“Sie tragen heute aber ein schönes Kleid. [Pause, in der ich mich für das Kompliment bedanke. Fortsetzung:] Es muß doch toll für Sie sein, daß es heutzutage auch für Menschen mit Übergröße ansprechende Kleidung gibt.”
Ungeklärte Frage
Was ist das mit deutschen Menschenaufbewahrungsinstitutionen und dieser Besessenheit, zum Abendmahl roten Tee zu servieren?
Peep Show
Ich hab ja hier über Ostern nix Vernünftiges zu tun, außer drei Mal am Tag eine Mahlzeit einzunehmen (doch, steht genauso auf meinem Therapieplan) sowie – fakultativ – herumzulaufen, die gute Luft zu atmen, außerdem das Neuknie zu kühlen und so oft wie möglich hochzulagern. Und weil weitere Strecken erst mal nur gehen, wenn ich auf einem der vielen Bankerl rundherum zwischendrin ein Päuschen mache, gucke ich beim Sitzen und Schnaufen halt so vor mich hin. Und was seh ich? Frühling. Allerorten. Es treibt, es sprießt und schießt ins Kraut, Saft, Kraft, Suppengrün, mehr, mehr, mehr – und was denke ich? Ich denke mir meinen Tucholsky*.
“Frühling? Dieser lange, etwas bleichsüchtige Lümmel, mit einem Papierblütenkranz auf dem Kopf, da stakt er über die begrünten Hügel, einen gelben Stecken hat er in der Hand, präraffaelitisch und wie aus der Fürsorge entlaufen; alles ist hellblau und laut, die Spatzen fiepen und sielen sich in blauen Lachen, die Knospen knospen mit einem kleinen Knall, grüne Blättchen stecken fürwitzig ihre Köpfchen … ä, pfui Deibel!… die Erde sieht aus wie unrasiert, der Regen regnet jeglichen Tag und tut sich noch was darauf zugute: ich bin so nötig für das Wachstum, regnet er. Der Frühling –?”
Man lasse mich ergänzen. Kurz nach der Traumazeit geht es doch zu dieser Saft- und Kraftjahrezeit frühmorgens schon los: mindestens eine Amsel koloraturt in den ersten grauen Lichtstreifen hinein und mindestens ein Zizibä klettert munter auf ihrer Tonleiter auf und ab, bis die anderen dann lärmend einfallen und ihre dicken Würmer be- und das Tageslicht herbeisingen und dann haben sie für den Rest des Tages mit der Generierung der nächsten Generation zu tun.
Spatzen tun das, indem sich die Spätzin aufgeplustert auf einem Zweiglein festklammert, auf dass der Herr Spatz sie im Vorbeiflug – hüpf-hüpf-hüpf – kurz begatte. Dann schüttelt sie rasch ihr Gefieder zurecht und er kommt wieder angeflogen. Begatten, davonfliegen, schütteln. Und wieder. Und nochmal. Manchmal unterbricht er kurz, um lauthals Rivalen in die Flucht zu schlagen. Dann: Begatten, davonfliegen, schütteln. Wenn ich den gemeinen Sperling je bei Brehm nachschlagen sollte, dann wäre ich nicht überrascht, wenn der alte Herr ihn (möglicherweise neidvoll) als “Rammler der Vogelwelt” einstuft.
Wie es Amsel, Drossel, Fink und Star mit der Reproduktion halten, weiß ich nicht; die scheinen offensichtlich eher diskret vorzugehen. Erpel hingegen sind ganz gemeine Gangbanger und dabei geradezu unglaublich laut. Die hiesigen “Hallo! – Wir sind monogam!”-Gänse haben die Zeugerei sichtlich schon vor einer ganzen Weile hinter sich gebracht und führen ganz allerliebst und nach rechts und links grüßend am Seeufer ihre dreizehn Puschelküken spazieren. Anders ausgedrückt: Gänse, die Paradekatholiken der ganzen Vogelschar.
Heute hatte ich mir vorgenommen, meine Studien fortzusetzen und zu diesem Behufe den nahegelegenen Beobachtungsturm “Irschener Winkel”** zu erklimmen. Dabei festgestellt, dass Regen der Kniegenesung nicht zuträglich ist: nicht nur, dass Krücken und nasses Kopfsteinpflaster oder unwegsameres Gelände nicht so recht kompatibel sind, nein, nasse Pausenbankerl und Krüppelhintern passen auch nicht zusammen. Daher meine Bitte an die Wetterzuständigen: nachdem in Kalifornien die Dürre nun vom Gouverneur offiziell als beendet erklärt wurde, ist ja eine frei. Wollen wir uns die diesen Sommer nicht mal ausleihen? Und zwar ab sofort?
Wenn nicht, erwäge ich, meinen nächsten Besuch um ein Klappkissen als Mitbringsel zu bitten. Das müßte auch funktionieren.
* Aus: “Die fünfte Jahreszeit” (von mir gern und häufig zitiert, weil seine 5. Lieblingsjahreszeit auch meine ist; die hier nämlich:)
“Wenn der Sommer vorbei ist und die Ernte in die Scheuern gebracht ist, wenn sich die Natur niederlegt, wie ein ganz altes Pferd, das sich im Stall hinlegt, so müde ist es – wenn der späte Nachsommer im Verklingen ist und der frühe Herbst noch nicht angefangen hat –: dann ist die fünfte Jahreszeit.
Nun ruht es. Die Natur hält den Atem an; an andern Tagen atmet sie unmerklich aus leise wogender Brust. Nun ist alles vorüber: geboren ist, gereift ist, gewachsen ist, gelaicht ist, geerntet ist – nun ist es vorüber. Nun sind da noch die Blätter und die Gräser und die Sträucher, aber im Augenblick dient das zu gar nichts; wenn überhaupt in der Natur ein Zweck verborgen ist: im Augenblick steht das Räderwerk still. Es ruht.
Mücken spielen im schwarz-goldenen Licht, im Licht sind wirklich schwarze Töne, tiefes Altgold liegt unter den Buchen, Pflaumenblau auf den Höhen … kein Blatt bewegt sich, es ist ganz still. Blank sind die Farben, der See liegt wie gemalt, es ist ganz still. Boot, das flußab gleitet, Aufgespartes wird dahingegeben – es ruht.
So vier, so acht Tage – Und dann geht etwas vor.
Eines Morgens riechst du den Herbst. Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert – und doch alles. Es geht wie ein Knack durch die Luft – es ist etwas geschehen: so lange hat sich der Kubus noch gehalten, er hat geschwankt…, na … na…, und nun ist er auf die andere Seite gefallen. Noch ist alles wie gestern: die Blätter, die Bäume, die Sträucher… aber nun ist alles anders. Das Licht ist hell, Spinnenfäden schwimmen durch die Luft, alles hat sich einen Ruck gegeben, dahin der Zauber, der Bann ist gebrochen – nun geht es in einen klaren Herbst. Wie viele hast du? Dies ist einer davon. Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören. Es ist die Zeit, in der ältere Herren sehr sentimental werden – es ist nicht der Johannistrieb, es ist etwas andres. Es ist: optimistische Todesahnung, eine fröhliche Erkenntnis des Endes. Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre.
Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.”
Let it flow
Auch wenn es schwer vorzustellen ist, Donald Trump und ich hatten bis vorhin noch eine Gemeinsamkeit, nämlich den carotinoiden Teint – wobei bei mir nur noch der große Zeh von der hartnäckig haftenden OP-Jodtinktur befallen war, den Rest hatten die hilfreichen Schwestern im Krankenhaus in einer Art Hammam-Anwendung* bereits letzte Woche in orangenen Strömen vom linken Bein gewaschen. Erfolgreich genesend dusche ich längst wieder selbst und heute sind sich Scheuerhände und Schmutzfüße endlich ohne Beugeschmerz so nahe gekommen, dass der Zeh, wie der Rest, rosig hautfarben erstrahlt und der Möhrentonteint nunmehr wieder alleine dem amerikanischen Präsidenten gehört.
* “Sie brauchen gar nichts zu tun: setzen Sie sich nur ganz langsam und vorsichtig da auf den Duschhocker und lassen mich machen; na gut, reichen Sie mir noch Ihr Shampoo und Duschgel an, aber dann ist Schluß mit Aktionismus. Ich seife Sie ein, schrubbe, spüle und trockne Sie (mit vorher angewärmten Handtüchern!) ab und weil grad niemand sonst läutet, salbe ich die trockene Haut noch mit reichlich Lotionen und Ölen, bevor ich Sie und die Krücken in frische Gewänder gehüllt zu Ihrem Lotterlager zurückgeleite” – geh mir doch weg mit deiner lumpigen Eselsmilch, echt jetzt, Kleo!
Etappensieg
Ich habe seit gestern außer Oxies noch einen guten Grund, mich auf den Nachtschlaf zu freuen: Ich kann nämlich wieder Seitenlage! Noch nicht irrsinnig stabil und auch noch nicht für irrsinnig lange, aber immerhin!
Juchz! Juhu!
Traumzeit
Seit der Knie-OP ist der Frühe Vogel ein Scheißdreck gegen mich: ich wache immer pünktlich und ein wenig gestresst früh um 4:00 Uhr auf und bin dann für ein Stündchen hellwach. Eine rasche und gewiß nicht repräsentative Umfrage unter den anwesenden ebenfalls heilenden Tischgenossen ergab, dass das Phänomen allen vertraut ist, nur die Uhrzeit ist eine andere.
Einer hatte sich schon kundig gemacht und sprach von der sogenannten Traumazeit* – man solle, gerne auch mit Hilfe einer Psychoanalyse, ergründen, was einem irgendwann im Leben um diese Zeit Schreckliches wiederfahren sei und mit dem Wissen darum könne man darauf vertrauen, dass man sie hinfort verschlafe.
Ich denke, ich warte einfach darauf, dass sich das von selber wieder verwächst.
* Das Internet kennt den Begriff nicht, aber was weiß das Internet schon.
Lietterrattuuurkritick*
Der Suhrkamp-Schutzumschlag brüllt einen mit Föijetong-Lobhudelei an: “Die Welt liest Ferrante” steht da gleich neben dem Titel “Meine geniale Freundin” zu lesen und man möge sich doch sofort mit #ferrantefever** infizieren und seine Begeisterung mit in die Welt hinauszwitschern.
Wenn ich bloß wüßte, welche Begeisterung worüber. Ja, hübsch gemacht ist es, das Büchlein, lustiges Umschlagphoto, auf gutem Papier in ansprechendem Satz gedruckt, mit Lesebändchen und einem schmucken Lesezeichen, in dem noch einmal die dramtis personae aufgelistet sind. Aber sonst? Schlampig redigiert, für diesen Anspruch, bei dem schon ein Grammatik- oder Tippfehler zu viel sind, sind es viel zu viele; ich müßte mich sehr täuschen, wenn Unseld selig nicht ununterbrochen rotierte.
Mir geht’s wie mit Toni Erdmann: ich verstehe den Hype nicht und weiß nicht, warum und was mich an der Geschichte zweier heranwachsender Mädchen aus Neapel interessieren soll. Wäre ich nicht zeitreich und buchknapp im Krankenhaus gelegen, hätt’ ich “Meine geniale Freundin” nach dem ersten Drittel weggelegt. So hab ich bis zum Ende durchgehalten, die Mädels sind jetzt immerhin schon sechzehn, doch ich weiß eines mit Sicherheit: so krank kann ich gar nicht werden, dass ich die Bände 2 bis 4 noch lesen werde.
* Man möge sich die Überschrift von RR (für die Jüngeren: Marcel Reich-Ranicki, seines Zeichens Literaturpapst, Gott habe ihn selig) ausgeraunzt vorstellen.
** Die Autokorrektur schlägt hier das doch wesentlich sinnvollere “Gerätegeschwindigkeit” vor, übrigens auch mit Hashtag.
Fortschritt
Ich wohne im Dachgeschoss und wenn ich ausgehen will, dann empfiehlt es sich, spätestens bevor der empathisch-lahme Aufzug ankommt, schon immer noch mal zu prüfen, ob ich auch an alles gedacht habe: Geldbeutel, Zigaretten, Zimmerschlüssel, warmes Kühlpad (zum Tauschen), Krüppelnachweisleinenbeutel mit Messenger-Querriemen, gelber Krüppelpass vulgo Patientenausweis.
Hab ich alles. Trotzdem fehlt was. Und ich komm nicht drauf. Dem Aufzug enthumpelt eine Dame auf Krücken. Ah! Jetzt. Ja. Ich eile (echt jetzt) zu meinem Zimmer zurück und hole meine lila Laufhilfen. Jetzt bin ich komplett und kann meinen ersten Besuch empfangen.
Göttergeschenk (II)
Es trägt ja schon sehr zum Heilungsprozess bei, wenn der Mensch nicht immer wen zu fragen braucht und sein Bett alleine verlassen bzw. entern* kann und drum bin ich heute vor einer Woche mit a little Help from meiner Freundin Gerti, die mir von zu Hause meinen US-Leg-Lifter (s. https://flockblog.de/?p=22785) geholt hat, mit meiner Genesung ein ganzes Stück vorangekommen. Sehr weit voran, sogar, denn ich habe das Ding vorausschauend auch hier neben das Bett gestellt, bisher aber noch nicht wieder benutzt, weil das Bein schon wieder alleine einsteigt.
Nicht ganz schlecht für Tag 9 nach der OP.
* Wie sagt man das jetzt in gutem Deutsch? Ein Bett “betreten” geht ja wohl nicht und “sich hinlegen” ist wieder ganz was anderes. Hmmm?
Göttergeschenk (I)
Komisch fand ich ihn ja schon immer, diesen jiddischen Witz, wo sich Herrschel beim Rabbi beklagt, dass man vor lauter Kindern, Hühnern, Großeltern und unverheirateten Tanten gar keinen Platz in der kleinen Stube habe und der Rabbi darauf befiehlt, in eben diese Stube noch die Ziege zu nehmen. Nach einem Monat erlaubt er Herrschel, die Ziege wieder nach draußen in den Ziegenstall zu re-accommodatieren* und fürderhin kann Herrschel seinen Gott gar nicht genug loben, für den Palast, den er ihm und den Seinen geschenkt hat.
So auch ich. Ein Einzelzimmer mit eigenem Bad fühlt sich nach einer Woche XS-Dreibettzimmer auch ohne Ziegenkur so dermaßen luxuriös an. Nicht mehr Teil der morgendlichen Duschgel- und Zahnbürstenpassion mit drei Anläufen zum Stationsbad sein. Allein schlafen und allein waschen, wann ich will.
(Die Motte scheint andere Ansprüche an Körperhygiene zu haben, in’s Bad mag sie schon mal nicht…)
* s.: https://twitter.com/i/moments/851541412944330752; der Begriff ist jetzt schon Favorit auf der amerikanischen “Unwort des Jahres”-Liste.