OA droht mit AT-Entzug

Bis jetzt bin ich ständig gelobt worden, weil ich schon so weit beugen kann (90°) und so schön grad gehe und vorbildlich Treppen hinauf- und hinunter (!) steige und mich schon rechts- und linksseitig wieder wenden und schlafen kann und obwohl bei weitem nicht alles mein Verdienst, sondern manches einfach Dusel ist, höre ich solche Ovationen natürlich gern. Und dann kommt da gerade diese OA daher und findet die Verkrustung auf meiner Narbe noch nicht schön genug, als dass ich damit ins Wasser dürfte.

Ich freue mich auf nichts mehr als auf die Aqua-Therapie und habe jetzt verhandelt (= gebittelt und gebettelt), dass ich mich mit einem entsprechenden Schutzpflaster sehr wohl morgen zu Wasser lassen und dafür nicht rumjammern darf, wenn die Nacht dann “unschön” wird. Wozu hab ich Oxies? Und ob ich nun alle Stunde oder nur alle zwei Stunden aufwache, ist doch eh wurscht.

Gute Genesung

Aber ja doch! Seit vorgestern habe ich einen Plan, und seit gestern 26 Klipperl vom Knie entklipperlt wurden, auch wirklich was zu tun. Also so richtig mit Leibesübungen, Gehen lernen, Stehen lernen (ist nämllich total verschieden!), Knie strecken, dehnen und entwässern. lymphomat1Zu diesem Zweck wird das Bein in eine Art Riesenstrumpf, den Lymphomat, eingegeschlossen (links) und der nette Herr, der den Reißver- und die Klettverschlüsse schließt, dreht am Regler und fixiert ihn auf der Stufe “erträglich”. Und dann würgt der Strumpf das Bein, pumpt eine Viertelstunde lang Lymphflüssigkeit ab und wat soll isch sagen: so ganz falsch lag meine Mama mit ihrer Wortschöpfung von der Lynchdrainage gar nicht…

Mir geht es schon richtig gut: ich sause auf meinen Krücken wie ein Wirbelwind durch die Gegend und darf sie schon “cool” halten, also vorne am Griff, quasi wie Wanderstöcke und nicht länger mehr wie Gehhilfen. Außer frühmorgens. Man scheint hier von Turnvater Jahn inspiriert zu sein und propagiert Frühsport; bis 09:00 Uhr heute früh hatte ich schon drei (3!) Anwendungen – und um da pünktlich anzutreten, stehe ich sogar früher auf als daheim – und da schläft mein Knie noch halb ist weit weg von “cool”.

Ansonsten lerne ich jeden Tag neue Abkürzungen, gestern zum Beispiel stand auf meinem Stundenplan unter der Überschrift Heilmittel von 08:15 Uhr bis einschließlich 08:18 Uhr “Vorstellung OA”, als Behandler war “Herr OA” angegeben. Der Dreiminutenstint führte in das Zimmer eines älteren Herrn in Weiß, der mich mit dem falschen Namen ansprach und mir gratulierte, dass die Heilung meiner Hüfte schon so weit fortgeschritten sei. Da sag’ ich zu dem Herrn: “Herr OberArzt”, hab ich gesagt, “das wäre ja auch noch schöner; die habe ich ja auch von einem US-Army-Doctor schon im Mai 2014 bekommen.” Wir sind leicht irritiert voneinander geschieden, und ich schreibe diesen blogpost, während ich auf seine Visite warte. Vielleicht sagt ihm heute wer ein, wer ich bin und was mir fehlt.

Außerdem gibt es noch ADLs, was nicht etwa ein Krankheitsbild ist, sondern für “Activities of Daily Living” steht. Ich war seinerzeit Klassenbeste in der amerikanischen Cripple Class und kannte das meiste schon, habe jedoch aktuell gelernt, dass der Unterschied zwischen Amerikanern und Deutschen darin besteht, dass erstere gerne für jede “”Activity” ein kleines Gerätscherl austüfteln und verkaufen, während die deutschen Unterweiser darauf abstellen, dass man sich mit allerlei sowieso schon im Haushalt vorhandenen Alltagsgegenständen zu behelfen lernt.

Der Unterschied zwischen Frauen und Männern ist, dass erstere geradezu entzückt auf die Anwendungsvarianten für – zum Beispiel – ein Handtuch reagieren und die Mehrheit der Letzteren nicht aufpassen, sondern sich recht bräsig zurücklehnen will. “Des macht dann mei Frau für mi.” Es ist wirklich höchste Zeit, dass das Zeitalter der alten weißen Männer endlich endet.

Mir persönlich würd’s morgen passen; ich kann’s aber auch heute noch einbauen, zwischen MTT und HKG.

Werte Mitpatienten, leiht mir euer Ohr

Nach ein paar Tagen und Konversationen in der Heileinrichtung kann ich sicher sagen: es gibt hier nur eine Bezugsgröße. Nämlich ICH und die wird von der Angst umgetrieben, bei irgendetwas zu kurz zu kommen, so wie in “Was hat der/die, was ICH nicht habe?”

Warum kriegt die am Nebentisch Karottensuppe zum Abendessen (und ich nicht)? Weshalb kriegt der beim Sprunggelenk Reha (und ich mußte das zu Hause auskurieren)? Warum haben ihre Krücken Rücklichter (und meine nicht und außerdem die falsche Farbe)? Wieso hatte er schon zwei Mal ADL-Kniegruppe (obwohl ich schon länger hier bin)? Wieso hat mein Bad keinen Föhn? / Mein Balkon (k)einen Bergblick? / Ist die Welt so schlecht und ungerecht (zu mir, mir, mir)?

Meine Fresse: wir haben hier Logis in einer wirklich schönen Gegend gleich am Wasser und im Einzelzimmer mit Bad und Fernseh und alles (sogar fleckiges W-Lan), kriegen drei wohlschmeckende Mahlzeiten pro Tag frisch zubereitet und drei Mal die Woche putzt wer hinter uns her; zudem arbeiten reizende Menschen mit uns daran, dass wir wieder gut beweglich werden…

Könnt ihr da nicht diesen kleinlichen Neid bleiben lassen? Bitte?

Danke!

Titel

Auf den gelben Bloß-nicht-auf-dem-nassen-Fußboden-ausrutschen-Aufstellern im Krankenhaus habe im immer gelesen, dass sie vor dem “Overmop” warnen (und von Overmop bis Overlord war’s dann für meine oxygestützte Phantasie noch nicht mal ein Kätzchensprung).

Wünsche daher, Herrn Recep Tayyip Erdoğan zum knapp gewonnenen Verfassungsreferendum zu gratulieren und werde ihn, falls es sich je ergeben sollte, mit “Eure Övermöpschöft” ansprechen.

Walk the Walk

Es ist naß und kalt und greislig draußen, um die Kampenwand jagen nicht etwa Nebelschwaden, sie ist vielmehr hinter einem dicken Grauschleier ganz und gar verschwunden. So ein Neukniekrüppel wie ich leidet dann doppelt und dreifach:

  1. Sowieso. Wg. Scheißwetter
  2. Wie soll ich denn jetzt draußen laufen? Wenn die Krücke rutscht und die Pausenbankerl klatschnaß sind?
  3. Hmmmm?

Heute habe ich Abhilfe geschaffen, indem ich den Bauch dieses Heilhauses besichtigt habe und Therapiezimmer sowie Wartebereiche, Lernküche, Schwimmbad, Schienen- und Prothesenabteilung sowie dies und das erforscht habe, damit ich am Dienstag dann da hinfinde, wo ich vorgesehen bin.

FaltkissenWeil es aber noch ekliger werden soll, habe ich mir außerdem ein superduper faltbares leichtes Thermo-Sitzkissen bestellt, mit Beutel sowie wasserdicht und isolierend (s. links), das übermorgen ankommen wird. Dann sind mir nasse Bankerl wurscht und ich wieder unterwegs. Mein aktuelles Ziel ist, in spätestens 10 Tagen ohne Krücken zu laufen.

Daumen drücken!

Am Nebentisch mitgehört

“Und morgen erzähle ich Ihnen die Geschichte von unserem Carport. Erinnern’S mi dro. Des is a Fuim, do konnst a Buach drüber schrei’m.”