Winter of Discontent*

Es dürfte niemanden mehr überraschen, dass ich Kälte grundsätzlich nicht leiden kann und sie in meinem Wertesystem in die Kategorie Körperverletzung fällt. Wenn ich friere, läuft mir die Nase, meine morschen Knochen schmerzen, ich muss ich laufend aufs Klo, kann nicht denken und bin insgesamt unglücklich. Man male sich also meine Laune aus, als gestern nach dem Aufstehen die Welt wieder weiß war. Außerdem die Steigerung meines Mißfallens des Abends, als sowohl auf dem Hinweg zur Veranstaltung als auch auf dem Rückweg nur noch die Mohrrübe fehlte, um aus mir eine perfekte Schneefrau zu machen.

Hrrrrggnn! @Winter: Du hast doch eh grade soviel Spaß in Südkalifornien, da kannst du doch in Bayern dem Frühling schon mal Platz machen. Dammit!

* Siehe auch: William Shakespeares Richard III: “Now is the winter of our discontent / Made glorious summer by this sun of York”.

Gelesen: Mick Herron – „Standing by the Wall“ (The collected Slough House Novellas)

Herrons Spionagegeschichten sind, wie schon mehrfach erwähnt, eine sichere Bank. Unterhaltsam, witzig, subversiv.

In diesem Kurzgeschichtenband wird ein wenig Etikettenschwindel betrieben, denn die ersten drei, insgesamt gute 200 Seiten umfassend, sind eigentlich ein, wenn auch kurzer, Roman, in dem das Slough House kurz gestreift wird, aber nicht der Hauptschauplatz ist.

In der vierten, “The Last Dead Letter”, zeigt Herron, dass er auch Kurzgeschichte kann und endet mit einer ausgesprochen hübschen überraschenden Wendung und in der fünften, “Standing By The Wall”, erfreut er sein Publikum mit einem tiefen Einblick in das eigentümliche Selbstbild des Slough House-IT-Nerds Roderick Ho.

Wer gut unterhalten sein will, lese.

Selbst ist die Frau

“Kein Zebrastreifen? Kein Problem.” muss sich die Dame gedacht haben, die seit der letzten Woche offensichtlich die Verantwortung für den sicheren Schulweg eines halben Dutzends Haderner Grundschüler*innen übernommen hat.

Sie ersetzt die übliche neonfarbene Schülerlotsen-Schutzkleidung durch einen grellpinken Plüschmantel und die Kelle durch ihren feuerroten Schlapphut (mit schwarzer Blume und in der Größe Aristide Briand-XXXL), mit dem sie heftig wedelt. Das überrascht die automobilisierten Verkehrsteilnehmer so sehr, dass sie mit amüsiertem Lächeln stehen bleiben, bis das Grüppchen heil auf der anderen Straßenseite angekommen ist – auf der kürzesten Strecke zwischen zwei Zebrastreifen.

Geht doch.

Lechts und Rinks

Alle fürchten ihn und heute ist er der jungen Fröhlichermorgensendungmoderatorin passiert. Es komme, so berichtet sie, nach einer bereits behobenen Störung noch für längere Zeit zu Störungen auf der Strammstecke.

Aus dem Vokabelheft

“ICE-English” ist nicht nur Bahnreisenden ein Begriff. Ich glaube, ich bin heute draufgekommen, warum die Bahn nicht in Englischkurse für ihre Mitarbeiter*innen investiert: Sie will nicht deren Niveau heben, sondern das der Fahrgäst*innen senken. Wie sonst erklärte sich die neue Werbekampagne für das Supersparticket: Eine Reihe von Nichtsmile-Emojis bilden die Hintergrundtapete für den Text “von pricey”. Dann kommt Bild 2, Herzenaugenemojitapete und die Wörter “nach nicey”.

Ich kenne die Gegend nicht. Ich will weder von da weg noch dort hin.

Aus dem Vokabelheft

“Die Rechnung geht nicht auf” – oder, wie ich jüngst im Werk eines amerikanischen Autors las: “The Math ain’t Mathin'”.

Hübsch.

Gelesen: Hervé Le Tellier – “Die Anomalie”

Stell dir vor, ein Flugzeug landet nach schweren Turbulenzen heil und sicher am Zielflughafen. Einfach, haben wir alle schon erlebt. Stell dir weiterhin vor, dasselbe Flugzeug, besetzt mit derselben Crew und denselben Passagieren, ersucht gute drei Monate später wieder um Landeerlaubnis und auf einmal gibt es sie alle doppelt: Maschine und Menschen, nur dass den im Juni gelandeten die Zeit zwischen dem Landetag im März und dem ihren fehlt. Das ist neu.

Schöne Idee. Le Tellier macht daraus einen wilden Parforceritt. Sein Buch ist gleichermaßen der feuchte Traum eines jeden Nerds, ein Action- und Spionagethriller einmal um die ganze Welt, mit Abstechern in die hohe und niedere Politik, Philosophie und Religionen. Er weiß viel, hat noch mehr und gründlich recherchiert, nur mit dem Zeichnen von Menschen tut er sich schwer, besonders bei Frauen. Mich hat das stark an Eschbach erinnert, dessen Geschichten auch immer eine ungeheure Sogkraft haben, in denen die Protagonisten aber ebenfalls mehr wie Spielsteine funktionieren müssen.

Dennoch, das Lesen lohnt. Allein wegen der Denkanstöße. Warum ist es zu dieser Anomalie gekommen? Wie geht welche politische Macht damit um? Wie reagieren die Betroffenen auf ihr zweites Ich? Welches Leben ist danach möglich? Vor allem diese letzte Frage treibt den zweiten Teil des Buches.

Wer Freude an popkulturellen Referenzen hat, wird hinreichend bedient – das dürfte die Anomalie in 10 Jahren schwierig und in 50 nur noch mit vielen Fußnoten lesbar machen. Le Tellier erlaubt sich außerdem einen Jux. Er erfindet einen Schriftsteller, Victør Miesel, der ein Werk namens “Die Anomalie” schreibt, aus dem der Autor Le Tellier bei Kapiteleinleitungen zitiert. Das ist nett. Die Übersetzung ist gewöhnungsbedürftig. Absätze wie dieser sind die Regel, nicht die Ausnahme: Der amerikanische Präsident verharrt reglos, wie betäubt. Der Mathematiker betrachtet diesen primären Menschen, und er fühlt sich in seiner niederschmetternden Vorstellung bestärkt, dass die Addition individueller Verfinsterung selten zu kollektiver Erleuchtung führt. (Wenn es denn an der Übersetzung liegt. Angesichts der Häufigkeit beschlich mich der Verdacht, dass es sich um Le Telliers Schreibstil handeln könnte.)

Lesen! Nachdenken. Weiterlesen.