10 Minuten Zeit?
Warum nicht dafür?
Aufgeschnappt
Weil es ja nicht hilft, sich über diesen immer noch über einen weiteren Monat andauernden Busschaukel-Schienenersatzverkehr zu echauffieren, gewinne ich ihm stattdessen halt eine flockblog-Kolumne ab. Ich kann in diesen Bussen einfach nicht lesen, also schau ich Landschaft und Leute, Leute und Landschaft. Und weil die Evolution sich hartnäckig meiner Bitte um Ohrenklappen verweigert, höre ich sie auch. Davon erzähle ich jetzt.
Also, neulich im Bus:
- Der kleine Junge, der in diesem Kinderwiederholquengelsingsang seine Mutter unablässig löchert: “Mama, did you buy the coconut?” Es dauert nicht lang, und ich klopfe den Rhythmus mit und hätte gerne das Talent, dergleichen zu vertonen.
- Die beiden “Allemal-zäher-als-Luis” älteren Herren, deren einer von seiner letzten Mount Everest-Besteigung erzählt: “Es reisen ja heutzutage so viele Leute nach Nepal, die sich kein Stück mit der Nepali-Kultur beschäftigen. Die kommen bloß noch zum Bergsteigen. Als wären es die Alpen.”
Unverständliches Gebrummel vom Gegenüber. Darauf sehr unwirsch der erste:
“Ach was, das ist nicht in Ordnung. Die sollten erst mal einen Test machen müssen.” - Der eine Goetheinstitut-Student zum Kommilitonen: “… und da habe ich so ein Denken in mir herumbewegt.”
- Die Handvoll präpotenter Buben, jeder ein angetrunkenes Corona in der Hand und ein weiteres in der Hosen- oder Jackentasche, gerade mitten in der Medienkritik. Ihr gemeinsamer unangefochtener Held ist Stewie, das uraltkluge Baby aus “American Dad”, weil der es “nämlich allen zeigt”. Dann Themenwechsel, Southpark. Da kommt der Rechtsexperte der Truppe zu Wort: “Cartman (das sehr unangenehme dicke Kind) wäre nach deutschem Recht schon mindestens 25 Mal zu Tode verurteilt worden.” Dann rufen sie alle “They killed Kenny!”, kriegen sich vor Lachen nicht mehr ein und ich schließe bis zur Ankunft an meiner Behelfshaltestelle wenigstens die Augen…
Evolution? Hallo?
Gestern Abend in der Unterfahrt: “CHICUELO”
¡Hossa! ¡Caramba! ¡Olé! ¡Olé! ¡Olé!
In der Unterfahrt geht es zu wie auf einer spanischen Féria. Sehr viele Damen tragen feines Tuch mit Glitzer und schulterfrei, die Haare offen, die Unterhaltung laut, lebhaft und gestenreich. Außerdem Fächer. Natürlich Fächer.
Jetzt aber: Auftritt. Juan Gómez ‘Chicuelo’ (Gitarre), Manel Fortià (Bass), David Gómez (Schlagwerk) und Karen Lugo (Tanz) spielen ein Konzert so voller Lebenslust und Groove und Power, dass der Saal von der ersten Minute an tobt. Wobei es sehr faszinierend ist, dass Señora Lugos Flamenco-Tanzperformance das vierte Element auf der Bühne ist. Damit will ich sagen, dass die anderen dann nicht als Begleitband in den Hintergrund rücken, sondern alle gleichberechtigt ihren Teil beitragen. Sie trägt bei jedem ihrer vier Auftritte ein anderes aufwendiges Kostüm auf denen insgesamt die Jahrespailettenproduktion* eines mittleren Schwellenlandes appliziert gewesen sein dürfte. Wa-ahn-sinn! Ich habe einen Moment gebraucht, mich auf diese Riesengesten und das ganz große Flamenco-Amor-Dolor-Muerte-Drama einlassen zu können… mir blieb aber nach ein paar Minuten gar nichts anderes mehr übrig, weil es nämlich so schön war. Hah!
Ein sehr tolles Konzert und ein großes Kompliment an Señor Chicuelo, der großes Stehvermögen bewies und mit jedem Mitglied seiner Band einen Einzelauftritt zelebrierte. Dankeschön.
* Ich frage mich, ob der Fachbegriff wohl BJPP (Bruttojahrespailettenprodukt) lautet und wenn nicht, warum nicht?
Nachtrag 1: Mein Duolingo-Sprachkurs scheint Früchte getragen zu haben. Ich habe fast die ganze Moderation verstanden, auch wenn der Señor, wiewohl aus Barcelona stammend, die andalusische Eigenart, die S-Endlaute einfach wegzulassen, fließend beherrscht.
Nachtrag 2: Die Unterfahrt war übrigens schon wieder ausverkauft und wir fragen uns langsam, ob wir einen Massengeschmack haben oder ob einfach mehr und mehr Menschen Zugang zu guter Musik finden.
Gelesen: Robert Hültner – “Der Sommer der Gaukler”
Ähnlich wie sein Kollege Kehlmann nimmt sich auch Hültner gerne die künstlerische Freiheit, historische Ereignisse und Persönlichkeiten in ein Romangeschehen zu verweben. Und so kommt es in diesem Gauklersommer im Jahr 1780, in dem die Schikanederische Schau- und Operngesellschaft, eine Wandertheatertruppe, deren Prinzipal nicht nur selbst und viel schreibt, sondern darüber hinaus auch Werke Goethes, Lessings und Shakespeares zur Aufführung bringt, zu einem unfreiwilligen Aufenthalt in einem Bergdorf nicht weit von Salzburg gezwungen ist, zu allerlei Vorkommnissen.
Hültner taucht tief ein in die Lebenswirklichkeiten einer Ständegesellschaft, deren Ende sich schon abzeichnet (es wird nur noch ein paar wenige Jahre dauern, bis die Bastille gestürmt werden wird), läßt Schikaneder auf Mozart treffen (der Beginn einer wunderbaren Freundschaft), macht noch schnell einen Abstecher zu Illuminati und Freimaurern und ergeht sich in ausführlichen Naturbeschreibungen.
Vor allem aber ist das Buch eine Liebeserklärung an das Theater. An die Macht des gespielten Wortes, an das, was Schiller in seinem Aufsatz “Die Schaubühne als moralische Anstalt” postuliert: das Theater als Instrument, die Ideale der Aufklärung im wahrsten Sinne des Wortes unters Volk zu bringen.
Das Büchlein liest sich leicht und vergnüglich und hinterher ist man klüger als vorher.
Lesen!
Nachtrag: Für mich war die Lektüre ein Ausflug in die Vergangenheit. Vor vielen vielen Jahren habe ich als Studentin der Theaterwissenschaften eine – selbstverständlich bahnbrechende – Seminararbeit zum Thema der frühen Shakespeare-Rezeption in Deutschland verfasst. Damals, als “Hamlet” zu “Der bestrafte Brudermord” wurde und sich Wandertheatertruppen (auch die Schikaneders) schon mal die Freiheit nahmen, “Romeo und Julia” mit einem Happy End zu spielen. Ist ja auch netter.
Schon ewig nicht mehr im Fernsehen: “Stargate: Atlantis”
Das ist mal eine Serie wie es früher einmal war. Ist sie ja auch, aus den frühen 2000er Jahren. Jede Folge erzählt in 20 Folgen pro Staffel eine in sich abgeschlossene Geschichte und nach einer Dreiviertelstunde und einem unglaublich knappen Wettlauf gegen die Zeit ist alles wieder gut. Das Atlantis im Titel ist eine riesengroße Raumstation hinter einem Wurmloch (in feiner: “Stargate”), durch die ein größeres Kontingent an internationalen Forschern und amerikanischem Militär mit einem One-Way-Ticket angereist sind, “to boldly go where no man has gone before”. Da, auf den allesamt mit atembarer Atmosphäre ausgestatteten Planeten in diesem weiten Weltenraum entdecken sie ausschließlich englischsprachige humanoide Wesen, die in dörflichen Siedlungen Landwirtschaft betreiben und mit Pfeil und Bogen schießen, wie’s der Brauch ist. Die einzigen, die etwas mehr nach Alien aussehen sind die Wraith, eine so gut wie unbesiegbare Rasse von Menschenfressern und die halten Atlantis und noch sehr viel mehr die ferne Erde für einen idealen “Feeding Ground”, den es mit allen Mitteln zu erobern gilt. Damit wäre das Feindbild gesetzt.
Die Besetzung ist, neben den üblichen Tropes in den Rollen, ein Spiegelbild der amerikanischen Gesellschaft vor einem Vierteljahrhundert. Ich hole aus:
Held ist der “Ich-flieg-dir-alles”-Kampfpilot mit der frechen Wuschelbürzelfrisur und dem losen Maul, mit dem sprechenden Namen Mayor John Sheppard (Joe Flanigan), der natürlich in der militärischen Hierarchie ständig aneckt, sich natürlich durch sein strategisches Talent sowie Mut, Tapferkeit und Opferbereitschaft besonders hervortut und natürlich am Ende immer recht hatte mit seiner eigenmächtigen Entscheidung. Vom Typ her ein Tom Cruise-Verschnitt.
An seiner Seite kämpft die Anführerin der Siedler des ersten Planeten auf den sie treffen. (Wer will schon selbst anführen, wenn sie von John Sheppard Befehle entgegen nehmen kann?) Teyla Emmagan, eine echte Kämpferin und Kriegerin, mit stets offenem langem Haar und stets bloßem Nabel. Ihre Darstellerin Rachel Luttrell hat einige verschiedenen Ethnien in ihrer Ahnenreihe, die die Casting-Entscheidung positiv beeinflusst haben dürften. Am Schauspieltalent lags nicht.
Den Quotenschwarzen und wegen Dienstgrad dauernd Befehlsempfänger spielt Rainbow Sun Francks, bei dem ich jedes Mal, wenn den Vorspann anschaue, an einen Aushang in San Francisco denken muss, auf dem jemand mit einem ähnlichen Vornamen ähnlich gezeichnete Kinder anderer Hippie-Eltern sucht, zwecks Gründung einer Selbsthilfegruppe. Aber davon ein anderes Mal. Francks’ Lt. Aiden Ford ist quasi die Infanterie und rennt und springt und klettert und schwitzt, weil immer in voller Kampfmontur. Viel Text, außer regelmäßigem “Sir, Yessir”, hat die Figur nicht.
Die verbleibenden höherrangigen Militärs fallen einem Angriff der Wraith zum Opfer und damit ist nun ausgerechnet der unangepaßte Rebell John Sheppard zum “Ranking Officer” geworden. Trope zu 100% abgearbeitet. Wer hätt’s gedacht?
Ziviles Personal? Zunächst die Projektleiterin. Jaha. Eine Frau nämlich. Torri Higginson, die Dr. Elizabeth Weir als Typ “Eisenfaust im Samthandschuh” spielt, dürfte bei Sigourney-Weaver-Look-Alike-Wettbewerben jedes Mal unter die ersten drei kommen. So ist auch ihre Figur. Empathisch, aber knallhart. Ganz besonders, wenn ihr ein militärischer Obermacker quer kommt. Dafür bekommt sie Anfang der zweiten Staffel aber auch die gerechte Strafe: ihr auf der Erde zurückgebliebener Ehemann hat jetzt eine andere. Eine vergleichbare Geschichte von einem der Karrieremänner auf Atlantis ist nicht überliefert.
Der nächste ist der Resident Genius und Berufskanadier, Dr. Rodney McKay. Kann alles, weiß alles, und alles viel besser als alle. David Hewlett hat sichtlich Spaß an der Rolle dieses eigennützigen Feiglings, vor allem, wenn er wieder einen typischen Scotty-Moment nachspielen darf: Ingenieur veranschlagt für eine kritische Reparatur mindestens zwei Tage, der Käptn gibt ihm zwei Stunden, er machts dann in 10 Minuten (ja, ist bei Mittermeier geklaut, weil gut).
Sein Mitstreiter und Geniekonkurrent ist Dr. Radek Zelenka, den David Nykl gibt. Der ist auch sehr gescheit und außerdem Tscheche, was zu unglaublich komischen Szenen führt, weil er a) im Englischen einen osteuropäischen Akzent hat und in stressigen Situationen b) in seiner eigenen lustigen Sprache spricht. Hahaha. Nicht vergessen: das Zielpublikum ist amerikanisch.
Last but not least, der Schiffsarzt und die gute Seele der Expedition: Dr. Carson Beckett. Paul McGillion spricht mit dem breitestmöglichen schottischen Akzent (das gilt bei Amerikanern aus unerfindlichen Gründen immer als liebenswert) und auf seinem Ärmel (internationale Expedition, nicht vergessen) trägt er “the Saltire” (ein weißes Andreaskreuz auf blauem Grund), die Nationalflagge Schottlands, nicht etwa den Union Jack.
Ich habe in den letzten Nächten die erste von fünf Staffeln sowie die erste Folge der zweiten (weil ein über drei Folgen verteilter Cliffhanger aufgelöst werden mußte) gesehen und kann die Serie nur empfehlen. Klassisches Unterhaltungsfernsehen mit Raumschlachten.




