Tatort Weimar: Der höllische Heinz

Neujahrsschießen, -springen, -schwimmen? Ah, woher denn. Innerer und ich sitzen lieber daheim im Warmen (du kannst uns mal, du Sturmtief “Zeetje”, du klingst ja schon wie Zähneklappern) und schauen einen witzigen Western made in Thüringen und lachen uns, weil ein Ast nicht reicht, mindestens einen Baum.

Ich verrate nix, außer dass Tschirners Vortrag eines Truppenbetreuungsschlagers sich lässig am Dietrichschen messen kann und mir seit gestern Abend im Ohr herumwurmt.

Und jetzt alle: Anschauen! Anschauen! Anschauen! (Ist in der Mediathek.)

Oder kann das weg? – Bilder einer Ausstellung

Münchens Verhältnis zur Subkultur ist ja eher ambivalent. Eigentlich hätte man gern eine, wegen urban und so. Aber in echt steht ums Eck immer schon wer mit geladenem und entsichertem Wischlappen, um Schmuddeliges zu entfernen. Also schon sub, aber halt auch sauber und ordentlich und im Rahmen der Büroöffnungszeiten. Wenn es ein braves Schmuddelkind ist, dann sieht man ihm auch nach, wenn es unbedingt den Beinamen “Kultur” führen will.

Im letzten Jahr (2018) ist in München gleich hinterm Marienplatz das Museum of Urban and Contemporary Art (MUCA) eröffnet worden; wahrscheinlich ein Versehen, weil die Subkulturputzbrigade, wg. des heißen Sommers abgelenkt, irgendwo im Außeneinsatz war. Und weil der Subkulturelle ist, wie er eben ist, konnten die guten Menschen vom MUCA den Hals nicht vollkriegen und wollten gleich noch mehr Raum für noch mehr Kunst und Künstler.

Sie haben ihn gefunden, im Münchner Westen, auf dem trübsinnigen Abschnitt der Landsberger Straße zwischen Laimer Unterführung und Pasinger Stadtgrenze. Dort nämlich steht die alte Tengelmann-Verwaltungszentrale (wobei der ganze Hof mit triumphal-leuchtenden Edeka-Bannern beflaggt ist, aber das ist eine andere Geschichte). Außenfassaden sowie die beiden oberen Stockwerke, insgesamt gute 5000 Quadratmeter Fläche wurden 50 Künstlern ohne weitere Auflagen zur Gestaltung freigegeben. Das Ganze war von Anfang an als befristetes Projekt geplant: Ende Januar 2019 ist Schluß. Dann wird das Gebäude abgerissen und macht Platz für einen modernen Bürocampus.

Was Kunst ist, liegt im Auge des Betrachters (oder im Ohr, im Geschmack, im Geruchssinn, in der Haptik oder einer Kombination aus mehreren Sinnen) und ich kann für mich immer nur entscheiden, ob sie zu mir spricht oder ob ich etwas schön finde oder halt nicht. Ich werde also nicht über gar zu dekorative Popart berichten oder über zu gewollt Provokatives oder Schtermslangweiliges. Auch nicht über die grausigen Akrylgesichter oder angemalte oder eingepackte Heizkörper. Heizkörper, huiuiui! Alles ned so meins.

Wer mag, kann auf dem virtuellen Rundgang mitgehen: https://www.kunstlabor.org/virtueller-rundgang/

Zum ersten Mal richtig gegraust hat es mich im Archiv. Das Aktenarchiv, mit deckenhohen (hohe Decke!) eng an eng (gerade mal knapp hüftbreite Durchgänge) gestellten Regalen, vollgestopft mit Akten. Jeder Rücken ordentlich beschriftet. Zu denken, dass dieser altertümliche Papierfriedhof tagtägliches Leben inzwischen längst vergessener Menschen ist. Mich schaudert. Wohin jetzt?

Ein Künstler hatte eine große Skulptur aus Transportkisten gebaut, teilweise mit Fensterchen, teilweise a bisserl arg offensichtlich (Kinderkissen, Kuscheltier, ein Ringelstrumpfeinzling), andere tiefgründiger, und in seinem Raum eine ganze Wand freigelassen, auf der Besucher ihre Gedanken zum Thema “Was ist Heimat?” notieren sollten. Ich glaube, ich habe so gut wie alle diese Einlassungen gelesen. Erste und erfreuliche Beobachtung: kaum obszönes Gekritzel. Die zweite: bei den meisten Menschen hängt Heimat mit den “ursprünglichen” Sinnen zusammen, nämlich Geschmack (in Kinderschrift: Nudeln und Pommes ohne Salat) und Geruch (Mein Strand bei Ebbe). Sehr schön.

In einer der nächsten Installationen sind knallbunte Plastikpitbülle in verschiedenen Verrichtungen arrangiert, WTF? Dann aber folgen einige Räume, mit denen ich viel anfangen kann. Leider habe ich mir den Katalog nicht gekauft und die Namen der Künstler nicht notiert. Bleibt also alles anonym.

Hier ein Wandbild, bei dem man doch nur “Flüchtling” denken kann…

1-Wandbild

L.E.T. (beide Bilder unten) war mein Graffiti-Favorit, wahrscheinlich, weil ich halt doch mehr vom Wort komme… (Für bessere Lesbarkeit einfach auf das/dem Bild doppelklicken.)

3-your weird2-Street Art
Einer hat in den Gängen seine persönlichen Freak-Show-Varianten aufgemalt:

4-Freakshow

Ein anderer in Comicbuch-Manier das Haus, wie er es beim “Einzug” vorgefunden haben dürfte:

6-Comic-Doku

5-Comic-Doku

Im nächsten Raum lagen und standen große Schienen voller einzeln und aufwendig gestalteter Fliesen, deren ich am liebsten jede mitgenommen hätte, so gut gefielen sie mir. Und dann standen wir auf einmal mitten in einem plastikvermüllten Meer und bekamen Sand in die Schuhe. War in meinen Augen mehr Umweltpolitik als Kunst, aber darum nicht weniger interessant.

Im 6. Stock und viele Räume weiter, nach Vorstandsetage, Küche und Kantine habe ich in den Geheimakten endlich die Aufklärung des großen Nachkriegsmalzbonbonskandals aus dem Jahre 1952 entdeckt. Echt, dort lagen Akten zum Rumblättern rum und neugierig, wie ich bin, habe ich eine x-beliebige in die Hand genommen und… voilà. Kamellogate, endlich enthüllt.

7-Malzbonbon

Da oben wars nicht nur wesentlich kälter, es wurde auch zunehmend makabrer. Vor dem Raum mit den Urnengräbern der einzelnen Tengelmann-Filialen (Name, Anschrift, Todestag) hing ein großes Wandbild mit küssendem Putin, daneben mußte ein Ehepaar sich gegenseitig inmitten der Kunst ablichten:

8-Menschen in Kunst

Danach kamen die Duschräume. Im “naturbelassenen” (100.000 mal benutzt, 100.000 mal geputzt, jetzt Verfall und Dreck anheim gegebenen) Duschraum konnte man gar nicht anders, als sich das Leid all jener zu vergegenwärtigen, die je Mächtigeren in Institutionssanitäreinrichtungen ausgeliefert waren. Das war so beklemmend, dass man um den einzigen unfreiwillig komischen Akzent wirklich dankbar war.

9-Duschraum

Den für das andere Geschlecht hatte sein Künstler in ein blauschimmerndes Tiefseeabenteuer verwandelt, wohltuend und erholsam.

10-Tiefsee

So. Jetzt sind wir durch, und weil wir uns da oben gar so tapfer durch viel zu viele geflieste Räume gekämpft haben (da hilft alle Kunst nicht, in denen lebt das Grauen), bekommt jeder noch einen Keks und dann gehen wir nach Hause.

11-Keks

Definiere: gemütlich

1 kahler grauer unbeheizter Raum mit sehr hartem Licht. Einziger Ziergegenstand: 1 Tierschädel an der Wand. 1 Stuhl (Schaukel, ohne Kissen), 1 Stück Totestierhaut sowie 1 Rollcontainer mit Brennholz. “Legendär gemütlich.”

Ach OTTO, was sind wir beide verschieden.

Otto2
Aber ich käme gerne auf diesen Betonbunker zurück, wenn ich mal ein Entführungsopfer aufzubewahren hätte, ja?

Nicht im Heimkino: Madame Mallory und der Duft von Curry

Der Film war mir neulich beim Suchen nach was anderem untergekommen und weil der Regisseur von Chocolat wieder was über Reisen und Essen inszeniert hat, in einer schönen Gegend, noch dazu mit Helen Mirren in der Hauptrolle, dachte ich mir, der klingt, als würde ich ihn mir gerne immer mal ansehen, wenn der Tag ähbäh war oder das Wetter schlecht oder das Internet mal wieder, wie das im Englischen so schön heißt, “on the fritz” ist, also überall, bloß nicht da, wo man es gerade braucht und habe mir die DVD bestellt. Gabs günstig, war schnell da und hat dann mit mir auf den Silvesterabend gewartet.

Gestern Abend erwartungsvoll eingelegt, und weils beim ersten Gerät irgendwie nicht klappte, das nächste, noch ein weiteres und dann alle verfügbaren ausprobiert. Niente, nada, nitschewo. Morgen schicke ich sie zurück.

Zum Jahresausklang gabs stattdessen Fargo, eine Glanzleistung der Coen Brüder aus dem Jahre 1996.

(Ihre neueste Produktion The Ballad of Buster Scruggs betrachte sich hiermit als verrissen. Über die mag ich kein weiteres Wort verlieren.)

Man möchte nochmal zwanzig sein

…nein, ich möchte nicht. War zwar nett, aber dieses ganze Trara, bis man zu sich und seiner Persönlichkeit und dem Leben findet, wie man es denn gerne führen mag, das muß ich nicht nochmal haben.

Was ich aber möchte, ist, dass ich, wenn es mir schon beschieden sein sollte, weit über 80 zu werden, das Alter so angehe, wie mein Onkel und meine Tante, die ich heute zum Vormittagstee in ihrem Hotel in München besucht habe, wohin sie angereist waren, um dort die “Silvestergala” mit feinem Diner und Feuerwerk zu begehen, an Neujahr einen Ausflug zum Lüften an den Starnberger See zu machen und dann gemütlich vom greisenfreundlichen Busunternehmen (“die holen uns mit dem Gepäck zu Hause ab und bringen uns auch wieder”) “mit vielen Pausen, das braucht man in unserem Alter” einen Tag danach wieder heimgeschippert zu werden.

Sich trotz Krankheiten und Zipperlein, lahmer Knochen und müder Herzen so viel Lebenslust und -freude bewahrt zu haben und alles schön finden zu wollen und zu können und es dabei so zu genießen wie die Beiden – das ist schon etwas ganz besonderes. Und wenn man es recht bedenkt (und das tun sie), ein Geschenk.

Milchbubenrechnung

Habe das jetzt einmal nachgerechnet: das Modell “1 Tag anreisen, 1 Tag bleiben und 1 Tag abreisen”, bedeutet, dass am ersten Tag noch nicht sehr viel, am zweiten Tag gerade mal ausreichend und am dritten Tag nicht mehr viel gemeinsame Zeit herausspringt. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass mein lieber Gast die weite Reise von und nach Sachsen auf sich genommen hat.

Danke, dass du hier warst, Toni! Und komm bald wieder!

Und?

Vor genau einem Jahr veröffentlichte die SZ einen prophetischen Jahresrückblick auf das Jahr 2018. Als kleines Experiment habe ihn hier aufgehoben, zum Nachprüfen und -lesen.

2018 Wolkige Gewissheiten

Wenn die Geschichte nicht mehr die Geschichte des Fortschritts ist – ein tief ernst gemeinter Rückblick auf das kommende Jahr, noch bevor es die Chance hatte, sich zu entfalten.

Von Joachim Käppner

Man hatte sich zuletzt daran gewöhnt, vom neuen Jahr nichts, aber auch gar nichts Gutes zu erwarten. Wer zum Beispiel 2017 einen Jahresrückblick verantwortete und verzweifelt nach guten Nachrichten in all der Trübsal von Trump, Erdoğan, Kriegsspielen rund um Nordkorea, Wirbelstürmen, Putins Bombern in Syrien und all den Rechtspopulisten gesucht hatte, der war schon froh, dass die Sechziger in die vierte Liga durchgereicht wurden. Nicht das war natürlich die positive Geschichte, sondern der Umstand, dass sie wieder im guten alten Grünwalder Stadion spielen (wenn man ihre Art des Fußballs als spielen bezeichnen will), und solange das so bleibt, ist den Löwen-Fans ein Heimspiel gegen Kickers Wildsau vom Wald allemal lieber als ein Champions League-Spiel gegen den FC Barcelona.

Wie der Historiker Heinrich-August Winkler darlegte, löste sich die Selbstgewissheit der westlichen Welt auf, dass ihre Geschichte auf lange Sicht eine des Fortschritts sei, und machte einer aufziehenden Unsicherheit Platz. Jahr für Jahr wurden die schlechten Nachrichten immer noch schlechter. Als Ende 2016 die Satire-Seite Der Postillon spottete: “Der erste Clown im Weißen Haus”, und dieser 2017 als Horrorclown der Weltpolitik ein zu Recht vor Schreck gebanntes Publikum fand, da zweifelten viele kluge Denker an der fortlaufenden Gültigkeit von Hegels Maxime, die Weltgeschichte sei “der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit”. Umso überraschender gestaltete sich dann doch das Jahr 2018 im Rückblick, in den die SZ ihre Leser hier exklusiv vorab Einblick nehmen lässt.

Wofür Donald Trump eine Flugzeugträgergruppe entsenden will

Es begann mit der Rückkehr eines gut gelaunten und gebräunten US-Präsidenten aus den Weihnachtsferien. Donald Trump, der im Vorjahr noch verkündet hatte, der Winter sei so verdammt kalt in New York City, wo denn bloß die globale Erwärmung bleibe, trat vor die Presse und teilte mit: Es seien Fake News, dass er mit der Ankündigung im Wahlkampf, das Klima in Washington gründlich zu ändern, das tatsächliche Klima gemeint habe. Ein paar Berater, Loser allesamt, hätten das falsch kommuniziert. Er werde mit seinem guten Freund Wladimir reden, der ihm im Vertrauen schon einen Vorschlag zum Umgang mit Versagern im eigenen Umfeld gemacht habe. Trump versprach außerdem, eine Flugzeugträgergruppe zur Rettung des Weltklimas zu entsenden.

Weltweit wurde über die Ursachen dieses Gesinnungswandels debattiert. Die New York Times, mehr denn je Amerikas maßgebliches Blatt, spekulierte, der mächtigste Mann der Welt könnte seine früheren Positionen in Sachen Klimawandel schlicht vergessen haben. Schließlich waren ihm ja auch jene Dutzende Frauen gänzlich entfallen, welche 2018 Vorwürfe wegen früherer sexueller Belästigung gegen ihn erhoben.

Der amerikanische Politdenker Francis Fukuyama führte Trumps Besserungsansätze dagegen auf die Selbstheilungskräfte zurück, welche den westlichen Demokratien eben innewohnten und zwangsläufig in ein gutes Ende der Geschichte führten. Dafür sprach auch die Tatsache, dass Theresa May im Laufe des Jahres sämtliche Kabinettsminister wegen Skandalen aller Art abhanden kamen; mangels handlungsfähiger Regierung verzichtete Großbritannien auf den Brexit und verblieb auf absehbare Zeit in der EU.

Trumps Gesinnungswandel war allerdings so unwahrscheinlich, dass er für die meisten Menschen eigentlich nur durch ein direktes Eingreifen des Herrn erklärbar war. Jetzt erschien die Prophezeiung des vatikanischen Kardinals Pietro Parolin plötzlich in ganz anderem Licht, der nach Trumps Wahl 2016 gebetet hatte, “dass Gott ihn im Dienst für sein Land erleuchten möge”. War es Zufall, dass evangelikale Kirchen in den USA 2018 predigten, Gott habe den Menschen in seiner Gnade erst vollautomatische Sturmgewehre und dann Trump als neuen Messias gegeben?

In Deutschland gelingt am Ende doch noch die Bildung einer neuen Regierung

Der Herr schien seine Hand auch über die weiteren Ereignisse des Jahres 2018 zu halten. Nicht nur blieben die Wasser des Atlantischen Ozeans ruhig, weiter als bis B wie Blümchen kam die Hurrikan-Zählung nicht. Auch auf sein ursprüngliches Vorhaben, Nordkorea als atomares Übungsziel ins Visier nehmen zu lassen, kam Präsident Trump nicht mehr zurück. Zu den guten Nachrichten des Jahres 2018 gehört der rasche Zerfall der Kommunistischen Partei Nordkoreas, was die nukleare Bedrohung durch das unberechenbare Land erheblich zurückgehen ließ. Der Grund war indes nicht Trumps Verzicht, sondern die Reise der deutschen Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht nach Pjöngjang, deren Visite dort zunächst als Zeichen der internationalen Solidarität gewertet und mit einer vierzehntägigen Militärparade gefeiert wurde. Wenige Wochen, nachdem Frau Wagenknecht jedoch einen hohen Ehrenrang in der KP erhalten hatte, ließ sich der geliebte Führer-Genosse Kim Jong-un mit einer Interkontinentalrakete in eine Umlaufbahn um die Erde schießen, nur um die Vorträge der deutschen Genossin über den richtigen Weg zum Sozialismus nicht mehr anhören zu müssen.

Die Entspannung wirkte sich 2018 bis nach Moskau aus. Als Zeichen des guten Willens ließ Präsident Putin dem Kollegen Trump mitteilen, ein gewisses Video, das es eigentlich ohnehin nicht gebe, sei im Zuge einer großen Säuberung in der Lubjanka verloren gegangen, jedenfalls vielleicht. Russland sagte außerdem zu, die Zahl der Trollfabriken im Land bis 2038 um drei Prozent zu reduzieren und die vielen geschassten US-Präsidentenberater, für die sich kein Platz mehr in amerikanischen Läuterungsanstalten fand, in geeigneten Einrichtungen nahe Workuta unterzubringen. Die Therapiemethoden dort hätten sich in jahrzehntelanger Praxis bewährt.

In Deutschland gelang gegen Jahresende 2018 schließlich doch die Bildung einer großen Koalition. Politische Beobachter sprachen von einem Erfolg der SPD. Sie hatte zu Jahresbeginn 398 rote Linien genannt, von denen sie im Laufe der Koalitionsgespräche unter keinen Umständen abweichen werde. Nach mehreren Tausend Verhandlungsrunden wurden immerhin vier davon in den Koalitionsvertrag hineingeschrieben. Martin Schulz, dem Vorsitzenden, allerdings war es nicht gelungen, den Genossen seinen strategischen Dreisprung zu erklären: Warum also seine Partei vier Jahre lang erfolgreich in der großen Koalition gearbeitet habe, um nach der Wahl jählings festzustellen, dass sie diese Koalition aus Verantwortung für die deutsche Sozialdemokratie unter keinen denkbaren Umständen fortsetzen dürfe, woraufhin sie das dann aus Verantwortung für die deutsche Sozialdemokratie dennoch tat. Schulz wurde zur Strafe in den SPD-Landesverband Bayern verbannt, wo sich in den üblichen ideologischen Querelen dieser Truppe seine Spur allerdings verlor.

Andrea Nahles hingegen stieg weit auf. Sie belegte auf Drängen der Kanzlerin einen Benimmkurs, in dem man ihr erste Grundlagen höflichen Verhaltens nahezubringen versuchte. Im Bundeskabinett, wohin sie zurückgewechselt war, hat sich das nach Informationen aus gut unterrichteten Kreisen insgesamt positiv bemerkbar gemacht. Nur gelegentlich soll Frau Nahles unter dem Tisch nach dem einen oder anderen Bundesminister der CSU getreten haben.

Diese wiederum verlor die Landtagswahl 2018 gegen das Bündnis “Mia san des Volk”, das Linke, Grüne, SPD, FDP und die Freien Wähler einschloss. Die Partei war so fixiert auf das Dauerduell Söder/Seehofer, dass sie den Wahlkampf schlicht vergessen hatte. Auch war ihr der Nachweis missglückt, das christliche Familienbild gebiete es, durch Verbote, Einreisesperren und Abschiebungen die Zusammenführung von Flüchtlingsfamilien mit allen Mitteln zu verhindern. In moraltheologischen Zirkeln hieß es, eine solche Auslegung der Schrift habe den Himmel herabstürzen lassen, jedenfalls den in Bayern und für die CSU.

Es gibt Dinge, bei denen nicht einmal göttliche Fügung hilft: den BER zum Beispiel

Der Stabilisierung des Landes insgesamt kam eine weitere Spaltung der AfD zugute. Das Höcke-Lager hatte festgestellt, dass die vom Co-Vorsitzenden Gauland beim Übertreten der Geschwindigkeitsbegrenzung bevorzugte Luxuslimousine der Marke “Jaguar” ein fremdvölkisches Erzeugnis sei. Noch dazu stamme es aus einem Land, das sich dereinst erdreistet hatte, sich unseren ruhm- und ehrenvollen Soldaten zu widersetzen.

Christian Lindner von der FDP lieferte 2018 ebenfalls gute Nachrichten. Er stellte das ganze Jahr über eine vierstellige Zahl von Bedingungen auf, dafür, eventuell über eine Wiederaufnahme der Jamaika-Sondierungen nachzudenken, einschließlich der Übernahme des Kanzleramtes durch ihn selbst. Da ihm aber niemand mehr zuhörte, scheint die FDP zurück auf dem Weg in die Versenkung zu sein, aus der sie 2017 gekommen war.

Nur eine schlechte Nachricht mussten die Jahresrückblicksmacher 2018 noch finden. Zuversichtlich blickten sie nach Berlin, wo zu erfahren war, man habe wegen technischer Probleme die Eröffnung des Flughafen BER leider auf den 2. Januar 2107 verschieben müssen. Man sei aber zuversichtlich, diesen Termin halten zu können. Es gibt eben Dinge, bei denen nicht einmal göttliche Fügung weiterhilft.

“Siegfried” oder “So a Heldin im Haus”

Wer mehr über die “Siegfried”-Produktion im Lustspielhaus wissen will, der/die lese in der größeren Menge früherer Lobeshymnen hier im Blog darüber nach. Für die Aufführung am 30. Dezember gilt meine ganze Bewunderung Constanze Lindner, die mit einer Mordserkältung und hohem Fieber ihre Kolleginnen und Kollegen und ihr sehr dankbares und begeistertes Publikum nicht hat hängen lassen und eine leicht stimmbrüchige (kein Wunder) und glänzende (so wie in “vor Fieber glänzende Augen”) Kriemhild gegeben hat. Außerdem darf ich berichten, dass Martin Frank, Shootingstar seine Rampensau nunmehr vollkommen von der Leine gelassen hat. Herrlitsch!

Die anderen waren gewohnt sehr gut, der Text schon wieder aktualisiert (ich sage nur Shutdown und Steinkohle) und wer’s verpaßt hat, soll sich ruhig recht ärgern, weil er/sie bis nächstes Jahr nach Weihnachten warten muß, bis der Siegfried wieder in Schwabing herumheldeln wird.

Hoijotoho!

Kurz vor fünf

Frage mich, wieso ich so abrupt aus dem Schlaf aufschrecke und denke mir “Ui, Sonnenaufgang”. Dann schaltet der rationale Teil meines Gehirns zu und meldet “Quatsch! Wir sind mitten im Winter, die Sonne steht nicht vor 8:00 auf.” Aber es ist doch hell draußen? Hmmm.

Des Rätsels Lösung? Aus dem Haus gegenüber blitzert ein Fenster in Komplettlila und aus dem daneben leuchtet ein Stern, der den von Bethlehem armselig aussehen läßt. Im Halbschlaf geht diese Kombination allemal als Morgenröte durch. Und weil Winter und Bäume kahl fehlt der Sichtschutz und voilà: ich bin um fünfe wach, weil der Spinner seine Weihnachtsdeko noch nicht verräumt hat. Hrrrgggn!

Knapp vorbei

Erwäge einen Fundraiser zu starten, damit Santa endlich eine Lesebrille bekommt. Ein Mann in dem Alter…

ihopeitsaguitar