Früher war alles besser

Ich spreche von Zeiten, in denen Korrektoren in gedruckten Zeitungen Sprachwache gehalten und sowas verhindert haben:

„Die Ble-
chelse spricht“

Grauer Himmel und Sprachverhunzer am Werk. Tsss, tsss, tsss. Ich glaube, ich kaufe mir jetzt ein Meckerkissen und lege mich zum Weiterschimpfen mit verkreuzten Armen ins Fenster.

Noch in der Mediathek: Tatort München – “Das Verlangen”

Miss Batic und Miss Leitmayr versuchen im Residenztheater herauszufinden, warum eine junge Schauspielerin während einer Aufführung von Tschechows “Möwe” tot zusammengebrochen ist.

Der wohlwollende Zuschauer bekommt ein Kammerspiel, inklusive einer Führung durch den Bauch des Hauses und die Kammern und Kämmerchen all derer, die im Hintergrund dafür sorgen, dass eine Vorstellung läuft. Außerdem klassische Zitate, vom genannten Tschechow über Shakespeare (“Die ganze Welt ist Bühne”, weil origineller geht es nicht), theaterwissenschaftliche Analysen und, halloho Theater, Intrigen, Ränke, Kabalen. Dem weniger wohlwollenden Zuschauer ist langweilig.

Ich fand die Episode recht nett, wenn auch etwas hausbacken. Vor allem den Schluß, wo alle Beteiligten auf der Bühne versammelt werden, um der Entlarvung des Täters beizuwohnen. Aber darüber sehe ich nicht zuletzt deswegen großzügig hinweg, weil das Ensemble des Resi auch dabei war und das mag ich.

Kann man anschauen.

Aus dem Vokabelheft

Ich bin Boomer. Ich darf also statt “ROFL” auch in einer Textnachricht ausschreiben, dass ich vor Lachen am Boden liege.

Die Autorkorrektur ist noch jung und meint es gut und teilt der Empfängerin meiner Nachricht stattdessen mit, ich läge am “Bodensee”.

?

Buchstabiene*

“Santa” schreibt mir ein Mitglied der Verschwörungstheoretikerbranche, sei ein Anagramm für “Satan” – ich möge also, gerade zur Zeit, recht aufpassen. Mach ich, ich suche eh jeden Morgen eine Inspiration für mein Fünfbuchstabenstartwort für Wordle. Dankeschön.

Übrigens: ATLAS ist ein Anagramm für SALAT. Ist auch lustig.

* Der Titel ist geklaut. So heißt ein Wörterrätsel in der ZEIT. Ist aber hier so hübsch und passend, dass ich ihn als Hommage verstanden haben will.

Gelesen: Niels Schröder – “20. Juli 1944; Biographie eines Tages”

Vorrede: Mit dem Begriff “Graphic Novel” wird oft Schindluder getrieben.

Und nun zu Schröders “Biographie” des 20. Juli. Schon der Titel soll gescheit klingen, ist aber Schwachsinn. Eine Biographie ist, laut Duden, die “Beschreibung der Lebensgeschichte einer Person” bzw. der “Lebenslauf, Lebensgeschichte eines Menschen”. Nix Tag. Weiter. Schröder bebildert geschichtliche Fakten und zwar nicht mit Fotos, sondern mit selbstgemaltem. Das ist hübsch, macht sein Werk jedoch nicht zu einer Graphic Novel, sondern zu einem vermeintlich leichter lesbaren Geschichtsbuch mit Bildern. Hmmm.

Er erlaubt sich darüber hinaus dichterische Freiheiten, wie zum Beispiel einen Einblick in die Gedanken des in Plötzensee eingesperrten SPD-Politikers Julius Leber, über dessen Haupt eine “Denkblase” wabert, in der zu lesen ist: “Hoffentlich gelingt es Stauffenberg bald, Hitler zu töten. Seit dem KZ bin ich zwar hart im Nehmen. Aber die Foltermethoden dieser Verbrecher werden zunehmend unangenehmer…”. Jetzt aber mal ehrlich: Folter mit dem Adjektiv “unangenehm” in Verbindung zu bringen ist bestenfalls ungeschickt – und dass es niemandem auffällt, nicht beim Korrekturlesen, nicht dem Lektorat, ist einfach nur armselig.

Der ganze Band umfaßt 133 Seiten, davon sind nur zwei kurze Abschnitte dem Genre Graphic Novel zuzuordnen, und das auch nur, wenn der Leserin gerade sehr wohlwollend zu Mute ist. Der erste ist die graphische Darstellung des Gedichts “Der Widerchrist” von Stefan George, der zweite die Hinrichtung der Wiederstandskämpfer im Bendlerblock. Endlich stimmt einmal das Zusammenspiel zwischen Bild und Text und macht daraus mehr als die Summe ihrer Teile.

Man verstehe mich nicht miß, die Intention hinter dem Buch war bestimmt gut. Schröders Zeichnungen sind gute Abbildungen von zeitgenössischen Fotografien, er hat sich mit der Recherche viel Mühe gegeben und einen umfangreichen Anhang mit Personenglossar und Literaturliste zusammengetragen. Wie gesagt: sehr gut gemeint. Aber gar nicht gut gemacht. Sollte die Zielgruppe noch im Schulalter sein, dürfte sie auf dieses als “Comic” schlecht getarnte Lehrbuch schon nicht mehr hereinfallen. Für Erwachsene ist es schlicht Etikettenschwindel.

Sehr bedauerlich, arg schad, die Idee war gut. Vielleicht kann jemand anderer mehr damit anfangen. Steht ab morgen im roten Bücherschrank bei der Feuerwehr.

Der Dienstags-Josh

Ich hatte mich ja schon mehrfach sehr lobend über Josh Johnsons Stand-up Comedy geäußert und freue mich an jedem zeitverschobenen Mittwochmorgen auf seine neueste Show. Dieses Mal hat er sich das Vanity Fair Interview mit Susie Wiles, der Stabschefin des Weißen Hauses vorgenommen und erheitert das ganze Internet mit seiner kritischen Bildanalyse.

Falls wer eine Dreiviertelstunde Zeit hat: Anschauen! Anschauen! Anschauen!

Aus dem Vokabelheft

Neulich, bei der neuen Physiotherapeutin aus Sehr-Bayern werde ich, während ich mich aus meinen Winterkleiderschichten schäle, schon ermahnt, ich möge doch nicht so “herumzinseln”, sondern “amoi dahimachen”. Die Bedeutung der Begriffe liegt nahe, ich lasse mir aber, endlich auf der Liege angekommen bestätigen, dass ich nicht trödeln (“trietschln”) sollte, sondern mich ranhalten.

Gut. Haben wir das gelernt. Dann widmet sie sich der widerlich “verbackenen” Stelle in meiner rechten Wade, nicht ohne sich über meine trockene Haut zu beschweren. Die müsse sie erst einmal “ospeckeln”, bevor sie daran arbeiten könne. Andere hätten von “eincremen” gesprochen, aber das ist natürlich nur halb so hübsch.

Immer, wenn du denkst, du bist schon mehrsprachig…

Nimmer ganz neu im Kino: “Das Kanu des Manitu”

Merke: Früher war alles ganz anders. In der guten alten Zeit übernahm Vater die Kinder der guten Hausfrau mit der gestärkten Schürze und Haar am Nachmittag des Heiligen Abend für einen Ausflug zum Weihnachtsfilm im Kino, damit letztere endlich Zeit für sich selbst, ach Quatsch, für die Vorbereitung von Gans und Baum und Bescherung inklusive eines durch reichlich Klosterfrau Melissengeist zu kurierenden Nervenzusammenbruchs hatte.

Nicht so im Jahr 2025. Da teilt sich die wenig weihnachtsaffine Frau flockblog den riesigen Saal im Matthäserkino mit ein paar versprengten vermutlich auch wenig weihnachtsaffinen Menschen, die möglicherweise ebenfalls vorsorglich vorbestellt hatten. Ein bißchen armselig, zugegeben.

Aber dafür ist der Film ganz genauso wie erwartet. Das meine ich als Kompliment. Das “Kanu” ist eine würdige Fortsetzung des “Schuh”, ein Vierteljahrhundert später. Diese fast 25 Jahre merkt man sowohl Darstellern wie Witzen an und das ist gut so. Schade nur, dass in der Promotionsphase des Films im Sommer in den Trailern so viele Szenen schon verbrannt wurden, die hätte ich lieber gern beim ersten Mal schauen neu erlebt, aber dafür ist mein Gedächtnis noch nicht schlecht genug.

Well.

Falls, wie zu erwarten, aus den Manitu-Filmen mal ein Double Feature fürs Weihnachtsfernsehen wird, kann man das gut ansehen. Wenn es bis dahin noch Fernsehen gibt.

Wovor mir allerdings graut, ist, nein, nicht Heinrich, sondern, dass in ein paar Jahren die KI übernimmt und einen lustigen Film algorithmisiert. Das wird dann vermutlich gräßlich.

Ziemlich neu zum Strömen: “Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery”

Autor und Regisseur Rian Johnson steigert sich von Knives-Out-Film zu Knives-Out-Film, was für eine Leistung! War der erste noch sehr gemütlich-getragen in Agatha Christies Landadelwelt angesiedelt, spielte der zweite schon in der weiteren Welt, auf der Luxusinsel eines durchgedrehten Tech-Bros. Beide mit großartigem Cast und einem Daniel Craig, der sich zunehmend in seiner Rolle als Ermittlergenius Benoit Blanc mit Stil und Südstaatenakzent einrichtete. Der dritte Teil nun tobt, wieder wunderbar besetzt, in einer Kirchengemeinde, irgendwo Upstate New York.

Es geht schon gut los: Mit eisgrauem Bart und Wallehaar und der Stimmgewalt eines alttestamentarischen Propheten läßt der Monsignore (Josh Brolin, der erkennbar Freude an der Rolle hat) von der Kanzel Feuer und Schwefel auf seine Schäflein regnen. Alle Sünder! Dem Höllenfeuer geweihte elendige Sünder! Gleich danach, quasi zur Entspannung, quält er seinen strafversetzten jungen Kollegen (ganz, ganz großartig: Josh O’Connor) mit detailreichen süffigen Beichten. Natürlich geschieht ein Mord, sonst hätte Daniel Craig ja keinen Grund, vorzukommen. Allein sein erster Auftritt setzt den Ton. Unglaublich komisch, dabei versetzt mit hochphilosphischen und tiefenpsychologischen Diskussionen zum Glauben und dem Sinn des Zweifelns. Unterlegt mit einer beeindruckenden Licht- und Tonregie.

Der Film dauert zweieinhalb Stunden – klingt lang, ist es auch, bleibt aber fast über die ganz Dauer kurzweilig, mit schnellem Witz und erfreulich guten Dialogen. Vor allem, wenn alle im Raum sind und die Geschichte mit Blickwechseln erzählt wird. Hach! Das ist nicht nur guter Schnitt, sondern eine herausragende Ensembleleistung. Die spielen miteinander und nicht einfach nur jeder seinen oder ihren eigenen Stiefel. Nochmal: Hach!

Doch, ja. Wem es draußen auch zu kalt und grau ist und wer sich gerne intelligent und, ich betone noch einmal, sehr lustig unterhalten lassen will, ist mit diesem dritten “Knives Out Mystery” gut beraten.

Wem das zu lange dauert, greife zur Muppets-Version: “Forks Out”.