Lebensentwürfe

Kaum ist der erste Tag unserer eigentlich Dreitagearbeitswoche vorbei, haben sich schon die ersten Kolleginnen mit sorgengefalteten Stirnen ins lange Thanksgiving-Wochenende verabschiedet. Die Damen arbeiten in Teilzeit und der Rest ihrer Siebentagewoche ist sonst vorgesehen für Brut- und Beziehungspflege, Haushalt, Shopping, Garten, Gutes Tun (Charity), Work-out, gesunde Mahlzeiten, Parent-Teacher-Conferences und Mani/Pedi sowie Haare schön.

Heute gings nur ums Essen. Einkaufen, einlegen, einlagern, vorbereiten in mehreren Phasen, dünsten, braten, backen, Platz in Tiefkühltruhen schaffen, mehr einkaufen, Gatten zum Wein kaufen schicken, Familientischordnungen planen, umplanen, ganz anders, doch selber noch schnell Wein besorgen, Onkel Fred einladen, Tischdekoration, Hausdekoration, Gartendekoration, noch viel mehr Essen einkaufen, Stoßgebete, Onkel Fred ausladen, “Leftover-Party”* organisieren, Onkel Fred wieder einladen, Kartoffelbrei, Cranberrysauce, Pumpkin Pie, Grüne-Bohnen-Eintopf,  Süßkartoffeln, Krautsalat, hausgemachte Brötchen, Suppe – Für und Wider?, Füllung. “Stuffing” ist ein ganz eigenes Kapitel: selbst machen? frisch kaufen? getrocknet und mit Wasser verbatzeln? in der Dose? tiefgefroren? und wenn das endlich entschieden ist: in den Vogel? separat? beides? keines? anders? mit Brot? nur vegetarisch? oder mit Bacon? oder wie? Und dann die ganzen Kohlenhydrate! Wo wir grad dabei sind: das fröhliche Allergienkarussell: Gluten? Lactose? Rosenkohl? Überhaupt, wenn Turkey, dann 10, 12, 15, 18, 20 Pfund? Oder zwei à acht oder drei à sechs Pfund? Oder doch Schinken? Es klingt wie bei einer Auktion.

Irgendwann fragt mich eine, was ich denn vorhabe. “Ja, hmmm, nix. Bücher vom Stapel weglesen und ein, zwei Staffeln Fernsehserien am Stück weggucken. Mal an die Luft, wenn ich mag. Photos bearbeiten (ich sage nur Elsaß), vielleicht ein bißchen rumräumen. Wassertritscheln, weil Desha das Feiertagssonderprogramm vorturnt. Wenn ich Lust habe, dann koche ich, wenn nicht, lasse ichs bleiben. Und wenn der Wettermann recht behält und es am Wochenende aus Kübeln schüttet, dann werde ich meine Weihnachtsferien in der Sonne buchen. Und ihr so?”**

 

* Resterlessen.

** Ja. Das war gemein. Und das ist gut so.

Aus dem Vokabelheft

Wenn einer annimmt, daß ein anderer demnächst “Zuschtänd kriegt”, dann beschreibt er das mit den Worten “He’s gonna have kittens”.

Dies war meine unheimlich geschickte Überleitung zu a) meiner schon wiederholt gestellten Frage, ob es im Deutschen immer noch kein passendes Wort für Katzenjunges gibt (so wie Welpe oder Rehkitz oder dergleichen)? und b) zur Erläuterung, daß “she’s having a baby” nicht bedeutet, daß sie’s schon hat, sondern daß sie es irgendwann im üblichen Neunmonatszeitraum kriegen wird.

“Nutcrimes are up”

Um Mißverständnissen vorzubeugen: mit “nutcrimes” war nicht gemeint, daß mehr Verbrechen von durchgedrehten (“nuts”) Menschen begangen werden. Es handelt sich viel mehr um eine Spätfolge der Dürre. Weniger Nuß- und Mandelkern auf den eigenen Bäumen bringt scheints manche dazu, über den Zaun zu klettern und sich beim Nachbarn zu bedienen. Dafür ist ein Herr aus Sacramento gestern Abend erschossen worden.

Ich glaube, ich nehme hiermit meinen Einleitungssatz zurück.

Neu im Kino: The Boxtrolls

Die Laika Entertainment Studios aus Oregon haben nach “Coraline” und “ParaNorman” einen weiteren dunklen Stop-Motion-Animations-Kinderfilm in die Welt entlassen. Wahrscheinlich gibt es viele besorgte Eltern, die ihren lieben Kleinen “sowas” wieder nicht zumuten wollen. Man könnte es verstehen. Gegen den Oberschurken ist der Rattenfänger von Hameln höchstens ein Lämmchen; der Vater der Heldin ist ignorant, verfressen, machtgeil; das Volk tümlich und leicht zu manipulieren; die Trolle häßlich wie die Nacht (aber mit großen Herzen). Die Farben sind allenfalls gedämpft, die Maschinen und das Kopfsteinpflasterstädtchen in Hanglage eines jeden Horrorfilmes würdig und die Geschichte, nach Alan Snows Kinderbuch “Here Be Monsters”, ist gruselig. Aber wir sprechen über die Art Grusel, die man aus Grimms Märchen kennt oder von Roald Dahl oder Tim Burton und von der ich überzeugt bin, daß Kinder “sowas” nicht nur wegstecken, sondern genießen können. Die Crème britischer Schauspieler gibt ihre Stimmen (Ben Kingsley als Drag Queen ist wunderbar), der Aufbau von Ober- und Unterwelt und dem Dazwischen ist überaus phantasievoll und detailreich, die Figuren liebevollst gestaltet und animiert – ich für meinen Teil mag es, wenns nicht disneyklebrig daherkommt und hatte einen Höllenspaß.

Anschauen! Anschauen! Anschauen! Und zwar inklusive Abspann, denn da haben sie eine sehr hübsche Szene versteckt.

Dollars to donuts*

Was ist ungefähr ebenso sicher wie das Amen in der Kirche? Na? Kleine Hilfestellung gefällig? Gerne. Also, da lieg ich gestern nett Aufmsoffa, Buch, Leselampe, Decke, Heißgetränk und fühle mich wohl. Dann krib- und krabbelt es mich im Gesicht und in den Haaren, und weil ich das Chlorwasser abgewaschen und nachgefettet habe, kann das nur eines bedeuten. Na?

Genau! Das waren die Kundschafter der Queen. Dammit! Sie sind wieder hier in meinem Revier. Nun geh mir aus dem Ohren, Marius, und laß mich zu Ende sprechen. Das gute, weil wirksame, Ameisen-Gel ist beim Drogeriemarkt meines Vertrauens durchgehend “out of stock”. Die Fallen hingegen, die die Viecher allenfalls zum Lachen bringen, sind immer in hinreichenden Mengen vorrätig. Sie sind teurer und ich bin geneigt, einen Zusammenhang zu vermuten. Nicht mit mir, pah! Weil ich eine vorausschauende Frau bin, hatte ich letztes Jahr eine Reservetube erworben. Die Einfallsecken am undichten Wohnzimmerfenster sind bereits gegelt. Sterbt, Elende!

Habe nunmehr dem Drogeriemarkt das Vertrauen entzogen und bei Amazon je eine Tube “Combat-” sowie “Terro”-Gel bestellt. Bin gespannt, wie die wirken. Ganz ehrlich, MIR machen ja schon die Produktnamen Angst.

 

* Wenn sich jemand im Amerikanischen einer Sache ganz sicher ist, dann setzt er Geld gegen Schmalzkringel. (“I betya dollars to donuts that the sun is going to set today.”)

Aus dem Vokabelheft

Schwaben können bekanntlich alles außer Hochdeutsch und der Landstrich ist mit klugen Menschen reich gesegnet. Wir machen allerdings einen ganz deutlichen Unterschied zwischen dem “Gscheitle” (Bayrisch: “Gscheithaferl”), des isch der, der wo immer alles woiß und zwar immer alles besser und dem “Käpsele”. Des isch der, der wo’s ko, weil er bsonders klever isch und sich all Zeit zum helfa woiß. “Cleverle” sind noch einmal eine ganz andere Spezies. Wenn einer mit dieser Bezeichnung belegt wird, hat das immer ein “Gschmäckle”.

Die Übersetzung für den Besserwisser findet sich leicht, solche Leute nennt man hier “Smarty Pants”. Fürs “Käpsele” hab ich noch keine Entsprechung gefunden. Nicht im Amerikanischen und auch nicht im Bayerischen.

Den Klugscheißer hingegen kennen alle und nennen ihn hierzulande “Smart Ass”.

The End is Nigh!

Es regnet. Letzte Woche schon eine ganze Nacht lang (hätten wir nie gemerkt, wenn “Interstellar” nicht so elendslang gedauert hätte) und diese Woche schon wieder, in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, gefolgt von ein paar Schauern tagsüber, und dann nochmal letzte Nacht. Das reicht, damit Nordkalifornien geschlossen am Rad dreht.

Mit dem Fahrrad zur Arbeit? Geht gar nicht mehr, es sei denn, der Radler ist auch überzeugter Outdoor-Sportler und mit entsprechendem “Rain Gear” gerüstet. Ein- bzw. Auspacken dauert im Schnitt ca. eine Viertelstunde. Mit dem Zug? Geht auch nicht mehr, denn die Züge nutzen jede noch so billige Ausrede (zu kalt, zu heiß, zu trocken, zu naß, zu mittwochs, zu hell, zu dunkel), um ihre Passagiere sonstwo abzuwerfen und sich von einem Zugkumpel zurück ins Depot schleppen zu lassen. Weil man ja trotzdem irgendwie zu seinem Tagwerk kommen muß, nehmen sie jetzt alle ihr Auto und inszenieren auf dem Highway 101 das Trauerspiel “Neuschnee in Neapel”. Mit extra vielen Unfällen, noch mehr Polizeigeblinkere, besonders viel Feuerwehrlalü sowie ordentlich Gaffen. Meine Fresse!

Bin ich froh, daß jetzt Wochenende ist! Wobei eine aus meiner Wassertritschelgruppe gestern schon vorauseiland panisch gesmst hatte, daß “terrible” Wetter vorhergesagt sei und sicherstellen wollte, daß ich trotzdem komme. Mann, Frau! Wozu haben wir denn unsere Neoprenjackerlen? Natürlich mache ich wieder mit.

Warum auch nicht? Es mag an mir liegen, aber ich kann falsche Wettervorhersagen, Sonnenschein und 17° C im letzten Novemberdrittel beim besten Willen nicht schrecklich finden und bin außerdem nicht aus Zucker. Kombiniere: Die sind allesamt noch viel schlimmere Weicheier als ich.

Nimmer ganz neu im Kino: The Grand Seduction

Zwischen “The Guard” und “Calvary” hat Brendan Gleeson heimlich einen kleinen feinen Film im fernen kanadischen Neufundland gedreht. Wie sich ein abgewracktes Fischerdörfchen unter seiner Führung mit allerlei Tricks und Kniffen einen Inselarzt beschafft, ist ganz wunderbar anzusehen und sei einem jeden ans Herz gelegt.

Anschauen! Anschauen! Anschauen!

“Executive Action”

Von wegen lahme Ente. Präsident Obama profiliert sich gerade als Wespenneststecher. Jetzt, wo’s ihn keine Wählerstimmen mehr kosten kann, hat er einfach mal schnell per Dekret bestimmt, wie mit bis dato illegalen Einwanderern zu verfahren sei. Das ist zwar noch immer keine Reform des vollkommen überholten Einwanderungsrechts und kann vom nächsten Präsidenten sofort ebenfalls per Dekret wieder außer Kraft gesetzt werden, aber es sorgt für Stimmung. Die Republikaner schäumen.

Was man bei dieser Einwanderungsdiskussion meist übersieht: 1. inzwischen haben die Chinesen mengenmäßig den Latinos längst den Rang abgelaufen. Sie sind bloß nicht ganz so laut und so präsent. 2. Große Teile der legalen Latino-Bevölkerung sind mit einer Liberalisierung ganz und gar nicht einverstanden. Warum? Meist aus Neid, weil sie sich ihren Status schließlich auch mühselig durch die Institutionen herbeimarschieren mußten. Werden sie zukünftig eher republikanisch wählen? Man weiß es nicht, aber der Republikaner Marco Rubio aus Florida wird schon als heißer Präsidentschaftskandidat gehandelt. Legen die Republikaner mit ihrer Mehrheit in beiden Häusern das Land jetzt vollends lahm, so wie letztes Jahr schon einmal? Oder überwinden sie sich, und kommen mit einem eigenen Entwurf zur Reformierung des Gesetzes? Es bleibt spannend.

Ich fände es am allerbesten, wenn alle Illegalen geschlossen streikten. Vielleicht so für 100 Bahnstunden. Ich bin sicher, das würde einer Amnestie wie damals unter Ronald Reagan einen ganz großen Schub verpassen. Aber mich fragt ja wieder keiner.

Wenn’s schee macht

Hierzulande gibt es Menschen, die das ganze Jahr über nur auf das letzte Jahresdrittel hinfiebern, abgesehen von einmal kurz am 4. Juli patriotische Fähnchen und Rosetten aufhängen. Nur zum Jahresende können sie ihre Dekorationsgelüste so richtig ausleben. Erst kommt Halloween und dann ist schon gleich wieder Weihnachten. Halt! Haben wir nicht etwas übersehen? Oh doch! Dazwischen liegt Thanksgiving. Wie dekoriert so einer jetzt seine Außenanlagen mit passenden Motiven zum Erntedank? Vogelscheuchen in Pilgermontur aufstellen? Pockendecken für Indianer auslegen? Puter auf dem Gartenzaun pfählen?

Nicht doch. Das kann man alles in einem haben. Dieses aufblasbare Zweimeterpilgertruthahnungetüm prangte vorhin in einem Vorgarten, hübsch von hinten angestrahlt.

Turkey pilgrim inflatable

So ein Augengraus wäre uns beim Untergang der Mayflower auch erspart geblieben. Ich sag ja nur.