Wiedergelesen: Klüpfel & Kobr – “Milchgeld”

Mir war gestern nach Augen weiden am Frühling, an den Narzissenhügeln im Westpark und dazu ein wenig leichter Lektüre. Und weil ein Freund von mir gerade auch seine Bibliothek renoviert (bei ihm ist das Ziel “nur noch einreihig statt zweireihig”) habe ich seine Kluftingers zur Zwischennutzung und anschließender Endverbringung in einen roten Bücherschrank übernommen.

“Milchgeld” war seinerzeit der erste Band der Allgäu-Regional-Krimireihe und – ich zitiere aus einem früheren blogpost – “Das hat Potential”, dachte ich damals. “Das Ungelenke, Hölzerne, das verschreibt sich sicher noch und mit der Zeit werden bestimmt auch die Figuren von Archetypen zu Menschen werden.”

Inzwischen nervt mich das “Ungelenke, Hölzerne” noch viel mehr als früher, ich meine auch deutlicher herauslesen zu können, wann der eine beim Schreiben federführend war und wann der andere, denn die Schreibstile sind doch sehr unterschiedlich und kommen nicht so recht zusammen. Ob ich wirklich den ganzen Beutel voller Kluftingers lesen werde, halte ich vor diesem Hintergrund für eher zweifelhaft… Es wird doch so viel neues und anderes geschrieben.

Immerhin gibt es einen Grund, sich zu freuen. Der eine Autor ist Deutschlehrer, der andere Leiter der Kulturredaktion einer Lokalzeitung. Sie können den Genitiv. Das ist doch schon was.

Tanzverbot

…aber freitags um drei die Kirchturmglocken läuten, dass das Viertel bebt und die ganze Nacht zum Samstag eine Totenglocke schwingen, dass an Schlaf bei geöffneten Fenstern nicht zu denken ist. Das ist kein Weißer und kein Brauner Lärm, das Gebimmel ist einfach nur Krach.

Wer für diese nächtliche Lärmbelästigung verantwortlich ist, soll die ganze Glocke samt Klöppel essen müssen und, nach einer Nacht voller Bauchgrimmen, auch wieder ausscheiden.

Klingt ungnädig? Ist es auch. So, wie ich halt bin, wenn man mich um meinen Schlaf bringt.

Aus dem Vokabelheft

Fast ganz gelungene Alliteration, liebe Spon-Redaktion. Für eine glatte Eins hätte die Überschrift natürlich lauten müssen: “Resistance im Ruhrgebiet”.

Ausgewogen

Wer den SEV (ja, schon wieder) benutzt, lernt dabei im Nebenher, dass die MVG es hält wie der Öffentlich Rechtliche Rundfunk, nämlich ausgewogen. Gerade und auch beim Thema Gendern. In der einen Hälfte der eingesetzten Busse nämlich werden die, die Busse verlassen, gemahnt, auf “Radfahrer” zu achten. In der anderen Hälfte sind es “Radfahrende”.

Wiedergelesen: Oskar Maria Graf – “Wir sind Gefangene”

Ein Buch wie eine Gerölllawine (und ja, hier gebe ich ausnahmsweise einmal die drei “L”, die die Neue Rechtschreibung vorsieht).

Unbedingt lesen, wenn die Geschichtsbücher über die Anfangsjahre des letzten Jahrhunderts zu trocken scheinen und man den Willen hat, sich das echte rohe Leben zuzumuten.

Kannitverstan

In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass in manchen roten Bücherschränken* sehr viele gut erhaltene Bücher am Buchschnitt unten oder oben bekritzelt sind. Warum macht jemand das? Warum ein Buch, das man selbst nicht mehr behalten möchte und netterweise anderen überläßt, “entwerten”?

Ja, ich weiß schon, inhaltlich nimmt es dem Werk nichts, ästhetisch aber schon. Muss das denn sein? Ich fühlte mich angesichts dessen gestern sehr an eine Szene auf dem Flohmarkt erinnert, an einen Verkäufer, der zum Ende des Tages nicht verkaufte Kleidungsstücke zerschnitt und dann in einen Altkleidercontainer stopfte. Wenn ich die Sachen eh nicht mehr haben will, warum muss ich sie dann so kaputtmachen, dass kein anderer was davon hat?

Da gibt einem der SEV kurz den Glauben an die Menschheit zurück und dann sowas. Ach. Mensch.

* Falls jemand mit dem Prinzip trotz vieler blogposts noch nicht vertraut sein sollte, mehr hier: https://www.awm-muenchen.de/vermeiden/buecherschraenke

Zur Soziologie des Öffentlichen Nahverkehrs

Wer wissen will, wie eine Zweiklassengesellschaft entsteht, der benutze Schienenersatzverkehr. Hier scheidet sich die Spreu vom Weizen, der Profi vom Amateur.

Wobei sich ein erfreuliches Phänomen zeigt. Die Wissenden, also die Frequent Traveller unter den SEV-Nutzern, nutzen ihre Weisheit, um die Unwissenden zu bilden. Die Standardfrage an den verzweifelten Nichtauskenner lautet im Allgemeinen: “Wo müssen’S denn hi?” und dann entwickelt sich meist eine hilfsbereite Ratgeberrunde, die dem Suchenden Optionen anbietet. Nach dem Motto: Viele Wege führen zur Münchner Freiheit.

Es mag stimmen, dass das ursprüngliche Ziel der MVG nur war, Renovierungsarbeiten an der Strecke vorzunehmen. Der sehr positive Nebeneffekt ist aber auch, dass Menschen miteinander reden, Schwächeren in den eher barrierereichen Bussen die zugänglicheren Plätze überlassen und das alles sehr unaufgeregt und selbstverständlich abläuft. Dem einen oder der anderen entweicht manchmal sogar ein Lob über Logistik und Organisation.

Ich für meinen Teil habe inzwischen Zeit und kann sie vergeuden und finde es gar nicht mehr so schlimm, dass ich die Fahrtzeit in diesen Bussen nicht verlesen kann, weil mir gleich schlecht wird. Stattdessen schaue ich rum und sehe ich, wie allerorten der Frühling mit aller Macht hervorbricht, Bäume, die noch vor zwei Wochen kahl und schwarz waren jetzt im Blütenrausch schwelgen, Grün in allen Schattierungen mein Verständnis der Pantone-Palette erweitert. Und ich sehe Rot. Rot, wie in “rote Bücherschränke”. Allein an meiner Aushilfsstrecke habe ich zwei entdeckt. Und weil (s. o., zum Thema Lob) diese Busse recht zuverlässig eh alle fünf Minuten fahren, steige ich zwischendrin auch mal aus, bringe ein paar Bücher hin, bevor sie sich wieder in meine Regale schmuggeln, schaue die Schränke nebenher auf Findenswertes durch und steige dann halt in den nächsten oder übernächsten oder überübernächsten wieder ein.

Es könnte alles viel schlimmer sein.

Renterinnen-Report

Ich lese ja gern, was kluge Menschen zu sagen haben und irgendwie bin ich neulich auf Nils Minkmars Beitrag zum Thema Ruhestand gestoßen (hier: https://sz-magazin.sueddeutsche.de/leben-und-gesellschaft/rente-ruhestand-erfuellung-glueck-arbeitsleben-93852) und gleich der erste Satz, eine Bildunterschrift, hat mir großen Erkenntnisgewinn gebracht.

Da nämlich wird Herr Tausche zitiert, bis vor kurzem Stadtarchivar: “Im Ruhestand, dachte Tausche, brauche er Struktur, einen Stundenplan. “Aber ich bin kläglich gescheitert”, sagt er. Er habe gemerkt: Er lebt lieber in den Tag hinein. “Es kommt, wie es halt kommt.”

Was habe ich mich verstanden gefühlt!

Wenn ich doch irgendwann nochmal Struktur brauchen sollte, schaffe ich sie mir halt dann.