Gelesen: Aglaja Veteranyi – “Wörter statt Möbel”

Vorausgeschickt: ich lese an dem Buch schon seit Tagen, man kann es nur in kleinen Dosen ertragen.

Veteranyi muss zu ihrer Zeit (sie hat sich 50-jährig 2002 das Leben genommen) eine sehr getriebene Ausnahmekünstlerin gewesen sein. Die meisten der in dieser Anthologie gesammelten Texte sind verfasst, um mündlich vorgetragen zu werden, oft nur ein, zwei, drei Sätze lang. Manche klingen lange nach, mit anderen konnte ich gar nichts anfangen – ich nehme an, dass dies tagesform- und vom jeweiligen lesenden Individuum abhängig ist.

Keine leichte Kost. Gar nicht. Aber sehr lohnend.

Social Söder

Inzwischen lese ich Zeitungsberichte über Söders Social Media Aktivitäten wie Osterei, Lebkuchen und Weihnachtspullover mit eigenem Konterfei (vulgo: Hackfresse) oder dass er auf Kosten der Steuerzahler im Tonstudio nun ein Weihnachtslied für seine Follower eingesungen hat (nein, kein Link. Wer sich das antun will, kann selber googeln.) mit ungefähr demselben ungläubigen Gruseln wie Artikel über Nr. 47 in den USA.

Ich hoffe, sie finden das beide gleichermaßen beleidigend. Fürchte aber, dass nicht.

Fremd ist der Fremde nur in der Fremde

Wem die Reise in die Ferne für den Beleg dieser Aussage zu weit ist, der braucht nur am ersten Weinachtsfeiertag ein Teil eines kleinen einzigen Grüppchens von Langnasen zu sein, umgeben von fröhlich fressenden lauten Menschen, die sich endlich mal wieder den Bauch mit heimischer Küche vollschlagen. Kein Tisch, der im Laufe des Abends nicht wenigstens einmal komplett neu besetzt wurde.

Ganz ehrlich, der “Stachus um zwölfe” hat als Maßeinheit sowas von verloren…

Oh tempora

Grad vorhin höre ich im Bayerischen Rundfunk (ja, B2, aber immer noch Bayerischer Rundfunk), dass heute der “sogenannte” “Heilige Abend” sei und man “in den christlichen Religionen” an diesem Tag “die Geburt des Erlösers” feiere.

Dass ich das noch erleben darf.

Neu auf Netflix: “Carry-on”

Ein “Weihnachtsfilm” für diese Dekade, in Nachfolge der “Die-Hard-Reihe”, mit entsetzlich aufdringlicher dramatischer Musik (meine Fresse!) sowie regelmäßigem Einsatz schön leuchtend roter digitaler Countdownanzeigen, die nie bis 00:00 runterzählen können.

Die Geschichte ist (wie gesagt, Die-Hard-Tradition) simpel. Ein böser Mann (Jason Bateman, mit viel Spaß an der Rolle) erpresst einen Gepäckkontrolleur (Taron Egerton, der Eggsy aus den Kingsman-Filmen, sehr nett herausgewachsen seitdem), einen schwarzen Bordgepäck-Rollkoffer mit rotem Bändchen am Griff (merken, das wird wichtig) und dubiosem Inhalt ohne weitere Prüfung an Bord eines ausgebuchten Weihnachtsfliegers zu lassen. Nebenher passiert viel unausgegoren Unlogisches, was aber Anlass zu einer wilden Verfolgungsjagd im hyperdichten Weihnachtsverkehr auf dem notorisch stauigen Santa-Monica-Highway 405 Richtung LAX gibt, einer weiblichen (!) und schwarzen (!) Detective (!) des LAPD in Zivilkleidung mal schnell die Autorität verleiht, den Flughafen zu sperren, und das Ganze ausdehnt auf noch weitere wilde Verfolgungsjagden durch den Bauch des Flughafens und seine Gepäcktransporthighways und schließlich Showdown und alttestamentarisch-gerechte Strafe für den Schurken in einem fliegenden Flugzeug. (Ohne, dass sonstwer zu Schaden kommt und konstant unter sehr unerträglicher Drama-Beschallung.) Das ist dann wieder ein Grund, dass der blutige und verschrammte Eggsy seine Beautyqueen-Freundin (Nora Parisi) herzt und küßt, von der den ganzen Film über keinerlei Schauspielleistung und nur einmal schnell Rennen auf hohen Hacken verlangt wird.

Alles gut ausgegangen? Super! Dann peppen wir doch wegen Weihnachtsfilm noch ein karies-zuckriges Ende (süß, Eggsy mit Baby vor den Bauch geschnallt, so süß) an und dann ist es endlich ausgestanden.

Ich lese dann lieber noch was. Oder mache meine Steuererklärung.

Gelesen: Uwe Wittstock – “Marseille 1940. Der große Flucht der Literatur”

Die Nationalsozialisten sind seit sieben Jahren an der Macht und überfallen ein Land nach dem anderen. In Frankreich, das viele Intellektuelle für ihre zweite Heimat in Europa halten wollten, kommt Maréchal Pétain an die Spitze, kapituliert vor der Wehrmacht und errichtet in Vichy ein grausames Kollaborateuersregime. Alle, die es nach Frankreich geschafft hatten, versuchen nun, ins freie Frankreich zu entkommen und von da aus irgendwo hin. Wenn man sie dort denn aufnehmen will. Vorerst werden die Fremden im vorauseilenden Gehorsam in Internierungslager eingewiesen und Listen angelegt. Gerade das Hoffnungsland Amerika wird zunehmend abweisender. Schriftsteller? Mit Nobelpreis? Ja, das ginge. Aber wer sich politisch engagiert hat, Sozialist, Kommunist, Stalinist war, oder Sozialdemokrat, das reicht schon, hat keine Chance. Manchen gelingt es, sich dem Zugriff durch Selbstmord zu entziehen (Hasenclever, Benjamin), aber weil sie sich mit der Dosierung nicht auskennen, werden das elende Tode.

Wittstock gelingt es, herauszuarbeiten, mit welchen teilweise trivialen Themen die Fliehenden zusätzlich belastet waren und wie zehrend diese sein konnten. Wenig bis kein Geld, weil Deutschland die Einkommensquellen gekappt hatte und damit ein steter Kampf um ein Dach über dem Kopf und irgendwas zu essen; Lügner und Betrüger, die alles verprechen, von falschen Papieren bis zu Schiffspassagen und dann mit dem letzten bißchen Geld verschwinden; Paare, die nach Geschlecht getrennt interniert werden und einfach nur herausfinden wollen, wie es dem anderen geht; heranwachsende Kinder (Familie Seghers), die bitte ansatzweise eine Schulbildung bekommen sollen. Und dazu nur schlechte Nachrichten aus dem Heimatland, Krieg, Nahrungsmittelknappheit und ein ewiger Kampf gegen menschenverachtende Bürokratie.

Zu Ende des Buches zitiert Wittstock eine derer, denen die Flucht gelungen ist, die Widerstandskämpferin Lisa Fittko: Es “hätte keiner von uns überleben können ohne die Hilfe von Franzosen in jedem Winkel des Landes – Franzosen, deren Menschlichkeit ihnen den Mut gab, diese vertriebenen Menschen aufzunehmen, zu verstecken, zu ernähren.” Nach all dem Schrecklichen tut es gut, auf einer hoffnungsvollen Note zu enden. Der Mensch ist nicht immer nur des Menschen Wolf. Manchmal, und sogar öfter als man glauben mag, ist er seines Bruders Hüter.

Auch dieses Buch ist höchst empfehlenswert. Lesen! Lesen! Lesen! Meins kann entliehen werden.

Andere Länder

Drei große ikeataschenvoll Wäsche habe ich abgehängt und schleppe mich mit meiner Last in den Lift. Treffe dort auf eine Dame, die die vollen Beutel, mich und wieder die Beutel mustert, in denen erkennbar dicke Wollpullover und die gute Bettwäsche liegen. Dann kann sie nicht mehr an sich halten und fragt, ob hier denn nichts wegkomme, also geklaut werde, die Pullis und die Laken nicht, also ob man den Nachbarn diesbezüglich vertrauen könne.

Ich hänge da unten nun schon, man möchte es kaum glauben, seit neun Jahren recht regelmäßig Wäsche auf und ab und nein, es ist nie etwas hinzugekommen oder verschwunden. Das sage ich ihr auch. Dafür ernte ich einen mitleidigen Blick und als sie aussteigt, über die Schulter zurück den Satz “Hob’n Sie Glieck gehabt”.

Jetzt weiß ich, wie man sich fühlen muss, wenn einen andere für einen naiven Dummling halten.

Gelesen: Uwe Wittstock – “Februar 33. Der Winter der Literatur”

Neulich erst hatte ich Anatol Regniers in vergleichbar anekdotischem Stil geschriebenes Buch über Schriftsteller gelesen, die nach 1933 in Deutschland geblieben waren und sich auf unterschiedlichste Weise mit den neuen Machthabern zu arrangieren suchten (s. https://flockblog.de/?p=50286). Wobei schon “arrangieren” wahrscheinlich der falsche Begriff ist und es keinem von uns Nachgeborenen zusteht, über die Beweggründe dieser Menschen unser nachgeborenes Urteil zu sprechen.

Nun bin ich bei Wittstock gelandet, der dieselbe Zeit behandelt und sich mit denen beschäftigt, die “sich samt ihren Wurzeln ausreißen”* mußten und auf den unterschiedlichsten Wegen gerade noch oder auch nicht mehr aus ihrem nun nicht mehr Vater- und Mutterland entkamen. Wer den Kanon deutscher Literatur kennt, kennt die Namen, vielleicht sogar die Namen derer, die im Nachkriegsdeutschland aus dem Kanon herausgebrannt worden waren. Wittstock schafft es, wie auch Regnier, dass man an jedem Schicksal wieder Anteil nimmt.

Obwohl ich mich mit kaum einer Periode der Geschichte so intensiv beschäftigt habe wie mit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, bin ich immer wieder überrascht, wie sehr fassungslos mich der perfekt organisierte Marsch durch die Institutionen und die Ausschaltung der demokratischen Organisationen unter Nutzung ihrer eigenen Regularien jedes Mal, wenn ich mich wieder damit befasse, wieder macht.

Lest solche Bücher. Redet drüber. Macht was. An wenigen Sätzen ist soviel Wahres dran wie an dem: Wehret den Anfängen!

* s. hier: