Gelesen: Posy Simmonds – “Gemma Bovery” und “Fred”

Posy Simmonds wunderschön illustrierte Annäherung an Flaubert ist so ein herrlich intelligenter Lesespaß für die Literati unter uns, dass ichs eigentlich einer und einem jeden aufzwängern möchte.

Fürs Lesepäusle danach verlustiere man sich an Fred. Einer Geschichte über einen jüngst verstorbenen Kater mit Doppelleben. So dermaßen schön und liebevoll gezeichnet und erzählt – ich wünschte mir einen Sack Fünfjähriger, um es allen diesen Kindern zu schenken. Vorhin ist mir wieder eingefallen, an wen mich Farben und Zeichenstil erinnern – Walter Trier. Ja, genau, der der die Kästner-Kinderbücher illustriert hat.

Ich finde ja, man kann für beides die Zielgruppe sein und sollte lesen! Lesen! Lesen!

Gelesen: Octavia E. Butler – “Parable of the Talents”

Butler läßt diesen Band im Jahr 2032 beginnen, in dem Jahr, in dem das amerikanische Volk einen Ex-Senator aus Texas zum Präsidenten wählt, der auf Massenveranstaltungen seinen Anhängern verspricht, Amerika wieder “great” zu machen und auf einem Evangelikalen-Ticket reist. Eine Nation soll dieses Land wieder (?) werden. Eine starke Nation unter einem einzigen alttestamentarischen Gott.

Alle Anders- oder gar Nichtgläubigen werden noch vor, aber dann legitimiert nach der Wahl, mit der vollen Gewalt des Staates brutal “umerzogen” oder ausgemerzt.

Erstveröffentlicht wurde das Buch 1998.

Es ist eine grausige Zukunft, die Butler, eine echte Seelenschwester Margaret Atwoods, für die Menschen zeichnet, die nicht Mitglieder der religiösen Machtzirkel sind. Und wie in jeder monotheistischen Struktur, in der Männer das Gesetz auslegen und sind, leiden Frauen besonders.

Sie erzählt auch diese Parabel wieder in Rückblenden, in Tagebucheinträgen und aus mehreren Perspektiven. Das macht es einem noch schwerer, die Heldin zu mögen. Sie ist eine altruistische Überfrau, selbst im Gefangenenlager, wo sie nicht wäre, hätte sie nicht ihre Sekte und deren Mission über alles, auch über die Sicherheit ihrer eigenen Familie gestellt. Butler gelingt die Höchstleistung, dass Lesende alle Seiten verstehen. Keiner ist ohne Schuld. Keiner hat ganz recht. Keiner hat ganz unrecht. Diese Vielschichtigkeit macht diesen Band zu einer sehr anstrengenden, aber auch sehr lohnenden Lektüre.

Butler hatte ursprünglich eine Trilogie geplant. Für den letzten Band, Parable of the Trickster, der die Kolonisierung eines Planeten beschreiben sollte, gibt es Entwürfe. Leider ist sie vor Vollendung verstorben. Ich hätte ihre Vision von einer neuen Gesellschaft in den Sternen sehr gerne gekannt.

Aber immerhin. Es gibt diese beiden Parabeln. Lesen! Lesen! Lesen! Lesen!

Q.E.D.

Der Trick mit dem Stiefel nicht verräumen, damit es nicht mehr schneit, der funktioniert nicht.

Ich kann mich gar nicht weit genug weg vom Fenster drehen, dass mich der Anblick nicht mehr graust.

Escape Room “Seelensammler”

Da strengen wir uns stundenlang an, eine junge Frau aus einer im Wortsinne mehr als brenzligen Lage zu retten, nämlich angekettet in einem Keller in einer Benzinlache, umgeben von massig vielen brennenden Kerzen, und dann das:

Verkehrte Welt

Bei mir im Gang stehen im Moment auf dem Abtropfteppich ein Paar Sandalen und ein Paar Stiefel treulich nebeneinander. Letztere eigentlich nur noch in Ableitung der im Volksglauben verankerten Regel “Haste einen Schirm an dir, regnets nicht”.

Wenn ich mir das Wetter so anschaue, könnte ich sie auch wegräumen.

C-Schnipsel

In Amerika, höre ich, begeht man heute den Coronaversary, also das einjährige Jubiläum der Pandemie.

Dazu ein Randy…

Alle großen Ideen scheitern an den Leuten*

“Ideen”, teilt heute der für Schwachsinn sowie Beuteltee zuständige Philosoph mit, “Ideen sind stärker als Körperkraft”.

Seitdem sehe ich mich im Ring mit Big George Foreman**, der diabolisch grinsend zum Hyper-K.O.-Schlag ausholt, während ich ihm, den Kopf weit in den Nacken gelegt, diesen Dummsatz aufsage.

*Wie schon so oft: Brecht hat Recht.

**Sorry, meine Referenzschwergewichtler sind nicht mehr die Jüngsten. Liegt an mir.

Vorhin, unten in der Passage

Der Billigklamottenladen hat wieder auf. Gestern Abend waren die Schaufenster fast nicht zu erkennen, weil sich Menschentrauben die Nasen an den Scheiben plattdrückten. Endlich. Wieder. Was. Zum. Anziehen. Kaufen. Endlich!

Heute war weniger los und Platz genug, um die vielen ausgehängten Schilder zu lesen. Hygienekonzept. Abstand. Desinfektion. Liebe Kundin. Termin-Shopping. Ihr Persönlicher Einkaufstermin. Terminabsprache vorher – Einkaufen nachher. Und da habe ich sie dann auch zum ersten Mal gehört, die Frage der Verkäuferin an die Einlaßbegehrende: “Haben Sie einen Termin?” Kaum zu glauben, wie dankbar die dann war, dass “schon in 5 Minuten der nächste Viertelstundenslot” zu haben sei. Für dieses Privileg hat sie bereitwillig alle Daten aufgesagt, Name, Vorname, Anschrift, Handynummer, Geburtsdaten aller fünf Erstgeborenen.

Endlich! Endlich die Chance auf einen weiteren Zukauf für die drei Schränke voller Nichtsanzuziehn. Mon dieu.

Viel los…

… sagt der Verkehrsnachrichtenmann im Radio. Ganz besonders am Kurzen Trum und man möge, wenn ortskundig, den Kurzen Trum weiträumig umfahren.

Die Moderatorin der nachfolgenden Sendung sitzt noch nicht ganz am Mikro, da muss sie es loswerden. Der Kollege sei ganz offensichtlich ortsunkundig. Dabei kenne sie niemanden, dem das Kurzentrum zu Schneizlreuth nicht ein Begriff sei.