Gelesen: Juli Zeh – “Leere Herzen”

Das Buch war mir von einer vertrauenswürdigen Person empfohlen worden und obwohl ich bis dato noch mit keinem Werk Zehs irgendwas anfangen konnte, habe ich mich vorurteilsfrei und neugierig darauf eingelassen. Anfangs sogar noch mit Hochachtung vor der skalpellscharfen Sprache, mit der Zeh das dystopische Deutschland nach der Wahl Trumps zum 45. Präsidenten und die nachfolgende Neuordnung der Welt seziert. Nachdem die rechte BBB (“Besorgte-Bürger-Bewegung”) bei den Wahlen eine komfortable Mehrheit erzielt hat, tritt Merkel inkl. Raute zurück, und unter der neuen Kanzlerin und BBB-Chefin Regula Freyer sowie ihrer vornamenlosen Innenministerin Wagenknecht wird das einst demokratische Deutschland mit immer radikaleren “Effizienzpaketen” auf stramme nationalistische Linie getrimmt. Das Volk übt sich je nach Typ und politischer Orientierung entweder in Mitläufertum oder innerer Emmigration.

Darüber stülpt Zeh was der Verlag einen “Politthriller” nennt, der ihr aber aus den Fugen gerät und das Interesse an der Hauptperson Britta mit dem sprechenden Nachnamen “Söldner”, der eigenartigen Tech-Millionär-Esoteriker-Figur Guido Hatz und der zunehmend kruderen Geschichte elendiglich verenden läßt. Mann, war ich froh, als es endlich aus war. Es ist ja nicht oft so, aber für ein so dermaßen unbalanciertes, überkonstruiertes Stück Text bleibt nur die klassische Deutschlehrerfrage: “Was will uns die Dichterin damit sagen?”

Nicht lesen. Ist Zeitvergeudung.

Gestern Abend in der Unterfahrt: Jam Session mit Martin Seeliger

So voll wars doch bei einer Jam Session noch nie, oder? Immer mehr sehr junge Menschen drängen im Pulk nach, gelegentlich zeigen sich auch Häupter mit langem Silber- bis sehr schütterem Haar, was möglicherweise darin begründet ist, dass Seeliger nicht mehr der Jüngste ist sowie an der Grünwalder Musikschule unterrichtet und einer Anzahl unterschiedlicher Bands vorsteht.

Der Abend war sehr gut kuratiert, wenn auch leider schlecht ausgesteuert – und auf der Bühne nie unter sechs, aber schon auch mal lässig zehn Künstler, alle sehr begabt. Das macht einfach Freude!

Da gehen wir bald wieder hin.

Gelesen: Judi Dench – “Shakespeare – The Man who pays the Rent”

So ein wunder-wunderschönes Buch! In den letzten beiden Wochen ist kein Abend vergangen, wo ich nicht doch noch vor dem Einschlafen mindestens ein Kapitel mehr gelesen habe, als ich eigentlich ursprünglich vorgehabt hätte.

Worum gehts? Dame Judi Dench, Schauspielikone, erzählt von den Shakespearerollen, die sie in ihrem Leben gespielt hat. Mit Freude und Leidenschaft und einem großartigen analytischen Blick – man möchte auf die Suche gehen und das Glück haben, wenigstens ein paar Aufzeichnungen davon zu finden.

Weil aber vieles, wie das so ist mit dem Theater, nach der Vorstellung vorbei und damit flüchtig ist, bleiben einem wenigstens diese Erinnerungen und seien allen Shakespeare-Fans sehr ans Herz gelegt.

Herzeleid

Die letzten Wochen im Hunsrück waren neben arbeitsreich schon auch ein wenig schmerzhaft. Das letzte Mal mit vielen meiner externen Kontakte gesprochen und geschrieben, das letzte Mal im Meeting mit dabeigewesen, das letzte Mal mit diesem oder jenem Lieblingskollegen abends zum Essen ausgegangen oder – ganz schrecklich – das letzte Mal mit “meinen” Mädels zusammengesessen. Natürlich haben wir uns versichert, dass wir in Kontakt bleiben werden. Leider bin ich alt genug, um zu wissen, dass das mit den wenigsten klappen wird.

Schade. Sie sind mir sehr ans Herz gewachsen. Und was da jetzt kommt, ist noch sehr neu.

Möge mir meine Leserschaft gewogen bleiben, ich habe so das Gefühl, dass mit mehr freier Zeit der Output größer werden wird…

Rentenbescheid

Meine Kollegen, halt, meine früheren Kollegen bekommen nach Auslandsaufenthalten mit Zeitverschiebung und unbotmäßig langen Arbeitstagen nach ihrer Heimkehr immer mindestens einen “Regenerationstag”. Dergleichen, fand ich, stand mit nach den zwei anstrengenden Wochen im Hunsrück und einer Bahnfahrt, in der im Vierer vor mir Staatsbürger in Uniform die Kriegsbereitschaft der Truppe diskutierten und als nicht vorhanden befanden und im Vierer auf der anderen Seite eine perfekt geschminkte und gekleidete Influencerin (das ist eine Vermutung, liegt aber nahe, lest einfach weiter) mit einem ausgesprochen liebreizenden, sehr blondgelocken, sehr fotogenen und häufig fotografierten Töchterchen die Dinnerpläne besprach – nachfolgend wörtlich wiedergegeben:

Kind: “Maamaa (auch Influencerinnentöchter quengeln), was gibts heute Abend zu essen?”
Mutter Influencerin: “Fisch. Du weißt doch: freitags gibt es immer Fisch.”
Kind: (mit liebreizend gezogenem Schnütchen) “Mag kein Fisch.”
Mutter Influencerin: “Dann kriegst du Hummer. Hummer ist auch Fisch.”

… wo war ich gleich?

Ach ja, ich wollte meinem ersten Renterinnentag auch zum Regenerationstag machen. Wurde dann aber komplizierter als erwartet: Gilt denn der Samstag überhaupt? Als erster Tag des neuen Lebensabschnitts? Weil: der ist ja sowieso Wochenende und da hätte ich, selbst wenn ich am Montag wieder gearbeitet hätte, ausgeschlafen. Meine Sorgen möchte ich haben.

Habe das Dilemma salomonisch gelöst. Werde am Montag wieder ausschlafen.

Nachtrag zum vorherigen blogpost

Falls das in der Schriftform nicht ganz deutlich erkennbar gewesen sein sollte:

Zum “Yesss!” gehört natürlich noch die Geste. Die Faust um den Dampflockwarnpfeifengriff geballt und mit Schwung nach unten gezogen.

Yesss!

Yesss!

Ich kann nunmehr die Restdauer meines noch verbleibenden erwerbstätigen Arbeitslebens an den Fingern einer Hand abzählen. In Stunden.

Yesss!

Fehlzündungen (Kusine I)

Sie habe, erzählt die eine Kusine, eine recht schwere Operation hinter sich (Tenor: wir werden alle nicht jünger). Es sei aber a) alles gut gegangen und b) habe sie nichts davon mitbekommen.

“War nämlich ne OP mit Vollpension.”

Winterreise, die zweite

Vor dem Aufbruch kratzen meine liebe Frau Wirtin und ich gemeinsam das Auto mit Leiheisschabern frei. Es kann losgehen.

Die Navigationsgeräte, denen ich vertrauensvoll auftrage, den rechten Weg zu finden, scheinen das gerne mit einem Abstecher durch die landschaftlich schönen Ecken der Region zu belohnen. Und so führt mich der Google Mops gestern (nachdem wir erst einmal wieder gemeinsam nach einer heilen Auffahrt gesucht hatten (s. https://flockblog.de/?p=50384), nach keiner halben Stunde von der verkehrs-, baustellen- und lastwagenvollen Autobahn A61 weg auf die schon bekannte B9.

Am Rhein lang, aber der ist eine ganz andere Nummer als noch kurz vor Weihnachten. Grau-träge-gelbbraun-schlammig schwer wälzt er sich seiner Bestimmung zu, Deutsche und Franzosen voneinander abzugrenzen. An manchen Stellen fehlen nur noch Zentimeter, bis er über die inzwischen recht schwächlich anmutenden Ufermauern quillt. “Hochwasser” ist nicht, wie ich beim ersten Schild noch vermutet hatte, ein etwas mutwilliger Ortsname, sondern schlicht eine Zustandsbeschreibung. Wie die Kollegin am Freitag schon avisiert hatte: “Erst räumen wir bei der Oma den Keller, dann ist Karneval.”

Ich müßte eigentlich bald da sein – und, ah da ist es schon: das Ortsschild, das die “Bundesstadt Bonn” ausweist. Man meint ihm bis heute anzusehen, wie sehr der Verlust des mittigen “haupt” schmerzt. Jetzt noch um ein, zwei, drei Ecken und schon bin ich bei meiner Kusine angekommen, die mich, wie immer wunderbar füttert, bettet und tränkt. Ich packe so viel Verwandschaftsbesuche wie nur möglich in die beiden Wochenendtage und werde gar nicht müde zu erzählen, dass ich noch eine Woche bis zur Rente habe.

Diese letzte Hunsrückwoche sitze ich doch auf einer Arschbacke ab…