Verzerrte Wahrnehmung

“Endlich Schnee!” jubelt die wie immer für diese Tageszeit viel zu fröhliche Morgenmoderatorin im Radio. Ich ziehe nur die rechte Braue hoch. Das ist doch wirklich kein Grund für Jubel.

Um das Nachfolgende in seiner vollen Grauseligkeit verstehen zu können, sollte mann wissen, dass freitags die Heizungen im Büro früher als sonst auf kühler gedimmt werden (von 19° auf 17°), weil der Hauptmieter ein anderes Arbeitszeitmodell hat als ich. Ich bin also eh schon ziemlich durchgefroren und sehr Scheiße drauf, als ich durch gute 20 Zentimeter Endlichschnee zum Parkplatz stapfe, um dann im dichten Schneetreiben eben diese guten 20 Zentimeter pappig-nassen Endlichschnee von meinem Auto zu kehren und zu kratzen. Von oben bis unten eisekalt, was oben noch erschwert wird durch naßverschneite angelaufene Brillengläser sowie triefende Haare und unten dadurch, dass Schnee in Schuhe und Socken eingedrungen ist und die Hosenbeine bis fast Kniehöhe kaltklatschnass sind, stehe ich mich schlotternd durch den endlichschneebedingten Stau nach Hause. Hrrrgggn!

Der einzige Grund zur Freude an diesem Abend, wenn es denn überhaupt einen gibt, ist, dass weder Mann, Kind noch Tier zu Hause warten und mich in dem Zustand ertragen müssen.

Freies Assoziieren

Die Mehrgelebteren unter uns erinnern sich womöglich noch an die frühen Neunziger und ganz spezifisch an Sönke Wortmanns Film “Kleine Haie”. (Beiseite gesprochen: Müßte man sich auch mal wieder ansehen. Hab ich da nicht irgendwo noch die DVD? Später. Nun zurück zum blogpost.)

An den mußte ich heute früh denken, als der Frühsendungsradiomoderator die ausgesprochen hübsche assonante Wortschöpfung “Landtagswahlkampfjahr” in den Äther entließ.

Komisch? Ist aber so.

Falls nun wer denkt “Die Alte spinnt doch”, hat er (sie auch) natürlich recht. Das tut dem aber keinen Abbruch, dass der Gedankengang vollkommen logisch ist. Nämlich. “Der kleine Hey” ist einem jeden Schauspielschüler (-schülerin auch, so viel Zeit muss sein) ein Begriff. Er enthält sprachtechnische Übungen. Wie zum Beispiel eine meiner Lieblingssentenzen:

Barbara saß nah am Abhang.
Sprach gar sangbar zaghaft langsam;
Mannhaft kam alsbald am Waldrand
Abraham a Sancta Clara.
Was hallt am Waldbach da?
Jagdklang schallt nah: Trara!

Ja, und was ließe sich hier schöner hinzufügen als… Eben.

Neu auf Netflix: “Totenfrau”

Achtung Spoiler.

Also, pass auf. Das Setting ist von “Der Paß” recycled, hohe dräuende kahle Berglandschaft im endenden Winter mit Restschneefeldern und langgewundenen Serpentinenstraßen mit sauengen Haarnadelkurven aus der Vogelperspektive gefilmt (huiuiui). Gleich am Anfang ein verdächtiger Todesfall (SUV gegen Dukati, Fahrerflucht) und sehr früh, ab dann dafür regelmäßig hineingeschnittene Szenen, in denen mit grauseligen Tiermasken verkleidete Männer jungen Frauen sehr blutig natürlich sexuelle Gewalt antun.

Anna Maria Mühe gibt die weibliche Hauptrolle, Frau Blum. Neben ihrer Aufgabe als – schon deswegen als eigenartig wahrgenommene – lokale Bestattungsunternehmerin (Sarg zu klein, macht nix, dem säge ich einfach die Beine ab), trägt sie in ihrer weiteren Rolle als Racheengel schwer an einer alten Schuld sowie die blauen Augen immer weit aufgerissen.

Robert Palfrader und Simon Schwarz, beide hoch in meinem Olymp angesiedelt, sind völlig verschenkt. Sie spielen nicht, chargieren nur. Palfraders Revierleiter ist überjovial, Schwarzens Pfarrer übersalbungsvoll – die können nur verdächtig sein.

Ich habe die erste Folge ganz, die zweite noch ca. 10 Minuten lang angesehen, dabei auf Wikipedia nachgelesen, ob das Drehbuch wirklich so vorhersehbar geschrieben ist, wie es bis dahin absehbar schien. Ist es. Böse Männerverschwörung in den Bergen zum Behufe, junge von Schleppern aus dem Osten zugeführte Frauen zu mißhandeln, zu mißbrauchen und zu töten. Alle dabei: Pfarrer, Revierleiter, Hotelier… Außerdem Immobilienskandal (Hotelbau).

Diese Serie ist aus so vielen Gründen so dermaßen unnötig, dass es mir selbst um die Stunde, die ich darauf verwendet habe, leid tut.

Nicht anschauen.

Gelesen: Pat Barker – “The Silence of the Girls”

Das ist mal ein gutes Buch!

Ich habs ja sonst nicht so mit guten Vorsätzen, aber ich sollte wirklich anfangen mir zu notieren, woher und von wem Leseempfehlungen kommen. Könnte ja sein, dass aus der Ecke noch mehr Schätze zu heben sind…

Worum geht’s? Einfach: Die Ilias. Neu erzählt aus einer weiblichen Perspektive. Der Perspektive der Briseis, einst Königin von Lyrnessos. Im Jetztzeit-Wikipedia wie folgt definiert: “Briseis ist eine Figur aus Homers Ilias. Die Tochter des Brises und Gattin des Königssohnes Mynes war die Lieblingssklavin des griechischen Kriegers Achilleus. … Sie wurde von Achilleus während des Trojanischen Krieges … erbeutet und als Sklavin und Konkubine zugesprochen … und durfte [später] darauf hoffen, Achilleus’ Ehefrau zu werden. Der Heerführer Agamemnon nahm Achilleus Briseis [wieder] weg…”

Der Trojanische Krieg ist in seinem 10. Jahr, die Griechen belagern die gesamte Küste und brechen gelegentlich zu neuen Raubzügen in die Troja benachbarten Städte auf, das Buch beginnt:

“Great Achilles. Brilliant Achilles, shining Achilles, godlike Achilles … How the epithets pile up. We never called him any of those things; we called him ‘the butcher’.”

[“Großer Achilles. Brillanter Achilles, strahlender Achilles, gottgleicher Achilles … Stapelweise Beinamen. Wir nannten ihn nie mit auch nur einem davon, wir nannten ihn “den Schlächter”.]

Als der Überfall auf Lyrnessos vorbei ist, alle Kämpfer, Greise und Knaben dahingemetzelt, Speicherhäuser geleert, Möbel, Preziosen, Felle, feine Tücher, Kelche, Teller und Kochgeschirr aus Häusern, Tempeln und Palästen geplündert und in die Bäuche der Schiffe geschleppt sind, bleibt als letztes vor dem Niederbrennen der ausgeschlachteten Stadt nur noch das Schänden und Versklaven ihrer Frauen und Mädchen. Ihres Status als Individuen sind sie verlustig gegangen. Sie sind nur noch Teil der Beute und so wird Briseis dem Achill als “Ehrenpreis” verliehen.

“What can I say? He wasn’t cruel. I waited for it — expected it, even — but there was nothing like that, and at least it was soon over. He fucked as quickly as he killed, and for me it was the same thing. Something in me died that night.

I lay there, hating him, though of course he wasn’t doing anything he didn’t have the perfect right to do. If his prize of honour had been the armour of a great lord he wouldn’t have rested till he tried it out: lifted the shield, picked up the sword, assessed its length and weight, slashed it a few times through the air. That’s what he did to me. He tried me out.”

“Was soll ich sagen? Er war nicht grausam. Ich hatte darauf gewartet – es sogar erwartet -, aber es war nichts in der Art, und zumindest war es schnell vorbei. Er fickte so schnell wie er tötete, und für mich war es das selbe. Etwas in mir starb in jener Nacht.
Ich lag da, hasste ihn, wiewohl er natürlich nichts tat, was ihm nicht zustand. Wenn sein Ehrenpreis die Rüstung eines großen Feldherrn gewesen wäre, hätte er keine Ruhe gefunden, bis er sie ausprobiert hätte: den Schild angehoben, das Schwert genommen, Länge und Gewicht beurteilt und es ein paar Mal durch die Luft geschlagen. Das tat er mit mir. Er probierte mich aus.”

Barker läßt Briseis als Ich-Erzählerin aus dem – naturgemäß – männerdominierten Feldlager erzählen. Von Frauen, die wegen ihres Alters oder Aussehens oder warum auch immer keinen Schlafplatz in den Frauenhütten bekommen und ihr Essen auf den Müllhaufen zusammensuchen müssen, von anderen, die dem Stockholmsyndrom erliegen und wieder anderen, die sich lieber töten, als noch einmal vergewaltigt zu werden. Von denen, die an den Kochfeuern, den Wäschereien, den Feldhospitälern Zwangsarbeit leisten. Und von den Männern, verroht durch den langen Kriegseinsatz und einen mörderischen Begriff von “Ehre”, frustriert und gelangweilt, die untereinander pubertär anmutende Gemeinheiten austauschen (Nimmst du mir meine Sklavin weg, nehm ich dafür eben deine. Gut, dann spiele ich aber nicht mehr mit.), aber auch zu tiefen Männerfreundschaften fähig sind. Und von Seuchen, die ohne Vorbehalte töten.

Erst spät kommt auch Achilles als Erzähler zu Wort. Fast poetisch reflektiert er seinen nahenden Tod.

Das Schlußwort jedoch bleibt Briseis vorbehalten. Eine tiefe Einsicht in die Rezeption ihrer Geschichte durch die Nachwelt. Denn, Geschichte ist immer die Geschichte der Sieger.

“I thought: Suppose, suppose just once, once, in all these centuries, the slippery gods keep their word and Achilles is granted eternal glory in return for his early death under the walls of Troy …? What will they make of us, the people of those unimaginably distant times? One thing I do know: they won’t want the brutal reality of conquest and slavery. They won’t want to be told about the massacres of men and boys, the enslavement of women and girls. They won’t want to know we were living in a rape camp. No, they’ll go for something altogether softer. A love story, perhaps? I just hope they manage to work out who the lovers were. His story. His, not mine. It ends at his grave.”

“Ich dachte: Was wäre, wenn nur einmal, nur ein einziges Mal in all diesen Jahrhunderten, die aalglatten Götter ihr Wort halten und Achilles im Tausch gegen seinen frühen Tod vor den Mauern Trojas ewigen Ruhm gewähren…? Was werden sie von uns denken, die Menschen in dieser unvorstellbar fernen Zeit? Eines weiß ich sicher: Sie werden nichts von der brutalen Realität von Eroberung und Versklavung hören wollen. Sie werden nicht hören wollen von Massakern an Männern und Jungen, von Versklavung von Frauen und Mädchen. Sie werden nicht wissen wollen, dass wir in einem Vergewaltigungslager lebten. Nein, sie werden etwas Netteres haben wollen. Vielleicht eine Liebesgeschichte? Ich hoffe nur, dass sie ein passendes Liebespaar finden. Es wird seine Geschichte sein. Seine, nicht meine. Und sie wird enden mit seinem Grab.”

Das Buch ist, wie schon gesagt, gut. Sprachgewaltig. Klar. Klarsichtig. Die Lektüre berührt und hinterläßt Spuren. Sehr gut wäre es geworden, wenn Verlag und Lektorat sich ein bißchen mehr Mühe gegeben hätten und die Autorin vor Lieblingsformulierungen und Wiederholungen bewahrt hätten. Vielleicht sind sie mir nur deshalb so unliebsam aufgefallen, weil ich es in einem Zuge durchgelesen habe. Aber dann fragt mich halt in Zukunft. Zefix.

Eine deutsche Ausgabe ist unter dem Titel “Die Stille der Frauen” erschienen. Die Qualität der Übersetzung kann ich nicht beurteilen, die oben sind von mir.

Lesezeit: Ein (1) Samstag, abzüglich ein bißchen Haushalt und etwas Sozialleben.

Lesen! Lesen! Lesen!

Fehlzündungen

“Ich fasse den Vorgang jetzt noch einmal für alle zusammen” läßt sich natürlich auch viel spaßiger so ausdrücken: “Lassen Sie uns Revue kapitulieren”.

Fehlzündungen

Heute haben sie sich bei mir in der Arbeit so dermaßen mit wunderlichen Wortfindungen und Wechstabenverbuchseleien überschlagen, ich kam gar nicht nach mit Mitschreiben.

Gleich morgens in aller Frühe teilte eine Kollegin mit, sie habe am Wochenende Freunde besucht, die sich im letzten Jahr ein ganz tolles “Nichteffizienzhaus” gebaut hätten – ich wage mir gar nicht auszumalen, wie das wohl aussehen könnte.

Dann erfreute mich meine russischstämmige Kollegin wieder mit einem herrlichen Idiom in Direktübersetzung. Befragt, wie es ihr gehe, teilte sie mit, sie “ziehe ihre Ohren nach oben”. Dies, so lerne ich, dient in ihrer Heimat der Selbstmotivation. Schöner als Arschbacken zusammenkneifen klingt es allemal. Weniger schmerzhaft allerdings nicht.

Den Vogel abgeschossen hat aber der Kollege, der vorgestern nach wochenlanger Fahndung endlich in der Teeküche die Heim- und Brutstätte der lästigen Steinkäfer, die sich inzwischen in allen Büros breitmachten, eine Müsli-Packung mit wimmelnden Inhalt nämlich, wohl die Hinterlassenschaft eines längst bei mindestens einem anderen Arbeitgeber tätigen Ex-Mitarbeiters, unter Triumphgeheul entdeckt und entsorgt hatte. “Die Käfer”, verkündet er mit unverhohlenem Stolz, “die Käfer sterben wie die Fliegen”.

Ja, Kinder, so tolle Sachen erlebt Mama uff Arbeit. Nie wieder Homeoffice!

Wer solche Freunde hat…

… ist ein rechtes Glückskind.

Heute ist noch ein recht verspätetes Weihnachtsgeschenk eingetrudelt. Ein Buch. Und zwar, weil der Absender ein lieber und guter Freund ist und mich wunderliche Person sehr gut kennt, ein liebevoll illustriertes, 250 Seiten starkes Buch über the “craziness of words”. Was freu ich mich aufs Schmökern am Wochenende!

Sehr sehr herzlichen Dank!

Dalli, Dalli

Oder vielmehr und richtiger: DALL-E, DALL-E.

Es handelt sich auch hier um ein Projekt von Open AI und ich für meinen Teil gönne mir zur Zeit fast jeden Abend den Spaß, meiner Phantasie freien Lauf und den künstlich intelligenten Maler ein, zwei, drei Bilder für mich kreieren (Nicht “kreiern” denken! Nicht!) zu lassen. Hach!

Wer will noch mal? Wer hat noch nicht? https://openai.com/dall-e-2/

Dieses Quintett war unsere (DALL-Es und meine) heutige Bestleistung. Wobei er an den Gesichtern schon noch ein wenig arbeiten darf.

“5 very fat women lounging on rocks and playing death metal music photo”

Eins noch. Aber dann ist Schluss! Zefix!

Und das da ist doch dann auch ganz hübsch geworden. Nun ist aber genug! Eigentlich habe ich nämlich Hunger und hätte gerne ein Abendessen…

“melting musical instruments floating down a hill dali style”