Nur noch heute

… und dann ist es vorbei, das NOktoberfest.

Danke der Nachfrage. Für die paar Mal, die ich mich in den letzten beiden Wochen in München unter Menschen aufgehalten habe, kann ich mit Freude berichten: kaum Tracht und es hat mir nicht einmal einer auf die Schuhe gekotzt.

Ihr vielleicht. Ich nicht.

Winter is coming

Schlecht für die Baubranche (“Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr”), schlecht fürs Sozialleben (“Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben”), schlecht für den Schlaf (“Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben”), ganz übel für die, die sich auf der richtigen Seite von Mr. Martins Mauer wähnen – kurz: „nun naht der Winter unsers Mißvergnügens“*.

Ich habe vorhin viel zu viel meiner knappen Freizeit darauf verwandt, die dicke Daunendecke aus ihrer Sommerfrische zu holen und in behagliche Biberbettwäsche zu hüllen (flauschiges Flanell stand nicht zur Verfügung, wäre aber mindestens ebenso hübsch alliterativ gewesen) und die warmen Jacken mit den Pelzpuschelkapuzen auf den Balkon zu hängen, damit der Mottenschutzmief vom Wind verweht wird. Ehrlich, Kalifornien mit nur einem Satz Klamotten fürs ganze Jahr plus ein, zwei, drei Hoodies für wenns mal kühler wird war in der Hinsicht schon sehr viel mehr meine Gegend.

Zum Mitschreiben, in Großbuchstaben: ICH BRAUCHE KEINE JAHRESZEITEN! Schon gar keine mit einstelligen Temperaturen. Dauersommer am oberen Ende der 20°C-Skala reicht mir völlig. Erderwärmung, anyone?

* Im Original: “Now is the Winter of our Discontent”, Richard III, Shakespeare.

C-Schnipsel – Die “It is what it is”-Edition

# Herpes, Speisereste zwischen den Zähnen, Botox-Bluterguss? Kein Thema mehr. Liegt jetzt alles blickdicht hinter (oder besser unter?) der Maske.

# Die bestverkaufte Maske im Museumsshop ist das Motiv “Der Schrei” von Edvard Munch. Passt.

#
Wahrscheinlich, weil das Virus das Ziel auch nur noch verschwommen erkennt.

# 2020: Das Jahr, in dem der Begriff “Nahweh” geprägt wurde.

# Gibt es eigentlich eine Theorie, wonach es der Virenabwehr dient, wenn die Maske innen mit einer Fettschicht imprägniert ist? Ich hätte die junge Damen neulich fragen sollen, die ihren Mundschutz nach außen gewendet am Handgelenk trug, so dass die mindestens fünf verschiedenen Lippenstiftfarben der letzten Tage gut sichtbar waren.

# Wo sonst? Portland, Oregon; Palo Alto, California; London und Tokio – Der neueste heiße Scheiß sind Maskenverkaufsautomaten. Quasi Spätis für Vergessliche.

# Schlechte Zeiten für Fluggesellschaften, im 2020-Sprech Schrumpfhansa.

# Schlechte Zeiten für Filmpreisverleihungen, im 2020-Sprech Pandemmys.

# Schlechte Zeiten für Fußgängerzonen, im 2020-Sprech “SBZ”, Schnauzen-Bedeckungs-Zonen.

# Es muss wahr sein. Es stand in der Zeitung:

# Helene Fischers Weihnachtsshow ist abgesagt. Zum ersten Mal seit 2011. Was tut die Nation nun am ersten Weihnachtsfeiertag? Ich für meinen Teil binge-watche in den stillen Tagen recht gerne dystopische Fernsehserien und kann das nur empfehlen.

# Bei den vielen Wortschöpfungen in der letzten Zeit geht halt auch mal eine daneben:

# Noch mehr Arbeitslose in den USA: Mall Santas (Männer, die sich dafür verdingen, dass sie im Weihnachtsmannkostüm im Einkaufszentrum für Fotos mit klebrigen Quengelkindern posieren), fürchten wohl nicht zu Unrecht, dass ihre “Gigs” dieses Jahr ausfallen.

# Für die Kreativen unter uns haben die Götter waschfeste Textilmaltstifte erschaffen. Was man nicht alles auf Masken malen kann, wenn einem die Zeit lang wird. Online machen lassen geht auch.

# Covidioten gibts ja schon, seit es Covid gibt. Jetzt fordert ein Autor eigenverantwortliches Denken und Handeln im Namen der Covintelligenz ein. Könnte sein, dass er damit ein bisschen zu spät dran ist.

# Kunst im Zeitalter von Corona

Im Auge der Betrachterin

Möglicherweise liegt es am blauen Traktorreifensockel, dass mir bei dieser Skulptur vor dem Emmelshausener Gemeindezentrum immer ein Sexshop für alle Varianten des erotischen Spektrums in den Sinn kommt? Wahlweise Virus-Allegorie.

Trump hat Corona

Ich gebe zu, meine erste Reaktion war Schadenfreude. “Geschieht ihm recht”, habe ich mir gedacht und dass er einer Risikogruppe angehört und dass ein schwerer Krankheitsverlauf auch eine Lösung sein könnte. Mein zweiter Gedanke war, dass die Umfragen nach der ersten Fernseh-Debatte jetzt vorliegen und ihn nicht als den Sieger zeigen, als den er sich verkauft hat und er mit der Meldung davon ablenken will. Und keine Debatten mehr haben. Oder die Wahlen verschieben. Oder sonst einen Dreck, der einem harmlosen Menschen wie mir gar nicht einfällt. Hauptsache, Fake News. Schlimm genug, dass man dem Mann gar nichts glauben will

Die deutsche Presse schreibt unisono, man solle jetzt keine Häme ausschütten, sondern sich an Michelle Obamas Credo halten “when they go low we go high”.

Hmmm. Bin noch unentschieden.

Residenztheater: Lulu (Bearbeitung und Inszenierung: Bastian Kraft) – Nachtkritik

Stock, Krücken, eingegipste Gliedmaßen, Maskenpflicht. Das hält Theateraficionados nicht davon ab, endlich, endlich wieder Schauspiel auf einer Bühne sehen zu wollen. Auch nicht, wenn das Theater wegen der Abstandsvorgaben “inzwischen aussieht wie ein Schweizer Käse” (ich zitiere eine Dame aus der Reihe nach der leeren Reihe hinter mir) und mit knapp 200 Besuchern als “ausverkauft” gilt. Nach der Bitte, alle Handys nun aber wirklich auszuschalten, damit es nicht etwa zu “Interferenzen” mit der Bühnentechnik komme, eine gute Nachricht. Es gibt eine neue Lockerung: Sobald das Spiel beginnt, dürfen die Masken abgenommen werden. Es steht zu hoffen, dass das Virus diese Regeln versteht und sich danach richtet. (Ungefähr ein Drittel des Publikums bezweifelt das und bleibt maskiert.)

Gezeigt wird wunderschönes sprachlastiges Schatten- und Denkanregertheater. Die Frage, ob es angemessen ist, das Stück von der großen Kokotte Lulu als Drei-Frauen-Stück ohne Männer zu spielen stellt sich nach dieser Inszenierung nicht mehr, sondern vielmehr: wie sonst? Von den dreien ist Liliane Amuat die größte Entdeckung, ihr zuzusehen und zuzuhören ist ein heller Genuß!

Ganz großen Dank an Frau R. aus M. für diese Empfehlung. Ich habe das Theater sehr beseelt und sehr beglückt verlassen.

Übrigens: Ich habe es geschafft, im Oktober 2020 an jedem Wochenende Karten für eine Theatervorstellung zu bekommen und freue mich schon sehr und werde berichten.

Die gute alte Zeit (a.C.*)

Die Hunsrücker Kolleginnen schwelgen in Erinnerungen. Hach, damals, die Hauspartys, wo frau mit Freundinnen Piccolöchen schlürfte und am Ende des Abends mit Unmengen praktischen Plastikkruschts nach Hause kam. Und am schönsten waren doch die Verkaufsshows mit Tubber-Toby, der Tupper-Tucke.

Also an den Hunsrückerinnen liegt es bestimmt nicht, dass der Direktvertrieb in einer Krise steckt.

* a. C. = ante Corona.

Maximal genervt

Nach mehreren Planänderungen fahre ich doch schon heute zurück. Nicht gestern, wie kurz diskutiert wurde, und schon gar nicht morgen, weil zwischenzeitlich die Erkenntnis wuchs, dass dann ja keiner im Münchner Büro wäre, um dort die Freitagstermine wahrzunehmen. Weil aber auch einer im Hunsrück bleiben muss, um dort die Freitagstermine wahrzunehmen, hat der Terminkonflikt unsere Fahrgemeinschaft aufgelöst und nun sitze ich im Zug. Im schon zweiten von zweien heute.

Beim ersten handelte es sich um einen Regional – haha – Express, ohne Internet, dafür mit Stops an jedem Misthaufen von Bingen bis Frankfurt Flughafen (Regionalbahnhof). Den ICE, in dem ich nun sitze, habe ich über eine Auswahl von Rolltreppen, Laufbändern, nicht unterstützte Fußmärsche sowie zwei Aufzüge in die Katakomben des Fraport zum “Fernbahnhof” erreicht. Was für ein überaus seltsames Gefühl, in diesem eigenartigen Jahr sich durch Menschenmassen auf einen betriebsamen Flughafen zu winden. Einen Rucksack auf dem Buckel und ein Rollköfferchen nach sich ziehend, einen wachsenden Schweißfilm auf der Stirn und die Abfahrtszeit in der knapp bemessenen Umsteigezeit fest im Blick. Fast wie vor dem Abflug in den Urlaub. Wie früher.

Als ich am Gleis ankomme, steht der Zug schon da und will in zwei Minuten weiterfahren. Auch recht, dann orientiere ich mich eben drinnen, wo bei der “geänderten Wagenreihung” das Erster-Klasse-Abteil mit dem von mir eigens reservierten allerletzten verfügbaren Einzelsitz zu finden ist. Fern, werde ich lernen. Unendlich fern. Zwischen den Zugteil, an den sie diesen Waggon angeflanscht haben und dem, in dem ich mich jetzt gerade befinde, haben die Bahnoberen ein “Betriebsabteil” gesetzt. Man weiß, was das bedeutet: Ende der Welt. Da finden die berühmten Königskinder noch leichter zu einander als ich ans andere Zugende. Okay, dann halt nicht. Such ich mir halt woanders einen Platz, ist ja nur für vier Stunden.

Ich müßte nur irgendwie durch das Abteil kommen, in der eine offensichtlich soeben aus Asien angelandete Gruppe versucht, sich und ihr teuer bezahltes Übergepäck zu verstauen, wobei ein jeder und eine jede von ihnen die Maske im Freistil trägt. Jeder anders, keiner über Mund und Nase. Ich weiß schon, warum ich aktuell nicht Zug fahren will. Ich geh ja sonst auch nicht wohin, wo viele Menschen sind. Aus den Lautsprechern klingen entnervte Durchsagen und erzählen von “Musenschutz”, “in Deutschland halten wir uns aber ans Gesetz”, “sonst steigen Sie aber gerne am nächsten Bahnhof aus”, “aber, aber, aber” und die ganze Mühe fruchtet genau nichts. Irgendwann sind die Riesenkoffer verräumt und die eher zartgliedrigen Menschen dazu sitzen auf ihren Sitzen und ich flitze durch den Waggon, in den nächsten und übernächsten und noch einen – und der ist nur sehr lose besetzt und nicht ein Platz ist reserviert. Hier bin ich, hier bleib ich.

Das erste Drittel meiner Fahrt habe ich schon fast hinter mir, die erste feuchte Maske gegen eine trockene ausgetauscht. Wenn nur mein Buch nicht schon fast ausgelesen wäre – ich hatte ja nicht damit gerechnet, Reiselektüre zu brauchen. Aber solange das W-Lan hier funktioniert, werde ich mich zu beschäftigen wissen.

(Stelle zu meiner Freude fest, dass ich mir den maximal genervten Zustand aus der Überschrift inzwischen von der Seele geschrieben habe. Vielleicht mache ich in meiner nunmehr entspannten Stimmung einfach ein Nickerchen?)

C-Schnipsel – Die Andere-Länder-andere-Sitten-Edition

Hier im Hunsrück werden in den Dörfern zwar immer noch um sechse abends die Bürgersteige hochgeklappt und der Mittwoch ist heilig und Ruhetag (der Montag ganz oft auch, weil, es war ja am Wochenende offen), dafür ist bei den Einkaufszentren draußen an den Rändern der Siedlungen auf der grünen Wiese erst um 22:00 Uhr Ladenschluss.

In diesen Ich-hab-schon-wieder-viel-zu-lange-gearbeitet-und-brauche-dringend-was-zu-essen-Läden läßt sich ein interessantes Phänomen beobachten. Bis 20:00 Uhr geht es meist zivilisiert (und maskiert) zu. In den restlichen beiden Stunden kommt die Kundschaft, die es für eine Zumutung hält, eine Gesichtswindel zu tragen und die sich ihren Einkäufen von Angesicht zu Angesicht gegenüberstellen zu müssen glaubt. Die kleine Notbesetzung an Personal, die in diesen späten Stunden Dienst tut, versteckt sich hinter der Plexiglaskassenwand und sagt lieber nix.

Für mich wird dieses Mittelgebirge mehr und mehr zur Diät-Region.

Vorhin, am Nebentisch

Die Haushaltsvorständin zum Haushaltsvorstand: “Tu deine Tochter ma Reis.”

Ein Asylbewerber fällt mit dergleichen Gestammel durch die Deutschprüfung.