Countdown

Mein Freund aus dem Spam-Folder schreibt mir: In 4 Tagen ist Frauentag! Bis zu 80% Rabatt: Blumen, Vibrator, Kurz-Reisen, Thalia. Supi. Weil früher, sagt er, war alles noch anders. Im Ursprung ging es um die Gleichberechtigung und das Wahlrecht für Frauen. Mag ja ganz nett gewesen sein damals, meint er, aber nichts gegen das, was er zu bieten hat. Blumen. Bis die Vase platzt. Außerdem Perlwein.*

What women want2

* “Perlwein”? Echt jetzt? Den Begriff hab ich zum letzten Mal in einem Roman aus den Zwanzigern (letztes Jahrhundert!) gelesen…

El Imperativo

Die aktuelle Lektion im Spanischkurs beschäftigt sich mit der Befehlsform. Komm her! Geh weg! Bleib da! und dergleichen. Wie in vielen anderen Sprachen, ändert sich die Form des Verbs. Ist an sich simpel.

Nicht, wenn es nach vielen amerikanischen Mitschülern geht. Die schreiben die Foren voll, weil der Spanier an sich so furchtbar “rude” und ungehobelt sei und Anweisungen erteilt, ohne einmal “danke” oder “bitte” zu sagen.* Madre de Dios! It’s a language course, stupid!

Übrigens: “Umgangsformen leicht gemacht mit Frau Dr. Knigge” findet im 2. Stock statt.

 

* Pars pro toto: “In English you would say ‘Sir, please work in this office.’ We do not command people like they do in Spanish.”

Gelesen: Emil Ferris – “My Favorite Thing Is Monsters”

Leider bin ich inzwischen so alt und belesen (jaha), dass es nicht mehr oft passiert, dass mich ein Buch vollkommen umhaut. Da muß schon jemand wie Emil Ferris mit ihrer fast eineinhalb Kilo schweren Monsterschwarte daherkommen.

Vielleicht erst einmal ein paar Worte zur Autorin. Ms. Ferris wurde 1962 in Chicago geboren, wuchs dort auf und lebt bis heute in der Windy City. Ihre Eltern waren Künstler, sie wurde ebenfalls Illustratorin und Spielzeugdesignerin. Soweit, so unspektakulär. Mit 40 Jahren infizierte sie sich durch einen Mückenstich mit einer lebensbedrohenden Erkrankung und war drei Wochen später nicht nur von der Hüfte abwärts gelähmt, nein, sie konnte auch ihre rechte Hand nicht mehr bewegen. In der langen und mühevollen Rekonvaleszenz wurde das Zeichnen zu ihrem Rettungsanker und mit zunehmend zurückgewonnener Beweglichkeit gelang es ihr, an ihrem “Monster”-Projekt zu arbeiten. Das Buch erschien schließlich 2017, schlug ein wie eine Bombe und wurde unter anderem mit dem Eisner-Award ausgezeichnet.

Zum Inhalt: In den 60er Jahren wachsen Karen Reyes (10) und ihr älterer Bruder bei ihrer Mutter im Souterrain eines Mietshauses in einem sozialen Brennpunktviertel in Chicago auf. Die Nachbarschaft ist, was man heute “divers” nennen würde. Menschen mit Migrationshintergrund in allen Hautfarben und die Umstände prekär. Karen ist eine Außenseiterin ohne Freunde, wird in der Schule gehänselt, gemobbt und physisch angegriffen. Nicht, dass sie daran nicht leidet, aber sie hat ein Ventil: ihr Tagebuch. Ein spiralgebundenes Schulheft, in dem sie mit Farbstiften auf liniertem Papier ihren Alltag mit Worten und Zeichnungen dokumentiert. In Vor- und Rückblenden, so sprunghaft, wie das Leben eines Teenagers halt mal ist. Wie Ferris damit eine Geschichte um das Erwachsenwerden in widrigen Umständen zeichnet, ist schlicht atemberaubend.

Karen hat anderen Menschen in ihrer Umgebung eines voraus: Ihr Bruder hatte sie schon als Kleinkind mit ins “Art Institute” genommen und Bilder “lesen” gelehrt. Bildaufbau, Komposition, Farbauswahl und -auftrag, goldener Schnitt, Maltechniken… und was sie lernt, schlägt sich in ihrem Tagebuch nieder. Genau wie ihre Liebe zu Pulp-Grusel-Horror-Comics, deren getreulich kopierte Titel die einzelnen Kapitel ihre Tagesbuchs markieren. Sie mischt die Genres, wie es ihr gerade paßt. Gekritzel auf Kinderniveau mit fast klassisch anmutender Radierung, Comics mit Kopien von Meisterwerken, Strichmännchen mit bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Studien. Groß-ar-tig!

Ich will nicht zu viel preisgeben, aber ein Detail muß ich vorab verraten, weil ich die Idee gar so begeisternd fand: Karen stellt sich selbst als Monster dar, einen kleinen Werwolf. Natürlich hat sie regelmäßig Albträume, in denen “das Monster” von einem aufgebrachten Mob mit Fackeln und Mistgabeln verfolgt wird. Was habe ich mich gefreut, als ich den Mann mit der Mistgabel als den Bauern aus dem ikonischen Gemälde “American Gothic”* von Grant Wood erkannte. Und das schon auf den ersten 10 Seiten des Tagebuchs.

Nun will ich gar nicht mehr viel über die vielen Subebenen des Buches erzählen. Nur so viel: die Nachbarin aus dem oberen Stockwerk wird ermordert. Karen “ermittelt”. Sie findet Audiokassetten, auf denen die jüdische Frau von ihrer Zeit als junges hübsches aber armes Waisenmädchen im Berlin der Zwanziger Jahre (Babylon) erzählt und ihrem weiteren Werdegang durch die Vernichtungsmaschinerie des Nazi-Regimes. Und Karen zeichnet. Die Mutter erkrankt an Krebs. Und Karen zeichnet. Sie sieht Akte von ungeheurer Zivilcourage und bodenloser Feigheit. Und Karen zeichnet. Wenn ihr Bruder nicht gerade mit Gangs herumzieht, treibt er es mit allem, was einen Rock anhat. Und Karen zeichnet. Martin Luther King wird ermordert. Und Karen zeichnet. Karen gerät in die Pubertät und versteht sich nicht. Und Karen zeichnet, zeichnet, zeichnet.

Zeitgeschichte, Sittengemälde, Krimi, Gesellschaftsstudie, Coming-of-Age-Erzählung, Familiendrama, Parallelwelten, Monsterfilm und Pulp Fiction. Alles und noch viel mehr ist Emil Ferris Debüt “My Favorite Thing Is Monsters”. Wow! Ich hatte so ein Leseerlebnis bisher noch nie und möchte keine Minute missen, die ich mit diesem Buch zugebracht habe. Freue mich schon jetzt auf die Fortsetzung, die am 11. September erscheinen wird und werde es sicher bis dahin noch mindestens einmal wiederlesen.

Lesen! Lesen! Lesen! Lesen!

 

* Das Bild hängt übrigens im Original im Art Institute of Chicago.

PS: Es empfiehlt sich eine stabile Unterlage für das Buch (wie gesagt, fast eineinhalb Kilo schwer), wenn man Krämpfe in Händen und Unterarmen vermeiden möchte.

PPS: Die deutsche Übersetzung ist vor kurzem erschienen.

Neu auf Netflix: The Dragon Prince – 2. Staffel

Die zweite Staffel war schneller da als gehofft (s. https://flockblog.de/?p=37032). Da schau her. Manchmal hilft Wünschen anscheinend doch. Ich habe gestern einen vergnüglichen Fernsehabend damit verbracht, sie durchzubingen und mich sehr gefreut, dass die Figuren sehr schön weiterentwickelt und die Animationen noch besser geworden sind. Es lohnt sich.

Anschauen! Anschauen! Anschauen!

“Let’s talk about the Health of the Hot Dog”

Wenn mir wer sowas schreibt, dann bin ich schon sehr versucht, mich nach dem Krankheitsbild des Würstchens zu erkundigen und nachzufragen, ob das Brötchen auch befallen ist und ob man schon probiert habe, statt Ketchup und Senf vielleicht Himbeermarmelade oder Eierlikör aufzutragen.

Dann denke ich mir aber, dass der Spammer, der mir das geschickt hat, meiner Sorge um das Fleischprodukt nicht würdig ist und ich beantworte seine e-mail doch nicht.

Erst kommt das Fressen

In meinem Online-Spanisch-Kurs wird gerade der Einkauf von Lebensmitteln behandelt und wie immer, wenns ums Essen geht, fliege ich durch die Lektion so muy rápida wie eine Muttersprachlerin, innerlich den Menschen an den Marktständen in vielen Urlaubsländern dankend und ganz besonders den geduldigen Lehrmeisterinnen in meinem mexikanischen Supermercado in San Bruno. Ohne die müßte ich jetzt erst mühselig lernen, dass der Tomat im Spanischen ein Kerl ist (El Tomate), wie man Viertel-, halbe, ganze Kilos ordert oder nach einer Tüte (bolsa) fragt, wenns doch mal wieder ein bisserl mehr fruta y vegetales geworden sind.

Jetzt aber gehts um die Wurst. Ich soll nämlich übersetzen, dass este chorizo es más picante que el pollo. Pahhh, meine leichteste Übung. “This sausage”, tippe ich (weil mein Online-Spanisch-Kurs nämlich glaubt, dass meine Muttersprache Englisch ist sowie in Ermangelung einer besseren Übersetzung für wundersam gut gewürzte spanische Schweinewurst) “is spicier than the chicken”. War jetzt nicht so schwer. Warum sind dann im Diskussionsforum trotzdem über 50 Beiträge?

Neugierig geworden und weil man in diesen Foren immer was lernt und sei es nur, die Fehler anderer zu vermeiden, schaue ich nach und stoße auf die Beiträge zweier angelsächsischer Muttersprachler, die sich die Finger heiß tippen, ob der Komparativ von “spicy” korrekterweise “more spicy” oder “spicier” heißen müsse. Ist eine linguistische Frage. Kann man im Wörterbuch nachsehen. Muß man aber nicht. Hätte mans getan, käme man zur korrekten Antwort “spicier”: https://bit.ly/2VtjgXK.

Mr. “More Spicy” aka “Kosmokrator” hat es vorgezogen, den Schwarm zu befragen: I’ve asked several more of my friends from different places and gotten only two kinds of answers. I tried to ask as neutrally as possible, sending Facebook messages that only said Quick question: “more spicy” or “spicier”? Große Überraschung: der Schwarm weiß es nicht und denkt so oder so oder gleich ganz albern. (One category noted that they usually preferred “more spicy”. The other category generally said “spicier” because “more spicy” was bad grammar. One person even mocked the question as ridiculous.)

Herr im Himmel! Ich weiß schon, das ist keine weltbewegende Frage. Aber sich bei linguistischen Fragestellungen auf die Schwarmintelligenz verlassen zu wollen? Echt jetzt? Dann schlage ich hiermit eine Umfrage zum Geschlecht von “Nutella” vor. Da hat dann wirklich jeder recht: https://bit.ly/2TL3gAc.

Da simmer dabei, das ist prihima

Ich habe heute viel gelernt. Sehr viel. Ich weiß jetzt, was das alles ist (Wahnsinn), wohin mit den Händen (zum Himmel), welche Dessousfarbe Frau Meier bevorzugt (rot), woher die Musik kommt (Bemmn), was alle wollen (Party, Party, Party) und es wurde wiederholt, bei welchem Frauentyp nicht nur der Goiserer schwach wird (dickwadlerte).

Warum ich das alles weiß? Weil Innerer heute schon beim Aufstehen ganz hibbelig war. “Im Stäblibad ist heute wieder Wassergymnastik. Und wir haben doch keinen anderen Termin. Kannst du eigentlich gleich den Badeanzug drunter…” Da schau her. Hat ihm das Wassertritscheln genauso sehr gefehlt wie mir. Und kaum kriegt frau einmal den Arsch hoch, ist der Kerl nicht mehr zu bremsen. Gut so, dann melden wir uns doch gleich für einen Abendkurs an, oder?

Aber wir wollten über mein neu erworbenes Wissen sprechen. Kurz vor 12:00 Uhr standen wir also im Becken Instruktorin Jana gegenüber, warteten auf wieder einen Schlager aus dem reichen Fundus der schwedischen Eurovisionssieger und waren baß erstaunt, als wir erfuhren, dass die Musik heute speziell für Weiberfasching und noch spezieller als Vorbereitung für nächsten Dienstag eingespielt werde, wo die ganze Gruppe sich darauf freuen dürfe, in einer Polonäse durchs Schwimmbad zu ziehen. Ja. Nein. Nein, nein, nein! Nächsten Dienstag habe ich irgendwas anderes vor. Was genau, muß ich mir noch ausdenken, aber für Faschingsumzüge in Badeschlappen bin ich nicht zu haben. Gehts eigentlich noch?

Aber heute ist heute. Jana war ganz offensichtlich in einem früheren Leben Drill Sergeant und hetzt ihr gut beleibtes Greisenhäuflein zu diesen Mitschunkelweisen feste durchs Becken. Selbst der emeritierten Studienrätin (Deutsch, Geschichte, Klöppeln) neben mir geht langsam die Puste aus. Sie bemeckert nur noch jeden dritten Verstoß gegen die deutsche Grammatik, der von da vorne kommt und kommt erst wieder in Fahrt, als wir zum Schuhplatteln aufgefordert werden (jaha, ein Landler ist auch dabei – der Partymix ist so grauenhaft, wie man ihn sich nur vorstellen kann). “Schuhplatteln bedingt, wie der Name schon sagt, Schuhe. Trägt ja wohl hier im Wasser keiner.” Meine spontane Wortschöpfung, nämlich das hübsch alliterative Aquaplatteln, wird als akzetabel befunden. Was soll ich machen, ich war halt immer schon ein Streber in Deutsch…

Während Innerer und ich nach der Stunde noch ein paar Bahnen schwimmen, kontemplieren wir, ob und wo wir den Verstoß gegen die Menschenrechtskonvention anzeigen sollen. Mein Hirn ist nämlich sehr seltsam verkabelt und merkt sich Liedertexte nach einmaligem Hören. Beweis? Unter der Dusche erwischen wir uns dabei, wie wir von Frau Meier trällern, die rote Unterhosen (mit gelbe Mascherl dro) anhat. Jetzt echt! Hat denn keiner Mitleid mit meinen Altersheimmitbewohnern in spe? Und selbst, wenn die mehrenteils schon recht harthörig sein sollten, man denke doch auch einmal an das arme Personal dieses Hauses. Mensch!

Gelesen: Martha Wells – “All Systems Red” (The Murderbot Diaries)

Die Idee, die Geschichte einer Forschungsexpedition auf einem unbekannten Planeten aus der Warte des ihr zugeteilten Schutzroboters (“SecUnit”) erzählen zu lassen, ist hübsch. Auch nett, dieser SecUnit eine Persönlichkeit zu geben, die sich eigentlich gar nichts aus Menschen macht, ein TV-Serien-Junkie ist und sich selbst in ihrem geheimen Tagebuch “Murderbot” nennt. Dass dieser Roboter, kaum dass “seine” Menschen angegriffen werden, sie doch verteidigt und vor den Bösen schützt, ist exakt die Art “überraschende Wendung”, wie sie in der ersten Unterrichtseinheit von “Creative Writing” gelehrt wird. Genauso wenig überraschend ist auch der Rest des recht konventionellen Sience Fiction-Romans. Vom Ende abgesehen. Das ist doch schwächer, als man das gemeinhin so kennt und dient nur dazu, weitere Fortsetzungen anzukündigen. (Die ich für meinen Teil nicht lesen werde.)

Schade. Ich mag es gar nicht, wenn so gute Ideen solchermaßen im Sand verlaufen. Muß nicht gelesen werden.

Here I go again

Die Bilderbergkonferenz entscheidet über den Lauf der Welt, Chem Trails machen blöd und Schutzimpfungen autistisch, Elvis lebt und die Mondlandung war made in Hollywood. Alles Quatsch mit blauer Soße, wissen wir.

Was es hingegen wirklich gibt, ist eine globale Verschwörung von Wassergymnastikinstruktorinnen. Wie sonst ließe sich erklären, dass Innerer und ich heute um High Noon bibbernd und erwartungsvoll im Stäblibadbecken standen und die Vorturnerin breit grinsend zu ABBAs* “Mamma Mia” zum Nachhampeln animierte? Hmmm?

Sonst wars ziemlich anders als in Kalifornien. Das Bad bedacht, dafür das Wasser kälter. Die Damen zwar genauso dick, aber weitaus zahlreicher. Alle mit diesem praktischen Deutsche-Frau-ab-Fuffzig-Kurzhaarschnitt und eine jede innerlich eingerahmt in ihrem virtuellen Jägerzaun und bereit, “ihr” Grundstück gegen Eindringlinge giftig und lautstark zu verteidigen. (“Sie, spritzen’s fei woanders hi. I wer ja naß!” – Schon a weng a Schwachsinnsargument, wenn man brusthoch im Wasser steht. Oder?) Mon Dieu, Mesdames. Das geht doch auch anders, oder?

Die Trainerin heißt Vessna und meint es ernst. Sie würde auch nicht, wie weiland Desha, zum Mitsingen auffordern, was ganz gut ist, denn danach sang ein Herr von einem Stern, der deinen Namen trägt, und da bin ich nun gar nicht textsicher. (Weiß weder, wieviel Sternlein stehen, noch, wie sie alle heißen.) Bei la vida loca schon eher wieder, da war ich mental bereits ganz und gar an der Westküste und habe zum Schluß bei den Dehnübungen kein bißchen geworried und war sehr happy. Selbst Innerer war ganz friedlich und hat sich am Plantschen gefreut und will da wieder hin.

Jetzt müssen wir uns nur noch die bösen Greisinnen irgendwie gewogen stimmen. Vielleicht sollte ich Kekse ins Becken werfen…

 

* Meiner kalifornischen Yogine Desha habe ich es zu verdanken, dass ich keine dieser Schwedenweisen je wieder aus dem Gedächtnis kriegen werde. Mir tun meine Mitbewohner*innen im Altersheim jetzt schon leid, wenn ich schwer dement das fröhliche Lied vom Super Trooper anstimmen werde. Zum humpfzigsten Mal an diesem Tag.

Es brummt so brumm

Es kann nach den wenigen Sonnentagen noch nicht genug Gras nachgewachsen sein, um den infernalischen Krach zu rechtfertigen, den der Herr da unten auf seinem Traktor zusammendröhnt.

Evolution, verdammt! Gib mir Ohrenlider!