Ungesagt

Ich sei ja so tapfer, teilt mir unaufgefordert und tropfend eine gerade dem Pool entstiegene Dame mit und stört beim Lesen. Sie beobachte mich nun schon den dritten Tag (WTF?), aber nachdem heute immer noch kein von Durchfall genesener Mann an meiner Seite aufgetaucht wäre, wäre ich ja wohl ganz alleine hier. Soooo tapfer. Ach, wissen Sie, Gnädigste. Wenn ich mir das Geschöpf auf der Liege neben Ihrer so ansehe… kann ich das Kompliment nur uneingeschränkt retournieren. Ach was, verdoppeln!

Das sind so die Momente im Leben, in denen ich gerne auf die ganzen anerzogenen Umgangsformen verzichten täte. Oder mindestens mit einer tragischen Jüngstverwitwetstory aufwartete. Aber dann denke ich doch nur “Dumme Kuh” und sage, dass ich, wenn sonst nichts mehr anliegt, jetzt mal weiterlese. In Ruhe.

Aus der (temporären)* Nachbarschaft

Mein Hotel beherbergt nur Gäste, die das Alter der Volljährigkeit bereits hinter sich gelassen haben. Die meisten bereits seit einigen Dekaden.

Ob irgendeiner von denen im Zivilleben morgens noch früh raus muss, entzieht sich meiner Kenntnis. Hier tun sie’s geradezu exzessiv. Frühstück gibt es ab sieben. Das bedeutet, die Herrschaften klopfen ab Viertel vor sieben fordernd an ihre leeren Kaffeetassen. Das ist n a c h d e m sie Poolliegen per Handtuchauflegen reserviert haben… Diagnose der Frau Dr. flockblog: Ganz schlimme Fälle von Bettflucht aller Senilitätsphasen.

Sie sind im allgemeinen nicht nur Ü-18, sondern auch ü-gewichtig und überweibt. Will heißen, ein älterer Herr trägt nicht nur der Gattin Handtücher und Getränke hinterher sowie die ganze Verantwortung für die tageszeitlich korrekte Ausrichtung des Schatten spendenden Schirms, nein, in seine Zuständigkeit fällt selbstverständlich auch das Wohlbefinden der Freundin der Gattin. Beim Abendessen sind die armen Kerle dann meist fix und fertig und sehr maulfaul. Fällt den frõhlich konversierenden Damen kaum auf. Eigentlich nur, wenn er die Anweisung “Harry, bestellste und mal noch’n Weinchen?” nicht zügig genug umsetzt. Wenn dieses Weibsvolk nicht aufpasst, dann sind sie nächstes Jahr ohne ihren rotkõpfigen Harry unterwegs….

Mir geht es glänzend. Ich schwimme viel, lese mehr, bekomme gut zu essen und finde das bißchen Menschen, mit dem ich zu tun habe, sehr erträglich.

  • Leute schauen gilt als Urlaubsbeschäftigung. Und wie.

Ferienerlebnis, 1. Tag

  • Nu komm ich aus der Großstadt… aber so dermaßen laut wie direkt neben dem Generator isses da nachts nie. Bin umgezogen. Wohne jetzt in der dritten Reihe. Meerblick nur noch weit vorgebeugt von der Terrasse. Im Stehen. Dafür ruhig.
  • Babygeschrei. Ganze Ü-18-Anlage kollektiv in Aufruhr. Eine Dame, mit professionell beruhigender Erzieherinnenstimme zu niemandem im besonderen. “Ist bestimmt nur zu Besuch…”
  • Wie? Noch ein Baby? Nein, Entwarnung. Bloß eine halbwüchsige sehr magere Katze, die gerade von zwei monumentalen Wachdohlen weggekrächzt wird. Schon was los hier.
  • Vorsatz für morgen: 1 Sonnenaufgang pro Urlaub reicht.

Gelesen: Carlos Ruiz Zafon – “Der Schatten des Windes”

… und zwar in einer ausnehmend furchtbaren Übersetzung von Peter Schwaar aus dem Jahr 2003, die sich liest wie eine sehr unglückliche Liaison aus der Jugendsprache der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts, außerdem Sturm und Drang sowie “Gartenlaube”. Hätte ich meinen Rotstift dabeigehabt, ihm wäre halbbuchs der Saft ausgegangen.

Davon abgesehen? Man muss es schon sehr mögen, dieses verschwurbelt Mystische, das letztendlich auf einen Groschenroman für wohllüstigen Schwulstgrusel hinausläuft. (Und dann ist sie mit siebzehn an der Geburt gestorben, und das Kind gleich mit, und dabei war der Vater ihr Bruder. Aber das haben sie nicht gewußt. Ach, die Sünden der Väter. Und Mütter. Außerdem Spanischer Bürgerkrieg. Franco. Katholizismus und Heuchelei. Alles arg schlimm. Mann, Mann, Mann!)

Freu dich, Hotelbibliothek. Du hast ein Buch gewonnen und mein Koffer ist um eine Schwarte leichter.

Nicht lesen.

Ich bin dann mal da

Reisen kann man dieses Verbringen von Kalteuropäern in wärmere Gefilde eigentlich nicht nennen. Es ist vielmehr eine mehr oder minder langweilige Aneinanderreihung unerquicklicher Transporte, von Zuspätkomm-U-Bahn, über Ruckelzuckel-S-Bahn ( “Ui, ein Misthaufen, da bleib ich jetzt aber doch mal stehen, ui, freie Strecke, da will ich verweilen”), gefolgt von Wandertag auf dem Flughafen, Rumsitzen und warten auf dies, fliegen, landen,applaudieren, warten auf Visa, Visakontrollen, Koffer, Bus, im Dunkeln rumschuckeln in einem Kleinbus, in dem alle Frauen Sabine heissen, und dem Begleitehemann kein besserer Scherz einfällt, als dass der Name egal sei, wenn nur Größe und Gewicht stimmen.

Wurscht. Ich bin da, die Luft ist T-Shirt -draußensitzmild, das Meer brandet so vor sich hin, man hat mich wohl gespeist und den Flüssigkeitshaushalt reguliert und ab morgen muss ich nix, nix und nix!

Den Zurückgebliebenen selbstverständlich auch alles Gute. Höhö.

Ich bin dann mal weg

Nun bin ich schon so oft verreist, habe aber heute Nacht wieder unruhig geschlafen und ständig nachgesehen, ob ich möglicherweise den Wecker verpasst habe. Lieber dann doch eine halbe Stunde vor dem Klingeln aufgestanden… (wirklich wie immer).

Nun ist die Zahnbürste im Waschbeutel, der Waschbeutel im Koffer, der Koffer zu, der Pass und das Ticket immer noch da, wo ich sie gestern in der Handtasche verstaut habe, noch schnell den Müll wegbringen, eine Flasche Wasser einstecken und ich bin abreisebereit.

Dann mach ich mich mal auf den Weg.

Endlich Ferien

Meine Zehennägel leuchten seit 10 Minuten in Fantastic rot und die Eisdiele unten hat heute den ersten Tag offen und mir das erste Eis des Jahres verkauft. Außerdem scheint gefühlt seit Monaten zum ersten Mal die Sonne.

Weiter brauch ich nichts zum Glücklichsein.

Das Leben der Anderen

Während meiner morgendlichen Zigarettenpause komme ich mit einem LKW-Lieferfahrer ins Gespräch, auf dessen Beifahrersitz ein offensichtlich extrem gelangweiltes Vorschulmädchen gähnt und gleich daneben in der Babyschale ein Säugling schläft. “Kita zu”, sagt er. Und dass er ja noch Glück habe, weil sein Chef nichts dagegen hat, dass er seine Kinder zur Arbeit mitbringt. Bei seiner Frau ginge das nämlich nicht.