Nicht zu Ende gelesen: M. John Harrison – “The Sunken Land begins to rise again”

Wer immer den Goldsmiths Prize vergibt, hat ihn im Corona-Jahr 2020 auf dieses Buch geworfen. Man lese, so wurde mitgeteilt, ein Porträt des wässrigen post-Brexit Britanniens, gleichermaßen verstörend wie entlarvend. Ich habe, bis ca. zur Hälfte, nur die Geschichte einer sehr disfunktionalen Beziehung sowie irgendwie draufgepfropften viktorianischen Grusel gefunden und beides hat mich nicht interessiert. Aber wo die Kritik recht hat, hat sie recht: Das Wetter ist durchgehend mies.

Nicht lesen.

Fremdbild

Neulich hat mir ein ausländischer Herr von Deutschland vorgeschwärmt. Wie gut dieses mein Land doch organisiert sei. Und wie gut und gerecht die Gesetze und wie anständig und fair die Justiz. Wie zuverlässig und ehrlich die Menschen. Wie nicht korrupt die Politik und so weiter und so fort…

Ich war sehr hin- und hergerissen.

Sollte ich ihn jetzt mit Beispielen, gerade aus der jüngeren Vergangenheit, darüber belehren, dass er da mit einer sehr rosaroten Brille guckt? Dass wir alle sehr verblüfft waren, dass viele der Attribute, mit denen wir dieses unser Land früher beschrieben hätten, uns derzeit nicht mehr ganz so zutreffend scheinen? Oder den Schnabel halten und mich einfach freuen, dass auch dieses nicht mehr so supergut organisierte Deutschland mit seinen Finanzskandalen, seiner nicht vorhandenen Digitalisierung, Männern wie Scheuer und Laschet und Frauen wie Weidel, verpennter Klimapolitik und der vollkommenen Ignoranz der Politik gegenüber den Bedürfnissen nichtwählender Kinder und Jugendlicher immer noch viele Male besser ist, als das Herkunftsland meines Gesprächspartners?

Habe schließlich das Thema gewechselt und über die großartige Küche und Poesie seines Heimatlandes gesprochen. Schmeicheln lenkt ab.

Paralleluniversum

Gestern war ich zum ersten Mal seit fast Menschengedenken oder doch mindestens seit gut über eineinhalb Jahren so richtig fein zum Essen eingeladen. In einem Nobelschuppen in der Maximilianstraße.

Beobachtung 1: In der Innenstadt gehts abends zu wie am Stachus um zwölfe. Ein Riesenbetrieb! Jungvolk auf irgendwas surrendem mit Rädern flitzt durch die Gruppen der Theater- und Opernbesucher*innen eher gesetzeren Alters, dazwischen schnurren dicke E-Brummer oder dröhnen City-SUVs, Taxler kennen auf der Fahrgastjagd kein Gebot und ziehen durch die Massen wilde Wendekreise, ab und zu röhrt ein Porsche oder ein Ferrari (gut, das ist wie früher).

Beobachtung 2: Das einzige, was im Maximilianstraßenverkehr noch Lärm macht, sind die Trambahnen. Ansonsten wird man beim Überqueren der Straße von überraschend auftauschen Flüsterelektroautos mehrfach beinahe totgefahren. Die Tesla-Dichte ist fast so hoch wie im Silicon Valley.

Beobachtung 3: Offensichtlich findet das Oktoberfest doch statt. In Tracht kostümierte Menschen eilen auf dem Hinweg flotten Haferlschuhschrittes in Bierzeltersätze und torkeln auf dem Heimweg angesoffen schwankend raumgreifend im Weg herum. Da schau her. Das hatte ich wirklich überhaupt gar kein bißchen mitbekommen.

Beobachtung 4: Vor dem Restaurant hängt ein Schild, das auf das 3G-Gebot hinweist. Drin führt mich die hauseigene Hostess an den Tisch und nein, einen G-Nachweis will sie nicht sehen. Die beiden schon wartenden Herren hätten sich bereits ausgewiesen. WTF?

Beobachtung 5: Eine Pandemie findet nicht statt. Der Riesengewölberaum ist voll feiernder schöner Bussi-Party-People. Laut, heiß, stickig, eng an eng. Mutet von der Geräuschkulisse und der olfaktorischen Nasenschleimhautbelästigung an wie eine Bahnhofshalle. Riecht bloß teurer.

Beobachtung 6: Mann, war ich froh, als ich wieder daheim war. Corona hat meine latenten misanthropischen Tendenzen offensichtlich chronisiert. Aber so dermaßen.

Nicht böse, nur enttäuscht…

Ich meine mich zu erinnern, dass früher ziemlich schnell nach dem Wahltag auf den Werbeaufstellern aller Parteien “Danke”-Aufkleber angebracht worden sind, bevor man die Dinger zwei Wochen später endgültig entsorgt hat.

Wenn ich mir das in Hadern so anschaue, haben nur die Grünen auf ihren inzwischen vom Regen zu Blautönen verwaschenen Plakaten geklebt. Dafür aber gleich zwei: “Danke” und “Direktmandat”. Die anderen Parteien lassen ihre Aufsteller windschief und vollgesogen langsam am Straßenrand verenden.

Wenn nicht fast alle Berichterstatter das Brechtzitat vom neu zu wählenden Volk seit der Wahlnacht so durchgenudelt hätten, würde ichs jetzt verwenden. Als guten Rat für die nächste Wahl…

One of these days

Ein viel zu grauer Morgen, an dem ich Mühe habe, mich vom Sinn des Aufstehens zu überzeugen, weil das fehlende Licht ein eindeutiges Indiz für Weiterschlafen, noch lange, sehr sehr lange weiterschlafen, ist. Dann der Viel-zu-frühe-Hermes-Kastenwagen, der auf der rechts und links viel zu eng zugeparkten Straße den Müll-Laster blockiert und mich zu Ausweichmanövern zwingt, die ich mit den gerade mal halb geöffneten Augen gar nicht einschätzen kann.

Natürlich fahren alle auf der Autobahn heute, als hätten sie allesamt ihre Führerscheine in der Lottosonderverlosung gewonnen und natürlich muss ich mich mit irgendeinem Dicke-Auto-Deppen erst einmal um den für mich reservierten Parkplatz streiten. Und es ist noch keine 8:00 Uhr. Das wird mir so ein Tag werden. Ja. Wurde er.

Ich hatte gestern schon den Verdacht, dass mir irgendwer eine gebrauchte Woche angedreht hat. Inzwischen bin ich sicher. Nicht nur gebraucht, sondern mit Mängeln behaftet und eigentlich zur sofortigen Entsorgung vorgesehen. Puuuhhhh. Wenn das so weitergeht, bringe ich sie spätestens am Donnerstagnachmittag alle um.

Wir haben gewählt

… nun wird gerechnet und mir wäre es sehr recht, wenn ich nicht schon wieder recht hätte und die AfD stimmenmengenmäßig unter den Großen (wo ich sie eh nicht gerne sehe) wenigstens nicht auf Platz 4 landet. Befürchten tu ichs aber doch.

Nicht zu Ende gelesen: Tom Franklin – “Smonk”

Klappentext: “Genial, verstörend, macht süchtig und unglaublich unterhaltsam.”

Frau flockblog: Alles gelogen. Einfach nur vielfach gequirltes bovines Verdauungsprodukt. Damit sollte keiner seine Zeit vergeuden, solange daheim noch irgendwas nicht abgestaubt oder gewischt ist.

Oder doch nicht?

Gelegentlich denke ich, dass ich die Titanic nun seit Heft 1 abonniert habe und die neuen Autor*innen nicht mehr so recht zu mir sprechen und ich das Abo vielleicht doch mal kündigen sollte.

Aber als ich heute das neue Heft aus dem Briefkasten geholt habe, war ich angesichts des Titels doch wieder sehr mit ihnen versöhnt und werde weiter auf der Bezieherliste bleiben.