Manche erinnern sich vielleicht: letzten Sonntag war ich zum Kabarett geladen: https://flockblog.de/?p=50112
Und weil mein Informantennetzwerk lässig bis Illerberg reicht, wissen wir es jetzt alle:

Danke, liebe Frau S. aus D.!
Manche erinnern sich vielleicht: letzten Sonntag war ich zum Kabarett geladen: https://flockblog.de/?p=50112
Und weil mein Informantennetzwerk lässig bis Illerberg reicht, wissen wir es jetzt alle:

Danke, liebe Frau S. aus D.!
Anläßlich der neuen Inszenierung von “Lichtspiel” (das mich seinerzeit zu Begeisterungsstürmen hingerissen hatte: https://flockblog.de/?p=48978) im Volkstheater, kam das Gespräch auf des Frühwerk Kehlmanns und es bestand Einigkeit, dass “Die Vermessung der Welt” ein sehr großer Wurf gewesen sei, wir uns aber nicht mehr so ganz genau an das vier Jahre danach erschienene”Ruhm” erinnern konnten. Habe also wiedergelesen und herausgefunden, warum. Es ist nämlich so:
Hereingekehrt und umgesehen – Kehlmanns Kuriositätenkabinett ist wieder in der Stadt. Jetzt neu mit einem Vexierspiegelsaal, in dem das Große nicht groß und das Kleine nicht klein scheint und überhaupt alles anders ist, als einem der vermeintlich gesunde Menschenverstand einzureden versucht. Kurzum: Wirklichkeit ist eine Illusion. Jeder und alles im Leben ist eine Geschichte in anderen Geschichten.
Es ist Kehlmann. Also ist die Sprachkunst überwältigend, das Spiel auf vielen Ebenen faszinierend. Aber, und das war, wie ich mich inzwischen erinnern kann, auch beim ersten Lesen so: ich hatte permanent das Gefühl, einem großen aber herzlosen selbstverliebten Meister, der, ähnlich wie Thomas Mann, seine Figuren in die tiefste Tiefe seziert, aber nicht mag, gnadenhalber beim Kunstmachen zusehen zu dürfen. Und nur staunendes Publikum zu sein, reicht nicht. Damals nicht und heute auch nicht.
Wenn Kehlmann, dann lieber was anderes lesen. Den Tyll (https://flockblog.de/?p=41829) oder die Vermessung oder s.o. Lichtspiel. Macht mehr Freude.
Als ich gerade zu für Samstag sehr früher Stunde zum Markt aufbreche, kehrt meine lässig 20 Jahre ältere Nachbarin schon mit gefülltem Beutel zurück.
Ich schätze mal, die Würmer sind also aus.
Er, erzählt mein reizendes Gegenüber im Zoomcall, halte ja nicht viel von Machismo. Nein, nein, er selbst sei, sagt er ganz ohne Falsch und Arg, ja mehr ein Netter, halt so ein Pussibär. Ganz eindeutiger Fall von Konsonantenverwechslung.
Ich bleibe im weiteren erst einmal wortkarg und habe noch Tage danach Zahnabdrücke auf der Zunge.
Der Reporter berichtet von der Nacht vor dem 7. Oktober letzten Jahres, in Gaza. Da habe er schon so ein flauschiges Gefühl im Magen gehabt.
(Danke den Damen S. aus D., die beim Fernsehen so gut aufgepasst haben.)
Es empfiehlt sich, in seinem Leben mindstens einen Menschen zu haben, der zwar sein Theaterwissenschaftsstudium im Gegensatz zu einem selbst nicht abgeschlossen hat, aus dem dafür dann aber eine stark nachgefragte Regisseurin geworden ist. Dann wird man nämlich zur Premiere ihres neuen Künstlers eingeladen. Jaha. Recht herzlichen Dank auch, Mrs. Rothmüller!
Und so bin ich vorhin bei David Berlinghof aus Illerberg in seinem bayrisch-schwäbischen Musikkabarett gelandet, sehr kongenial begleitet vom Kontrabassisten Felix Renner. Berlinghof ist studierter Musiker, hat eine ausgesprochen schöne und mehroktavige Lagen umfassende Stimme, springt lustig zwischen elektrischer und akustischer Gitarre hin und her und ab und zu spielt er auch Piano, wie’s halt grad am besten passt, zum selbst proklamierten populistischen Liedgut. Felix Renner liest nebenher Schiller (mit gutem Grund, verrate ich aber nicht), muss gelegentlich zum “Schaffen” geholt werden und hat ganz offensichtlich Freude an dem, was er da tut und sehr gut macht. Es ist erfreulich zu sehen, wie gut die Chemie zwischen den beiden stimmt.
Berlinghof schaut genau hin, beim Zeitgeist und unser aller kleinen und großen Schwächen und nimmt sie mehrsprachig (schwäbisch, bayrisch, bayrisch-schwäbisch, Hochdeutsch sowie Flamenco) auf die Schippe. Alle, die im “Ausland” an unserer schwäbischen Dialektprägung erst einmal gelitten haben, konnten a) sehr mitfühlen und b) sich auch ganz arg freuen, dass er den Dialekt und landsmannschaftliche Eigenheiten zwar auf den Präsentierteller legt, aber liebevoll. Und sie nie verrät. Musikalisch sind die beiden eh top! Gegen Ende erinnert er sein Publikum sehr geschickt noch an die Bedeutung der Demokratie und dann ist leider aus. Schade. Meine absoluten Favoriten waren das Liebeslied (Mehrfach-Hach!) und der wunderbare Übergang zu “Burn, Motherfucker, burn!” Und der Flamenco (auch arg Hach!). Und “Brumm, Brumm”. Und das Klo vom Eddie. Und… Und wen das noch nicht neugierig gemacht hat, der ist selber schuld. Hah!
Aber was mache ich hier eigentlich? Mensch! Hätte ich beinahe die Kernbotschaft mißachtet: “Ned gschimpft isch globt gnua.”
Mann!
Danke den Künstlern, der Regisseurin und dem Haus – beim nächsten Mal bringe ich mehr Leute mit, versprochen. Kann ja bei Bedarf simultan übersetzen.
* “Nachtkritik” ist vielleicht ein bißchen übertrieben, die Vorstellung fing schon um 18:00 Uhr an. Andererseits: es ist dunkel draußen. Gilt also.
** Wem das Hoftheater nichts sagt, dem geht es, wie mir gegangen war. Inzwischen weiß ich, dass es ein ganz herziges Theater mit – geschätzt – ca. 100 Plätzen ist, direkt in Sendling, im Stemmerhof (https://hof.theater/). Werde ich mir merken.
Manchmal meinen es Menschen gut mit mir und dann leihen sie mir ein Buch, das sie selbst gerne gelesen haben. Wie zum Beispiel “Lil”, in dem der österreichische Autor Markus Gasser, einen, hmmm, Gesellschafts-Schelmenroman mit einer Handlung erzählt, die einer Telenovela würdig wäre – außer einem lang verschollenen Zwilling kommt eigentlich alles vor. Gasser ist ein literarisch hochgebildeter Mann und wirft mit Zitaten geradezu um sich; ich mag sowas ja sehr gern und freue mich immer sehr, wenn ich wieder eines erkenne. Wüßte aber auch zu gerne, wieviele mir entgangen sind…
Er verwendet einen sehr schönen Kunstgriff und läßt die Geschichte lange nach Lils Tod beginnen. Erzählt von Sarah, ihrer Enkelin mit vier „Ur“ vorne. Zuhörerin ist Miss Brontë, ihre Hünding, mit der sie lange lange nächtliche Genesungsspaziergänge durch New York unternimmt, eine vierbeinige Philosophin, mit einer sehr eigenen Meinung, mit der sie nicht hinter dem Berg hält. (Es ist überhaupt sehr schön, wer und was alles eine Stimme und eine sehr eigene Meinung hat. Doch, sehr schön.)
Worum geht es nun? New York, 1880: Lillian Cutting, seit drei Jahren verwitwete reiche Erbin, die keine Lust hat, als Deko-Püppchen in der Salon-Ecke zu sitzen und „feine Dame“ zu spielen (erinnert sich noch wer an den Skandal, als Hilary Clinton damals sagte, sie sei keine Hausfrau, die Plätzchen bäckt?), sondern erfolgreich (sehr arbeitnehmerfreundliche und soziale) Unternehmen führt und sich sehr klar positioniert, fällt unter die Räuber. Ihr intriganter erfolgloser Sohn Robert sorgt dafür, dass sie im Sanatorium eines Quacksalber-Psychiaters festgehalten und ihr unnatürliches, weil unweibliches Verhalten “behandelt” wird. Mit hohen Morphiumdosen und Psychoterror.
Weil es sich um einen Telenovela-Familienthriller handelt, kann sie sich – with a little help of her friends – befreien, und nun folgt Lils Rache. Und was für eine!
Mit Hilfe der Justiz (sehr schöne Nebenhandlung, sehr Hach!) und ihrer Freunde, deren eine die erste vor einem Gericht in den USA zugelassene Anwältin ist, macht sie sie alle nieder: den mißratenen Sohn, den egomanischen Psychiater, die angepassten “guten” Frauen, die ihr Übel getan haben und in einem Aufwasch die moralisch verwerflichen Mitglieder der dekadenten High Society (quasi fast alle). Wer schuldlos ist, bekommt ihren Schutz – egal in welcher Notlage. Gasser läßt Lil alle großen Fragen lösen, ob Rassismus, Korruption, Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper und mehr – noch 100 Seiten mehr, und selbst Weltfrieden, Klimakrise und Hunger wären kein Problem mehr.
Das ist aber verzeihlich, denn Gasser macht das äußerst geschickt und läßt nicht einen Handlungsfaden lose, bringt Moral, Gesellschaftsnormen und Wahnsinn unter einen Hut. Dabei verlangt er seinen Lesern ab, dass sie zwischen den Zeilen lesen, Andeutungen selbst interpretieren, also in kurz: denken. Diese anspruchsvolle Erzählweise ist es, die neben der fast schon in die Groteske gehenden Geschichte am allermeisten Spaß macht.
Danke fürs Empfehlen und Entleihen, liebe Frau R. aus M.
Wer keine so gute Freundin hat, besorge sich selbst ein Exemplar und lese!