Tageslosung

Der “Meine-Jugend-in-der-DDR”-Chronistin Kerstin Gueffroy, die da klagt “Mir fällt immer wieder meine Jugend auf die Füße” möchte ich, frei nach Asterix, zurufen: alles halb so schlimm, Frau G.,  so lange Ihnen nur nicht der Himmel auf den Kopf fällt.

“Ein Hauptgewinn für jedes Team”

soll er sein, der Wunschkandidat eines stellenausschreibenden Unternehmens.

Hmmm. Wahrscheinlich darf man sich deren Auswahlprozess so vorstellen, daß der Personaler auf jede Bewerbung ein Nümmerle klebt und immer am letzten Montag im Quartal alle Abteilungsleiter zur Kandidatentombola zusammengerufen werden. Die blondeste Azubine im politisch nicht korrekten Obenunduntenkürzestkleidchen zieht dann unter Aufsicht des Firmenjustitiars Bewerbungsmappen aus einer Plexiglasglückstrommel (ab morgen wieder als Schirmständer im Empfangsbereich zu finden) und der glückliche Gewinnerabteilungsleiter kann dann schauen, wie und ob sein Hauptgewinn zu seinem Team paßt.

Irgendwie halte ich es nicht für ausgeschlossen, daß die eine recht große Fluktuation haben.

Fashionista rulez:

Über die etwas fülligere Dame werfen wir diesen Winter Sack und Asche und runden mit Glitzer ab. Für mutige Dicke empfehlen wir darüber hinaus Kätzchendrucke und Faux Fur* (gerne in Cremerosa) und das Zeuch muß wech.

Weiß ich, denn ich hatte heute zwischen zwei Terminen Zeit für einen Bummel in der Fußgängerzone. Soll nicht mehr vorkommen. Großes Modemuffelehrenwort!

* Faux Fur = Falschpelz.

Alles nix ohne Apostroph

Der Textilhändler Esprit wünscht das Selbstbewußtsein seiner jugendbewußten Kundschaft zu stärken, und plakatiert mehrmannshoch das Mantra: “I’m perfect“. Weil’s aber ohne Zwitscherei heutzutage nirgends mehr geht, trägt die Kundin auf den Tüten des Textilhändlers folgende verzweifelte Selbsterkenntnis durch die Fußgängerzonen der Republik: #imperfect. Bestenfalls also Präteritum (abgeschlossene Vergangenheit). Wörtlich übersetzt: mangelhaft, unvollendet, unvollkommen, unvollständig, nix rechtes. Genau, wie’s der große Seher Michael J. schon vor Jahren in die Welt gekiekst hat.

Diesem Lande mangelt es wirklich an Korrektoren.

Mr. Zuckerberg, übernehmen Sie!

Im Vierersitz neben mir drängelt sich eine siebenschürzige Gackerteeniegirlgroup und bereitet ihren Wiesenbesuch nach. “Wißt ihr, was echt voll uncool* ist?”, will eine wissen. Hmmm? Daß der Fünferlooping keine sechs Ringe hat? Daß die elterliche Oktoberfestbesuchsapanage wieder viel zu knapp bemessen war? Daß der Typ vor dem Zelt der Sarah auf die Schuhe gekotzt hat? Nein, alles nicht. Oder schon. Aber nicht, was sie gemeint hat. Voll uncool sei, daß es auf Facebook keinen Status “Ausnahmezustand” mit Biermotiven gebe.

Ja. Find ich auch. WTF?

 

* Ich bin nicht mehr ganz sicher, ob sie “uncool” gesagt hat; ich habe, was immer zur Zeit in der Jugendsprache synonym dazu verwendet wird, hiermit für alle Post-Teenager (mich eingeschlossen) lokalisiert.

Quo vadis?

Sie suchen das Abenteuer und reisen gerne? Aber der Amazonas ist Ihnen einfach zu weit weg, und mit dem Fliegen haben Sie’s auch nicht so? Macht nix, wir bieten genau die richtige Wagnisreise für Sie! Da bleibt kein Auge trocken, wir garantieren Nervenkitzel, Risiko, Spektakel, Menschen, Tiere, Sensationen. Kommen Sie näher, steigen Sie ein.

Mooment:
vorher noch eine Fahrkahrte für die richtigen Zonen kaufen. Für den oritschinäl Adventure-Traveller jetzt mit Kartenzahlung am Automaten. Dann entwerten! Hammas?

Dann geht’s jetzt los, mit der S7 von Wolfratshausen nach Kreuzstraße. Oder? Naaa. Neda. Nicht jetzt. “Dieser Zug fällt aus.” Nehmen’S einfach den nächsten, und wir von der DB können jetzt weiß Gott nichts dafür, daß Sie ausgerechnet in eine Gegend gezogen sind, wo’s noch keinen 20-Minuten-Takt gibt. Was wollen Sie überhaupt? Könnt’ doch viel schlimmer sein, könnt’ doch regnen. Oder schneien.

So, da isser ja. Ihr Zug. Hinein mit Ihnen! Frohe Fahrt. Wie? Warum wir auf offener Strecke stehen bleiben? Ja, hören’S halt hin, was der Fahrer sagt, Sie Depp! “Unsere Weiterfahrt verzögert sich.” Da, sehen Sie, es dauert halt a bisserl. Haben Sie sich doch nicht so. Wie? Termine? Unpünktlich? Dann müssen Sie halt rechtzeitig losfahren. [Beiseite:] Also, ehrlich, manche Leut’ sind einfach nicht alltagstauglich… “Unsere Weiterfahrt verzögert sich weiterhin.” Und zum Lesen hat er auch nix dabei, dabei könnte man auf dieser Fahrt endlich Krieg & Frieden, Teil 2 angehen.

“Wegen Verspätungen auf der Strecke werden folgende Bahnhöfe nicht angefahren: Nu-grzzppzzz-sch-schel und Nu-grzzppzzz-sch-schel. Fahrgäste mit dem Fahrtziel Nu-grzzppzzz-sch-schel werden gebeten, in den nachfolgenden Zug umzusteigen.” Wie, Sie haben eine Fahrkarte erworben? Und das halten Sie für einen Beförderungsanspruch? In angemessener Zeit zum von Ihnen gewählten Fahrtziel? Woaßt, Bürscherl, jetzad kommst mit mir raus und dann zeig i dir ‘angemessen’. I glaub, der spinnt. Einer wie der hat halt keine Freunde, die ihn a mal von der nächsten Haltestelle mit dem Auto abholen täten. Selber schuld.

Hier spricht Sabine und ich hab Glück. Ich habe eine Annette, der das auch zu doof ist, daß ich irgendwo in der Pampa herumsitze und im Nieselregen vom Bahnhofslautsprecher zu hören bekomme, daß der nächste Zug 5 / 10 / 15 /18 Minuten Verpätung haben wird und die flott herbeigebraust kommt und mich mit dem Auto abholt. (Wir sind sehr lässig vor dem nächsten Zug daheim. Sehr lässig.)

Haben Züge eigentlich Partnerzüge, so wie Städte Partnerstädte? Wenn ja, dann haben die S7 und der CalTrain einander gesucht und gefunden.

Aus einer Stellenanzeige

Diese Aufgaben könnten Sie in Zukunft übernehmen: In Empfangnahme und Weiterleitung von Informationen, Verwaltunsaufgaben, Reiskostenerstellung.

Kein Problem, werter potentieller Arbeitgeber, alles easy, mal abgesehen von der Reiskostenerstellung. Auberginen? Kein Problem. Aber Reis? Reis ist echt schwer.

(Falls Sie übrigens in Zukunft gerne weniger als drei Fehler in einem Satz hätten, stehe ich – gegen ein kleines Honorar – als Korrekturleser für weitere Annoncen zur Verfügung.)

Wohnung gesucht

Eben in einem S.P.O.N. -Interview mit Lilo Wanders gelesen: “Sie leben auf einem Bauernhof bei Stade inmitten einer Apfelplantage mit 6000 Büchern. Ein bewusster Kontrast zur Glitzer- und Show-Welt?”

Weiß nicht, was Lilo geantwortet hat, ist mir auch egal. Aber ich würde auch gerne wo wohnen, wo Bücher auf Obstbäumen wachsen.

Tendenzbetrieb

Habe vorhin ein Stellenangebot entdeckt und seitdem frage ich mich: muß ein Bewerber für die Position des Kantinenkochs bei der Hanns-Seidel-Stiftung eigentlich CSU-Mitglied sein? Oder langts, wenn er erst nach erfolgter Zusage konvertiert?