benziger, machen die “Wine-Tour” mit und lernen: die aus der Schweiz stammende und sehr vermehrungsfreudige Familie Benziger hat ihr Geld mit Druckereien (die Chicago-Benzigers) sowie mit dem Import und Export von Schnaps (die Brooklyn-Benzigers) verdient. In der “dunklen Zeit” (damit meinen Amerikaner die Jahre 1919 bis 1933), also während der Prohibiton, druckten die einen katholische Pamphlete wider den Teufel Alkohol, die anderen belieferten die Flüsterkneipen und zogen irgendwann nach Kalifornien um. Ende der Siebziger kaufte man aus der Konkursmasse einer Hippie-Kommune (“They grew – Zwinker Zwinker – Medical Herbs here”) die Weinberge (mit bereits perfekt angelegten Terassen), besann sich auf die Schweizer Tradition und begann mit biologisch-dynamischen Anbau in der Tradition Rudolf Steiners. Das Gut wird heute noch einmal im Jahr vom deutschen Demeter-Gremium zertifiziert. (Dass es ein deutscher Kontrolleur ist hat allen den gewünschten heiligen Schrecken eingejagt. Q/A made in Germany: das muss gut sein.)  Keine Ahnung haben und dann auf Hippie-Kräuter und antroposophischen Weinbau stoßen – und das alles bloß, weil uns der Name so gut gefallen hat. Benziger. Noch einen Kaffee in Sonoma und dann auf den 101. Und in anderthalb Stunden wieder daheim. Schön ist das.

PS: Photos dauern noch ein bissele – das Bildbearbeitungsprogramm auf dem neuen Dell bedarf noch einer helfenden Hand.

* Psalm 104, 15

** Amerika war mal so ein stolzes Eisenbahnland – es ist dermaßen schade, dass das alles so verkommen ist (der Bahnhof in Santa Rosa ist zwar wunderbar renoviert und nun das Heim der Touristeninformation, nur leider, Züge fahren ihn nicht mehr an. Dafür bietet der kleine Park davor aber jeder Menge nunmehr zuglosen Hobos Asyl). Aus Christophs Archiv des Halbwissens stammt die Anekdote, General Motors habe in der Mitte des 20. Jahrhunderts in Los Angeles Züge und die Gleis-Infrastruktur aufgekauft und plattgemacht, um den Absatz ihrer Automobile anzukurbeln. Hab’s nicht recherchiert, es würde mich aber nicht wundern, wenn es stimmte.

Mit Nutella ins Nirwana

Aus einer “Holiday-Special-Gift-Edition”-Werbung des lokalen Kleingewerbes: “Monique’s Chocolates in Palo Alto will bank your sweetie on the shores of ecstasy: “Their hazelnut iced chocolate, like a dip in a stream of liquid Nutella, leads straight to nirvana.”

Ganz ruhig bleiben. Wohlgemerkt: es geht nur um hiesige Schokolade…

Tanze deinen Namen

Unser koscherer Bäcker Izzy hat auch (ca. untertassengroße) Black&White Cookies im Angebot.

Ich hatte heute Spaß an dem Hängehosenhalbwüchsigen, der die Verkäuferin mit dem Wunsch “Three Eminem Cookies for me and my friends” ein ganz kleines bißchen aus dem Konzept gebracht hat.

Aber nur ein kleines bißchen und nur ganz kurz, man hat’s ihr angesehen: für $2.50 das Stück + Tip kann der Rotzlöffel ihretwegen die Dinger nennen, wie er lustig ist.

Jetzt ist schon wieder was passiert

Meine Palo Altaner Bekannte und Gewährsklischeeamerikanerin (verheiratet mit einem Gutverdiener, Freiberuflerin auf max. 20 Stunden pro Woche-Basis, 3 Kinder in entsprechenden Aufbewahrungstätten) hat furchtbare Zeiten (“the most horrible times”) hinter sich. Ihre Nanny war in Urlaub. Für volle zwei (2!) Wochen. Die Vertretungskinderfrau stand nur nachmittags zur Verfügung (für die Zeit vor der Schule wurde auf die “elektronische Nanny” zurückgegriffen) und nur für die Kinder, hat weder den Gärtner angewiesen, noch die Einkäufe erledigt, noch gewaschen oder gar geputzt. Alles mußte sie selber machen, die Arme. Sie war sogar gezwungen, den zweiwöchentlichen Besuch im Beauty Salon (Maniküre, Pediküre, Haare zupfen bzw. waschen, schneiden, legen) ausfallen zu lassen.

Und dann heute morgen die ganz große Katastrophe: beim alljährlichen ärztlichen Routinecheck hat sich die Sprechstundenhilfe verwogen, 10 Pfund zuviel notiert und sie als “overweight” eingestuft. Man muss sich das vorstellen: sie wird in ein paar Wochen vierzig und hat Übergewicht – lebenswert ist so ein Leben nicht mehr. Sagt sie.

Keine Ahnung, was sie dann heute Mittag dazu getrieben hat, statt der abgezählten 10 Mandeln und einem Döschen Gemüsedrink, die Monster-49ers-Sushi-Roll zu ordern (Krebsfleisch, Spicy Tuna, Avocado, garniert mit Räucheraal und ordentlich Teriyaki-Soße). Sie wird doch nicht am Ende schon vor vierzig gescheit werden?

Wer sie noch nicht kennt und mehr wissen will, lese hier: https://flockblog.de/?p=6349

Discovery Channel

Kleines (amerikanisches) Mädchen, auf die Frage, ob sie denn wohl gerne auf der Terrasse zu Mittag essen möchte: “Mommy, Mommy, I don’t wanna go outside. Noooohhooooo, I don’t wanna go outside! There’s nature outside…”

Drop the Pilot

Als hätten es Piloten nicht schon schwer genug – nun sind sie auch noch durch “komische Strahlung” gefährdet (steht im Spon, muss also stimmen). http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,729012,00.html

Die beiden großen Pilotengewerkschaften USAPA und APA, die gemeinsam mehr als 15.000 Piloten vertreten, warnen ihre Mitglieder vor den Körperscannern – die US-Flugsicherheitsbehörde TSA benutzt auch Geräte, die mit Röntgenstrahlen arbeiten. Selbst bei sehr geringer Strahlung seien Piloten gefährdet, wenn sie dieser extrem häufig ausgesetzt – und ohnehin durch die erhöhte komische Strahlung in Flughöhe belastet – seien.

USA. Sonntag. Regen.

Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern, was man in Deutschland an regnerischen Sonntagen macht. Wahrscheinlich mal aufräumen oder lesen oder Film gucken oder – keine Ahnung. Wenn’s hier schifft macht der gemeine Amerikaner einen Ausflug. In die Mall.

Selbstverständing motorisiert, mit dem Familienvan oder -Pickup, dem Altersheim-Kleinbus (Greise in Rollstühlen, auf Krücken, blind und taub – alle!) oder gar dem Öffentlichen Personennahverkehr (4 Bushaltestellen direkt vor dem Einkaufszentrum, in einer hierzulande nie gekannten Häufigkeit angefahren). Als Parkplatz gilt dem Ausflügler nur als akzeptabel, was einen Steinwurf vom Eingang der Mall entfernt liegt (man denke sich den Stein geworfen von einem eher schwächlichen Kinde im frühen Kindergartenalter). Darum kreist er. Weiter entfernt liegende Parkplätze (bis zu 3 Gehminuten vom Eingang) werden nur angefahren, wenn irgendein Douchebag im Auto wirklich ganz dringend mal muss.

Familien trennen sich sofort. Die älteren Knaben treffen sich mit anderen ältere Knaben (“Hey man” “Yo Man” “Wazzap?” incl. Händedruckritual) und hängen anschließend vor den Eingängen ab. Mega-cool, wollen aussehen wie böse Buben mit Bier und Fluppen (geht nicht, ist ein “family-friendly shopping Paradise”), saugen ersatzweise Cola aus ihren Mäckie-Gallonenkübeln und bellen mit Stimmbruchstimmen gleichaltrigen Mädchen hinterher. Diese wiederum haben sich im Vorfeld stundenlang aufgebrezelt und angemalt (tragen aber alle Uggs und schlurfen, was die Wirkung ein bißchen beeinträchtig) und haken sich in Grüppchen à zwei bis fünf giggelnd und schnatternd unter. Vor jedem Schaufenster mit Blinker und Pink verweilen sie, die “Like-Per-Minute”- und Sehnsuchtsvoller Schmachtseufzer Quoten (“I loooooooooooove [soeben betrachteten Gegenstand einsetzen]…”) sind mit den aktuell in diesem Universum zur Verfügung stehenden Methoden nicht meßbar.

Beinahe hätten wir die Eltern mit den Kleinen aus den Augen verloren. Die werden bespaßt: Mütter lassen sich mit Cremes die Hände salben (nur eine, vor der zweiten ist ein Verkaufsgespräch fällig), auf bequemen Lederliegesesseln die Brauen zupfen und wer – egal welchen Geschlechts – nicht schnell ausweicht, wird mit Parfüm besprüht (da kommen bei einem mehrstündigen Mall-Aufenthalt wilde Gesamtkreationen zusammen). Väter testen in einem mit Kunstrasen ausgelegten eingezäunten Arreal laut aufheulende Akku-Werkzeuge (und sehen aus, als stünden sie mit mindestestens einer AK-47 am Schießstand), werden von ausgesucht hübschen jungen Frauen in rosa Kittelschürzchen ebenfalls mit Salbenpröbchen geschmiert (der Redneck mit Basecap und die Antifaltenaugencreme – ein Bild für Götter), kloppen sich um “You DEERE”-Bumpersticker und umlagern mit den Jungs die Spielautomaten in der “Arcade”. Die Kindlein toben entweder im Spielparadies auf den dortigen Geräten (wie ein Spielplatz draußen, mit Wippen und Federwackeltieren auf einer 20cm dicken Abprallschicht – wenn wirklich mal ein Kind runterfällt, dann ditscht es noch ein paar Mal auf) oder machen am Blöde-Tier-Mützen-Stand beim Fotowettbewerb mit. Das lustigste Mützenkind gewinnt einen $5-Mützenpreisnachlass-Coupon. Und weil alle Kinder gar so hübsch sind können sich die Juroren nicht entscheiden und  siehe da, jedes Kind gewinnt. Fast alle Eltern kaufen, für immerhin noch $24.95. Ein hübsches Businessmodell. Frisch bemützt suchen die Zwerge nun in den Shops nach Saurieren, roten Punkten, dem entlaufenen Alligator und… Sie bekommen bei Erfolg kleine Preise. An der Kasse abzuholen. Nicht an einen Einkauf gebunden. Natürlich nicht. Aber wo man eh grad schon im Laden ist und für den Preis sowieso an der Kasse anstehen muss…

Abschließend trifft man sich in den Food Courts zu Fast Food aus der ganzen Welt, wer’s nobler mag, geht zu Applebee’s oder Denny’s (echtes Besteck und richtige Teller, der gleiche Fraß) und trägt hinterher seine Restebox durch die Mall. Und viele Tüten. Und da ist der Sonntag dann auch schon vorbei. Schön wars. Das lädt zur Wiederholung ein.

Ich habe auftragsgemäß Eddie-Socken gekauft. Sonst nix. Nur Amis geguckt.