Neu zum Strömen: “Down Cemetery Road”

Ja. Hmmm. Schlecht ist diese Verfilmung des Erstlings von Mick Herron nicht, geht auch gar nicht, mit Schauspielerinnen wie Emma Thompson und Ruth Wilson (zu den Herren komme ich später). Richtig gut ist sie aber auch nicht. Was unter anderem daran liegt, dass Ruth Wilsons Figur, eine vom Bankergatten finanzierte Kunstrestaurateurin, zwar stets die richtigen angelernten Gutmenschworthülsen zum gerade nicht ganz passenden Zeitpunkt aufsagt, bis zum Schluß aber nie ganz glaubhaft wirkt. Was nicht an Wilson liegt, wie ich betonen möchte, sondern mehr daran, dass ihr keiner in der Produktion je sagen konnte, was ihre Figur motiviert. Dame Emma mit grauem Kurzhaarschnitt zu Stacheln gegelt, spielt “Bad Ass”, wie die Angelsachsen so jemanden nennen. Gefriertruhencool, loses Maul, Eisenfaust im Eisenhandschuh und, gäbe es in diesem trüben englischen Winter dergleichen, einsam und ohne Absonderung von Gefühlen in den Sonnenuntergang reitend. Sowie schwarzes Leder. Nein, nicht Fetisch, mehr so Matrix, auch dazu später mehr. Die beiden weiblichen Hauptfiguren brauchen gut drei Folgen, um zum ungleichen Ermittlerinnenpaar zusammenzufinden, auch eines der Probleme der Serie, es dauert alles zu lang. Die “Slow Horses”, an denen sich diese Produktion ständig messen will, kommen mit sechs Folgen à 45 Minuten pro Staffel aus, “Cemetery Road” ist auf acht à 50 Minuten ausgewalzt. Weniger wäre mehr gewesen.

Die beiden Damen sind nämlich einer ganz ganz schlimmen Verschwörung auf der Spur, bei der die höchsten politischen und Finanzkreise (Anzugmänner, wäre die Verfilmung älter rauchten sie auch noch dicke Zigarren) und ihre stiefelleckenden Vasallen von den Geheimdiensten eigennützige (!) Interessen verfolgen und deswegen ein zuckersüßes Kindlein mit Vielmilch-Milchkaffeehautfarbe, riesigem Afro, das alles tragen kann, vor allem einen puscheligen knallroten Schneeanzug für die finale Verfolgungsjagd an einem verhangenen Grautag. Aber wurscht. Sie wird der Casting-Anforderung gerecht: riesige Augen, reizendes Lächeln und soooo herzig.

Wo war ich? Ach ja, dieses liebreizende Geschöpf haben die bösen Männer entführt, mit hochdepperten Wachen versehen und wollen sie verschwinden lassen. (Wie man das in diesen Kreisen so nennt.) Verantwortlich für diese Operation ist eine mittlere Geheimdienstcharge. Hätte es das Slough House damals schon gegeben, wäre Adeel Akhtars Rollenfigur einer der aussortierten Insassen. So grausam der Umgang mit Menschen ohne Ironieverständnis im wirklichen Leben ist, im Film, auf die Distanz, ist es urkomisch. Nervig. Herrlich! So, wie Akhtar ihn spielt, ist Hamza in dieser Serie meine absolute Lieblingsfigur. Herzzerbrechend. Nervig. Herrlich!

Was noch? Die Kostümbildner scheinen günstig an eine große Menge schwarzen Leders gekommen zu sein und haben es zu langen Neo-Ledermänteln mit voluminösen Kapuzen verarbeitet. Keine Schnürung, total unpraktisch bei Hochgeschwindigkeitsverfolgungsjagden, aber megacool, wenn wieder ein schwarzer Mann in schwarz einsam grübelnd auf einem schottischen Highlandhügel herumsteht. Der Gute und der Böse auch, in identischen Kostümen, was manchmal verwirrt. Ansonsten scheint das Motto gewesen zu sein: “Zieht-Ruth-Wilson-an-als-hätte-sie-gerade-die-Verloren/Gefunden-Kiste-geplündert”. Zum ganz großen Glück von Ms. Wilson war immer die passende Größe vorrätig. In vertretbaren Farben und Qualitäten. Schottland wird von Devon gespielt, einer offensichtlich sehr versatilen Landschaft, neulich, in “The Roses”, gab Devon noch den pazifischen Nordwesten der USA.

Ja, ist denn gar nichts gutes an der Serie? Doch, die Dialoge zum Beispiel. Das konnte Herron schon in seiner Frühphase und das zeigt sich. (Nach dem Erfolg des ersten “Cemetery Road”-Buches konnte er seinen Brotberuf aufgeben und sich fortan nur noch dem Schreiben widmen.) Und die Cliffhanger-Enden der ersten paar Folgen. Die sind richtig frech und machen Spaß. Außerdem ist sie natürlich toll besetzt und die Herren und Damen Schauspieler verstehen ihr Handwerk, nicht, dass man in allen Rollen mehr als Klischee von ihnen verlangt. Nur in manchen. Und sie können alles fahren, was sie finden: Boot, Bus, jeden Fahrzeugtyp. Hut ab! Ohne je einmal Sitz oder Spiegel zu verstellen. Rein und aufs Gas. Horridoh!

Mit ein paar Strichen sinnig gekürzt und etwas weniger Zufall, wenn die Geschichte vorangetrieben werden soll, hätte es gut werden können. So ist die Serie immer noch unterhaltsam, aber mehr im Mittelfeld.