Aus dem Vokabelheft

Wir denken jetzt mal alle an den Seelefanten und seinen allertraurigsten Vortrag:
S’ist alles dohonkel, s’ist alles trühübe, do ond ich, wer send alloin, send so alloin…* und siehe da, jetzt verstehen wir auch die wunderbare Wortschöpfung aus dem Buch neulich, nämlich den Wehmutstropfen.

* Für die Nachgeborenen, die keine Ahnung haben und keine Oma, die sie fragen könnten. (Ab 00:55)

Gestern Abend in der Unterfahrt: Laura Jurd – “Rites & Revelations”

Ich finde ja, es hat immer was, Frauen an Blechblasinstrumenten.
Laura Jurd hat sich für die Trompete entschieden und jung, wie sie ist (irgendwas Anfang 30, schätze ich), ist sie schon eine Meisterin. Das Konzept für die erst jüngst veröffentlichte Platte “Rites & Revelations” ist, alte Volkslieder und altbekannte Melodien (gleich das erste Stück ist “Summertime”, damit kriegt man mich ja immer) neu zu interpretieren und sie für unsere heutigen Ohren wieder neu klingen zu lassen. Geht auf. Die Band, allen voran Ultan O´Brien an der irish fiddle stützt und fordert sie und es macht großen Spaß, jeweils herauszufinden, woher die Melodie wohl ursprünglich kommt oder ob sie doch selbst komponiert ist.

Leider ist der Spaß nicht ganz so groß wie sonst, denn ich bin alloin, alloin, weil mein Begleiter erkrankt ist. Aber ich höre, es geht ihm schon wieder besser und das nächste Konzert ist ja bald.

Wer reinhören mag:

Neulich, in der Kunsthalle: Miguel Chevalier “Digital by Nature”

Zunächst ein Tip: dienstags kostet der Eintritt in die Kunsthalle immer nur die Hälfte.

Zur Ausstellung: hmmm. Ich weiß nicht so recht. Ich mußte oft an Nina Hagen (fragt Oma) denken, weil “ist alles so schön bunt hier” und manchmal wurde mir vor lauter riesenformatig und dauernd bewegten Farben und Formen schon fast schwindelig. Ich glaube, ich bin da nicht die Zielgruppe.

Der flockblog IT-Tip

Wahrscheinlich bin ich wieder die letzte, die’s mitbekommen hat: es gibt eine einjährige Gnadenfrist für kostenlose Sicherheits-Updates für Windows-10-Rechner. Ich habe eben drei Mal geklickt und fertig. Kein Geld ausgegeben, aber noch ein Jahr Ruhe. Falls noch wer nicht weiß, wie es geht: “Windows-Updates” anklicken und dann den Eingabeaufforderungen folgen. Nicht über Los gehen, nicht Geld bezahlen. Gnadenfrist haben.

Erkenntnisgewinn

Im Gegensatz zu Jahreszeiten, die um die Angemessenheit von Lufttemperatur wissen, stehen bei mir aktuell Türen und Fenster nicht mehr den ganzen Tag sperrangelweit auf, und ich erlebe die Außenwelt eher mit Schalldämpfer. Außer natürlich, wenn es guruguruht, das höre ich sitzend, stehend, liegend, selbst im Tiefschlaf oder wenn ich hochkonzentriert an einer Präsentation arbeite und dann sause wutentbrannt raus (man denke: Tarantelstich), zum Scheuchen.

Kombiniere: Pawlow war eine Taube.

Verhörte Intelligenz

Mit Schmutzwörtern hat sie’s nicht so, die VI. Und so wird denn auch aus “naughty” ganz leicht mal “noddy”.

Was an “Miss Piggy” so schmuddelig ist, dass die arme Sau zu “messy” wird, das wird Miss VI Jim Henderson gelegentlich im Einzelgespräch erläutern müssen.

Noch in der Mediathek: “Sturm kommt auf”

Regisseur Matti Geschonneck hat nach der “Wannseekonferenz” schon wieder ein ganz großes ganz wahrhaftiges Werk geliefert.

Es geht vordergründig um den Aufstieg des Faschismus, irgendwo auf dem Land, in Bayern. Hintergründig geht es um Gegensätze. Politisch, natürlich, im Gesellschaftsstand, in der Bildung, der Religion. Und im Geschlecht. Vor allem im Geschlecht. Gleich zu Beginn werden Frauen gezeigt, beim Bankerlsingen, abends nach getaner harter Arbeit, in vollkommener Harmonie, eng gedrängt, jung und alt, Bäurin und Magd, mit und ohne Kinder, egal. Eine gleichberechtigte Gemeinschaft. Wobei, “gleichberechtigt” ist falsch. “Gleichwertig” auch, um Bewertung geht es nicht. Eher so: eine jede ist dabei in der Harmonie, ohne Ansinnen ihrer Situation im Außen. Das wird wichtig, denn dort, im Außen, tragen die Frauen den Schmerz und das Leid.

Basierend auf der Vorlage von Oskar Maria Grafs “Unruhe um einen Friedfertigen”, seinem ersten Exilroman, erschienen 1947 (Drehbuch: Hannah Holliger) erzählt die zweiteilige Verfilmung die Geschichte vom Schuster Kraus (kongenial besetzt mit Josef Hader), einem Mann, der irgendwann mal von irgendwoher (es wird sich später herausstellen, dass er als einziger aus seiner Familie ein Progrom in Lemberg überlebt hat) ins Dorf gekommen ist, und dort ein ruhiges zurückgezogenes wortkarges Leben lebt. Die (zweite) Frau ist ihm gestorben, der einzige Sohn nach “Übersee” ausgewandert. Einzig zur Nachbarin Elies Heingeiger (Verena Altenberger, eindrücklich, wie sie mit sparsamster Mimik ganze Geschichten erzählt), ihrem kleinen Sohn und ihrem Vater, dem Bauern Heingeiger (Sigi Zimmerschied, wird mit zunehmendem Alter immer noch besser) pflegt er eine Art von Beziehung.

Dieses Idyll wird zerstört, als der Heingeiger-Sohn Sylvan (beklemmend glaubhaft Frederic Linkemann) aus dem Krieg zurückkommt und nicht verstehen will, dass er jetzt niemand mehr ist, er, der in der Etappe feist gewordene Leutnant und der darum recht schnell Gleichgesinnte um sich schart, in seinem Freikorps. Ganz ganz kurz blitzt die Räterepublik auf, der “Rote” Ludwig Allberger (Sebastian Bezzel, hallo Ballett!) unternimmt den Versuch, in einer entzückend unbeholfenen Rede die Bauernschaft zu “mobilisieren”. Das geht bekanntermaßen nicht gut aus, die “Korpsler” jagen, foltern und töten die meisten “Aufwiegler” und treten jetzt zunehmend breitbeiniger auf. Im Dorf geht das Leben weiter, der Wirt Johann Stelzinger (zum Niederknien: Helmfried von Lüttichau) hätte gern das Beste aus den “Neuen Zeiten”, ohne sich aber zu deutlich zu einer Seite bekennen zu müssen. Also die Art Deutscher, auf deren Entnazifizierungsurkunde später “Mitläufer” stehen wird. Er wird bis zum Schluss nicht verstehen, was er an seiner Frau (Susi Stach) hat, die ihn ständig vor sich selbst bewahrt. Weil wir auf dem Land sind, darf auch die Gier nach Grund und dem Hof nicht fehlen – Sylvan sorgt auf grausame Art dafür, dass seine Schwester ihm beim zukünftigen Erbe nicht mehr im Weg ist.

Und immer singen die Frauen. Weniger Frauen als vorher. Auf dem Bankerl, in der Kirche, auf Begräbnissen, sogar zu einer Taufe. Zu großen stillen Landschaftsbildern tropfen einzelne Zithertöne. Das ist so beklemmend wie schön. Die Berge sind ewig und sie werden weiter sein, egal, was den Menschlein dort unten passiert.

Im zweiten Teil tragen die ehemaligen Freikorpsler nun alle braune SA-Uniformen mit Hakenkreuzbinden, grüßen mit erhobenem Arm und zackigem “Heil Hitler” und terrorisieren alle, die nicht ihrer Meinung sind. Allen voran den Schuster, von dem man nun weiß, dass er Jude ist. Und zu Geld gekommen. Das hätten sie alle gerne. Die “Hitleristen” genau wie die Kirche, in Person des herrlich salbungsvoll-schleimigen Priors (Matthias Bundschuh). Nein, Graf hat die Pfaffen wirklich nicht leiden können. Der alte Heingeiger weiß sich gegen seinen bösen Sohn nur noch mit einem letzten sehr symbolträchtigen Mittel zu helfen und muss das zum Glück nicht überleben, genausowenig wie der Schuster. Die letzten Tode in Film und Buch sind eine Gnade des Autors und auch, dass er, lederbehost nach New York entkommen, auf einer hoffnungsvollen Note endet. Nur die Frauen, die verlieren. Ihr Leben, ihre “Ehre”, ihre Männer, ihre Söhne, ihre Existenz, in einer Gesellschaft, in der sie nur als “Frau von” etwas gelten. Das konnte auch Graf nicht schön schreiben und Geschonneck zeigt es. Gnadenlos.

“Sturm kommt auf” gibt den Öffentlich/Rechtlichen eine Existenzberechtigung. Sogar ihren Zwangsgebühren. Weil der Film so gut ist. Sich Zeit läßt. Bis in die letzte Nebenrolle gut besetzt – es ist eine Kunst in der heutigen Zeit solche “alten” Gesichter zu finden. Mit Kenntnis und Sorgfalt ausgestattet und kostümiert, allen Beteiligten hierfür eine Verbeugung.

Ich habe beide Teile auf einen Sitz gesehen, man kann aber auch eine Pause dazwischen lassen, ohne dass sie an Qualität verlieren.

Nun aber. Anschauen! Anschauen! Anschauen! Anschauen!

(Wer hier öfter liest, weiß, dass ich mich selten einmal zu vier Anschauen! hinreißen lasse. Wenn, dann lohnt es sich. Sehr.)