So haben wir nicht gewettet

Halloho, ihr Lärm-Gustel! Ich bin Rentière (bitte, Larousse, lass das die weibliche Form von Rentier (“Rentjee” gesprochen, nicht “Renn-Tier”, Mensch!) sein) und als solche befugt, den Wecker Wecker sein zu lassen und lang und ausführlich auszuschlafen.

Es mag sein, dass das bei euch, die ihr Wohnungen hier in der Anstalt renoviert, anders ist. Das ist aber kein Grund, mich vermittels des schalltragenden Betons, aus dem dieses Gebäude gegossen wurde, morgens um halb acht aus dem Bett zu schleifen, hämmern, bohren.

Wenn dergleichen Arbeiten schon sein müssen, dann bitte hinfort nachmittags. Viel besseres Karma. Versprochen. Doch, ich weiß sowas. Mein Totemtier ist eine Nachteule.

(Wieder-)Gelesen: Scott Snyder & Charles Soule – “Undiscovered Country”

Manche mögen sich erinnern, ich hatte von dieser Serie schon früher sehr begeistert berichtet (s. https://flockblog.de/?p=46721). Aus gegebenem Anlass (der fünfte Sammelband ist endlich erschienen) und weil ich jetzt Zeit für sowas habe, habe ich mich noch einmal von Anfang weg durch alle nunmehr fünf Bände gelesen und bin, soweit das möglich ist, noch mehr angetan, als ich es schon vorher war.

Worum es geht in kurz: Kluge Menschen beschäftigen sich mit dem, was aus den isolationistischen Staaten von Amerika hätte werden können und leiten daraus eine Entwicklung ab, die einem das kalte Grausen über den Rücken jagt. Erfreulicherweise ist die Graphic Novel Fiktion, möglicherweise aber bewegt sie sich bereits im Bereich Alternativer Fakten.

Ein Muss für die Dystopiker unter uns.

Noch fast neu im Kino und frisch oscar-nominiert: “September 5”

Palästinensische, ja, was? Guerillas, Krieger, Kämpfer, Terroristen, überfallen und ermorden auf deutschem Boden während eines internationalen Großereignisses israelische Sportler. Der Befreiungsversuch schietert tragisch. Helden dieser Geschichte sind Amerikaner, die ihr von ihrer Verfassung garantiertes Recht auf Free Speech und der Unabhängigkeit der vierten Gewalt ausleben. Mit allen Mitteln und um jeden Preis.

Klingt böse? Ist in Teilen auch so gemeint. Man verstehe mich nicht falsch, September 5 ist ein atmosphärisch dichtes Kammerspiel, ein klassisches News-Room-Drama und zeigt, wie und was das ABC-Sportberichterstattungsteam mit den damaligen technischen Mitteln und viel Improvisation während der Olympischen Spiele in München der Welt zeigte. Mit weltweit mehr Zuschauern als der Mondlandung.

Aber, und da wird es kritisch, als Heldensaga. Ohne die Rolle der Berichterstatter je zu hinterfragen. Es darf einmal kurz nach einem live ausgestrahlten (und dann abgebrochenen) Befreiungsversuch betroffen in den Raum gesprochen werden “waren wir das?”, sonst aber trieft schon viel Pathos.

Trotzdem ist es ein sehr spannender Film geworden und man kann ihn sich gut ansehen, wenn man das Pathos ignoriert.

Gelesen: Ursula K. Le Guin – “Die Geißel des Himmels”

Übersetzt wurde dieses antiquarische Fundstück zu einer Zeit, als Science Fiction noch in der Schmuddelecke bei den Schundheftchen angesiedelt und in lumpigen Taschenbuchausgaben des Heyne-Verlag für DM 2,80 mit reißerischen Covern allenfalls in gutsortierten Bahnhofsbuchhandlungen zu finden war. Damals, als es zum Frühstück in Amerika noch “Eier mit Pökelfleisch” und abends “Frikadelle mit Kartoffelchips” gab, das Kind einer weißen “Gammlerin” mit einem schwarzen “Black-Panther-Anhänger” ohne jede Bedenken selbstverständlich “Mischlingsmädchen” genannt wurde und die Außerirdischen vom anderen Stern “Fremdrassen-Invasoren”. Wann das war? BRD, frühe Siebziger Jahre.

Aber nun zum Buch. Le Guin stellt uns, wie meist in ihrem Werk, vor ein philosophisches Dilemma. Was wäre, wenn Träume wahr würden? Erstes, und vergleichsweise einfaches Beispiel, das sie ihrer Leserschaft gibt: bei einem halbwüchsigen Jungen und dessen Mutter ist in den beengten Wohnverhältnissen die sehr unangenehme Tante zu Besuch und geht und geht nicht weg. Bis der Knabe träumt, die Tante sei vor sechs Wochen bei einem Autounfall ums Leben gekommen und es am anderen Morgen so ist. Die Mutter noch in Trauer um die Schwester, die Schwester nie zu Besuch gewesen. Alle erinnern sich nur an die nun von ihm herbeigeträumte Realität, keiner an die vorherige.

Er schon. Das ist nicht normal, darf also so nicht sein, führt zu Drogen und folgerichtig dazu, dass der nunmehr erwachsene junge Mann von Staats wegen gezwungen wird, einen Therapeuten aufzusuchen, einen selbsternannten “Traumspezialisten”. Der erkennt ziemlich schnell, welches Potential ins wirkliche Leben übersetzbare Träume haben und Le Guin nimmt uns mit auf einen wilden Ritt, der mit der Verbesserung der persönlichen Lebensumstände anfängt und bei der Lösung der Probleme der Welt wie Krankheit, Armut, Überbevölkerung, Umweltverschmutzung, Hunger, Rassismus, Krieg… nicht aufhört. Der Therapeut wird zur tragischen Figur, die stets das Gute will, dies aber nur mit bösen Mitteln schafft und dabei Macht und Macht und Macht anhäuft.

Gegen Ende zerfranst die Geschichte ein bißchen, aber die Autorin fängt die losen Fäden ein und schließt auf einer glaubhaft hoffnungsvollen Note.

Lesen! Lesen! Aber wenn’s geht, im Original. Die Übersetzung ist schon sehr aus der Zeit gefallen.

Nachtrag: Der Held heißt übrigens George Orr und lebt in einer Art Überwachungsstaat – ja, Frau Le Guin, ich denke, wir haben die Hommage verstanden.

Aliens

Dass Pubertierende manchmal den Eindruck erwecken, sie kämen von einem anderen Stern, ist für Eltern wahrscheinlich keine neue Erkenntnis. In der Zeitung, namentlich der heutigen Wochenendausgabe der SZ, habe ich heute davon zum ersten Mal gelesen.

Gelesen: Richard Osman – “The Last Devil To Die” (Thursday Murder Club, 4)

In diesem vierten und vorerst letzten Buch der Thursday-Murder-Club-Serie läßt Osman eine der Figuren sterben, die er uns in den ersten Bänden als Sympathieträger nahegebracht hatte. Er tut dies nicht, ohne Gedanken und Überlegungen zu Tod und Trauer und zum selbstbestimmten Sterben auszuführen, etwas, das man zunächst in einem heiteren Krimi über eine mörderjagende Rentnergang aus der Seniorensiedlung in dieser Tiefgründig- und Wahrhaftigkeit eher nicht erwartet hätte. Wertet das Buch aber nur auf und macht es umso lesenswerter.

Hach! Einfach unter der Woche einen Nachmittag lang an einem Stück ein Buch wegzulesen und zu Erledigendes guten Gewissens auf morgen (oder übermorgen, who cares?) verschieben zu können. Tut gut.

Ach ja: lesen! Lesen! Lesen!

Again what learnt

Als ich vorhin mein wegen nicht zu Hause seins im DHL-Shop abgegebenes Päckchen abholen will, verliest die dortige Fachkraft meinen vollen Namen laut für das Gesamtpublikum (irgendwie muss man die Anstehenden ja unterhalten). “Oh”, freut sich die ältere, also ungefähr gleichaltrige Dame hinter mir, “ich bin auch eine Sabine”. Und weil die Suche nach meiner Sendung andauert, hat sie genügend Zeit, ihr Geschichtswissen unterzubringen. “Wußten Sie, dass wir schon in der Römischen Bibel vorkommen? Beim Raub der Sabinerinnen?”

Ich bin ja nicht so bibelfest. Ich kenne nur den Film…

Grad mach ich’s Maul zu*

… und schon wartet mein One-Word-A-Day-Service mit einer neuen Wortschöpfung auf.

* Was im Schwäbischen ungefähr für “und ich sach noch” steht.

Geht doch

Wenn früher der Wasserhahn der Küchenspüle kaputtging, machte man sich, nachdem man unbeholfene Reparaturversuche und dem widerborstigen Teil für sein Versagen reichlich Vorwürfe gemacht hatte, am Samstag oder nach Feierabend auf den Weg in den Baumarkt, um sich mit anderen Berufstätigen um Parkplätze, Auskunft (“wo, sag mir bloß wo?”) und schließlich um die Ausstellung in Gang 16, Sanitär, Unterabteilung Armaturen zu drängeln, mit dem Ersatz auf zur Schlange an der Kasse um die Beute schließlich nach Hause zu fahren und sich fest vorzunehmen, nächste Woche aber wirklich Zeit zu finden, um einen Klempner anzurufen.

Heute stelle ich mich für solche Zwecke Mittwoch nachmittags um kurz vor drei dem Dilemma der Alle-frei-Parkplatzauswahl, erlöse einen der drei Obi-Uniformierten im Eingangsbereich von seiner Langeweile, folge ihm zügig zur Ausstellung in Gang 16, Sanitär, Unterabteilung Armaturen, lasse mich umfassend beraten, wo er mir zwar die deutschen Hersteller empfehlen muss, weil ihm sein Arbeitgeber das so aufträgt, er mir aber uns Schwaben anvertraut (ich spreche dir jeden Akzent, wenn’s um Geld geht…), dass das Modell aus China hier die exakte Kopie, halb so teuer und genau so gut “zum Butza” sei. Dann trägt er mir das Ding zur Kasse, ich bezahle und bin keine Viertelstunde später wieder draußen. Ich mag es mir einbilden, aber es riecht dort auch nicht so komisch wie sonst.

Der Einbau? Easy. Neulich im Aufzug einen reizenden jungen Mann kennengelernt, der die Konversation angesichts meines Gepäcks mit den Worten “Na, Urlaub gehabt?” eröffnete und angesichts meiner Antwort “Nein, Hunsrück” übers ganze Gesicht zu strahlen begann. Da komme er her und das kenne ja hier niemand, Rhabarber, Rhabarber und bis wir oben waren, wußte ich, dass er für die hiesige Hausverwaltung arbeitet und älteren Mieterinnen gerne bei kleinen Reparaturarbeiten im Haushalt aushilft. “Ehrensache. Unter uns Hunsrückern”.

Mehrsprachigkeit macht das Leben so viel leichter.