Gedächtnislücke

Die Dame im Radio moderiert den nächsten Beitrag mit jener gedeckt-tragischen Stimme an, die den Könner sofort eine Toter-Promi-Story erwarten läßt. Der Könner hat recht. Es werde sich, so raunt sie aus dem Empfänger, wohl jeder, der heute jenseits der 35 sei, daran erinnern, wo er war und was er getan habe, an dem Tag, als die Two-Letter-Lady, Englands Windkerzenrose, die Lilifee vom Windsor Palais durch einen grauenhaften Tunnelunfall mit Araber und Mercedes von uns genommen wurde.

Ich hab mir, während Elton Johns Totenlied gedudelt wurde, das Hirn zermartert, was ich auf den Tag genau vor 20 Jahren gemacht haben könnte. Ich weiß es nicht. Es ist auch sowas von wurschtegal.

Auch neu im Kino: The Hitman’s Bodyguard

Gestern lief vor Dunkirk ein Trailer: Bumm, Knall, Klirr, Schepper, Inflammenaufgeh, Reifenquietsch, Bremsenlauterquietsch, Kreisch, Anbrüll. DaCapo.

Die tiefgreifende Story: da soll ein weißer Bubi (Ryan Reynolds; ich find ja, die sehen zur Zeit alle aus wie Ryan Gosling…) auf einen schwarzen Mega-Bad-Ass-Hitman mit einem wahnsinnigen Sehrvielzahnlachen (Samuel L. Jackson) aufpassen. Kann nicht gutgehen, soll nicht gutgehen, sonst gäb’s ja den Film nicht.

Ich brauch mir ihn mir nach diesem Trailer gar nicht erst anzusehen; schöner als dieses nachfolgende Zitat kanns nämlich nicht mehr werden. Da sagt Reynolds Babysitterbubi über Jacksons Hitman:

This guy single-handedly ruined the word “motherfucker.”

Schnell und billig

… muß ja nichts Schlechtes sein, vor allem nicht, wenn frau früh ihr Auto für TÜV und allgemeines Nachschauen beim netten Herrn Bagci in der Werkstatt vorbeibringt und schon am frühen Nachmittag den Anruf bekommt, der kleine Corolla würde gerne frisch getüvt und mit bestandenem Abgastest noch am nämlichen Abend für erfreulich wenig Geld wieder abgeholt werden.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Erfahrungen im Haus nebenan, das ich wegen identischer Hausnummer morgens zuerst angefahren hatte, ebenso befriedigend sind. Werde dort aber voraussichtlich vorsprechen: nicht nur die Jobseite (aber die ganz besonders) braucht nämlich dringend eine Korrektorin. (https://www.the-red-1-munich.de/jobs/)

Neu im Kino: Dunkirk

Wie jeder gute Kriegsfilm ist Dunkirk ein Antikriegsfilm.

Christopher Nolan kommt mit sehr wenig Dialog aus und läßt seine Bilder sprechen; er übersetzt die großen Schlachten in viele kleine Kämpfe ums nackte Überleben und macht das sehr großartig, auch wenn ich auf die paar Minuten Hollywood-Pathos am Schluß hätte verzichten können. Hansi Zimmer läßt so gut wie ununterbrochen saitenfetzend fiedeln, auch das nicht meins, aber es schadet auch nicht.

Es empfiehlt sich, den Abspann zu lesen. Ein paar der Protagonisten haben Namen bekommen, aber die meisten sind sowas wie French Soldier 1, 2 und 3, ein Irate Soldier, ein Shivering Soldier, Lifeboat Soldier 1 und Lifeboat Soldier 2, ein Furious Soldier und dann noch die militärischen Ränge rauf und runter, bleiben aber anonym in einer anonymen feldgrauen Masse. Nolan rettet eben nicht einen Private Ryan, sondern erzählt eine Episode aus einem Vernichtungskrieg und da ist ihm (und uns, den Zuschauern) jedes Individuum gleich viel und gleich wenig.

Anschauen! Anschauen! Anschauen!

 

PS: Es scheint sich um eine britische Eigenart zu handeln, dass immer dann, wenn die Marine aus welchem Grund auch immer nicht zur Seenotrettung ausfährt, die privaten Bootleskapitäne ausrücken; s. hierzu auch “The Boat That Rocked” (“Pirate Radio” aus dem Jahre 2009).

Tatort “Virus”

Wenn der Spon einem Tatort 3 von 10 möglichen Punkten gibt, dann ist das normalerweise eine Qualitätsgarantie und meist eine Folge, die sich anzusehen lohnt, zumindest, wenn man einen ähnlichen Sinn für Schwachsinn hat wie ich.

Dieses Mal hatte der Spon leider recht. Von ein paar wirklich witzigen Dialogen (die allesamt bereits in den Kritiken zitiert wurden) und der Fachkenntnis der Frau Major in Sachen Konjunktiv abgesehen, hangeln sich Eisner und Fellner durch ein eher langweiliges “Outbreak”-Szenario in der österreichischen Provinz, immerhin mit soviel Komparserie wie noch nie. Der Mord ist am Ende doch bloß ein saudummer Unfall und die Moral von der Geschicht allenfalls, dass man einen Beamten vom Katastrophenschutz nicht ärgern soll, weil der einen sonst für die nächsten drei Wochen in einen Quarantäne-Schneewittchensarg steckt.

Gelesen: “American War” von Omar El Akkad

Das Buch wird gehyped und best gesellert, der Autor in denselben Dystopie-Olymp katapultiert wie Cormac McCarthy. Und warum das alles? Vollkommen zu Recht.

Es geht um das, was wäre wenn, nach all den Stellvertreterkriegen, die die “Vereinigten” Staaten auf der Welt geführt haben, ein zweiter Sezessionskrieg auf ihrem eigenen Boden entbrennte, inklusive aller Greuel und Grausamkeiten (Drohnen, Folterlager, Entführungen, Black Sites, Einsatz von B- und C-Waffen, Selbstmordattentate etc. pp.) und getoppt von den Folgen des Klimawandels.

Mich hat das Buch so vollkommen eingesogen, dass ich sehenden Auges das Risiko eingegangen bin, das möglicherweise letzte schöne Wochenende dieses Sommers nicht am See zu verbringen, sondern recht statisch (in der Fahrtzeit hätte ja ich nicht lesen können) auf dem Balkon fixiert und jede Seite verschlingend.

Die deutsche Übersetzung ist dieser Tage erschienen und soll recht gut geraten sein. Ich lege die Lektüre hiermit einer und einem jeden sehr ans Herz. Lesen! Lesen! Lesen!

Bayerisches Dilemma

Eine Freundin, die bis dato eher im links-grünen Lager verortet war, will bei dieser Wahl für Merkel stimmen. (Merkel, wohlgemerkt. Nicht die CDU. Eine reine Personenwahl.)

Und sie hat ja so recht: Selbst, wenn ich es jemals in mir fände, einer Partei mit einem großen “C” im Namen meine Stimme zu geben: hier in Bayern könnte ich noch nicht mal für Merkels Partei votieren, sondern müßte die von König Horst nehmen.

Geht gar nicht.

Datumsgrenze

Gestern in der U-Bahn: Wenn man den Uhren am Gleis trauen will, sind alle, die Richtung Großhadern fahren eine Stunde jünger als die, die stadteinwärts wollen.

Hat jetzt die MVG, ohne darum einen großen Bohei zu machen, doch glatt das Zeitreisen erfunden. Respekt.

“Siegfried” – die zweite

Es liegt in der Natur des Menschen, sich noch Unvertrautes durch Vergleiche fassbar zu machen. Darum erklärt die g’schtudierte Tante heute einmal den Aufführungszyklus eines Theaterstücks.

Premiere ist (Vergleiheich!) wie ein frisch geschneidertes Kleidungsstück zum ersten mal anläßlich eines wichtigen Anlasses auszuführen. Damit es auch ganz bestimmt ganz gscheit sitzt werden Nähte noch mal ganz schnell aufgetrennt oder irgendwas gerafft und provisorisch getackert oder sonstwie festgesteckt, vielleicht fehlen auch noch ein paar Straßsteinchen, weil die Straßsteinchenstickerin gerade indisponiert war und möglicherweise wurden die perfekten Schuhe oder der Hut oder sonst ein Accessoire zu spät oder noch gar nicht geliefert und man behilft sich mit irgendwas, das sich in der Hauptsache dadurch auszeichnet, dass es halt grad mal zur Hand ist. Zu den Gesetzmäßigkeiten einer Premiere zählt, dass irgendwann eine Sicherheitsnadel aufgeht.

Nach ein paar Vorstellungen ist der Dress dann quasi “eingewohnt”.  Das eine oder andere Provisorium darf bleiben, weil es nämlich schön ist oder lustig oder überhaupt. Außerdem sind Schleiferl oder Rüscherl oder lustige Applikationen hinzugekommen (vergl. hierzu Kriemhilds Ausführungen zur Kreuzstichstickerei), die Frisur ist anders, als sie mal geplant war – kurz, man hat das Diktat des Modeschöpfers durch die Kunst des Tragbaren ersetzt.

Irgendwann ist es soweit und obwohl es ein wirklich schönes Klamott ist, wollen wir auch mal wieder was anderes anziehen und wir tragen es zum letzten Mal. Wenn die Robe eine gute ist, ist aber nichts fad geworden und nichts ausgeleiert oder verschlissen und dann kommt sie nicht in die Altkleidersammlung, sondern wird mit dem Begriff “Vintage” veredelt und zu besonderen Anlässen wieder aus dem Schrank genommen (s. a. “da capo”).

(Auf dem Theater ist die letzte übrigens traditionell die einzige Vorstellung, bei der die Regisseurin die Schauspielerinnen und Schauspieler nicht schimpft, wenn sie einander kleine Streiche spielen. Sehr beliebt ist zum Beispiel das Requisitenverstecken. Da kann’s dann schon einmal vorkommen, dass der Dolch fehlt und der röchelnde Recke am Boden als Todesursache angeben muß: “Mich dünkt, der Stiefel war vergiftet.”)

So auch Siegfried.

Weil mir irgendjemand die Schädlichkeit von 1 x Wälsungenblut pro Woche erst noch beweisen muß und gestern außerdem die Hamburger überraschend in der Stadt waren, war ich wieder in einer Vorstellung und kann mit Freude berichten, dass Siegfried jetzt, eine Woche nach der Premiere, in Stage 2 angekommen ist. Neuhinzugekommen (s. o.: “Schleiferl oder Rüscherl oder lustige Applikationen”) ist – unter anderem – mehr Musik für den Helden (tut ihm sehr gut) und ein Zwerg mit Baß (es ist lange nicht klar, wer von beiden gewinnt) und ich freu mich jetzt schon auf die vorletzte Vorstellung nächste Woche. Da gemma nämlich wieder hin. Falls wer mitmag, einfach Bescheid geben.