Nostalgie

Bin ich eigentlich der einzige Mensch, der vor dem Fernseher klebte, als diese Version von Dr. Dolittle im Nachmittagsprogramm lief und nichts toller fand, als die Grashopper-Band im Arztkoffer?

Ich hab mich auf jeden Fall sehr gefreut, die Serie auf youtube zu finden und teile meine Freude hiermit:

Neu im Kino: Detroit

Der Film fällt leider in die Kategorie “Hat sich wieder keiner gefunden, der der Regisseurin sagt, wann sie aufhören muß?”

Es beginnt mit einer bunten kinderbuchartigen groben Scherenschnittanimation zur Geschichte der Schwarzen in Amerika seit dem Sezessionskrieg, gefolgt von einer halben Lehrstunde “so eskaliert ein Straßenkampf”, in der zeitgeschichtliche Originalaufnahmen extrem schnell mit Bigelow’schen Szenen gegengeschnitten werden, Handkamera, Feuer, Blut (mehrheitlich Schwarze), Schreie, Nachtaufnahmen, zunehmend martialischere Staatsgewalt (überwiegend Weiße), Plünderungen, Pflastersteine gegen Schußwaffen, irgendwann Panzer.

In den folgenden zwei Stunden walzt Kathryn Bigelow breit, was nicht neu ist und noch immer Bestand hat: Rassismus ist übel, Polizeiwillkür auch, Justiz bedeutet nicht zwingend Gerechtigkeit. Sie tut dies in einem klaustrophobisches Kammerspiel*. Die Stimmung in diesem begrenzten Raum wird zunehmend hysterischer**, schnelle Schnitte, Handkamera, Gebrüll, schlechte Beleuchtung, Kampfgeräusche von außen, von innen, Gewalt, Blut. Das ist auch der Moment, wo es sich Bigelow zu leicht macht, sie führt nämlich Officer Krauss ein (Will Poulter, zum Niederknien gut), einen All American Boy in Blue, in Personalunion aber auch gewalttätiger Sadist, notorischer Schwarzenhasser, “trigger happy” (also jederzeit freudig bereit, seine Schußwaffe einzusetzen), kurz: ein Psychopath und macht aus dem systemischen Problem eine individuelle Haßfigur.

Was dazu führt, dass wir diesem Officer nun bei seinem ganz privaten Kreuzzug zusehen, gegen den schwarzen Vietnam-Veteran, dem er aber sowas von zu verstehen gibt, dass seine Orden und Auszeichnungen zu Hause nichts zählen und dem er dafür, dass er auch noch Pilot war, nochmal extra auf die Schnauze haut, gegen die beiden jungen weißen Frauen (Motto: “Girls just wanna have fun”), die dieser mittelwestenweiße Weißbrot-Cop in einem Schlafzimmer (!) mit einem schwarzen Mann antrifft (was da an unter- und überschwelliger sexueller Spannung abläuft, ist meisterlich gelungen), gegen die beiden schwarzen Musiker, die eigentlich nur für die Nacht ein Zimmer genommen hatten, weils auf der Straße zu gefährlich schien, gegen alle anderen Schwarzen, die ihm in die Quere kommen und gegen den schwarzen Security Mann (“Onkel Tom” für die Schwarzen, mißtrauisch beäugt von den Weißen), der die undankbare Aufgabe hat, in diesem hysterischen Chaos die Stimme der Vernunft zu verkörpern. Historisch ist nicht belegt, dass Mr. Dismukes tatsächlich nur ein Amrandsteher und Beobachter war. So, wie ihn John Boyega spielt, würde man jedem Aufruhr eine solche Person wünschen. Er ist mit Abstand der stärkste Schauspieler in diesem Film.

Mir ist nicht ganz klar, wo Bigelow und Mark Boal (Autor, wie schon bei Hurt Locker und Zero Dark Thirty) mit dem Film hinwollten. Mit der historischen Wahrheit nehmen sie nicht ganz genau, was unter anderem daran liegt, dass seinerzeit viel vertuscht bzw. nicht dokumentiert wurde, so dass sie wohl nie vollständig bekannt werden wird, hingegen unternehmen sie den Versuch, ihren Film mit historischen Aufnahmen von Zeitzeugen von Dr. Martin Luther King bis hin zum damaligen Gouverneur von Michigan, George Romney (genau, der Vater von Mitt – soweit zum Thema “in Amerika gibt es keine Dynastien”) zu, ja was? Zu legitimieren? Und scheitern genau daran, weil ihre Mördercops fiktive Gestalten sind?

Es ist nicht ganz rund geworden und auch noch zu lang, nein, das war der bislang schwächste Film dieses Duos und wahrscheinlich bin ich mit zu hohen Erwartugen hineingegangen und deswegen umso mehr enttäuscht.

Muß man nicht sehen.

* Ort des Geschehens dieser wahren Geschichte war das von Schwarzen frequentierte Hotel Algiers, wo am Ende der Unruhen drei Schwarze erschossen aufgefunden worden waren. Die Täter wurden nie gefunden.

** Ich habe gelesen, dass sich die Schauspieler am Ende eines Drehtages in Gruppenumarmungen immer wieder gegenseitig versichern mußten, dass sie einander mögen. Was immer da dran sein mag.

PS: Ich frage mich, ob man bei einem Film, der eine wahre Geschichte wieder gibt, eigentlich spoilern kann?

One of these nights

Diese Nacht war ein Fünfer. Fünf mal aufgewacht, aufgestanden, rumgewandert, in den großen bleichen Fastvollmond gestarrt, was getrunken, gebieselt, wieder ins Bett, schön zugedeckt, hin- und hergewälzt, irgendwann eingeschlafen, wirr geträumt, da capo.

Ich weiß schon, dass innerhalb von Forschung & Wissenschaft der Einfluß des Mondes auf das Schlafverhalten von Menschen sehr umstritten ist und als nicht nachweisbar gilt. Aber weiß der Mond das auch?

Winterzauber

Ja, es ist ganz fraglos ironisch, dass ich in einem Unternehmen zur Gewinnung von Erdwärme arbeite und dies in einem alten Industriegebäude tue, das von einer Ölzentralheizung beheizt wird. Vielmehr, beheizt werden sollte. Das tut die Heizung nämlich nur, wenn der Geizhalsvermieter rechtzeitig Öl bestellt und das tut er nur, wenn sich – wie beim ersten Kälteeinbruch dieses Winters – die frierenden Mieter mehrfach und zunehmend lauthals beschweren. Dann wars für zwei Wochen fast gut (dreiviertellauwarme Heizkörper sind besser als ganz kalte), bis gestern die Heizungsfirma ihr Wartungspersonal schickte. Die warteten, was das Zeug hielt, klopften, schraubten, ruckelten rum, tranken Kaffee und machten wichtig Notizen auf Klemmbrettern.

Prompt wars heute morgen eiskalt (in Amerika nennt man so was “working for your job security”) und egal, wie sehr wir an den Thermostraten drehten und unsererseits klopften, schraubten, rumruckelten und Kaffee tranken, die Heizkörper wollten nicht warm werden. Noch nicht mal viertel- oder halblauwarm. Hrrrggggnnnn! Und wer darf die Tante von der Hausverwaltung anrufen und kriegt von der einen Einlauf, dergestalt, dass sie zwar den Notdienst anpiepen könne, der aber seine Notfälle in der Reihenfolge der Anrufe abarbeite und kommen werde, wenn wir dran seien? Genau: moi. Mich macht frieren aggressiv. Und wenn mir jemand so kommt, dann werde ich noch böser und das ist meinem Umgang mit Menschen nicht gerade zuträglich. Und wenn so langsam trotz dicker Winterjacke und Decke aus dem Auto über den Beinen Füße und Hände steif werden, werde ich auch nicht fröhlicher.

Der Notdienstherr entpuppte sich dann als einer der gestrigen Warter, sprach von “Kesselausfall” und brachte die Heizung im Laufe des Nachmittags wieder ans Laufen. Sehr schön. So langsam wurde es drinnen wieder warm, draußen rieselte der Schnee und ich wartete, wie an jedem 30. November darauf, dass endlich alle Kollegen gehen, damit ich Adventskalender verteilen kann. (Das ist jedes Jahr eine echte Überraschung, weil mir als Weihnachtshasser keiner zutraut, dass die von mir sind. Und sie sind dieses Jahr auch noch so ganz besonders extra schön, s.u.).

Als ich endlich das Haus verließ, zog ich einsame Trittspuren durch Schnee, der schon so hoch war, dass er mir über die Stiefelränder in Füße und Socken quoll, kehrte das Auto ab und kratzte dann noch mal extra die vereisten Scheiben frei – da hatte ich inzwischen schon überall Schnee kleben. Im Gesicht, in den Jackentaschen, in den Haaren und Hände und Füße waren nicht nur kalt, sondern auch noch naß. Klar, daß ich dann noch auf einer sehr vereisten Straße im Stau stand, vier Mal so lang nach Hause gebraucht habe wie sonst und bei jedem Mal anfahren das “Huch, ist das glatt hier”-Lamperl hektisch blinkte.

Echt jetzt, untersommert (s. https://flockblog.de/?p=34217) ist schon gar kein Ausdruck mehr für meinen ganz furchtbar bemitleidenswerten Zustand…

atzventzkalender

Aus der Weihnachtsbäckerei

Falls sich wer fragt, wen Phil Goods (was ein unglaublich witzisches Wortspiel), eine Manufaktur für Unnötiges aus Berlin, für würdig hält, in den Backförmchenolymp aufgenommen zu werden: siehe unten.

Backförmchen

Frauenmäßig sähe es ohne Angie ganz schön düster aus…

PS: Wenn das Bild zu klein ist: einfach draufklicken.

Aus dem Vokabelheft

Amerikaner haben ein ganz besonderes Talent, Phänomene in eine griffige Formel umzumünzen. Gestern habe ich gelesen, was sie sich für den Umstand ausgedacht haben, dass moderner Lebensstil (jederzeit erreichbar mit einem smarten Gerät selbst auf dem Nachttisch, Nahrung zu sich nehmen, wenn dafür Zeit ist, nicht, wenn man Hunger hätte etc.) und biologische Uhr häufig kollidieren und finde es sehr gelungen.

Wir leiden nämlich alle unter Social Jet Lag.

“Die Bibliothek der Gerüche”

Mit der Überschrift für diesen blogpost habe ich eine ganze Weile gerungen. Mein erster Gedanke war, sie so ein bißchen lustig zu gestalten, sowas wie “Unter Schnüfflern” oder “Schnüffelnase”, aber das klang mir dann zu sehr nach Geheimdienst und den Stofftüchern, mit denen Stasischnüffler Geruchsproben von vermeintlichen Regimegegnern auf den Sitzflächen von deren Stühlen abrieben – ähbäh, das hätte in die vollkommen falsche Richtung geführt. Also nicht schnüffeln. Riechen, vielleicht? Nein, riechen ist auch kein schönes Wort. Wenn im Deutschen einer sagt “hier riecht’s”, dann assoziiert niemand Rosen- oder Myrrhenduft, sondern was ekliges. Nein, riechen auch nicht. Schnuppern? Ja, schnuppern täte gehen, aber ein schönes Verb ist das auch nicht und wittern, nein, das geht bei Menschen nur für Morgenluft und ansonsten bleibt es der Tierwelt vorbehalten. Duften, sagen Sie? Nein, sage ich, das kann der Mensch mit seiner Nase gar nicht tun und steht nur für einen Duft verbreiten. Schade, im Deutschen gibt es wohl kein mir bekanntes Wort für einen Wohlgeruch aufnehmen (ich möchte wetten, dass das Japanische dafür mindestens einen Begriff vorhält).

Phhhh. Dann halt nicht. Dann halt keine originelle Überschrift mit einem Synonym für das Verb riechen, so lange der Schmaus weiterhin Ohren und Augen vorbehalten bleibt (und die haben nicht vor, was abzugeben).

Stattdessen erzähle ich einfach von der eher außergewöhnlichen Ausstellung mit diesem Titel in der Villa Stuck, wo unter Glasstürzen Bücher unterschiedlichen Alters, verschiedenster Herkunft und in allen Qualitäten liegen. Und von der Künstlerin Hisako Inoue, die dazu einlädt, die schweren Glasglocken anzuheben und den Duft der Bücher zu inhalieren. Einem guten Dutzend liegen zur Orientierung Netzdiagramme der Messungen und Analysen der Wissenschaftlerin Mika Shirasu bei, die mit Hilfe eines Gaschromatographie-mit-Massenspektromie-Kopplung-Geräts (ist das ein Wort, was?) untersucht hat ob das Buch jetzt ranzig oder vanillig oder würzig riecht. Fischig, süß, pflanzlich, sauer, blumig, minzig? Es wird zunehmend spannender, die Stürze nach oben zu reißen und dann ganz schnell den Kopf tief hineinzustecken, um einen der Gerüche zu erhaschen. Oder mehrere und sich dann über ihre Verteilung Gedanken zu machen. Wer’s gerne ordentlich hat, kann nachher die einzelnen extrahierten Duftnoten aus Glasflakons noch einmal separat inhalieren.

Wirklich, ein ganz außergewöhnliche Ausstellung. Alles ist flüchtig. Die Gerüche, die Klänge (der Takt des Umblätterns eines Buches). Und dennoch geht man sehr beglückt und erfüllt von dannen. Außerdem ein bißchen verwundert, dass sowohl Bücher wie die doch recht schweren Glasstürze von allen Besuchern respektvoll und sorgsam behandelt werden. Dann andererseits: wer geht schon in so eine Ausstellung? Die tun das daheim auch. Die haben wahrscheinlich alle sogar Lesezeichen und benutzen sie.

Die Ausstellung läuft noch bis zum Dreikönigstag und sollte angesehen werden.

Nachtrag: in einem der Bücher fand sich ein Lesezeichen, mein Lieblingsfundstück: eine Danksagung aus dem Jahre 1964 anläßlich der vielen guten Wünsche zur Geburt des Stammhalters, verbunden mit einer aufrichtigen Entschuldigung, dass sie erst so spät komme. Man habe einfach nicht früher die Zeit gefunden, da die (titellose) Mutter ihre neue Aufgabe noch erlernen müsse und der (Professor-)Vater auf Reisen gewesen sei.

Arsch in Flammen

Frau ist ja als bekennendes Weichei stets bemüht, neue Wärmequellen zu erschließen. Vom Erwerb der nachfolgenden hab ich, trotz Schwäbin & Sonderangebot, doch lieber Abstand genommen.

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