
Volkstheater: Die Goldberg-Variationen – Nachtkritik
Passionsspiele wegen Pandemie abgesagt? Das kann doch einen Stückl nicht erschüttern. Dann inszeniert er eben im eigenen Haus einen wilden und brüllend komischen Parforceritt durch das Alte Testament und unterhält sein Publikum mit einer glänzenden Besetzung (Pascal Fligg (Mr. Jay) – ich müßte mich sehr täuschen, wenn Addidas den nach der Performance nicht zum Markenbotschafter macht; Mauricio Hölzemann (Goldberg) – ganz besonders überzeugend in den tragischen Ewiger-Jude-Momenten, selbst schwäbelnd; Luise Deborah Daberkow (Terese Tormentina) – falls die Frauenbewegung nach einer neuen Gallionsfigut sucht, da isse; Cengiz Görür (Masch) – ganz besonders wunderbar als Paradiesverführerschlange und Timocin Ziegler (Raamah) fast zwei Stunden lang auf das allerfeinste. Dieser Inszenierung sieht man selbst das Aufwärmen von ein paar ganz alten Kalauern nach… Der Hausherr scheint allerdings nicht ganz auf der Höhe gewesen zu sein: ein paar Spritzer Wasser und ein bißchen Bühnenblut, hmmm. Das mit dem Bühne einsauen kann er sonst besser.
Ansonsten ist auch das Volkstheater coronaentkernt. Beinfreiheit bis zum Ausdemsitzrutschen, weil jede zweite Reihe fehlt. Und wenn dann das Paar neben einem nicht kommt, sind bis zum nächsten Besucher gleich sechs Plätze frei. Schon fremd. Aber Theater. Endlich, endlich wieder Theater!
Ach ja. Anschauen! Anschauen! Anschauen!
Und ich sach noch…
# “We’ve gone from stupid Watergate to stupid Evita.”
Neu auf Netflix – Enola Holmes
Mit einem Wort: Lovely.
Mit ein paar mehr Worten: Alle Versatzstücke enthalten, über die sich mein müdes Hirn nach einem anstrengenden Arbeitstag freuen wollte. Historienkostümstück, nette Geschichte und trotzdem nicht doof, good old Baker Street and the Holmes Boys, schöne Landschaften in schönem Licht, ein bißchen Steampunktechnologie, eine richtig böse alte Lady (Frances de la Tour), ein Touch Loriot (“The Viscount Tewkesbury, Marquess of Basilwether”), die großartig exzentrische Helena Bonham Carter, ein dickensianisches London, Suffragetten, ein fieser schurkischer Schurke mit Melone(Burn Gorman), eine Dampfeisenbahn, ein Landgut in der Größe einer Kleinstadt, hübsche Jungs (Henry Cavill, Burn Gorman, Adeel Akhtar), ein herrliches Kampfweib in Personalunion außerdem Teestubenbesitzerin (Susan Wokoma) und in der Titelrolle die ganz wunderbare Millie Bobby Brown, ein absolutes Ausnahmetalent und, ganz recht, man kennt sie das seltsame Experimentierkind aus Stranger Things. Mich erinnert sie an die ganz junge Jennifer Lawrence in Winter’s Bone. Dasselbe ausdrucksstarke Minenspiel.
Der Film schafft es, verspielt daherzukommen, eine ausgesprochen kluge Coming-of-Age- und Girl-Empowerment-Geschichte unterzubringen, gleichermaßen mühelos Geschlechterrollen zu sabotieren, sich kein Stück um das historische Setting zu scheren, sondern einen bunten und diversen Jux zu machen. Ein großer Spaß!
Zwei Stunden gut unterhalten. Sollte man anschauen.
Aus dem Vokabelheft
Dass Trump trumpt ist angesichts der Neigung der Angelsachsen zur Verbalisierung von Substantiven nicht überraschend. Dass Söder södert, habe ich neulich zum ersten Mal im Spiegel gelesen. Passt aber, und darum lasse ich es gelten.

