Als Antonin Scalia vor vier Jahren starb, bestanden die US-Republikaner darauf, die Stelle im Supreme Court erst nach der Wahl wieder zu besetzen. Auf soviel Anstand ist dieses Mal nicht zu hoffen. Nicht jetzt, wo sie ganz schnell noch einen konservativen Richter auf Lebenszeit im höchsten Gericht des Landes plazieren können. Oh, Amerika. Du Arme!
Statt Kino: Relativ neu auf Amazon Prime – “Knives Out”
Man kennt solche Filme von früher, als Agatha-Christie-Romane rauf und runter verfilmt wurden. Auf einem Reiche-Leute-Landgut kommt der Patriarch nach einer vollständige-Anwesenheit-verlangenden Familienfeier unter unklaren Umständen zu Tode, alle und jede/r geraten unter Verdacht, weil sie gar nicht die guten Menschen sind, die sie zu sein vorgeben, sondern jeweils mindestens ein dunkles Geheimnis zu verstecken suchen. Ein unter mysteriösen Umständen engagierter Privatdetektiv “unterstützt” das Odd-Couple-regionale-Polizistenpaar mit eher unkonventionellen Methoden “bei den Ermittlungen”, und nichts ist wie es scheint. Macht Spaß, ist leidlich spannend, hält aber niemanden vom Schlafen ab.
Insgesamt ist die Umsetzung dieser Vorgaben gut gelungen. Autor und Regisseur Rian Johnson schenkt Daniel Craig eine Paraderolle als hardboiled Private Eye Benoit Blanc, die der von Anfang bis Ende in einem “Kentucky fried Foghorn Leghorn drawl” (Zitat aus dem Film für diesen ganz besonderen Südstaatenakzent) fröhlich herunterrampensaut. Das ist es dann aber auch. Die Talente seines restlichen hochkarätigen Cast (u. a. Christopher Plummer, Jamie Lee Curtis, Don Johnson, Chris Evans, Toni Collette, um nur einige wenige zu nennen) verschenkt er, indem er sie auf Typen (hypererfolgreiche Tochter, Loser-Sohn, Frauenheld-Schwiegersohn, Geheimnisträger-Haushälterin etc.) reduziert. Sie schlagen sich alle wacker, aber sie hätten soviel mehr zeigen können, weil sie es können. Das ist schade.
Trotzdem, “Knives Out” kann man sich ansehen.
Der Auslandskorrespondent berichtet
Dass alles schon wieder viel besser wird, da drüben, an der Westküste der Leihheimt mit den brennenden Wäldern. So sei zum Beispiel die Luftqualität nicht mehr länger “very unhealthy”, sondern neulich schon auf nur noch “unhealthy” upgegraded worden.
Das sind so die Momente, wo ich der Homeland Security eine leise Dankbarkeit fürs Heimschicken nicht absprechen mag. (Vor inzwischen schon fünf Jahren, man denke!) Die haben mir doch einiges erspart.
NOktoberfest
Mein Obazda belästigt mich mit Lebkuchenherzschreibschrift vom Deckel mit seiner Zuneigung (“I mog di“). Jaja, könnte man antworten, du hast ihn doch auch zum Fressen gern (hahaha), aber bis dato war die Anziehung einseitig und mir genügt das. Beim Metzger bietet man Wiesnfrisch– und Weißwurstaufschnitt im Wiesnstyle feil, gar nicht zu sprechen von der Wiesnhaxn aus der Snack-Theke, im Supermarkt türmen sich neben den Vorweihnachtslebkuchenauslagen Wiesnriesenbrezen und Originalwiesnbier (aus Hof).
Als langjährige bekennende Wiesnmuffeleuse bin ich gerade sehr hin- und hergerissen zwischen schwer genervt und mitleidig. Muß es denn gar so aufdringlich sein? Wir leiden doch alle an coronabedingten Entzügen. Auch ohne, dass wir permanent einem jeden ins maskierte Gesicht brüllen müssen, wie schlimm sich ein Jahr ohne Bierfest anfühlt.
Was fehlt
An den Temperaturen ist nichts auszusetzen. Hoch Manfred heizt die Tage noch einmal gründlich auf und läßt sie in lauen Sommerabenden mit Langdraußensitzen enden. Doch, doch, wunderbar, keine Beschwerden. Im Gegenteil. Manfred (das Hoch), hoch soll es leben! Lob.
Allerdings… Wenn ich frühmorgens über Kreuzungen, deren Ampeln noch nicht einmal im Betrieb sind, zum Treffpunkt fahre, ist es stockdunkel. Das ändert sich auch nicht, wenn wir von dort gemeinsam in den Hunsrück aufbrechen. Immer noch stockdunkel. Wenn wir dann Augsburg passieren, ist immer noch nicht der geringste Lichtstreifen am Horizont zu sehen. Winter is coming und das erfüllt mich trotz der eingangs erwähnten geschenkten südlicheren Tage mit Grauen. Lichtlose Zeiten voraus.
Wie immer und jedes Jahr schlimmer.
Heda, Gruibingen, “erstes Feng Shui Rasthaus Europas”,
seid ihr sicher, dass ihr das fernöstliche Harmonieprinzip richtig verstanden habt? Wirklich?
- Zunächst die Reisende mit wohlgefüllter Blase über das sanft geschwungene Brückle zum hellerleuchtenden Eingang locken, um sie dort mit einem handtellergroßen Zettelchen in Kenntnis zu setzen, dass das Rasthaus “leider geschlossen” sei und sie zur Tankstelle verweisen, wo ein “Sanifair Toilettensystem” auf sie “warte”.
- Diese unter Druck stehende Reisende den steilen Weg zu den Tankstellenwaschräumen gegen den einfahrenden Verkehr auf der Fahrstraße zurückhetzen zu lassen.
- Die schnaufend dort Angekommene mit orange-weiß-gestreiften Absperrbändern wg. “defekt” vom Betreten des verheißenen Ortes abzuhalten.
- Auf dringende hartnäckige Nachfrage schließlich den Schlüssel mit dem Riesenanhänger für die Reserve-Toilette herauszuzurücken, in der das nunmehr schon leidendende Geschöpf durch knöchelhohes Wasser im dicken Dampf die Schüssel mehr ertasten muss als sehen kann, weil das fensterlose Räumchen nebenher als Fernfahrerdusche dient.
- Am Handwaschbecken nur fast kochendes Wasser aus dem Hahn laufen zu lassen (das wieder handtellergroße gewellte Zettelchen am Spiegel mit der recht verwaschenen Aufschrift “Achtung, Wasser sehr heiß” ist Dampfes wegen nur noch als Schmemen lesbar).
- Die Hunsrücksmüde abschließend bei der Rückgabe des Schlüssels anzuraunzen, dass “Kaffee nicht mehr geht”, weil man ja auch irgendwann mal die Maschine reinigen müsse.
Ihr habt das richtig verstanden, sagt ihr? So geht halt mal Feng Shui auf der Schwäbischen Alb, wo “Großzügige Erholungs- und Grünflächen mit angrenzendem Bachlauf dazu beitragen, den Reisenden während seines Aufenthaltes eine aufbauende Atmosphäre zu bieten, in der er sich wohlfühlen und die sie immer wieder gerne aufsuchen kann.”
Wißt ihr was? Ihr könnt mich mal. Und Gendern könnt ihr auch nicht.
Schwer ist leicht was
Es sei, klagt die hunsrückische Kollegin, nicht einfach mit dem Corona. Erst eingesperrt, dabei wg. Langeweile und überhaupt viel mehr gegessen und viel Alkohol getrunken. Dann Urlaub. Statt Vino in Marbella, Schnaps in der Eifel, außerdem viel Fleisch. Auch Süßspeisen habe man reichlich zugesprochen. Und jetzt?
Jetzt wisse frau gar nicht, wo sie zuerst Mitglied werden solle: bei den Anonymen Alkoholikern oder bei den Weight Watchers.
C-Schnipsel – Die zweite Es-war-mal-wieder-fällig-Ausgabe
# Monsieur Masson, Oberster Chef der Luxusmarke LVMH (Moët Hennessy – Louis Vuitton), die sich gerade anschickt, auch Tiffany’s zu erwerbern, schlägt untermaskenverschmierbedingt vor, den “Lipstick-Index”, also jenen Maßstab, der bemißt, wie Frauen in schweren Zeiten Geld ausgeben, durch einen “Mascara-Index” zu ersetzen. Man werde, verspricht der gute Mann, darüber hinaus demnächst den Markt mit Produkten fluten, die der wegen des Maskentragens “leidenden Haut” Gutes tun.
# Memento.
Bisher hat sich noch keiner an ihn herangewagt, an den Kalender im Büro, der den Tag markiert, an dem die neue Zeitrechnung begann. 
# Ich hoffe, die Seuche tätowiert uns allen ein “Carpe Diem” ins Hirn, das uns abends auf die Straße treibt, hin zu anderen. Das unsere Prioritäten neu ordnet: mehr Sein, selbst wenn wir weniger haben. Das unsere Kultur öffnet, entspannt. Das Dolce Vita aufwertet, das Schaffe-Schaffe hinterfragt.
Frank Patalong im Spiegel, 05. Mai 2020
# Das waren noch Zeiten (2019), als der Appell “Abstand halten” nur vor den Gefahren im Straßenverkehr warnte.
# The inflatable pool is the official symbol of America’s lost summer. (The Washington Post)
# Wenn man der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer glauben will, gilt folgender eherner Grundsatz: “Fastnacht ist genauso wie Ostern und Weihnachten fest im Jahreskalender verankert.” Ja und, Frau Dreyer?
# Home Depot, der größte Heimwerkermarkt der USA, hat für dieses Jahr zum ersten Mal seit immer den Black Friday abgesagt, das Massenmonstereinkaufsereignis mit dem man sich traditionell von der Familienfeier an Thanksgiving erholt.
# Falls wer noch ein Schimpfwort sucht: “Du/Sie Nackenatmer!” ist noch recht neu und sehr opportun.
# Knüppel aus dem Sack 2020.
Ein sehr amerikanisches Problem
Es bestehe, warnen nicht näher benannte Experten, coronabedingt die Gefahr, dass es mehr Selbstmorde bei Teenagern geben werde. Sie seien allein gelassen, ohne Freunde und erwachsene Bezugspersonen, wüßten nicht, wie es weitergehen soll und verbrächten viel zu viel Zeit zu Hause.
Zu Hause. Da, wo der Waffenschrank steht.
