Wenn man mir auf der Speisekarte einen Salat mit “Sherry-Tomaten” verheißt, ist das dann Rohkost mit Schuß?
Wiedergelesen: Klaus Mann – “Mephisto”
Weil ich demnächst in den Kammerspielen die Dramatisierung des “Mephisto” ansehen werde, schien es mir sinnig, das Werk noch einmal zu lesen.
Schüler und Schülerinnen: Merkt auf und freut euch, das ist einer der wenigen Fälle, in denen die Verfilmung das Buch bei weitem übertrifft (s. https://flockblog.de/?p=50322).
Mein Exemplar ist zu haben.
Neu zum Strömen auf Amazon Prime: “Soundtrack to a Coup d’Etat”
Ein ganz und gar großartiges und faszinierendes Film-Essay über die Freiheitsbewegung der Sechziger Jahre auf dem afrikanischen Kontinent und ihre charismatischen Anführer, die miesen Machenschaften der Kolonialherren mit ihren Geheimdiensten und Söldnerarmeen, den Kalten Krieg. Außerdem Jazz, Jazz, Jazz.
Mit geschickten Einspielern von zeitgenössischen Filmaufnahmen, Zitaten von Zeitzeugen und – gefühlt – einer Mega-Jam-Session von allen Größen der Zeit. Von Miles Davis bis Thelonious Monk, Louis Armstrong bis Dizzy Gillespie und nicht zu vergessen die großen Musikerinnen wie Nina Simone und Miriam Makeba.
Unbedingt anschauen! Anschauen! Anschauen!
Lärmhansel
Wer morgens schon vor halb acht Rentnerinnenträume rüde abbricht und mit brüllenden Motoren Holz häckselt, der soll ab sofort und bis ans Ende seines Lebens jeden Morgen gleich nach dem Aufwachen und jeden Abend ganz kurz vor dem Einschlafen gezwungen sein, die “Woodchipper”-Szene aus Fargo anzuschauen.
Jeweils drei Mal. Und bei voller Lautstärke. Ast um Ast. Krach um Krach. Mensch!
Falls wer den Film grad nicht parat haben sollte:
Ach, der Krach!
Ich möchte mich ja mit ihm freuen, dem Mann im Blaumann, der offensichtlich irrsinnig glücklich ist, einen funkelniegelnagenneuen Aufsitzmähtraktor bekommen zu haben. Und zwar das Modell mit dem so engen Wendekreis, dass er bei zwei, drei Fahrten um die Bäume herum auch noch das letzte Hälmchen erfolgreich kappt, gleich in seinem Aufsitzmähtraktorgrasfangbehälter einsammeln kann und dabei brummt und dröhnt, dass der Mann übers ganze Gesicht strahlt.
Gibts denn sowas nicht auch leise schnurrend in E?
Aus dem Vokabelheft
Wenn ich in der Fremde unterwegs bin, sammle ich immer gerne neue Wörter. Neulich kam einmal wieder die Bedeutung des Mutterschweins bei Beschimpfungen im bayerischen Dialekt auf, insbesondere, wenn in ein Kompositum eingebaut.
Der hiesige MP und Essenfotografierer Söder wurde als Sauhund identifiziert. Da schwingt, wenn auch ungern, noch ein winziger Hauch Anerkennung mit. Nr. 47, vom Teich gegenüber hingegen: der ist eine Drecksau.
Gelesen: Terry Pratchett – “A Stroke of the Pen (The Lost Stories)”
Das kauft und liest man, wenn man ohnehin den ganzen Pratchett rückwärts kennt und vom Bedürfnis nach Vollständigkeit getrieben ist. Die Geschichterl sind auch nett. Aber im Vergleich zum späten Sir Terry nix besonderes.
Neu zum Strömen: “The Residence”
Screwball Comedy +++ Shonda Rhimes from Shondaland +++ Das ganz gute alte Amerika +++ Whodunnit in bester Agatha-Christie-Tradition +++ Kolonien-Downton Abbey im Weißen Haus +++ Australien-Bashing
Hochgejazzt bis zum Gehtnichtmehr. Im Großen und Ganzen auch nicht übel und besser als manches, aber viel zu lang. Statt in acht jeweils einstündigen Episoden hätte man die Geschichte besser in maximal sechs erzählt (dann wäre ich wahrscheinlich auch nicht beim Versuch, die Serie auf zwei Abende aufzuteilen, beide Male eingeschlafen). Damit hätte man dem Publikum den grausig-patriotischen Schluß mit dem Loblied auf die amerikanischen Tugenden erspart, der, gemessen an den Nachrichten vom aktuellen Hausherrn, so hilflos und unglücklich daherkommt wie sehr lautes Pfeifen im sehr dunklen Wald.
Aber sonst? Alles gut? Nein, eben nicht. Dass der Präsident und einen arg jugendlichen First Husband haben mußte? Geschenkt. Dass die von Anfang an unsympathischste Figur zum Schluß auch die Böse war? Auch geschenkt. Das kennt man von den Stiefmüttern in anderen Märchen. Aber dass man mit Mühe zwei Handlungsfäden anlegt, eine sehr hübsche kleine Kabale mit schuftigen Verschwörern und einen Kalligrafen, der auf den Tischkarten nur sinnfreies Gekritzel dahinkünstelt und die dann beide sang- und klanglos nicht weiterführt, das ist schlampig.
Nein, hier ist mehr sehr gut gemeint als dann wirklich gut gemacht. Man hat zwar an vieles gedacht, gute Besetzung, hübsche Ideen, und es ist immer nett, wenn der Mörder nicht der Gärtner ist. Anschauen tut auch nicht weh. Es ist bloß nicht nötig.
Gelesen: Corinne May Botz – “The Nutshell Studies of Unexplained Death”
Was macht man als höhere Tochter, der 1878 geboren, höhere Bildung verwehrt wird und der weder Ehestand noch Mutterschaft noch Haushaltsführung Befriedigung geben? Genau. Frances Glessner Lee macht Karriere als Forensikerin, konkret als nicht weniger als die “mother of forensic science”.
Wie? Zunächst mal hört sie zu. Medizinern, anderen Wissenschaftlern, Sir Arthur Conan Doyle etc. Und lernt. Dann, als sie als reiche Erbin niemandem mehr Rechenschaft schuldig ist, baut sie Tatorte nach. In, in Ermangelung eines besseren Wortes, maßstabgetreuen Puppenstuben. Und darf als persönlichen Triumph verzeichnen, dass über Jahrzehnte junge Polizeibeamte an ihren “Nutshell Studies” Beweisaufnahme am Tatort lernen.
Botz stellt in ihrem Fotografien ausgewählte Dioramen (Dioramas?) und die jeweiligen Schulungsschwerpunkte vor. Außerdem, mindestens ebenso verdienstvoll, die Biographie Frances Glessner Lees, ihre Arbeitsweise, einen psychologischen Deutungsversuch sowie eine Unzahl an Stimmen aus der (Kriminal-)Geschichte.
Falls wer mal auf was ganz anderes Lust hat, lohnt sich dieses Buch.
