Gelesen: Anna Benning – “Vortex” (Band 1 von 3)

Liebe Frau “liebe Christiane”,
Sie sind, wenn man der Autorin trauen darf, die die “alle Lektoratsmethoden” beherrscht und die Autorin dazu brachte, sich “nie mit dem Zweitbesten” zufriedenzugeben.

Aha.

Lassen Sie mich, wie sich das gehört, mit dem Guten beginnen: Die Idee zum Buch ist gut. Ein Urvortex trifft die Erde und vermischt flugs die DNA von Millionen von Lebewesen mit Partikeln aus der Umgebung wie Pflanzen, Steinen, Metall und den Elementen Feuer, Wasser, Luft. Die Große Vermengung. Anschließend Mischwesen, auch Wesen mit Superkräften, Durcheinander, Kriege (Vortexkriege) und dann das Kuratorium, eine Art oberster Verwaltungsbehörde, das eine ordentliche Apartheid einführt, reinblütige Menschen und Splits voneinander trennt und lustige Kampfspiele (Vortexrennen) mit jungen Elite-Menschen veranstaltet, damit die Trennung auch weiterhin erhalten bleibt. Nein, Donald Sutherland kommt nicht vor, warum?

Soweit, so gut und so Young-Adult-Literatur-tauglich. Da haben Sie, liebe Frau Christiane, den richtigen Riecher bewiesen. In einer Welt, wo sich jugendliche Heldinnen in Hunger Games, Divergent und anderen Sagas wacker schlagen, hat immer noch eine mehr Platz.

Genug gelobt.

Liebe Frau Christiane, da war doch schon so viel Schönes dran. Warum bloß haben Sie Ihrer jungen Autorin nicht geholfen, ihr Werk in verständliches dudengerechtes Deutsch umzuschreiben? Wieso lassen Sie Begriffe wie ätzend genugtuerisch (gemeint ist rechthaberisch), Klavierflügel (gemeint ist das eine oder das andere), seichtes Glimmern (gemeint ist diffuses Licht) durchgehen? Warum müssen Fragen immer auf den Lippen brennen und dürfen nicht einfach auf der Zunge liegen? Wie darf ich es mir vorstellen, wenn sich auf seinen Fingern Blutflecken sammelten? Zum Angriff? Wie Beeren im Körbchen? Wie fühlt sich ein Nagetier, das ins Visier einer Schlange geraten ist? Wahrscheinlich nicht viel anders, wie eine Welt, die in sich zusammenfällt wie ein völlig instabiles Kartenhaus oder eine Wand, in der in völlig unterschiedlichen Bilderrahmen diverse Fotos hängen. Da muss man, Frau Christiane, doch schiefe Metaphern gerade rücken, kürzen und Füllwörter streichen. Mensch!

Warum haben Sie Ihre Autorin nicht davon abgehalten, jede Augenfarbe aus dem Pantonefilter zu nehmen? Und wenn schon, warum Gemeinplätze wie Kastanienbraun, Feuerrot, Smaragdgrün, Eisblau? Warum muss das Heldenblau dem zukünftigen Lover gehören und warum muss die Liebesgeschichte in ihrem verklemmten Aufbau so viele Anleihen aus den Fünfziger Jahren nehmen? Hmmm? Eine Elegie in Prüderie. (Ich zwang mich dazu, den Blick abzuwenden. Bale war nicht der Mittelpunkt meines Lebens, ausgeprägte Beinmuskeln hin oder her. Oder mein besonderer Favorit, als er ihr auf Seite 466 von 476 endlich seine Liebe erklärt: Für einen Moment hallten seine Worte bloß in meinem Kopf umher. Yes, Blondie, er nennt dich nicht ohne Grund Barbie.)

Liebe Frau “liebe Christiane”, Sie dürfen Ihrem Fischer-Verlag ausrichten, dass ich auf die Lektüre der Bände zwei und drei verzichten werde. Nicht, weil mich nicht interessiert, wie sich die Geschichte weiterentwickelt, sondern weil ich es nicht ertragen können werde, ohne Rotstift zu lesen. Hätten Sie sich die Arbeit mal gemacht.

Ich schließe mit den Worten der Autorin: Danach senkte sich Stille über den Schuppen, nur die sanften Laute unserer Finger, die durch Atlas’ Fell glitten, waren zu hören.

Listen to the rhythm of the falling rain

Sonntagmorgens, halb sechs. Schleusen auf, Wasser marsch!

Lass dir eins gesagt sein, du Niederschlag. Wer so lautstark daherschüttet, noch dazu um die Zeit, der darf für sich kein Taktgefühl in Anspruch nehmen. Aber sowas von nicht! Geh mal noch mal zum Wettermann im Radio und lass dir von dem erklären, wie ergiebiger Landregen geht. Wenn’s schon sein muss, dann doch wenigstens leise, ey.

“Schnell, schnell,

es sieht aus, als könnten wir heute in den Biergarten gehen. Wann? Wo?”

“Gleich sofort und am besten in der Nähe und so, dass wir um acht wieder daheim sind, denn dann geht heute das Unwetter los.”

Was bist du bloß für ein Scheißsommer, du Sommer 2021?

Gelesen: Frank Schmolke – “Freaks: Du bist eine von uns”

Ja. Hmmm. Also. Schmolkes Tuschezeichnungen sind ebenso intensiv wie in “Nachts im Paradies” (s. https://flockblog.de/?p=41851).

Aber mit der Geschichte, die sie illustrieren, kann ich nichts anfangen. Ein etwas kruder Genre-Mix aus Superheldenepos und Big-Pharma-Verschwörungstheoriethriller nach einem Drehbuch von Marc O. Seng für eine Netflix-Produktion. So what?

Schmolke ist immer dann großartig, wenn er Atmosphäre schafft. Einen Wohnblock, ein dem Verfall preisgegebenes altes Schwimmbad, Menschenmengen. Individuen liegen ihm leider nicht so sehr und dem Kontrast zwischen oben und unten (Mietskaserne vs. Derrick-Bungalow mit eigenem Vorgartenpfau) fehlt nur noch Kapialistenzigarre und -zylinder, um vollkommen mißglückt zu sein.

Nein, “Freaks” muß man nicht lesen.

Augenweide

Kaum setzt man mal ein Wöchele aus, schon ist aus der wild wuchernden Grünzeugblättergewirrplantage neben dem Heimwegsautobahnabschnitt ein wunderschönes in voller Blüte stehendes Sonnenblumenfeld geworden. Wenn schon sonst nix, wachstumsfördernd isser, dieser dauernde Regen.

Theatersommer 2021: “Ein Sommernachstraum”

In den letzten Jahren habe ich einen Teil meines sommerlichen Kulturbedarfs immer mit einer Dreiländer*-Theaterreise gedeckt. Dergleichen Nöte geht dem Drecksvirus ganz offensichtlich am Spike-Protein vorbei – nicht aber dem Braunauer Bauhoftheater. Sie öffnen, wie fast alle Einrichtungen in Österreich, nach dem 3-G-Prinzip: Geimpft – Genesen – Getestet und so findet am Einlass neben der Eintrittskarten- auch noch die “G”-Kontrolle statt und man trifft drinnen auf eine größere Menschenmenge fröhlich-unmaskierter Menschen. Lauter nackte Gesichter, wie ungewohnt. “Drinnen” steht dieses Mal übrigens nicht für den Platz zwischen zwei Kirchen in Downtown Braunau, sondern für den weitläufigen Konventgarten des Schlosses Ranshofen, der den Theatermachern Wolfgang Dorfner und Robert Ortner fast keine andere Wahl läßt, als in diesem Nochnichtnachpandemiesommer den Sommernachtstraum zu inszenieren (https://www.youtube.com/watch?v=IScglEv5WAM).

Die Handlung darf als bekannt vorausgesetzt werden: Es geht um Liebe, quer durch alle Bevölkerungs- und Fabelwesenschichten und dass sie nicht immer den/die Richtige*n trifft und verwirrend-verzauberte Nächte im Elfenwald. Dazu ein Sommerabend, nicht recht lau (aber wie mir gesagt wurde, soll ich aufhören, in einem Sommer wie diesem über solche Nebensächlichkeiten zu meckern) sowie zwei Vollmonde, einer groß und käsegolden über der Bühne, und rechts davon, in Sommerleuchtorange, der Beitrag von Mutter Natur. Hach!

Die herausragende Figur des Abends ist Patrick Brenners Puck, der nach dem Robespierre, dem “Blut-Messias” in Dantons Tod im vorletzten Jahr nun als Entertainer brilliert. Als Dramaturg (in echt und in der Rolle), Erzähler, Chansonnier, Manipulator, Handelnder, Getriebener und Clown, hinter dessen immer lächelnder Maske sich große Tragik verbirgt: er ist der Einzige an diesem Abend, dessen Liebe unerfüllt bleibt. Wie? Puck verliebt? Oh ja, denn man hat ihm eine ebenbürtige Mitspielerin hinzugedichtet, die Alles-was-du-kannst,-das-kann-ich-viel-besser-Zauberblume, ganz exzellent gegeben von Dita Sommerauer. Sie wäre der ganze Stolz ihrer beiden Mütter, Hermione Granger und Jeanie Bezaubernd. Von ersterer hat sie Intelligenz und Strebertum geerbt, von letzterer das Talent, den bestellten Zauber zu ihren Gunsten zu interpretieren sowie das ausgesprochen hübsche türkise Glitzerklimperkostüm.

Oberon (Boris Schumm) und Titania (Gabriele Pointner) sind, schon von der Physis, weit entfernt von den ätherischen Geisteswesen, die viele Inszenierungen aus ihnen machen. Diese beiden sind vielmehr ein altgedientes Paar; er mehr so der Sofa-Schlaffi mit Restherrscherautoriät für den Bedarfsfall, sie das, was Hera Lind im Sinn gehabt haben muss, als sie vor Zeiten ihr Superweib erschuf. Nicht mehr ganz jung, aber im vollen Saft stehend und zu allem bereit, bloß nicht zum Bezug des Austragshäuserls. Ginge ja auch gar nicht, allein schon wegen der schieren Anzahl ihres Elfen-Hofstaates, eine jede davon noch allerliebster als die andere. Falls die mal eine neue Chefin suchen, dürfen sie sich bei mir vorstellen, die nehme ich ohne weitere Referenzen. Hach!

Diese beiden präsidieren über dem Wald, in dem die jungen Athener Paare ihre Liebesverwirrspiele treiben, vielmehr von Puck, dem Schlamper, getrieben werden. Einmal Liebestrank in die falschen Augen geträufelt, und schon muss mit großem Aufwand eine ganze Szene zurückgespult werden – was täte der Kerl bloß ohne seine Zauberblume… Schon hier zeigen die Schauspieler*innen viel Freude am Slapstick (schließlich ist Lysander nicht nur einen, sondern zwei, drei, vier Köpfe größer als seine Liebe Hermia). So richtig aufdrehen tun sie dann beim Handwerkerspiel. Bernadette Prähofers Peter Squenz ist ein ganz wunderbarer kleiner Mann mit sehr großem Napoleonklomplex (Hach!) und schöner als Sarah Spermanns Schreiner Schmock in der Rolle des Löwen habe ich noch nie einen Menschen hyperventilieren sehen. Ich finde ja immer, dass man diesen Comic Relief im Sommernachtstraum getrost streichen kann, aber wenn man ihn schon drin läßt, dann gerne so.

Wie schon in den Vorjahren war die Musikauswahl auch in dieser Inszenierung sehr nach meinem Geschmack, was daran liegen mag, dass die Auswählenden und ich aus derselben Generation stammen. Alles life und alles kongenial life begleitet von Kajetan Löffler an der Gitarre. Hut ab!

Hab ich noch was vergessen? Hab ich. Den Zauberwald. Weil auch in diesem Jahr wieder 25 Menschen mitspielen, gibt es im Ensemble eine eigene Kategorie “Bäume”. Es traten auf, dienten als Verstecke, als Angebinde und wiegten sich im Winde: eine Knorrige Eiche, ein Wildtreibender Busch, ein Feuerroter Ahorn, eine Gertenschlanke Birke, eine Ungezähmte Ribiselstaude sowie, sehr herzallerliebst, ein Stacheliger Kaktus.

Eine äußerst schöne Vorstellung. Leicht, unbeschwert, fröhlich. Ausgesprochen gut fürs Gemüt.

Zum Großen Finale kommt nach und nach das gesamte Ensemble auf die Bühne und fällt in das angestimmte Lied ein, bis zum Schluss ein mächtiger Chor dem Publikum Major Tom mit auf den Heimweg gibt. Hach!

Wie passend. Zum Spiel. Und zu diesen Zeiten.

* Die Nabel (Näbel?) von Thalias Welt? Österreich, Italien, Niederbayern. Wer sonst?

Auf die Ohren – Krimi-Hörspiel: “Die Gottesanbeterin oder Die Rituale der Schwester Luisa” (von Thomas Fritz)

Auf dem Heimweg vom Hunsrück gibts wieder ein Hörspiel. Mein Vorsatz danach: mit der Redaktion des Deutschlandfunk einmal über den Auswahlprozess sprechen. And now, without further ado: Le ‘örspiel:

Katharina geht ins Kloster und stellt fest, dass dort nicht alles so zugeht, wie sie es an einer solch frommen Stätte erwartet hätte. Ganz besonders Novizenmeisterin Luisa scheint sich wesentlich mehr für die sterblichen knackigen Körper der jungen und hübschen Novizinnen zu interessieren als für deren unsterbliche Seelen. Letzteres wird, denn es ist ein Hörspiel, durch raschelnd zu Boden sinkende Habits, quietschende Betten, Schmatz-, Keuch- und Stöhngeräusche unterlegt und hat zur Folge, dass Chef und Mitarbeiterin während der lustgeschwängerten Zellenszenen der lüsternen Luder den Blick sehr streng geradeaus auf die Fahrbahn gerichtet halten. Sehr streng. Geradeaus. Auf die Fahrbahn. Nicht abschweifen. Bloß nicht. Katharina beschwert sich derweil bei ihrem Bruder, dem Bischof, a) wg. Sodom und Gomorrah, b) dass man wohl nur auf ihre Mitgift als Braut Christi spekuliere und sie c) um ihr Leben fürchte.

Zu Recht, wie sich herausstellt, schon bald werfen die ehemals füllige Fürstin böse Magenkrämpfe mit Übergeben und Durchfall darnieder und sie ringt mit dem Tod. Fein gestoßenes Glas ist an sich unbekömmlich, aber die sündigen Schwestern haben nicht mit einem schwäbischen Pferdemagen gerechnet. Und darum geht es gut aus, auch, weil der Bischofsbruder die Besuchszeiten mißachtet und das Käthchen aus Hohenlohe ihr Testament ändert. Im (verbalen) Show-down tritt die Novizinnenschänderin zurück (wird wahrscheinlich einfach in ein anderes Kloster versetzt, wie man das von der katholischen Kirche kennt), Katharina genest und alle leben ab sofort brav, keusch und gottgefällig. Amen.

Die Information im Nachspann, dass der “Krimi” auf der wahren Geschichte der „Nonnen von Sant’ Ambrogio“ (Autor: Hubert Wolf, Kirchenhistoriker), nimmt man wenig überrascht, eigentlich fast gleichgültig, zur Kenntnis. Soweit zur moralischen Autorität dieses Vereins.

Gelesen: Stephen King – “If it bleeds”

Ich habe schon immer gerne Stephen King gelesen, manches mehr, manches weniger begeistert und finde schon seit langem, dass er, neben monumentalen Wälzern wie “It” oder “The Stand”, ein Meister der kleinen Form ist. Schon damals, 1982 “Different Seasons”, in Deutschland bekannt als “Frühling, Sommer, Herbst und Tod”, mit so großartigen Geschichten wie “Rita Hayworth and Shawshank Redemption” und das heißgeliebte “The Body” (verfilmt mit dem Titel “Stand by me”).

Dieses Wochenende habe ich mich seiner letzten Sammlung von “Novellas” hingegeben und wieder große Freude dran gehabt. Man merkt, dass er älter geworden ist und sein schlimmer Unfall vor inzwischen fast 20 Jahren und die nachfolgende Auseinandersetzung mit Schmerz und der eigenen Sterblichkeit seinem Werk eine philosophische Note hinzugefügt haben.

Eine jede der vier Kurzgeschichten setzt sich auf eine sehr spezielle Weise mit dem Tod auseinander und ich kann sie allesamt nur von Herzen empfehlen. Bis jetzt habe ich noch keinen Favoriten, aber der wird sich bestimmt beim Wiederlesen in ein paar Jahren gebildet haben. Oder auch nicht. Dann werde ich sie alle mit demselben Vergnügen noch einmal genießen. Auch recht.