Für Patrick S.

Werte werktätige Bevölkerung,

die ihr mit mir, ebenfalls werktätig, zu frühen werktätigen Stunden S-Bahn-Abteile füllt und teilt, laßt euch gesagt sein: weniger ist mehr! Viel mehr. Lest es nach, die Genfer Konvention verbietet biologische und chemische Kriegsführung und meine Schleimhäute und mein inzwischen höchst empfindsamer Schädel wären euch zu Dank verpflichtet, wenn ihr euch erst nach der S-Bahn-Fahrt mit Düften aller Art besprühen tätet.

Hochachtungsvoll und stets die Eure,

Migränina

Wir lieben die Stürme

Warum, werte Meteorologen, nennt ihr ein Sturmtief eigentlich ausgerechnet “Heini”? Das ist doch gemein, so einem traut man doch allenfalls ein bißchen Blätteraufwirbeln zu oder höchstens ein zugeschlagenes Fenster. Aber doch nicht Orkanböen. Habt ihr euch auch gedacht? Ja? Und das nächste “Iwan” genannt? Nach dem ehemaligen Großprinzen von Moskau? Gut gemacht, Meteorologen, so heißen echte Stürme.

Iwan wußte, was er seinem Namen schuldig ist und hat denn auch gleich einen Baum auf die Gleise der S7 geschmissen. Schon zum Rechthaben. On second thought: vielleicht ist so ein Windheini doch gar nicht so übel… Zumindest für den ÖPNV.

Überraschung!

Sagt die Maklerin: “Nein, ein Licht haben wir nicht in der Wohnung, die wir gerade nach 18:00 Uhr abends einem Rudel Menschen herzeigen. Sie haben doch bestimmt alle so ein modernes Handy mit einer Taschenlampe?” Hab ich, haben die anderen auch, hätts aber gar nicht gebraucht – es war auch im Dunkeln ganz einfach, sich gegen die bisherige Dienstwohnung der Spüler, Küchenhelfer und Köche der beliebten und gut gefüllten Kneipe direkt drunter zu entscheiden. Einmal olfaktorisch, waren doch die Schleimhäute schon Sekunden nach dem Eintreten in den Dunstkreis der Wohnung dick belegt mit der unheiligen Gemengelage aus altem Frittenfett und Odeur du wasserundseifefeindlichem Homme – und dann noch einmal haptisch. Ich Depp habe einen der Küchenschränke angefaßt, um ihn zu öffnen. Die Tür ging aber partout nicht auf, womit bewiesen wäre, daß Schmutzfilm besser klebt als gemeiner Sekundenkleber. Waaarrrghhh! Der Dreck werde überstrichen und die Küche, ließ die Maklerin huldvoll vernehmen, bleibe drin und gehe damit in den Besitz des Mieters über.

Samt, wie ich anmerken möchte, der allfälligen Entsorgungskosten für dieses Dreckgebilde. Als Sondermüll. Geh mir weg mit diesem Loch!

Vom Geben und Nehmen

Weil ich ja schon wußte, daß mir viel Fahrzeit in wenig fahrplantreuen öffentlichen Verkehrsmitteln bevorsteht (ja, du bist gemeint, S7, brauchst dich gar nicht zu verstecken!), habe ich vor ein paar Wochen bei einer Remittendenbox bei einem Lebensmittelhändler zugeschlagen (man nimmt’s, woher man’s kriegen kann) und mir eine Tüte voll möglichst dicker Bücher ausgesucht. Vieles ist Schnelldurchlesefutter, weder richtig gut noch richtig schlecht, die kommen auf den Hausstapel für alle. Bei einigen wenigen stellte sich heraus, daß noch das beste der Klappentext ist (pars pro toto: Jean-Christophe Grangé: Im Wald der stummen Schreie). Solche Machwerke setze ich umgehend in der S-Bahn aus. Den sehr wenigen Glückstreffern werde ich einen gesonderten Blogpost widmen, das haben sie verdient.

Gestern war es soweit. Ich mußte auf dem Weg in die Stadt schon mit dem letzten Buch aus meinem 14-Edeka-Bücher-Vorrat anfangen (danke, du Dreck-S7!) und habe, weil das mit der Fahrerei ja erst mal nicht aufzuhören scheint, die ersten Gedanken über die Beschaffung von Nachschub gedacht. Und wie ich gerade mit dem Remittenden-Eschbach, einem starken Kaffee und einem Zigarettle vor einem Café im Westend an Frischluft und Sonne gegen den Verwesungsgestank räuchere, kommt da ein junger Mann daher. Mit einem Bollerwagen voller Bücher. Und lädt mich ein, mir zu nehmen, was ich möchte; er mache nämlich Wohnungsauflösungen und “Biacha gengan imma schlecht weg und dann scheng i’s liaba her”.

Ich beuge mich tief über das Wagerl und inhaliere erst einmal tief, bevor ich irgendwas berühre. Mir steigt nichts in die Nase außer dem beruhigenden Geruch abgestandener Bücher. Gut, dann kann ich mal durchblättern. Hmmm. Hera Lind, Utta Dannella und andere Autorinnen, die ich nicht kenne, wo aber auf allen Schutzumschlägen vom Winde verwehte junge Heldinnen errötend an schon ergraute Heldenbrüste in weißen, mangelhaft geknöpften Hemden sinken. Naaahhh, das ist jetzt nicht so meins. Aber trotzdem danke!

Da schaut er mich an, der junge Mann, hebt seinen schweren Rucksack vom Buckel, nestelt darin herum und präsentiert mir eine wunderschöne Klett-Cotta-Kassette mit Tolkiens “Verschollenen Geschichten” und dem “Silmarillion”. “Do, konnst hom. Dös baßt besser zu dir.” Stimmt. “Das Silmarillion” wollte ich schon ewig wiederlesen und die anderen kenne ich noch nicht einmal. Danke vielmals! Der junge Mann will keinen Dank. Er bollert zum Nebentisch weiter und setzt seine Mission fort. So ein guter Entrümpler!

Danke übrigens auch an Apollo, daß du mich erhört und mir deinen Bücherboten geschickt hast! Könnte ich das womöglich für meine Rest-S7-Leidenszeit im ca. zweiwöchentlichen Abo haben? Bitte?

Wintervorhersage aka “Winter is coming”

Heute geht so ein seltsamer Wind, der mir zuzuraunen scheint, daß sich das mit dem ungewöhnlich warmen und trockenen November demnächst haben wird und der Winter sich nicht mehr vermeiden läßt.

Ooochh, komm, a bissele noch? Hmmm?

In vollen Zügen

Mir sagt ja immer keiner was, denn irgendwer hat ganz offensichtlich die ‘Festspiele der Darstellenden Künste’ in der S-Bahn ausgerufen. Heute früh, das heißt, an einem Samstagmorgen, wo ich viel zu früh raus muß, wegen eines Wohnungsbesichtigungstermins, der der Maklerin konveniert, aber nicht mir, steigen in Wächterhof (doch, das ist eine S-Bahn-Station und keinesfalls, wie man vermuten könnte, ein Level eines MMO) zwei Damen ein, stellen sich mittig im Abteil auf, stimmen die “Ode an die Freude” an und setzen alles daran, die knappe Handvoll morgenmuffliger Mitreisender zum Mitsingen zu animieren. Frühmorgens fröhlich Weisen schmettern – sonst noch was?

Irgendwann ist wirklich genug. Bei “Morning has broken” bin ich ausgestiegen.

Alles eine Frage der Definition

Ich habe sie alle gesehen: ob “charmant”, “attraktiv”, “elegant”, “bildschön”, “schick”, “reizvoll”, “life-stylish”, “kompromisslos erstklassig”, “zeitlos-modern”, “sensationell” oder “superschön”. Hätte diese Bezeichnungen jedoch nur in einigen sehr wenigen Einzelfällen selbst verwendet. Bei “ungewöhnlich”, “individuell”, “ausgefallen”, “charaktervoll”, “extravagant” und “spektakulär” bin ich zu dem Schluß gekommen, daß deren Auslegung in den Vermieterbeschreibungen ähnlich aussagekräftig ist wie die des Begriffes “strandnah” in einem Reiseprospekt, denn die Wohnungen waren entweder verdreckt und/oder heruntergekommen, schief, krumm und ähbäh oder so dermaßen schlecht geschnitten, daß der Architekt mit Sicherheit schwer von Mieterfluchfurunkeln geplagt in einer Gosse sein elendes Dasein fristet.

Warum ich davon lang und breit erzähle? Weil heute so ein richtiger Griff-ins-Klo-Tag war. Die “zentralgelegene Altbauwohnung im Trendviertel” lag in einem düsteren Rückgebäude mit Ambitionen zum Zille-Motiv im Westend. Die 25 Aspiranten und -innen nahmen im schattigen Hinterhof schon eine Viertelstunde vor der vereinbarten Besichtigungszeit an- und voneinander Maß (“was hat der wohnungsgeeigneteres, das ich nicht habe?”) und wurden kaum 10 Minuten zu spät von der für Samstagfrüh viel zu aufgeräumten Maklerin in das “entzückende Objekt” getrieben. Das Objekt stank. Ich habe genug Krimis gelesen, um den Geruch als “Rentnerin-lag-tot-wochenlang-unentdeckt-in-ihrer-Wohnung” zu identifizieren. Es stank. Die Wohnung dürfte seit dem Einzug besagter Dame nicht mehr renoviert worden sein, im Quietschparkett waren tiefe Abdrücke von viel zu schweren Möbeln und es roch, als sei der Leichenwagen erst vorgestern dazugekommen, die Vormieterin abzuholen und die Entrümpelungsfirma erst gestern, um ihren irdischen Besitz wegzuschaffen. Gelüftet hatte noch keiner.

Ein besonders mutiger Kandidat wagte sich vor und stellte die allen ins Gesicht geschriebene Frage nach vermieterseitigen Renovierungen (neues Bad!, neue Küche!, neuer Anstrich! und vor allem neuer Geruch!) – huiiijuii! Nein, nicht doch, zwitscherte Blondie (ich frage mich, in welcher Klonwerkstatt diese High-Heel-Falsch-Blond-Kurzrock-Kiloweise-Makeup-Klischee-Maklerinnen hergestellt werden), das mache man doch heutzutage nicht mehr. Jeder Neueinziehende solle sich da ganz nach seinen Wünschen ganz individuell verwirklichen (und seinen Vermieter gefälligst nicht mit der unverschämten Forderung nach einer bezugsfertigen Wohnung belästigen). Da sieht man’s mal, hat sich die teuere Maklerausbildung doch gelohnt.

Jetzt benötige sie für den Auswahlprozeß bittschön vollständig ausgefüllte Selbstauskunftsbogen mit Details zu Vorleben, Beziehungsstatus, Haustieren, Musikinstrument, Einkommen und  Gesundheitszustand, Kopie von Ausweispapieren und die Einwilligung zur vorerst einmaligen Bankauskunft. Und wie in der Medikamentenreklame hetzt sie sich beim Einsammeln der Unterlagen (die viele bereits in ordentlichen Bewerbungsmappen mitgebracht haben) durch die bis dato noch unveröffentlichten Details zum Mietverhältnis: Staffelmiete mit einer jährlichen Steigerung um 5%, 3 Monatsmieten Kaution, eine zusätzliche Bankbürgschaft in der gleichen Höhe sowie die Überschreibung des Erstgeborenen in lebenslängliche Sklaverei.

Weißt du, was du mich kannst, Blondie? Von mir gibts kein Papier, ich schau nachher noch eine andere Wohnung an und schlechter als deine Stinkebude kann die nicht sein.

Ich habe nicht immer recht.

Das 2. Besichtigungsobjekt des Tages, eine “Dachterrassen-Wohnung in gehobenem Wohnviertel” liegt direkt über einem Getränkemarkt (das kann ein Standortvorteil sein, muß aber nicht) und man betritt sie durchs Badezimmer. Richtig gelesen. Haustür auf, dann links Badewanne, geradeaus durch das Waschbecken, daneben rechts die Tür zum Flur. Davon geht links ein Schlafzimmer ab und hinter einer Art Sperrholzverschlag rechts gegenüber stehen ein Herd und eine Spüle (= Küche), davon durch eine dünne Wand getrennt, die fensterlose Toilette. Das Wohnzimmer ist riesig, davor liegt die Dachterasse (direkt über der Anliefereinfahrt des Getränkemarkts). Wäre ich dem Vormieter, einem steroidaufgepumpten Bodybuilder ähnlicher, dann fände ich die Wohnung bestimmt ebenso super; er ist nämlich a) beruflich eh viel auf Reisen und b) besteht seine Nahrungsmittelzubereitung im wesentlichen aus dem Anrühren von Fitneßshakes. Aber für mich als bekennenden Gernbadseparathaber, Gernwohner und Gernkocher ist diese Bude nichts.

Morgen habe ich besichtigungsfrei. Montag gehts weiter.

(Ob ich mir diese Wohnung (s. screenshot unten) anschaue, muß ich mir aber noch gut überlegen.)

lustige Wohnung

Depp deppada

Wie ich mich bei der heutigen Wohnungsbesichtigung so umschau, denk ich, daß mein Augenmaß wohl eingegangen sein muß, denn die in der Anzeige angepriesenen 65 qm kommen mir arg klein vor. Wie ich diese Wahrnehmung dann mit der Vertreterin der Eigentümergemeinschaft bespreche, ist sie nicht abgeneigt, mir zuzustimen. Obwohl sie persönlich gar nichts dafür kann, da, sagt sie, sondern “mei Moa, weil, der hod’s ned a so mit dem Internet” und sei “irgendswie abg’rutscht” und hätte statt zwei Mal auf die “5” wohl einmal auf die “6” “aufidruckt mid seine Wurschdfinger”.

Das mit dem Wurstfinger-Fauxpas gelte im übrigen auch für die Kaution, da verlange man nämlich nicht nur zwei, sondern drei Monatsmieten, “do hod er sich aa verdoa”. Daß der Balkon aus der Anzeige ganz fehlt, ist in ihren Augen eine Marginalie – “mid olle Kreizerl, die’s do machen muaßt”. Man könne halt Männer einfach nicht ohne Aufsicht werkeln lassen. “Gell, des kennen’S beschtimmt aa?”, sagt sie, zwinkert und stößt mir kumpelinenhaft den spitzen Ellenbogen in die Rippen. Ich darf gar nicht dran denken, daß die im selben Haus wohnt. Nix wie weg! Was hier auf dem Vermietermarkt unter “versuchen kann man’s ja mal” läuft und “ich kann ja nix dafür, daß mein Mann so ein Depp ist”, nennt man in Juristenkreisen mindestens “unlauter”.

Warnung: Lang wird’s nimmer dauern, bis bei mir die marxistisch-leninistische Dialektik wieder durchbricht. Mensch, Herrschaften: Eigentum verpflichtet! Wer gegen diese Regel verstößt, wird umgehend expropriiert!

Auflagensteigerung

Seit ich heute an den Brüllplakaten der Zeitungskästen vorbeigegangen bin, frage ich mich: Wie toppt man eigentlich eine Schlagzeile wie “Rentner brennt in Hochhaus”?

  • Balg erfriert in Bungalow?
  • Donald plumpst von Tower?
  • Dr. Klöbner: “Mit Ihnen teilt meine Ente das Wasser nicht”?