Weil ich heute großzügig gestimmt und das Jahr noch so jung ist, gebe ich noch eins aus…

Gerade ist mein Silvesterbesuch wieder abgereist, und über die Zeit ist es nächstes Jahr geworden. Hach!
Schee wars, wie immer. Bloß halt viel zu kurz und viel viel viel zu kalt.
Fahr und flieg vorsichtig und komm’ bald wieder!
Glaubt bloß nicht, dass ihr davon kommt, nur weil Weihnachten inzwischen vorbei ist und mir eure Werbung nicht mehr überall und allzeit aufgedrängt wird. Ja, ihr seid gemeint, https://www.mydays.de/, mit eurer schwachsinnigen Wortprägung von der “Gemeinsamzeit”.
Dafür ist selbstverständlich ein hoher Beitrag in die Schlechte-Wortspiel-Kasse fällig. Ein sehr hoher, gemessen an der Häufig- und Lästigkeit eurer Onlineaufdringlichkeit.
Rechnung ist unterwegs.
Viele Menschen meiner Generation dürften die Kriegs- und Nachkriegsgeschichten ihrer Familien noch aus erster Hand von Großeltern oder Eltern gehört haben. Also a) sehr subjektiv, und durch häufiges Erzählen geschliffen und gefärbt, mit Auslassungen und -schmückungen (“Wie wir ein fast volles Weinfass zu fünft von Köln bis Godesberg gerollt haben…”) und b) beschränkt auf den eigenen kleinen engen Blickwinkel.
Jähner hat, wie schon in seinem Buch über die Weimarer Republik (s. https://flockblog.de/?p=50628), umfassendes und weitläufiges Quellenstudium betrieben und faßt für die Nachgeborenen zusammen, ordnet ein, erklärt Zusammenhänge und malt so ein Gesamtbild einer Zeit, in der die Welt sich zu neuen Blöcken sortiert, ein eiserner Vorhang zwischen Weltanschauungen gezogen wird, der Spagat zwischen Tätervolk und Kriegsgeschädigten mal klappt und mal nicht, einer deutschen Zukunft zwischen Morgenthau- und Marshallplan, sozialistischem Realismus und abstrakter Kunst, Beate Uhse und Prüderie.
Brennend interessant, flüssig geschrieben, und wieder einmal mit der Erkenntnis verbunden, dass, bloß, weil ich glaube, dass ich viel weiß, ich noch mehr nicht weiß.
Einem und einer jeden ans Herz gelegt, die mehr verstehen wollen, ohne trocken belehrt zu werden. Mein Exemplar kann ausgeliehen werden.
Lesen! Lesen! Lesen!
PS: Pars pro toto ein Zitat, das ich “Elegie an einen Nierentisch” betitelt habe:
“Der Nierentisch war das dekorative Symbol entnazifizierten Wohnens. Mit abgespreizten Beinen und aufreizendem Optimismus stand er spillerig im Weg; asymmetrisch, verletzlich, hallodrihaft verkörperte er das Gegenteil des wuchtigen Reichskanzleistils. In grazilen Schühchen aus Messing, mit einem goldfarbenen Umleimer gegürtet und oft noch mit mediterranem Mosaik belegt, sah er aus wie die Travestie eines stabilen Tisches.”
Man brauche, sagt die fast neunzigjährige seit vorletztem Jahr verwitwete Nachbarin, ja nach den langen Feiertagen auch mal wieder “was frisches” und packt Salat zu den Orangen im Wagen. Nebenher erkundigt sie sich nach meinem Wohlergehen. Nachdem wir das abgehandelt haben, frage ich sie. Weihnachten, sagt sie, sei schön gewesen. Der Heilige Abend “mit allen” bei ihr, der erste Feiertag beim einen Kind, der zweite beim anderen, immer habe man sie geholt und gebracht und insgesamt eine schöne Zeit miteinander gehabt. Heute Nachmittag werde sie mit einer Freundin ins Café gehen.
“Wissen Sie”, sagt sie, “ich habs gut. Ich bin nicht allein.” Da will ich erfreut zustimmen, irgendeine Floskel, die aussagen soll, dass das in ihrem Alter doch ziemlich großartig sei, weil geistig und körperlich fit und Menschen um sich und… aber sie ist noch nicht fertig. “Allein”, sagt sie, “bin ich nicht. Aber halt einsam.”
Autsch.
Ich spreche von Zeiten, in denen Korrektoren in gedruckten Zeitungen Sprachwache gehalten und sowas verhindert haben:
„Die Ble-
chelse spricht“
Grauer Himmel und Sprachverhunzer am Werk. Tsss, tsss, tsss. Ich glaube, ich kaufe mir jetzt ein Meckerkissen und lege mich zum Weiterschimpfen mit verkreuzten Armen ins Fenster.
Miss Batic und Miss Leitmayr versuchen im Residenztheater herauszufinden, warum eine junge Schauspielerin während einer Aufführung von Tschechows “Möwe” tot zusammengebrochen ist.
Der wohlwollende Zuschauer bekommt ein Kammerspiel, inklusive einer Führung durch den Bauch des Hauses und die Kammern und Kämmerchen all derer, die im Hintergrund dafür sorgen, dass eine Vorstellung läuft. Außerdem klassische Zitate, vom genannten Tschechow über Shakespeare (“Die ganze Welt ist Bühne”, weil origineller geht es nicht), theaterwissenschaftliche Analysen und, halloho Theater, Intrigen, Ränke, Kabalen. Dem weniger wohlwollenden Zuschauer ist langweilig.
Ich fand die Episode recht nett, wenn auch etwas hausbacken. Vor allem den Schluß, wo alle Beteiligten auf der Bühne versammelt werden, um der Entlarvung des Täters beizuwohnen. Aber darüber sehe ich nicht zuletzt deswegen großzügig hinweg, weil das Ensemble des Resi auch dabei war und das mag ich.
Kann man anschauen.
Ich bin Boomer. Ich darf also statt “ROFL” auch in einer Textnachricht ausschreiben, dass ich vor Lachen am Boden liege.
Die Autorkorrektur ist noch jung und meint es gut und teilt der Empfängerin meiner Nachricht stattdessen mit, ich läge am “Bodensee”.
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