Auntie BBC

Neulich, im Club. Im schönsten Ledersessel, direkt am Kamin sitzt Der Nackte Wahnsinn und gibt an: “Ich habe jetzt ein Patenkind, hahá!” Und weil seine Clubkameraden nicht sofort auf die freudige Nachricht reagieren, sondern weiter still und stumm in ihren dicken Ledersesseln hinter ihren dicken Zeitungen ihre dicken Zigarren rauchen (irgendwo von hinten im Raum ist sogar ein “Pscht!” zu hören)*, legt er nach. “Sein Name ist Peter Pan, hahá!” Da sinken die Zeitungen, und ein rotgesichtiger Gentleman, auf dessen Tischchen eine schon fast leere Whiskykaraffe steht*, hebt seinen Tumbler und spricht aus, was alle dem wenig willkommenen Emporkömmling sagen würden, wenn sie sich denn trauen würden: “Das kann ja nur schiefgehen.” An dieser Stelle verlassen wir die alten Männer und den Club.

Stattdessen klicken wir auf diesen Link hier

https://www.youtube.com/watch?v=acT1RGSRaHY

und lachen uns einen Ast.

 

* Klischee, aber was will man machen; es ist ein traditioneller englischer Club

“Dinner for One”

– da gibts doch was von Netflix? Genau.

(Ich kenne außer den ersten beiden Staffeln von”House of Cards” keine der Serien und habe auch nicht vor, das zu ändern; da hat Netflix sein Werbeziel verfehlt. Aber dieses Viertelstündchen hier ist ganz vergnüglich.)

Nicht im Kino: Mr. Church

Achtung: der ganze blogpost ein einziger Spoiler!

Gutaussehende junge Frau, blondes Wallehaar, dürr, ledige Mutter (Shame! Shame! Shame!) einer ebenso hübschen aufgeweckten nunmehr zehnjährigen Blondtochter hat laut ärztlicher Prognose nur noch ein halbes Jahr zu leben. (Selber schuld, auf vorehelichen Sex steht in Amerika halt die Todesstrafe, mit ordentlich Leiden bis zum schmerzensreichen Tod. Dann Hölle.) Um ihr diese letzten Monate zu erleichtern, schickt der megareiche Ex-Lover der Mutter, der sie wirklich liebt, sich aber wegen ihr doch nicht scheiden lassen will (Status: it’s complicated) seinen Koch. Eine Haushaltshilfe? Medizinisches Pflegepersonal? Nein, nicht doch. Einen Koch. Im Voraus bezahlt, inklusive Miete und Medical Bills. Den ganzen Film über gibt es niemanden, der irgendwann mal Wäsche macht oder Dreck wegwischt. Es werden nur Lebensmittel eingekauft (von Mr. Church), geschnippselt, gehackt, sautiert, gebraten, gebacken, gedünstet und serviert (von Mr. Church). Er ißt auch nie mit der Familie am Tisch, soweit kommt’s noch. Mr. Church ist schließlich schwarz. Wenn man nicht daran schon gemerkt hat, dass es sich um eine Art Märchen aus der fernen Vergangenheit handelt (1988), dann spätestens daran, dass das Kind jeden Tag mit dem öffentlichen Bus zur Schule und wieder heimfährt. In Los Angeles, dieser Metropole des Öffentlichen Nahverkehrs.

Dann hält sich die Mutter nicht an den vorgesehenen Sterbezeitplan und das Kind wächst heran und Mr. Church kocht. Und kocht. Bis Mama schließlich doch stirbt und, weil sie immer brav Coupons ausgeschnitten hat, doch genug Geld im Haus ist, damit das Kind zur Uni nach Boston gehen kann. Ach was, gehen. Fahren. Das Coupon-Geld langt sogar noch für einen abgefuckten Käfer. Abfahrt. Nachwinken. Mr. Church ab. Wohin? Who cares? An der Uni ist das Mädel fleißig und lernt viel und läßt sich auch so gut wie nie von Parties ablenken, außer einmal. Dann klingelt es bei Mr. Church und sie steht sehr schwanger vor seiner Tür und er läßt sie ein und kocht für sie und dann für beide und das neue kleine blonde Mädchen wächst mit seiner hübschen blonden Mama im Hause Church auf und die Doktorarbeit bleibt ungeschrieben. Aus gutem Grund, denn “I am a mother now”. Und dann verdient sie ihr Geld mit einem ehrlichen Job als Bedienung in einem Diner und als ihre reiche Jugendfreundin mit der Stretch-Limo vorfährt (“You must have married well?” “Yes, both times!”) und sie und die Kleine vom New Yorker Goldluxusleben beim Shopping im Trump Tower zu überzeugen sucht, steht sie ihre ehrliche hartarbeitende Frau und reibt es der Freundin aber so dermaßen hin, wie oberflächlich und schal deren Leben ist. Die hat zwar Geld, kann aber wegen einer mißglückten Abtreibung nie mehr Kinder bekommen und ist damit als Frau nichts wert. Nämlich! Dazu kocht Mr. Church, in dessen Haus sie ganz selbstverständlich nach wie vor leben. Klar. Dann wird Mr. Church alt und krank, schmutzt aber nicht rum und der Junge, mit dem sie seinerzeit auf der Prom war, ist jetzt Arzt und kümmert sich gut um den Koch und lädt die Heldin zum Abendessen und später, denn sie waren eh schon immer füreinander bestimmt, in sein Leben ein. Während sie daten und sie nun endlich auf dem Weg ist, eine ehrbare Frau zu werden, sondert Mr. Church noch ein paar Lebensweisheiten ab und schläft schließlich friedlich ein und dann ist wieder eine Beerdigung und der frühere Klassenkamerad und spätere Alkoholiker und Selbstmordkandidat hat seine AA-Freundin geheiratet und die ist schwanger und Poppy, die reiche Freundin ist immer noch reich, aber geläutert und als alle gegangen und die Reste in Tupperboxen verräumt sind, holt unsere Working Class Heroine die Schreibmaschine (!) und den Promotionspapierstapel aus dem Regal (kein Staubkörnchen!) und dann trägt ihre penetrante Voice-Over-Stimme vor (wie schon den ganzen Film über), was sie nun gerade tut: sie schreibt die Geschichte von Mr. Church, wie er, als ihre Mutter nur noch sechs Monate zu leben hatte, in ihr Leben kam und kochte…

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann geht diese Endlosschleife weiter und weiter und weiter. Wie dieses Machwerk in der IMDb auf ein Rating von 7,7 Punkten kommen konnte, bleibt schleierhaft.

Das kommt davon, wenn frau für ihre Leser Trailer zu Captain Fantastic recherchiert und auf den für “Mr. Church” stößt; sowas Grausliges habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Der einzige Grund, weswegen doch nicht alles verloren ist: Eddie Murphy spielt den Part, das heißt, er läßt alles weg, wofür Eddie Murphy sonst steht und guckt ernst. Zum Glück ist es nicht Samuel L. Jackson geworden, der ihn wegen eines “scheduling conflict”* leider, leider nicht übernehmen konnte.

 

* Einen “scheduling conflict” (Doppelbuchung im Kalender) täuscht man im Angelsächsischen immer dann vor, wenn man zu höflich ist, den eigentlich Grund für die Absage zu nennen.

Selbstanzeige: Rauhnachtsputzverbotsverstoß

Geplant waren neues Knie und Vollpension, aber weil das nicht hat sollen sein, besteht die Realität aus gelegentlichen Lebensmitteleinkäufen und guten selbstgemachten Mahlzeiten; nemma problema, mach ich ja eigentlich ganz gern. Außerdem viel lesen. Was davon Dreck macht, ist mir nicht ganz klar, trotzdem sieht es hier aus wie bei den schlampigen Schwippkusinen der Familie Hempel unterm Diwan. Den Zustand kann ich eine Zeit lang ganz gut ignorieren, aber heute früh gings nicht mehr und drum habe ich geputzt und gewischt und gesaugt – wobei letzteres derzeit zu einer schlechten Slapsticknummer verkommt, weil das Saugrohr nicht mehr einrastet, sondern sich bei jeder Bewegung leicht verkürzt, bis ich schwer gebeugten Rückens und sehr bodennah reinige. Das wieder mag das Knie gar nicht, ignoriert vollkommen die vorsorglich eingenommenen Schmerzmittel und mosert noch lauter als sonst.

Ruhe jetzt, du Knie du! Fürs erste funkelt und blitzt die Casa Flock wieder, aber vor dem nächsten Mal sollte ich unbedingt klären, ob es Duct Tape auf auch auf Rezept gibt und wenn nicht, ob ichs eingepackt habe und wenn ja, wohin verräumt? Darüber hinaus gelobe ich, die Bewerbungen zukünftiger Putzfeen sehr wohlwollend zu prüfen.

Nimmer im Kino: Captain Fantastic

Für die, die “Captain Fantastic” auch verpaßt haben, hier der Trailer http://imdb.to/2hwl8iU (beide anschauen) sowie eine kurze Inhaltsangabe: ein Vater (ganz, ganz herrlich: Viggo Mortensen) zieht, seit seine Frau wegen Depressionen im Krankenhaus ist, sein halbes Dutzend Kinder in einer “Cabin in the Woods” irgendwo im pazifischen Nordwesten der USA nunmehr alleine in ihrer beider Sinne groß; der Home-Schooling-Lehrplan umfaßt Survival-Training in seiner rauhesten Form sowie Weltliteratur, Wissenschaften und sozialistische Dialektik. Dann bricht das wirkliche Leben über sie herein und sie sehen sich mit der Welt der Anderen (“under-educated and over-medicated”) konfrontiert.

Die Trailer verraten eh schon viel – und es ist wie immer, wenn Außenseiter auf eine fremde Welt treffen: sie passen nicht und wem die fremde Welt die normale ist, beginnt sie zu hinterfragen. Auch Vater Viggo zerreißt es zunehmend: geht das Konzept seiner Elite-Athlet-Kinderphilosophen auf oder nimmt er den Kindern etwas? Möglicherweise sogar etwas Wichtiges? Was wiegt schwerer? Dazuzupassen oder kritisch zu denken und nie dabei zu sein? Wann ist welche Grenze erreicht? Bei einem blauen Fleck? Einer gebrochenen Hand? Einem Bowie-Messer in der Hand einer Siebenjährigen, damit sie ein mit Pfeil und Bogen erlegtes Wild ausweiden kann? Oder will man Weißbrotkinder, für die Mommy einkauft und kocht und das, was sie für das Böse* hält, von ihnen fernhält (die aber genauso schnell und präzise schießen – halt auf einen Monitor)? Ist eine Balance zwischen den Welten möglich? Mortensen spielt diesen wachsenden Konflikt herzzerreißend glaubwürdig. Die Kinder und die Bewohner der “zivilisierten” Welt stehen ihm in nichts nach. (Gibt es jetzt endlich einen Oscar auch fürs Casting? Oder muß ich den jedes Mal aufs Neue einfordern?)

Um meine Aussage von oben zu korrigieren: es ist eben doch nicht wie immer, weil es halt mal nicht um einen Alien geht, der nach Hause telefonieren will oder einen Reisenden, der in die falsche Zeit gefallen ist, sondern um die elementare Frage, wie und vor allem ob man die Nachgeborenen richtig auf ihr Leben vorbereiten kann. Und was dieses “richtig” eigentlich ist.

Ich verrate jetzt nichts mehr. Anschauen! Anschauen! Anschauen! Anschauen!

PS: Falls ein gewisser Kinoclub aus dem Erdinger Land den Captain noch nicht längst auf seiner Liste hat, dann aber Hop Hop. –  Power to the People, Stick it to the Man!

* Was ist richtig: Zu Kindern “ehrlich” zu sein und ihnen mitzuteilen, dass die Mutter Selbstmord begangen hat, indem sie sich die Pulsadern aufschnitt oder sie mit der Aussage zu “schützen”, dass manche Menschen so schwer krank sind, dass Ärzte ihnen nicht mehr helfen können und sie dann leider sterben müssen.

Gelesen: “The Nix” von Nathan Hill

Nathan Hill weiß, dass er schreiben kann. Sehr gut sogar. Doch wo man sich anfangs noch für seine Stilwechsel, geschickt hergestellten Bezüge und klugen Sentenzen begeistert, wird es irgendwann ermüdend; so, wie es fad ist, einem Narzisten dabei zuzusehen, wie er sich im Spiegel bewundert.

Worum geht es? Ein zum Lehrer gescheiterter trauriger weißer Autormann erfährt aus dem Infotainment-TV, dass seine Mutter, die ihn und seinen Vater kurz vor seinem 11. Geburtstag verlassen hatte, ein Attentat auf den hardcore-konservativ-republikanischen Präsidentschaftskandidaten verübt. Mit Steinen. Wunderschön, wie Hill den medialen Hype einfängt: mit griffigen Mottos (“Terror in Chicago” / “The Packer Attacker”), laufenden Schlagzeilen oben und unten am Bildschirmrand, seriösen Anchormen und hektischen Live-Noch-keine-Informationen-vorhanden-Reportagen vor Ort und, je tiefer die Recherchendreckschaufel gräbt, die Vorverurteilung der Attentäterin, die nichts anderes getan hat, als ein paar Kieselsteinchen von einem Weg zu klauben und in Richtung Promi zu werfen, als “Radical Hippie Prostitute Teacher blinds Governor Packer in Vicious Attack”. Das ist die Frau, die Sam als seine Iowa-Kleinstadtmutter mit Eigenheim und Sandkastenliebe verheiratet kennt.

Auf den restlichen 600 Seiten begleiten wir ihn auf der Reise in die Vergangenheit. Die seiner Mutter, die – natürlich – nicht immer ein Heimchen am Herd war, sondern auch einmal Kind eines von Vergangenheitstraumata geplagten Vaters und Teenager im bigotten ländlichen Fly-Over-State und junge hoffnungsfrohe Studentin mit Stipendium, auf einmal im Zentrum der Proteste und wie sie dann doch zum Heimchen wurde und dieser Existenz wieder entkam. Seine eigene als Heulsusen- (5 Stufen Weinen, exakt definiert) und später mutterloses Kind, hoffnungsvoller Jungautor und frustrierter Lehrer und die aller anderen, mit denen sie je in Berührung kamen. Familie, Freunde, Kommilitonen, Arbeitskollegen… es wird ein bißchen unübersichtlich und die Figuren dümpeln, nachdem ihre psychologische Bedeutung für Mutter und/oder Sohn enthüllt ist, für den Rest des Buches herum.

Nebenher lernen wir amerikanische Geschichte und Soziologie. Vom Einwandererschicksal (der Mutter Vater) über die Kluft zwischen ruralem und urbanen Amerika, vom Attentat auf Martin Luther King, den Stundentenprotesten der 68er bis hin zu Occupy Wallstreet – und weil Hill Zeitgeschichte klug mit seinen Protagonisten verknüpft und wie gesagt schreiben kann, machen diese Passagen wirklich Freude. Zwischenzeitlich hebt er ein bißchen ab und schaut in die Köpfe von Allen Ginsberg und Walter Croncite und schreibt auf, was er da sieht – da wäre weniger viel viel mehr gewesen. Hill hat außerdem viel Recherche in den Bereichen Angstneurosen und Verhaltens- und Hirnforschung sowie MMOs betrieben und schreibt und schreibt und schreibt darüber. Ein guter Lektor hätte diese Ausführungen – möglicherweise mit Bedauern – gestrichen und diese Kürzungen hätten dem Buch so gut getan.

Und dann noch die Zufälle. Gegen Ende hin, wo Hill die Unzahl von Handlungssträngen wieder verknüpfen will, werden es doch arg viele. Ein Zufall, zwei, drei – gerne, soviel dichterische Freiheit muß sein. Aber irgendwann mutet die Häufung dann doch eher an wie dichterische Hilflosigkeit. Das ist schade, denn nochmal: Hill kann gut, sehr gut schreiben, aber es ist mir noch nicht oft passiert, dass ich auf Seite 500 genug hatte und nachsehe, wieviel ich noch muß. Meine Innere Lektorin kämpft gerade mit sich, ob wir den Rotstift rausholen und das Buch auf die Länge kürzen sollen, die es so großartig macht, wie es hätte werden können. Oder einfach was anderes vom Krankenhausstapel nehmen und jedem weiteren Leser die Entscheidung selbst überlassen?

Ja. Letzeres.

Auslüften

Nach fast 72 Stunden Lesen und Filmschauen in meinem Krähennest hatte ich doch das Bedürfnis nach Bewegung und mehr Frischluft als im Liegestuhl auf dem Sonnenbalkon verfügbar und entsteige dem Lift in warmen Schuhen und Mantel, als ich auf eine Gassigehnachbarin mit angeschlossenem Hund treffe, die mein Anliegen mit “Windig isses und Weihnachten vorbei, lohnt gar nicht” kommentiert.

Nach einer Runde um den Block bin ich geneigt, ihr zuzustimmen. Windig isses und die Sonne schon wieder weg und außerdem stehen zwischen mir und der Auflösung von “The Nix” noch gute 100 Seiten. Lohnt bestimmt mehr.

Neu im Fernsehen: Der Tatortreiniger, Staffel 6

Ich kann mich immer noch nicht entscheiden, welche der nur drei neuen Folgen ich am liebsten mag: die, in der Schotty es dem widerlichen Oberconsultant so richtig perfide heimzahlt oder die mit dem sinnkriselnden Clown oder vielleicht doch die mit der hochschwangeren Nordblondine, die ihren Sohn unbedingt Özgür nennen will, weil das “Freiheit” bedeutet? Muß ich auch nicht, sie sind nämlich alle drei gut gelungen.

Nach nochmal Überdenken: vielleicht doch mit einem ganz knappen Vorsprung die Geburtshilfefolge, weil Bjarne Mädel da einen wundervollen weißkurzbehosten Auftritt als blonder Rettungsheld hat – bis dato ungeschlagen.

Anschauen! Anschauen! Anschauen! (Noch bis ca. Mitte Januar in der NDR Mediathek.)